Kopfzerbrechen Nr. 1: Gothas Wohnhäuserverzeichnisse 1828, 1841, 1846

Gothas Stadtarchiv überließ uns zur weiteren Arbeit drei Exceltabellen, die die Angaben aus den Gothaer Wohnhäuserverzeichnissen der Jahre 1828, 1841, 1846 enthalten.

Die Daten sind ein spannendes Problem für das aufzubauende FactGrid.

Gothas Häuser sind nach Straßen geordnet einfach gezählt von Nr. 1 bis Nr. 1296. Wir können über eine Umrechnungstabelle die genauen Geo-Koordinaten geben und dort, wo Gebäude unverrückt stehen, auch die heutigen Adressen nennen. Für die Fleischgasse (seit 1894 Hünersdorfstraße benannt nach Karl Heinrich Hünersdorf) macht die Tabelle 1828 etwa die Angaben, die ich am Ende gleich tabellarisch liste.

Problemstellung

Die Liste bietet regulär nur Nachnamen, manche doppelt. Viele dieser Namen tauchen 20 Jahre später in der Nachfolgeliste wieder auf. Wir wissen nicht, wann sie Wohnadressen notieren und wann Hausbesitzer. Man wird diese Namen samt und sonders in der Datenbank haben wollen, um sie im Lauf der Zeit mit Informationen anreichern zu können.

Manche Namen tauchen auch in der GND und Wikidata auf. Wir werden versuchen mit einem Import eine Landschaft bereits bekannter Personen zu liefern in der mögliche Treffer komfortabler zu identifizieren sind.

Wie aver handhabt man blanke Nachnamen in der Hoffnung auf eine spätere Anreicherung, sprich so, dass anderen Mitspielern auf derselben Plattform im Verlauf ein rotes Lämpchen leuchtet, wenn es sein könnte, dass bereits eine rudimentäre Information zu der Person ihres Interesses vorhanden ist?

Datenexzerpt aus dem Wohnhäuserverzeichnis von 1828, Gothas Fleischgasse

Hausnummer Name Beruf Sonstiges
907 Gayer Kaufmann
908 Gayer Kaufmann
909 Schuchardt Schuhmacher
910 Gams Kaufmann
911 Zeyß Obermarktmeister und Schnittwarenhändler
912 Schmidt Goldarbeiter
913 Thorwarth,sen. Seiler
914 Kaiser Schuhmacher
915 Straube Gürtlerswitwe
916 Fischer Kürschner
917 Schäfer Hofhautboist, Witwe
918 Friede Tuchmacher
919 Kiel Buchbinder
920 Holstein Nagelschmidt
921 Blumenau pens.Garde-Friseur
922 Krause Zinngieser
923 Müller Büchhändler und Antiquar
924 Möller Bürgerluitenant und Tuchhändler
925 Jusatz Rathsbaumeister und Kupferschmidt
926 Görlach Klempner
927 Thomas Posamtier
928 Schack,Carl Bäcker
929 Rüger Victualienhändler
930 Klug Seifensieder
931 Merbach Zinngieser, Witwe
932 Kohlstock,sen. Drechsler

Featured Image

Stadtplan von Gotha aus dem Brockhaus von 1910.

Eine Eingabemaske für die Mitgliedschaft im Illuminatenorden

Die Mitgliedschaft im Illuminatenorden ist für den Historiker eine komplexe Angelegenheit unter eigenen Ansprüchen darauf, was hier “relevante” Fakten sind. In Wikipedia interessieren ausschließlich Personen, die “enzyklopädisch relevant” sind. Hier machen Kriterienkataloge die strengen Vorgaben. Bei der Erforschung des Illuminatenordens interessiert dagegen vor allem die vollständige Liste und zwar gerade, da sie etwa einzelne 15jährige ohne weiteren Aktenniederschlag umfasst, mit denen sich beweist, dass der Orden, der sich der Ausbildung des Menschengeschlechts verschrieb, anders als die Freimaurerei spezielle Ausbildungsklassen eröffnete, die interessante Jugendliche auf eine Stufe mit Erwachsenen stellten.

Erst mit der Liste aller nachgewiesenen Mitglieder kann man Aussagen über die soziale Zusammensetzung des Ordens und seine Altersstruktur in unterschiedlichen Rängen wie seine geographische Verbreitung machen.

Spannend sind die komplexen Folgefragen: Macht sich die Ordensmitgliedschaft im weiteren Karrierewege bemerkbar? Nutzen Illuminaten Kontakte aus der Ordenszeit später noch?

Die Mitgliedschaft im Illuminatenorden schafft einen Einzelfall möglicher Mitgliedschaften in anders organisierten Gesellschaften. Wer Illuminat ist, muss von jemandem vorgeschlagen werden; er findet im Orden einen ihn betreuenden “Rezipienten”, wird einer Minervalkirche zugeteilt und gerät von dort aus in eine spezifische Betreuung durch “Unbekannte Obere”.

Um Standardisierungen der Eingabe sicherzustellen, wird man eine Schablone mit Fragen schaffen. Jede Zeile wird dabei erneut die Frage nach Belegen stellen (dazu der eigene Artikel Faktenbelege, die “Original Research” zulassen).

Realer Name […] [Quelle]
Ordensname(n)* […] [Quelle]
Vorschlagender […] [Datum] [Quelle]
Aufnahmedatum [Datum] [Quelle]
Rezipient […] [Quelle]
Logenzugehörigkeit* [Loge] [Ort] [Datum] [Quelle]
Minervalkirche* [Ort] [Datum] [Quelle]
Bruch mit dem Orden [Datum] [Quelle]
Grade
I. Minervalklasse 1. Novize [Datum] [Quelle]
2. Minerval [Datum] [Quelle]
3. Minor [Datum] [Quelle]
II. Freimaurergrade** 4. Lehrling,
    Geselle,
    Meister
[Datum] [Quelle]
5. Major
    (Schottischer Novize)
[Datum] [Quelle]
6. Dirigens
    (Schottischer Ritter)
[Datum] [Quelle]
III. Illuminatische Mysterien 7. Presbyter [Datum] [Quelle]
8. Princeps [Datum] [Quelle]
9. Magus resp. Docet [Datum] [Quelle]
10. Rex resp. Philosoph [Datum] [Quelle]
Ämter
Dienender Bruder [Datum] [Quelle]
Censor [Datum] [Quelle]
Dekan [Datum] [Quelle]
Präfekt [Datum] [Quelle]
Provinzial [Provinz] [Datum] [Quelle]
Inspektor [Provinz] [Datum] [Quelle]
National [Nation] [Datum] [Quelle]
Mitglied des Areopag [Datum] [Quelle]
General [Datum] [Quelle]

*Die Wikidata-Software lässt Vermehrungen von Feldern zu. Ordensmitglieder können tatsächlich mehrere Ordensnamen erhalten, nötig etwa, wenn sie schriftlich in verschiedenen Funktionen agieren, ohne dass Untergeordneten die Identität klar werden soll. Desgleichen können Mitglieder durch Umzug die Zuordnung zu einer Minervalkirche wechseln.

**Mit der Mitgliedschaft im Illuminatenorden muss immer auch die Freimaurermitgliedschaft abgefragt werden (für die eigene Schablonen je nach System erstellt werden müssen).

Unterschiedliche Eingabeformen wären hier die Verknüpfung mit der FactGrid Nummer (etwa einer Person), Freitext, Anklicken un ein Häckchen zu setzen (den Sachverhalt zu bestätigen) Datumseingabe und der diskutierbare Quellenbeleg [Quelle].



Nachtrag von weitern Originalschriften (München: Joseph Lentner, 1787). Google Books


Plus Ultra

Die Datenbank gestützte Erfassung des Ordens wird auf eine Institution treffen, die gerade um die Datenerhebung und -verwaltung bemüht war. Neumitglieder füllten “Charaktertabellen” aus (aus denen die Unbekannten Oberen, die später mit ihnen kommunizierten, sich ein Bild machen konnten).

Charakter-Tabelle zu Anton Rudolph Warlich aus dem 10. Band der Schwedenkiste

Eine Herausforderung wird es sein, die Ordensstruktur in ihrer Theorie mit der Praxis zu messen. Wird es möglich sein zu erfassen, mit welcher Transparenz hier jeweils kommuniziert wurde? Wer wusste wie genau, mit wem er kommunizierte? Welche Kommunikationsverhältnisse blieben semitransparent – so organisiert, dass das Mitglied zwar nicht wusste, mit wem im Orden es Briefe wechselte, die “Unbekannten Oberen” dagegen sehr genau wussten, wer sich an sie in welcher Position und mit welchem biographischen Hintergrund unter welchem Ordensnamen wandte? Letztlich sind es diese spezifischen Korrespondenzoptionen, die den Orden von anderen Gesellschaften unterscheiden.

Gedanken zum Design modularer Lebensläufe – inspiriert durch Magnus Manskes Reasonator

An welchem Tag genau brach Ernst II. 1786 nach Nizza auf? Als Historiker sucht man immer wieder Antworten auf solche spezifischen Fragen, da sich mit ihnen eingehendere Klärungen ergeben (etwa wenn man Dokumente des Umfelds aus den fraglichen Wochen genauer zu verstehen sucht).

Der Wikipedia-Artikel zu Ernst II. wird kein Ort für die Antwort in der gesuchten Präzision – sie ist “enzyklopädisch nicht irrelevant”. Größere Bücher müssen die Information nicht anbieten – sie beantworten größere Fragen in narrativen Bögen.

Was man sich als Historiker in solchen Situationen wünscht, ist eine ganz andere Form von Informationsquelle. Magnus Manskes Wikidata Reasonator nähert sich diesem Ideal an. Man wünschte sich eine Form tabellarischer Lebensläufe, die unter unterschiedlichen Themen beliebig detailliert Auskunft geben.

Die automatisch generierte Seite zu Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg aus dem Wikidata Reasonator https://tools.wmflabs.org/reasonator/?&q=213698

Das Datenblatt hat einen Kopf mit Eckdaten für die rasche Identifikation: Geschlecht, geboren wann? wo? Sterbedaten, Beruf oder Position, gegebenenfalls zwei zentrale Werke.

Danach sollten Themenblöcke so folgen wie in einem modernen professionellen tabellarischen Lebenslauf. Der Historiker wird dabei keine irrelevanten Details kennen (Informationen können statistisch interessant werden). Standardformulierungen und Tabellenansichten wird man gegenüber kontrovers formulierten Absätzen schätzen, da sie schnellen Überblick verschaffen. Themenblöcke sind dabei:

  1. Genealogische Beziehungen
  2. Ausbildungsstationen
  3. Qualifikationen
  4. Wohnorte
  5. Arbeitsverhältnisse
  6. Mitgliedschaften
  7. Nachgewiesene Aufenthalte (Reisen, militärische Stationierungen etc.)
  8. Begegnungen/ Bekanntschaften (Wohnung, Arbeit, Besuche auf Reisen, Konferenzen etc.)
  9. Korrespondenzen
  10. Werke

Im Interesse an der Übersichtlichkeit wird man bei längeren Listen die Vollanzeige auf Wunsch anbieten.

Um Standardisierungen bei der Eingabe zu gewährleisten (und am Ende statistische Auswertungen zu ermöglichen), wird man hier mit modularen Eingabeschablonen arbeiten. Diese werden problemspezifisch zu gestalten sein: Die Mitgliedschaft im Illuminatenorden zeiht ganz andere Fragen nach sich als etwa eine Parteimitgliedschaft. Illuminaten werden von einem Illuminaten vorgeschlagen, sie müssen ab dem dritten Grad Freimaurer sein – was ist die Loge? Sie werden einer Minervalkirche angebunden und können eine Ordenskarriere in einem festen Schema von Graduierungen durchlaufen und dabei bestimmte Ordenspositionen einnehmen. Der Entwurf für eine derartige Schablone gesondert hier. Dasselbe trifft auf Arbeitsverhältnisse zu: Eine militärische Position zieht Fragen nach Rang und Regiment nach sich, eine universitäre nach Universität, Lehrstuhl, Position und Tätigkeit. Man wird Platz schaffen für Angaben zum Gehalt und für eingehendere Ortsangaben, von denen sich lokale Netzwerke ableiten lassen.

Schablonen werden häufig nur rudimentär ausgefüllt sein und Raum für Quellenangaben bieten.

Spannend wird es, wenn statistische Abfragen möglich werden: Welche Altersstruktur hat der Illuminatenorden wann auf welchen Hierarchie-Ebenen? Welche soziale oder berufliche Zusammensetzung haben die Mitglieder? Wie vollzieht sich die Ausbreitung des Ordens auf der Landkarte?

Arbeitssparend wäre es, wenn das System im Verlauf mitzudenken lernt: Die Liste aller Korrespondenzen beantwortet einen Teil der Frage nach Bekanntschaften. Aus einer Information über die berufliche Anstellung ergeben sich weitere Informationen über Bekanntschaften – etwa eines Dozenten zu Studenten, eines Musikers zu anderen Musikern in verschiedenen Orchestern.

Siehe auch

Warten auf Big Data – Überlegungen zur Auswertung frühneuzeitlicher Journale

Vom 13. auf den 14. Juli 2017 veranstaltete das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), Berlin, gemeinsam mit dem Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel einen Workshop zum Thema Zeitschriften als Netzwerke. Perspektiven digitaler Erforschung und Darstellung (Veranstaltungsseite). Das Folgende ist die relativ direkte Ausformulierung meines dortigen Vortrags. Die Internetpräsentation ist etwas ausführlicher im Blick auf Leser, die über Google hier stranden und rätseln könnten. Die Zahlen in den Winkelklammern beziehen sich auf die Folien der Videopräsentation, deren Seiten ich immer wieder nur kurz ansprach. Die Ausführungen müssten in einer fachgerechteren Publikation mit Zitaten detailliert belegt werden – die Materie für ein größeres Buchprojekt. Zum Hintergrund siehe auch meinen Aufsatz „Von der Respublica Literaria zum Literaturstaat? Überlegungen zur Konstitution des Literarischen“, in: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte, Bd. 26 (München, 2015), S. 291–330.

Das moderne Journal, wie es 1665 in Paris und London in voneinander gänzlich unabhängigen Projekten in die ersten Nummern ging, ist in seinen wesentlichen medialen Aspekten ein Versuch, stabile Überblickspositionen auf dem Buchmarkt einzurichten – vor allem durch das Versprechen der von nun an kontinuierlichen Arbeit am selben virtuellen Ort. Es reagiert auf die Öffentlichkeit des gedruckten Buchs in einer langen Kette von vorangegangenen Reaktionen, die allesamt spezifische Probleme lösten und jeweils neue bereiteten. Das Journal unterbreitete sein Versprechen zwar unmittelbar erfolgreich, doch warf es binnen weniger Jahrzehnte die viel größeren Probleme gerade dort auf, wo es einfach nur beobachten und sammeln wollte. Das führte nicht in den Untergang des neuen Mediums, sondern zu immer neuen Journalformaten, zwischen denen im 18. Jahrhundert sukzessive eine komplexe öffentliche und wissenschaftliche Problemlage überaus produktiv in Einzelprobleme auseinander dividiert wurde. Einige Erwägungen zur Ausgangslage:

1| Warum das gedruckte Buch, anders als die Handschrift, einen Umgang mit der „Öffentlichkeit“ einfordert

<2>Das gedruckte Buch entwickelte sich binnen eines halben Jahrhunderts zum game changer gegenüber dem handschriftlichen des Mittelalters. Das Neue war nicht, dass es endlich die Massen erreichte und die Aufklärung brachte – die Hexenverfolgungen enden nicht mit dem gedruckten Buch, sie beginnen mit ihm erst so richtig. Der kommerzielle Buchmarkt ist dabei auch kaum die Errungenschaft der gedruckten Titel – er bahnte sich bereits mit der Einführung des Papiers als billigem Trägermedium an. Zudem stehen die Mengen gedruckter Bücher durchaus erst einmal in gar keinem Verhältnis zum Aufruhr, den sie ab etwa 1500 verursachen. Das Neue am gedruckten Buch ist um 1500 vor allem eine eigenartige Notwendigkeit, es für omnipräsent zu erachten. Eng verbunden damit ist die Erkenntnis, dass es ganz anders referenzierbar ist als Bücher in Handschriften. Es ist referenzierbar und dabei in der Lage, in den Wissenschaften die Referenz geradezu zu erzwingen.

<3> Adrian Johns zeichnete in seiner Studie The Nature of the Book: Print and Knowledge in the Making (Chicago; London: Univ. of Chicago Press, 1998) ein so korrektes wie verqueres Bild von der Natur des gedruckten Buches. Johns sieht auf die Astronomen der Neuzeit und ihre Klagen über die extreme Unzuverlässigkeit des gedruckten Buchs. Nicht zwei Exemplare werden bis in die letzte Tabellenziffer hinein textgleich gedruckt. Drucker arbeiteten sich Bogen um Bogen durch die Manuskripte und korrigierten noch im Druckprozess, ohne dabei auf die Konsistenz der ganzen Auflage zu achten. Ein Teil der Auflage hat am Ende die Korrektur, ein anderer nicht. Die wissenschaftliche Information selbst wurde zudem nicht immer diskret behandelt. Verleger gaben Manuskripte weiter. Raubdrucker brachten unautorisierte Kopien auf den Markt, ohne dass Lesern klar wurde, wie konsistent ihr Exemplar nun war. Die Alternative war für den peniblen Wissenschaftler im Extremfall die eigene Druckerei, in der der er die Kontrolle über das Medium gewann.

<4> Die von Johns skizzierten Fälle erfassen zwar die im 16., 17. und 18. Jahrhundert bestehende Untiefe. Sie entfalten jedoch ihre argumentative Plausibilität gerade unter dem Versprechen, das das gedruckte Buch nach 1500 überhaupt erst aufbrachte. Es dauerte dabei – zwischen 1470 und 1560 – annähernd ein Jahrhundert, bis klar war, dass das neue Buch dieses Versprechen machen konnte: Der Druck kann, anders als die Handschrift, tatsächlich Buchstabe um Buchstabe, Seite um Seite gleiche Exemplare von Texten hervorbringen. Das gedruckte Buch ist gewissermaßen das erste und zudem menschlich erzeugte Objekt, das wie sonst der Mond allen Betrachtern weltweit gleich vorliegt, so als, ob sie im selben Raum beisammen stünden und sich über ein dasselbe Buch beugten.

Das frappierende am gedruckten Buch ist an dieser heiklen Stelle, dass niemand sagen kann, wer noch alles ein Exemplar vor sich hat. 200 oder 500 Exemplare wurden verkauft und sind danach in Besitz von anderen Kunden, Bibliotheken oder Händlern. Das ist statistisch betrachtet keine relevante Menge, um öffentliche Wirkungen zu erzielen. Das Neue an der Lage nach 1500 ist jedoch, dass man nicht mehr ohne Risiko so tun kann, als habe niemand dieses Buch gesehen. Es genügt, dass ein einziger anderer Leser irgendwann auf ein anderes Exemplar dieses Buches verweist, und klar macht, dass man hier abschrieb oder abschreiben hätte können. Man sollte sich darum umfassend auf die „öffentliche“, die „veröffentlichte“ Information beziehen und zeigen, dass man sie so gut sah wie alle anderen Experten. Das Ergebnis ist ein plötzlicher massiver Druck auf Seiten des Gelehrten, zu erfahren, was soeben publiziert wird und besser von einem selbst wahrgenommen und in der eigenen Arbeit referenziert wird.

<5> Das handschriftliche Buch taugte nicht im entferntesten vergleichbar als Referenzobjekt. Textbezüge galten in seiner Ära standardisiert dem „Werk“, seinem Wissen – keinem bestimmten Exemplar und keinem zufälligen Wortlaut. Autoritative Werke zitierte man mit dem Titel, dem Autor, dem „Buch“ als Untereinheit des Werks und dem „Kapitel“ als wiederum Untereinheit des Buches: „Aristoteles, Metaphysik, lib.2, cap.1.“ – so wie man heute noch immer die Bibel zitiert.

Der überwiegende Teil der handschriftlichen Buchproduktion war nicht-autoritative , nicht zu zitierende Ware. Dergleichen Bücher hatten keine Titel. Ihre Texte begannen auf der ersten Seite. Wer sich solch ein Buch herstellen ließ, wusste, was er erwarb und benötigte kein Titelblatt zur Orientierung. Praktisch war auch die Eröffnung mit einem Inhaltsverzeichnis, das Kapitel einzeln listete, und dabei nicht auf Seitenzahlen verwies, sondern auf die Kapitelnummern (würde doch jede Abschrift nur wieder ganz andere Seitenzahlen aufweisen).

Druck ohne Titelblätter – zwei Mal dasselbe Buch: Konrad von Megenbergs ‘Buch der Natur’ Augsburg, 1482. Links die Ausgabe Hans Schönspergers: Wie die Ausgaben zuvor und die Handschriften vor diesen eröffnet das Buch ohne ein weiteres Wort mit dem nützlichen Register – der Verleger weiß, welches Buch er sich herstellen ließ; der Kunde weiß, warum er dieses Buch kauft und findet auf der ersten Seite, was er unmittelbar sucht. Rechts die erste Ausgabe des Verlagsnachfolgers Anton Sorg, der offenbar vor dem Dilemma stand, dass er Ware übernahm, ohne immer schnell sehen zu können, worum es ging und welchen Titel er hier vermarktete. Der Ausweg? Man gibt allen Büchern Titel.

<6> Zwischen 1480 und 1510 erhält diese graue nichtautoritative Ware ganz wie die bislang autoritative eigene Titel. Händler und Kunden können nun gezielt Nachfragen nach beliebigen Büchern formulieren. Autoritäten sind von da an nicht mehr besser zitierbar als neue Bücher; neue Bücher können von jetzt an unmittelbar mit ihnen in Konkurrenz treten, es darauf anlegen, zitiert und genannt zu werden. Das hat wenig mit einem Mentalitätswandel zu tun – es wird vom Medium erzwungen, das jeder andere so zitieren könnte, dass Wissenschaftler in ganz Europa sich über die Textstelle verständigen können.

<7> Zwischen 1500 und 1530 werden alle Bücher mit (nicht immer verlässlichen und nicht immer vollständigen) Imprint-Informationen auf neuartigen Titelseiten ausgestattet. Von nun an lassen sich Ausgaben und damit Auflagen zitieren. Die Begriffe „Edition“, „Publikation“ tragen der neuen Sicht Rechnung: Eine Edition liegt der Öffentlichkeit vor, ist „herausgebracht“. Es ist nun möglich, dass Gelehrte sich über ganz Europa hinweg im Blick auf ihnen kollektiv vorliegende Texte austauschen und diese in Fußnoten mit den heute gültigen Angaben (Autor, Titel, Verlag, Jahr) referenzieren können.

<8> Zwischen 1530 und 1560 erhalten alle Bücher Seitenzahlen. So lange dauerte es, bis klarer war, dass jede Auflage eines Titels jedem Leser auf derselben Seite denselben Text anbot. Die Seitenzahl markiert das Interesse, den Wortlaut buchstabengetreu von der Seite belegen zu können. Erst dieses Buch ist so zitierbar, wie es die Acta Eruditorum ab den 1680er Jahren benötigen, um ihren eigenen Journalismus an ihm – etwas mit einem seitenweisen „Excerpt“ durchzuführen. Die Artikel eröffnen mit den Angaben zur Ausgabe, der Artikel im Journal hangelt sich den Seitenzahlen des besprochenen Buchs entlang:

Eine typische Seite aus den lateinischen Acta Eruditorum von 1717 mit einem typischen Buch-Excerpt


<9> Mit dem Buch als öffentlich Seite um Seite, Buchstabe für Buchstabe gleich vorliegendem Objekt setzen ab den 1480er Jahren neue wissenschaftliche Projekte ein, die gerne mentalitäts- und ideengeschichtlich erklärt werden. Das zentrale dieser Projekte ist sicherlich das der kollektiven Rekonstruktion der antiken Textbasis. Die gesamte mittelalterliche Handschriftenproduktion ist von nun an primär eine unglückliche Übermittlerin (so das „medium“ in „medium aevum“) der verlorenen antiken Werke. Wenn Editionen aktuelle Textfassungen vorlegen, können Gelehrte in ganz Europa kollektiv in Briefen und Publikationen in Austausch über die Problemstellen treten und Lösungen nach besseren lokalen Handschriften einbringen. Laufend „Verbesserte“ Editionen sind das Ergebnis wie ein neuartiges Bewusstsein der speziellen Öffentlichkeit, die hier als kollegiales Gefüge unter der Prämisse agiert, dass jeder die neuesten Editionen zur Kenntnis nimmt. Das Wort von der „Respublica Literaria“ trägt dem neuen Bewusstsein ab den 1480er Jahren Rechnung.

<10> Die neuartige Kollektivierung des Austauschs über das allen gemeinsam vorliegende Wissen bringt bis heute in immer neuen Wellen mediale Gefüge hervor, die auf die uns allen vorliegende Wissensbasis reagieren bis hin zur Revolution des Web 2.0 durch Wikipedia, durch die Internetseite, die allen Lesern in der Welt exakt gleich vorliegt und von einem beliebigen Leser vor aller Augen auf den nächsten Stand gebracht werden kann, der dann wiederum unmittelbar allen gleich vorliegt.

Die briefliche Kommunikation explodierte im ersten Schritt der Reaktion als Chance, sich in informellen Netzwerken grenzüberschreitend über den öffentlichen Informationsstand austauschen zu können, ohne dass das immer sogleich öffentlich würde. Das ist gleichzeitig der gravierende strukturelle Nachteil der Briefe schreibenden Respublica Literaria: Nicht alle sind in einen Briefaustausch derselben Qualität integriert. Vielen entgeht, was andere als Marktrealität mitbekommen.

<11> In den 1560er Jahren machen die ersten Messkataloge das Angebot, die Öffentlichkeit über alle soeben auf Messen zu erwerbenden Titel zu informieren – vollständig und von nun an kontinuierlich Messe für Messe. Das referenzierbare Buch ist nun die Grundlage der umfassenden Bibliographie und der kollektiven Perspektive auf das Gesamtangebot in seiner Entwicklung.

<12> Mit den 1620er Jahren beginnt der Aufbau der nationalen Akademien. Sie stellen den privaten informellen Kontaktnetzen organisierte hierarchische Gefüge zur Seite und erlauben, es die Gelehrsamkeit einer ganzen Nation anzuschreiben.

<13> Die ersten beiden Journale – das Pariser Journal des Sçavans und die Londoner Philosophical Transactions der Royal Society – thematisieren am Ende offen ihre Positionen im jetzt bestehenden medialen Gefüge: Sie sprechen Kunden an, die sich zwischen den persönlichen und informellen Briefnetzwerken und den prestigeträchtigen Akademien schlecht aufgehoben fühlen, und die von den Katalogen und ihrer nichtssagenden Titelfülle überfordert sind. Das Journal des Sçavans legt das Muster aller späteren Rezensionsorgane vor: Gegenüber den Katalogen wird man im Rezensionsorgan monatlich ein bis zwei Dutzend Werke von Qualität auswählen und diese nicht nur listen, sondern besprechen. Gegenüber den bisherigen einzelnen Publikationen von Experimenten werden die Philosophical Transactions sukzessive Experimente besprechen und kontinuierlich an der Forschungslage arbeiten und diese in der Serie, die sich abonnieren lässt, fixieren.

2| Warum der so weit ausholende Einstieg

<14> Der komplexe historische Einstieg sollte Horizonte im Blick auf die Verzahnung der medialen Angebote auftun. Das referenzierbare, das öffentlich besprechbare Buch, der individuelle Briefaustausch, der seriell publizierte Katalog des gesamten Buchangebots, die koordinierte akademische Wissenserfassung der Akademien lösen und schaffen Probleme, und das Journal stößt in dieser Gemengelage in eine Problemzone mit neuen Lösungsangeboten vor. Wer in keinem Kontaktnetz steht und keiner Akademie angehört, der kann in Zukunft dennoch mit der ganzen Welt öffentlich erfahren, was Fachleute soeben diskutieren.

Der Vorstoß, den Gottfried Wilhelm Leibniz 1668/69 mit seiner Bitte um das Privileg auf das erste deutsche Journal unternimmt, entfaltet sich in diesem medialen Gefüge. Leibniz resümiert hier gegenüber dem Kaiser in mehreren Briefen, wie die Arbeit des Gelehrten in Anbetracht der Publikationsflut mittlerweile aussieht – Briefe schreiben, Messkataloge durchforsten und in beiden Bereichen unglücklich bleiben – und empfiehlt das Journal als neue autoritative Instanz, die der ganzen Öffentlichkeit Bewertungen von Büchern zugänglich macht. Noch scheint es zu befürchten, dass Buchhändler sich aus Sorge um ihre Kataloge gegen ein solches Projekt stellen werden – tatsächlich trieben sie wenig später die Gründung von Journalen voran, um ihre Produktion besser zu bewerben.

Wichtig wird der Blick auf die mediale Verzahnung, da wir hier heute vergleichbar offen mit der Datenlage umgehen müssen. Das ist keine einfache Aufgabe in Anbetracht mittlerweile national finanzierter und in ganz anderer Fachaufteilung organisierter Forschung. Der Nationalkatalog ist ein Projekt des 19. Jahrhunderts, nicht ein Abbild der Perspektiven, die innerhalb der Respublica Literaria vor 1750 bestanden (und in der Scientific Community nach wie vor bestehen).

Die Rezensionsausgriffe des Journal des Sçavans in seinem ersten Jahr
<15> Frühneuzeitliche Journale – der Blick auf gleich den ersten Jahrgang des Journal des Sçavans zeigt das – verfolgten Europas Buchmarkt. Man bräuchte Animationen, um sichtbar zu machen, wie sich dabei Perspektiven Jahr und Jahr änderten.

Die Rezensionsausgriffe der Memoirs of Literature 1710-1712
<16> Die Muster unterscheiden sich von Journal zu Journal: Hier die Blicke, die Michel de la Roches Memoirs of Literature im frühen 18. Jahrhundert auf kontinentale Wissenschaft für Leser in Großbritannien werfen.

<17>Der Zugriff des einzelnen Journals auf den Buchmarkt ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Journale selbst werden rezipiert. Michel de La Roche ist im Verlauf nur bedingt zufrieden mit dem Interesse, das er für sein Thema, kontinentale Literatur, in London erwecken kann. Das größere Interesse besteht, wie er als Exilfranzose ermessen kann, auf dem Kontinent an englischer Literatur. Das Nachfolgeprojekt erscheint darum in Den Haag, nun mit einem strikten Fokus auf die britische auf dem Kontinent unbekannte Produktion. Man würde von hier aus gerne wissen, welche Rezensenten sich bei der Wahl englischer zu besprechender Bücher an der Bibliothèque Angloise, ou Histoire littéraire de la Grande Bretagne ausrichteten.

<18> Solange uns die Bewegung in den größeren Datengefügen verwehrt ist, lassen Fallstudien die Desiderate aufscheinen:

In den späten 1680er Jahren erhob Caspar Neumann in Breslau die Daten für Sterbefälle der Stadt – eine interessante Erhebung, da hier erstmals eine in sich konsistente Datenlage genutzt wurde: die einer Stadt ohne offenes Größenwachstum und massivere Fluktuation. In Breslau lebten 35.000 Menschen, so die Berechnung, die Edmond Halley 1692/93 in Londons Philosophical Transactions of the Royal Society vorlegt (http://www.pierre-marteau.com/editions/1693-mortality.html). Neumann hatte seine Zahlen Leibnitz brieflich zugesandt. Der hatte sie dem Sekretär der Royal Society übermittelt, von dem aus sie an Halley gingen, der in zwei Nummern der Philosophical Transactions 1692/93 die Auswertungen durchführte – die ersten Auswertungen, die die Lebenserwartung für jedes Alter notierten. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag aufgrund der hohen Kindersterblichkeit bei nur 17 Jahren, so der selbst Halley überraschende Befund. Im Journal veröffentlicht konnten an Versicherungen Interessierte in ganz Europa wenig später die Berechnungen lesen – so die Optimierung des Informationsflusses im medialen Zusammenspiel.

3| Das Journal – ein neues Medium

<20> Verantwortungslosigkeit bestimmte das Buch auf breiter Fläche. Das Journal sollte dagegen den Schritt in ganz neue Gefüge von Verantwortung tun und zu dem großen Medium gesellschaftlicher Verantwortung in den großen Reformdebatten der Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts werden.

Bücher ließen sich bequem ohne Namen der Autoren und selbst ohne Verlagsangaben publizieren. Auf behördliche Nachfrage konnte der Verleger immer behaupten, jemand habe das namenlose Manuskript vorbeigebracht und dabei ein normales Bogenhonorar erhalten (oder gar auf ein solches verzichtet); das Buch lag nun anonym vor, der Weg zurück zum Autor war abgeschnitten. Das Copyright sollte auf dem Weg ins 20. Jahrhundert schrittweise diesen Freiraum beschneiden. Es bindet heute Autoren langfristig an ihre Werke und macht ihnen diese Bindung finanziell schmackhaft. Bankverbindungen weisen am Ende vom Verlag auf den Autor. Brisante Publikationen wurden vor 1800 nicht nur ohne Autorangabe veröffentlicht, sondern regelmäßig zudem unter fiktiven Imprints wie dem Pierre Marteaus. Verleger, die dergleichen Bücher verkauften, beteuerten vor Behörden, die Exemplare auf Messen von unbekannten Kollegen im Tausch erstanden zu haben.

<21>Dem Journal sind derartige Auswege aus der Verantwortung verwehrt. Wenn ein Medium das Abonnement verspricht, muss es auf der einen Seite eine gesicherte Verbindung zwischen Verleger und Endkunden herstellen und auf der anderen Seite eine ebenso stabile zwischen dem Verleger und dem Journalherausgeber aufweisen.

<22> Aus dem Problem macht das Journal unmittelbar eine Tugend. Weitgehend alle Journale bauen Feedback-Kanäle auf. Leser können die Autoren über den jeweiligen Buchhändler kontaktieren. Man bittet im selben Moment um Kritik und um Inhalte, die das Journal abdrucken kann.

Es gibt jedoch neue Wege, um aus der Misere der Verantwortung wieder halbwegs herauszukommen: Journale produzieren in der Regel nicht den brisanten Inhalt, sie besprechen ihn nur, wenn sie sich auf allgemein bekannte Zeitungsnachrichten oder auf allgemein kursierende Bücher beziehen. Sie exzerpieren, rezensieren, kommentieren… so die zahllosen die Eigenverantwortung zurückstellenden Positionierungen gegenüber der primären Materie. Journale setzen fort, was der Briefaustausch, der Messkatalog und die Akademie bereits tun: Sie sind überwiegend Akteure auf einer Metaebene. Mit ihnen beginnt die Ära der „Sekundär-Literatur“.

Das erste Journal, das sich aus Leserbriefen und Antworten auf sie speist: John Duntons Athenian Mercury
<23> Eigene Journaltypen entstehen in der neuen Verantwortungssituation wie das Athenian Mercury, dessen Herausgeber das Publikum auffordern, über das Kaffeehaus als Distributionsorgan ihnen Fragen zukommen zu lassen, die man in den nächsten Nummern beantworten wird.

<24> Journale eignen sich dank ihrer Kontinuität zur Unterstützung wie zum Aufbau von realen wie vollkommen virtuellen Institutionen. Komplexe Rollengefüge entfalten sich dabei mit den Positionen Herausgeber, Mitherausgeber, (ungenannte) Autoren, zufällige Beiträger (die Nachrichten einsandten), Leser, deren Briefen sich zitieren lassen.

<25> Wissenschaftliche Akademien geben in der Folge Journale heraus.

<26> Journale erlauben es im selben Moment Einzelnen, ganz wie öffentliche Institutionen zu agieren und zu öffentlichen Institutionen zu werden. Sie sind in der nächsten Nummer wieder da und werden berichten über das, was sie in der Zwischenzeit wahrnahmen.

Das Journal der eigenen Meinungen: Gundling Gundlingiana 1715
<27> Die ab 1715 erscheinenden Gundlingiana – das Journal der fortgesetzt erscheinenden Meinungen Nicolaus Hieronymus Gundlings, stehen exemplarisch für diese Option.

<28> Leserkritik, die Antwort auf Leseranfragen, die Chance auf Seiten des Lesers, mittels eingereichter Beiträge vom Rezipienten zum Journalisten zu werden, die Interaktion des Journals mit der Öffentlichkeit über Preisfragen sind neue Interaktionsformen.

<29> Journale entfalten sich durch ihr Angebot der fortgesetzten Sicht fast von selbst als Reflexionsorgane. Das prädestiniert das Journal für die politische Berichterstattung, genauso wie als Medium, das sukzessive über Experimente und deren Ergebnisse berichtet, wie eben für das Rezensionsorgan, das eine Perspektive auf Entwicklungen des Buchmarkts und der Wissenschaften entwickelt.

<30> Als bloßen Vermittler sollte man das Journal mit all diesen Angeboten nicht einstufen. Es verändert die Realität, indem es ihr selektive Plattformen verschafft; es ist eine Werbeplattform, die Produkte und Debatten an Kunden bringt; es verändert den Markt, den es beobachtet.

Journalisten beschreiben nicht den Markt, sie machen Vorgaben, was Autoren zu schreiben haben, um rezensiert zu werden
<31> 1715 reflektiert das Christian Gottfried Hoffmann mit dem Frontispiz zur zehnten Nummer seiner Aufrichtigen und Unpartheyische Gedancken über die wichtigsten Materien, welche in denen Journalen, Extracten und Monaths-Schrifften vorgetragen werden. Man sieht hier im oberen Bild den Vogelfreund, der seinem Tier die Flötentöne beibringt, während im Bild darunter die Journalisten dem Gelehrten im Käfig weisen, wie er Bücher zu verfassen hat, auf dass sie diese positiv besprechen werden.

4| Eine kurze Geschichte des Journals, Phase 1: Aufstieg 1670 – 1710

<32> Sehr schnell entfalteten sich die wesentlichen Typen des frühmodernen Journals mit seinen

  • <33> bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Journalen – sie stehen für die Macht des neuen Mediums, ganze Wissenschaftszweige generieren zu können,
  • <34> Rezensionsorganen, die gegenüber den Katalogen die selektive und bewertende Berichterstattung über Titel versprechen,
  • <35> politischen Journalen,
  • <36> populären belletristischen Journalen und
  • <37> hochgradig persönlichen Journalen.

5| Phase 2: Krise 1710 – 1730

<38> Von der Literaturwissenschaft geleitet richtete sich die Forschung lange auf London und den Aufstieg der „moralischen Wochenschriften“ aus, die hier ab 1709 erschienen und auf dem Kontinent eine Welle von Imitaten bis an das Ende des Jahrhunderts fanden. Hier sei die Literatur endlich zum Thema geworden – das ist irrig. So beeindruckend die moralischen Wochenschriften auch als neue stark fiktionalisierte Diskussionsplattformen waren, das Wort „Literatur“ spielt in ihnen keine Rolle – es ist wesentlich eher die Domäne des deutschen Marktes und dabei der Rezensionsorgane, die sich auf das Journal des Sçavans zurückführen lassen.

Die Blüte der Literaturdebatte – nominell bis dahin die Debatte der Wissenschaften – liegt im frühen 18. Jahrhundert in Deutschland und wurde unmittelbar als Krise diskutierbar, als Krise des Buchmarkts und der Wissenschaften. Deutsche Bibliographien kamen schon 1716 und 1718 nicht mehr mit der Erfassung der Titel. Die Universitätsstädte Leipzig, Jena und Halle gaben den Ton an.

Die Krise des Journals und der Wissenschaften, die sich auf diesem Markt zwischen 1710 und 1730 artikuliert, birgt spektakuläre Titel wie Johann Burkhart Menckes Charlataneria Eruditorum und, strukturell weit interessanter, Christian Gottfried Hoffmanns Aufrichtige und Unpartheyische Gedancken über die wichtigsten Materien, welche in denen Journalen, Extracten und Monaths-Schrifften vorgetragen werden (1714–1717).

Wie Journale Schwarm-Verhalten erzeugen (hierzu eingehend die Vorrede der ersten Nummer) 1714
<39> Journale erzeugen ein prekäres Schwarmverhalten, sie formieren Moden, so Hoffmann in seiner ersten Nummer 1714: Die Journalisten orientieren sich an Einzelnen, die Meinungen ausposaunen, sie nehmen kollektiv auf diese Meinungen Kurs, die Gelehrten trotten ihnen hinterher und bereiten den Ruhm.

Im Stich darunter sieht man den Diener, der eine Perücke ausschüttelt, Rosenduftpuder rieselt heraus. Aus dem gelehrten Buch purzeln im selben Moment die Rezensionen und „Extrakte“ (Auskopplungen interessanter Passagen in Journalen).

Der wissenschaftliche Leser will betrogen sein, darum wird er betrogen von Leuten ohne eigene Wissenschaft
<40> Die Gelehrsamkeit der Journale ist eher Betrug am Kunden. Auf dem Kupfer oben sieht man die Journalisten unter ihren Masken beim Gelehrten, an der Brille kenntlich, vorsprechen. „Die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen“, so die Spruchbänder. Auf dem unteren Bild sieht man den Journalisten bei der Arbeit. Merkur versorgt ihn zur linken mit neuen Nachrichten (aus den Journalen Europas). Er ordnet sie nach Städten und lässt sie im eigenen Journal gebündelt von der Fama als seine Sicht ausposaunen.

Journalisten liefern die Wissenschaften dem Publikum auf dem Markt aus und machen sie dabei zum billigen Theater
<41> Journale unterwerfen das Wissen einem Markt, auf dem es vor allem um die Haltungen geht, die das Publikum gegenüber angeblichem Wissen einnehmen kann. Im satirischen Kupfer bietet die reisende Schauspielertruppe die typische Komödie der Zeit mit ihrer Mischung aus einer Darbietung für die, die alles glauben wollen, und Seitenhandlungen für die, die sich aussuchen, was sie glauben wollen, wie die, die nichts von alledem glauben wollen, was sie sich da ansehen.

6| Phase 3: Reformen 1715 – bis heute

<42> Die Reform des Journalmarktes ist kein abgeschlossenes Projekt. Die Problemzone ist dauerhaft und sie wird gerade durch die einfachen Problemlösungen gravierender: Noch mehr Journale, die sich vornehmen, ihrem Gegenstand der Beobachtung unvoreingenommen und vollkommen „unpartheyisch“ gegenüber zutreten, schaffen nur noch mehr Meinungsstreit.

<43> Der erste große Lösungsschub zeichnete sich mit Christian Gottfried Hoffmanns Aufrichtigen und Unpartheyische Gedancken 1714 bereits ab: der Aufbau von Metajournalen, die Überblick über die nun nicht mehr zu überblickende Flut der Journale und Rezensionen schaffen. Hoffmanns Journal war, was dies anbelangt, ein Fehlschlag. Das Journal, das monatlich sich einige Journale vornimmt, um sie „unpartheyisch“ zu (re-)zensieren, ist seinerzeit am ehesten ein Brandbeschleuniger.

Die interessanteste Innovation sollte 1715 mit den ersten „gelehrten Zeitungen“ in Deutschland und in den Niederlanden gleichzeitig in den Handel kommen. Mehrfach pro Woche erhielten deren Leser ein Blatt, das wie die regulären Zeitungen informierte. Seine Macher zogen aus den eintreffenden dicken Monatsblättern die Meinungen über wichtigste Titel zusammen und sortierten die Nachrichten nach den Städten, an denen die besprochenen Bücher herauskamen. Das neue Ziel war nicht die unparteiische Rezension, sondern der Bericht über die verschiedenen Positionen, die mit Verweisen auf die einzelnen ausgewerteten Journale referiert werden.

Den Haags Nouvelles littéraires contenant ce qui se passe de plus considérable dans la république des lettres und die Leipziger Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen, wiesen einen neuen Berichtston bei ihren Überblicken auf, eine neuartige Distanz gegenüber den Meinungen. Während die großen Monatsblätter in den Buchmarkt eingriffen, griffen die neuen Metajournale in den Journalmarkt ein, indem sie dokumentierten, welche Blätter die Kontroversen steuerten und welche eher am Rande an Kontroversen teilnahmen.

<44> Die nächste Neuerung, die von den 1730er Jahren aus Nachhall bis weit in unsere Zeit haben sollte, wurde das „Magazin“, das sich in London gerade gegenüber der hier dominanten Tagesberichterstattung formierte. Im Erscheinungsrhythmus gehen die – englischen – Magazine wieder auf die längere Distanz. In der Materie heben sie vor allem die Spezialisierung auf: Magazine verfügen über Sektionen für unterschiedliche Lesegeschmäcker. Statt sie kurz zu resümieren, drucken die englischen Magazine Artikel komplett aus anderen Zeitschriften ab, was insbesondere den moralischen Wochenschriften mit ihren launig fiktionalisierten Sprechern einen ganz neuen Rahmen gibt, in dem sie ihre Sonderlichkeit nicht mehr aufweisen. Mit dem Schritt in die Magazine wird die persönliche journalistische Stimme endgültig legitimiert.

<45> Der große Reformschritt des mittleren 18. Jahrhunderts wurden die Rezensionsorgane, die sich – wieder – vornahmen, über das gesamte Jahr hinweg die Buchproduktion in ihrer Breite zu rezensieren. Die Londoner Monthly Review setzt hier im Verlauf das Modell, das auf Europa wirkt. Die Allgemeine deutsche Bibliothek wird als das deutsche Flaggschiff dieses Projekt aufnehmen. Neu ist an diesen wieder integrativen Rezensionsorganen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass sie zwar den gesamten Buchmarkt anvisieren, doch dabei gezielt die nationale Sicht suchen. Die Erfahrung hier hinter ist, dass ausländische Autoren und Verleger auf eine Rezension auf einem auswärtigen Buchmarkt kaum reagieren. Ein englisches Rezensionsorgan kann allenfalls mit dem britischen Markt in Austausch treten, ein deutsches am besten mit dem deutschen. Neu ist an ihnen im selben Moment, dass sie thematisch gegliederte Überblicke suchen – das akzentuiert ihren Anspruch darauf mit dem Markt zu interagieren, denn der Markt existiert nicht länger als solcher, sondern in Angebotssektionen, die einzeln zur Schau gestellt werden müssen, sollen sie sich angeregt fühlen, hier in Zukunft besser als im Moment zu erscheinen.

Die einzelnen Wissenschaften stellen ihre Monatsblätter darum nicht ein, auch gerät hier keine der wissenschaftlichen Zeitungen mit europäischer Perspektive an ihren Endpunkt – man braucht beide Journaltypen als Gelehrter nach wie vor, um zu erfassen, was wo in Europa Wissensstand wird. Es entstehen stattdessen jeweils zusätzliche neue mediale Formate auf der Suche nach einflussreicheren Optionen; und die Chance, einen nationalen Buchmarkt in seiner ganzen Breite beeinflussen zu können, wird das große Versprechen des Jahrhunderts zwischen 1750 und 1850.

7| Eine neue Debattenlandschaft

<46> Im Rückblick trennen uns massive Marktreformen – Reformen der Sitten im öffentlichen Austausch – vom frühen 18. Jahrhundert. Das wird augenfällig, wenn wir die drei zentralen Begriffe sehen, die auf dem Höhepunkt der Krise des Journals 1710-1730 in deren Kernland, Deutschland, einander noch überlappen: Man befürchtet 1715, dass der „Journalismus“ mit seiner Form der „Literatur“-Debatte die „Wissenschaften“ ruiniert.

Die heute getrennten Bereiche des Journalismus, der Literaturdebatte und der Wissenschaften

<47> Die Begriffe „Wissenschaft“, „Journalismus“ und „Literatur“ lassen sich heute nicht mehr so, wie das 1715 noch angemessen erschien, übereinbringen, und das hat Dimensionen der Sprengung eines zunehmend brisanten Gefüges.

Aus dem „Journalisten“ wird auf dem Weg ins 20. Jahrhundert ein eigener Beruf, der sich weder an die Wissenschaften noch auch nur an das Journal koppelt. Was Wissenschaftler als Journalisten 1715 zum Problem machte, wird nun gerade gesucht: Der kommentierende Meinungsträger, der anbietet, die Meinungsführerschaft zu übernehmen, ist als Wissenschaftler problematisch – nicht aber als professionelle Stimme in einem viel größeren Journalismus.

<48> Dasselbe passiert mit der Literaturdebatte: Auch sie macht aus ihrer Problemzone ihr neues Angebot. Ihr Problem schien ihre zunehmende Unwissenschaftlichkeit des Diskurses – die wachsende Ausrichtung auf die breite Leserschaft, die Dominanz wissenschaftsferner Literaturkritiker. Aus der Misere wird im 18. Jahrhundert die zentrale Tugend. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wendet sich die Literaturdebatte zunehmend ungeniert gerade den gefürchteten fiktionalen Büchern zu, der so oft von ihr beklagten miserablen proliferierenden Poesie – wenn auch mit Forderungen an neue, nun als „Literatur“ besprechbare Romane, Dramen und Gedichte.

Für die Wissenschaften scheint das anfangs unakzeptabel: Sie lassen ihre eigene Debatte darnierdergehen; sie lassen zu, dass gerade die niedere Schreibweise der Poeten und Romanautoren die neue „literarische“ Schreibweise wird. Die Entwicklung ist jedoch für die Wissenschaften profitabel. Ihre Prosa wird jetzt gezielt unliterarisch – nüchtern, unpersönlich, bestrebt, alles Subjektive loszuwerden – und das geschieht nicht in einer weiteren Verdammung der Schreibweise der Dichter, sondern in deren plötzlicher kollektiver Aufwertung. Die literarische, die subjektive Sprache ist die Sprache höchster Kultur, so die Einhegung und Kontrolle durch Debatten, um die sich eine eigene Wissenschaft, die Literaturwissenschaft zu kümmern beginnt.

Die Literaturdebatte der Respublica Literaria
Literarisches Leben heute

Man kann hier einen Strukturwandel ausmachen: War die alte Literaturdebatte egalitär eine Debatte von Wissenschaftlern über die Wissenschaften für Wissenschaftler in ganz Europa, so ist die neue Literaturdebatte ein Projekt der modernen Industriegesellschaft mit staatlichen Bildungssystemen, breit aufgestellter Medienlandschaft und einem ungesteuertem Markt, gegenüber dem die Nation sich mit ihren eigenen Interessen zu behaupten versucht. Die Wissenschaften haben die Literaturdebatte nicht verloren – sie betreuen sie nun zentral, indem sie die Lehrer für die staatlichen Schulsysteme ausbilden, die nun tatsächlich alle Schüler der Nation an deren Literatur heranführen, und indem sie die Expertise behaupten, an der sich Literaturkritiker in den Medien und Autoren messen müssen. Der neue literarische Austausch lebt von einer das ungenierte kritische Urteil befreienden Arbeitsteilung: Dichter produzieren die Literatur, die Medienlandschaft vermarktet sie, während Experten sie nun vermitteln und erklären müssen in einem System, in dem der Staat Bildung und Kultur und dabei gerade das Fiktionale, fördert. Das Subjekt wird im neuen Austausch isoliert und relativiert: das Subjekt des Lesers, dessen Orientierungslosigkeit der neue Problemfall ist, wie das des Autors, der von sich aus nicht mehr zu Genüge verstanden wird, interpretiert sein will, vermittelt werden muss (wenn er nicht abseits der großen Literatur Trivialliteratur produzieren will).

Produktivität wird im Verlauf dieses Strukturwandels entscheidend. Die neue Problemstellung ist nicht mehr, dass allzu viele junge Menschen Romane lesen und sich zu Herzen nehmen. Die neue Problemstellung ist, dass immer weniger Menschen sich an Literatur im neuen Sinne heranwagen, und dass sie dabei Romanen, Dramen und Gedichten gar nicht genug Bedeutung abgewinnen. Die Literaturkritik und die Literaturwissenschaft arbeiten im nämlichen Produktionsdruck, nun da die Länge der Publikationsliste und dabei gerade die Zahl der in Journalen veröffentlichten Artikel und, wichtiger noch, die Debatten, die man auslöste und beeinflusste, über die berufliche Karriere entscheiden.

<49> Man kann die Entwicklung dessen, was heute im kompletten Traditionsbruch „Literatur“ ist, in modernen Literaturgeschichten nachlesen: Im frühen 18. Jahrhundert waren sie Wissenschaftsgeschichten. Im 19. Jahrhundert muss das Wort neu definiert werden, und die dazu passende Literatur zusammengefügt werden. Die neuen Geschichten zeigen, dass dieser Gegenstand aus Dramen, Romanen und Gedichten gebildet in Deutschland erst seit etwa 1730 kontinuierlich debattiert und für die Debatte produziert wird. Die ältere Literatur steht dem in isolierten hinzuerfundenen Blöcken gegenüber.

Werke, die in Frenzels Daten deutscher Dichtung eingeordnet werden, chronologisch

<50> Die Wissenschaften distanzierten sich zwischen 1730 und 1800 sowohl von den Journalisten wie von der Literaturdebatte; das gibt ihnen interessante Wachstumspotentiale: Sie differenzieren sich ab 1740 neu, nun, nachdem die Literaturdebatte sie nicht mehr mit ihrem Fokus auf die Geschichte der Literatur (bis hierhin: allen Wissens) behelligt. Aus dem alten Gefüge von Theologie, Jurisprudenz und Philosophie kann sich nun das neue von Natur-, Geistes und Sozialwissenschaften entfalten, das die literarische Sprache den Romanautoren zu deren weiterer Verformung überlässt und Journalisten nur noch als Zaungäste zulässt.

Als das zentrale produktive Moment der Entwicklung wird man einen Theoretical Turn ansprechen müssen, der zwischen 1740 und 1790 die Wissenschaften emanzipiert. Als sie dreihundert Jahre zuvor mit dem „Mittelalter“ brachen, setzten sie auf die Befreiung des Individuums, das seine eigene Forschermeinung gegen alle scholastischen Vorgaben stellen sollte. „Judicium“ und „Erudition“ sollten dabei die Forschermeinungen von denen der Laien absetzen, und beides musste in jeder Publikation neu bewiesen werden.

Mit dem Theoretical Turn der 1740er und 1750er Jahre wird die Meinung des Einzelnen zum grundlegenden Problem der Moderne – zu einem Problem außerhalb der Wissenschaften, nicht in einer Abwertung, sondern in einer produktiven Aufwertung der Meinung im neuen politischen Prozess. Man befürchtet in den Wissenschaften an dieser Stelle kurz eine neue Scholastik, doch siegt stattdessen die bis heute andauernde Theorie- und Methodendebatte. Die „eklektischer Philosophie“ der erlesenen Meinungen endet nach 1730 in den Wissenschaften. Es beginnt ein Wettstreit um die Perspektive, die theoretisch unabweisbar ist, und der führt zu keiner neuen Scholastik, schon weil es gar keine Institutionen mehr gibt, die Theoriegebäude global durchsetzen könnten – er führt zu einer weit fundamentaleren Kritik der Erkenntnisprämissen und zu einer Wissenschaftsgeschichte, die von nun an nach Paradigmenwechseln sucht.

8| Wie aber zeichnen sich diese Entwicklungsschübe ab?

Ich versuchte mit den bisherigen Darlegungen, das Journal erstens zu integrieren: Es kommt als Problemlösung auf einen Markt, auf dem Dinge immer unüberschaubarer wurden, und es machte die Dinge dabei immer nur kurz überschaubarer.

Das Journal greift in Netzwerke ein. Das gedruckte Buch schuf die egalitäre Respublica Literaria als neues Netzwerk. Briefverkehr, Messkatalog und Akademien schufen komplementäre Netzstrukturen: Der Briefverkehr eine unüberschaubare flächige bedeutender Akteure und ihrer Bewunderer und Kollegen. Der Messkatalog setzte eine ganz neue zentrale Informationsverbreitung dagegen – ein Katalog informiert alle seine Leser gleich. Die Akademie hierarchisierte und zentralisierte Korrespondenznetzwerke und machte sie international ansprechbar. Journale bündeln auf der einen Seite Autoren, die Beiträge liefern; sie antworten auf Bücher, die international oder national greifbar werden, und sie interagieren dabei mit deren Autoren. Sie erreichen über Verleger und Buchhandlungen auf der anderen Seite Leser vom Zentrum des Blattes aus, die ihrerseits nun über die Feedback-Kanäle Beiträge einsenden können. Das Journal wird so zum interagierenden Beobachter eines Geschehens, das es selbst zunehmend beeinflusst.

Man wünschte sich Visualisierungen,

  • die zeigen, wie die von Leibniz 1668/69 bei seinem Journalvorschlag beklagte Unübersichtlichkeit aussah und sich entwickelte.
  • die zeigten, wie Journale den Markt wahrnahmen – als europäischen, als nationalen? – wie frei sie waren, Rezensionsobjekte auszuwählen und wo sie dagegen Trends verfolgten? – welche Gefüge sich dabei ergaben?
  • die erfassen, was Metaebenen (wie etwa die „gelehrten Zeitungen“) bewirkten.
  • die Themenverschiebungen sichtbar machen.
  • die den Aufbau nationaler Debatten nachvollziehbar machen.
  • die sichtbar machen, wie der sekundäre Diskurs auf das Beobachtete einwirkte: Beeinflussen die Journale den Markt oder reagieren sie nur auf dessen Verschiebungen? Kann man Rückkoppelungen sichtbar machen?

Spartenentwicklung der lateinischen Leipziger Acta Eruditorum 1682 bis 1773
<51> Den einfachen Auswertungen und Visualisierungen entziehen sich diese Entwicklungen erst einmal. Wenige Journale laufen quer durch die Entwicklungsschübe hindurch wie die lateinischen Acta Eruditorum. In den 1680er Jahren sind sie das Flaggschiff unter den deutschen Rezensionsorganen – Anfang der 1770er Jahre sind sie nach wie vor auf dem Markt, nun ein immer noch dem Latein verpflichtetes Relikt. Kontinuierlich bieten ihre Inhaltsverzeichnisse dieselbe Gliederung der Rezensionen. Es zeichnet sich in ihnen weder der Aufstieg der modernen Literaturdebatte ab, noch die Zersplitterung der Wissenschaften in Einzeldisziplinen, noch der Aufstieg der Naturwissenschaften.

<52> Die Lektion, die sich aus diesem Beispiel ziehen lässt, ist für die Forschung grundsätzlich misslich: Das einzelne Journal zeigt selten über seine Laufzeit die Trends auf (die Aussage gilt nicht so hart für die “gelehrten Zeitungen”, die als Metajournale eher Marktentwicklungen protokollieren). Es bewegt sich eher unreformierbar in seine Krise hinein (in den lateinischen Acta Eruditorum in den 1720er und 1730er Jahren), in der es am Ende zumeist auf sein mutmaßliches Erfolgsgeheimnis setzt, auf ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem es zwar im glücklichen Fall einen zweiten Aufstieg erleben kann, dann aber nur umso hoffnungsloser vom Markt überrollt wird. Die hieraus zu ziehende Lehre ist, dass man den gesamten Journalmarkt betrachten muss, um auf ihm das Aufkommen neuer Journale und Trends zu beobachten.

Spartenteilung der Allgemeinen deutschen Bibliothek 1770
<53> Die Allgemeine deutsche Bibliothek gliedert in den 1770er Jahren wesentlich nuancierter als lateinischen Acta. Der Aufstieg der Literatur im heutigen Wortsinn bahnt sich hier ganz anders an, vollzogen ist er nicht. Noch sind „schöne Wissenschaften“ das Sammelbecken für den neuen primären und den neuen Sekundären Diskurs über die Dichtung und noch liegt es fern, den Roman in dasselbe Feld zu ziehen, er ist hier noch immer ein leidiges Anhängsel der Historie – doch sind hier beide Felder im breiten Rezensionsspektrum angekommen.

<54> Der Schritt in die zukünftige Literaturdebatte ist zu diesem Zeitpunkt von anderen Journalen wie Gotthold Ephraim Lessing Lessings und Friedrich Nicolais Briefen die neueste Litteratur betreffend (1759–1765) längst vollzogen. Ihm folgten Nachahmer, die zusammen die alte Literaturdebatte verdrängen.

<55> Wenn es um den Wandel geht, dann ist die Begriffsgeschichte ein eher schlechter Indikator. Der Wandel wird weit eher vom Markt vollzogen, im breiten Konsum erlebt, bevor dann alte Begriffe ausgehöhlt erscheinen und eine neue Wortverwendung zum Debattengegenstand wird.

<56> Reform ist ein zentrales Ziel vieler Entwicklungen. Die Wissenschaften sind von Reformdebatten durchzogen; der Journalismus strebt Reformen der Professionalisierung an; die Literaturdebatte ist eine einzige große Debatte um die Reform des Romans, des Dramas und des Gedichts. Reformen finden jedoch, soweit ersichtlich, erst dann statt, wenn sich „produktive Problemlösungen“ abzeichnen. In der Regel werden Probleme kultiviert, sobald sie eine gesteigerte Produktivität legitimieren. Das ist vielleicht die Regel von Entwicklungen auf dem Weg in die moderne produktive Industriegesellschaft, die nicht verbietet, sondern auf die laufende produktive Reform setzt. Mit ihre beginnt die Ära der Win/Win-Gefüge.

<47> Die skizzierte Reform einer Division von Journalismus, Wissenschaften und Literaturkritik vollzieht sich erst, als klarer wird, in welchem Arrangement es in ihr nur Gewinner geben wird:

  • Die Literaturdebatte verbreitet sich massiv, als sie primär für Romane, Dramen und Gedichte zuständig wird, sie gewinnt nationale Lehrstühle, ein Massenpublikum, Bedeutung in den Bildungssystemen – jeder muss am Ende über Literatur im neuen Sinn sprechen können.
  • Der Journalismus gewinnt Professionalität und greift auf neue Medien aus, als er sich von der Literaturdebatte wie von den Wissenschaften trennt.
  • Die Wissenschaften gewinnen im selben Prozess an allen Fronten: Sie ersparen sich in Zukunft die breite Debatte. Sie überwinden den unfruchtbaren Meinungsstreit der Kritiker. Die heutige Aufteilung in Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften kann erst mit dem Austritt aus der allgemeinen Literaturdebatte beginnen. Für die Wissenschaften ist es am Anfang ein Bedeutungsverlust, nicht mehr breiter diskutiert zu werden, dann aber ein Bedeutungsgewinn: Sie werden alle nur denkbaren gesellschaftsweit geführten Debatten mit ihren neuen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften betreuen.

9| Jenseits der Begriffsgeschichte

<57> Die vorangegangenen Überlegungen drangen in ein Gelände ein, das bislang von der Ideen- und Begriffsgeschichte dominiert wird.

Wir stehen vor der Chance, mit größeren Datenmengen weit genauer zu erfassen, was überall dort geschieht, wo wenig später Debatten versuchen, in das Geschehen einzugreifen. Wir können mit Beobachtungen etwa von Rezensionen gegenüber dem rezensierten Markt erfassen, wie (Wechsel–)Wirkungsprozesse stattfanden.

Wir werden mit der Visualisierung größerer Datenmengen vor allem in die Lage kommen, auf Dinge zu achten, auf die wir bislang – unter dem Einfluss bestehender Narrative – nicht achteten.

Konkrete Fragen für die frühe Neuzeit lassen sich an dieser Stelle konkretisieren:

(1.) Wie verändern sich die von Journalen gewählten Ordnungsmuster
<58> Wir werden für die Beobachtung größerer Trends einheitliche Raster setzen müssen, Raster, die es erlauben 100% der Beiträge aus Journalen zu klassifizieren. Wir sollten jedoch bei der Erstellung dieser Raster laufend frühneuzeitliche Sortierungsoptionen in ihrem Wandel mit erfassen. Die Geschichte der Begriffsgefüge wird absehbar der Geschichte der Markttrends hinterherhinken, doch die genauere Beziehung sollte gerade ein Forschungsfeld sein.

(2.) Wie verändern sich Netzwerke und Beziehungsgefüge?
<59> Das wird sich zum große Teil nur in aufwändigen Recherchen ermitteln lassen: Über die Kontaktnetze der einzelnen Verleger sind wir in Einzelfällen informiert. Größere Datenauswertungen werden aufzeigen, wo Journalbeiträge rezipiert wurden.

Auch die Kontaktnetze der Herausgeber zu Autoren, die Beiträge, vornehmlich Rezensionen schrieben – entziehen sich auf der breiten Fläche der einfachen Recherche.

Interessant wird die Frage nach Rezensionskartellen sein. Hier werden massive Datenauswertungen das klarere Licht werfen. Immer wieder hielt man Verlagen vor, dass sie „hauseigene“ Journale als billige Werbeplattformen benutzten. Es sollte sich vergleichsweise leicht ermessen lassen, in welchem Umfang einzelne Verlage tatsächlich die hauseigene Produktion in „ihren“ Journalen bevorzugt rezensiert erhielten. Nicht minder sollte sich hier abzeichnen, ob Journale mit bestimmten Verlagen privilegierte Beziehungen unterhielten, und inwiefern Autoren darauf bauen konnten, von „befreundeten“ Journalisten beworben zu werden.

Journale selbst deckten sich regelmäßig wechselseitig – wir verfügen hier über einzelne Notizen aus Konfliktfällen, in denen ein Journal dem anderen zur Hilfe kam, jedoch nicht über die flächigere Erfassung der Rezeption befreundeter und verfeindeter Journale und des Informationsflusses, den diese Konstellationen erzeugten.

(3.) Wie verändert sich das gesamte Spektrum rezensierter Gegenstände aller Journale?
<60> Hierzu werden Journale in der Breite auszuwerten sein – die Arbeit mit Zeitschnitten kann hier erste Überblicke schaffen.

(4.) Wie lässt sich die Herausbildung nationaler Rezensionsfelder abbilden?
<61> Es kann sein, dass diese Frage ein komplexes Gegengewicht hat, womöglich stabilisierten die internationalen Debatten in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften die Tendenz der größeren populäreren Debatten zum Aufbau einer nationalen Kultur. Das ist nicht paradox, es liegt nahe, beobachten wir doch den Trend zum Aufbau nationaler Kulturtraditionen im 19. Jahrhundert in einem internationalen Wettbewerb.

Die große Frage ist, wie sich so etwas abbildet und welche Gefüge von Entwicklungen und ihren sekundären Debatten sich dabei untersuchen lassen.

(5.) Spiegeln die Journale den Markt wider oder gestalten sie ihn um?
<62> Das ist eine der schwierigsten Frage: Reagieren die Rezensionsorgane auf Markttrends oder ist wahr, was ihre Gegner wie ihre Propagandisten behaupten: dass diese Organe nicht beobachten, sondern verändern, einwirken, reformieren, oft aber mehr verschlimmern. Hierzu werden Untersuchungen rezensierender Diskurse und der rezensierten Gegenstandsfelder notwendig.

(6.) Wie fließt Information in Europa? Wie verändern sich die Informationsflüsse?
<63> Die Projekte zur Republic of Leters und dem Informationsfluss in Briefen, die in Stanford und Oxford in den letzten Jahren vorankamen, richteten sich auf Briefe aus.

Der Informationsfluss, dem man mit großen Datenmengen gerne nachspüren würde, ist komplexer. Er kennt den Fluss von Publikationen auf der Landkarte – wann und wo veröffentlicht, wohin verkauft, wo gekauft, wo in Bibliotheken zugänglich gemacht? Er kennt die Fußnoten, die Rezeptionen aufzeigen. Er kennt die Briefkommunikation, die manchmal einer Publikation vorangeht, oft aber auch erste Urteile über Bücher weiterträgt. Man wird die Arbeit von Journalen in diese Geflechte einbetten und einzelne Meldungen verfolgen wollen. Was ist der Informationsfluss einer Meldung, die Plausibilität gewinnt (selbst wenn sie falsch sein sollte), gegenüber der, die versandet? Wie funktioniert Öffentlichkeit als Transporteur und Aufbewahrungsort von Wissen? – eine Frage, der sich in einzelnen Recherchen nachgehen lassen wird, sobald Datenbanken zusammenwachsen.

(7.) Wodurch definieren sich Impulsgeber?
<64> Das ist eine Folgefrage der letzten – durch Autorität? – durch besondere Positionierung in Kontaktnetzen? – durch besondere Medienbeherrschung? Die Antworten werden komplex sein und der bisherigen Epochengeschichte mit ganz neue Optionen der Nuancierung entgegenstehen.

(8.) Wie zeichnen sich Innovationswellen (etwa im Aufbau von neuen Journaltypen mit neuen Erscheinungsrhythmen ab)?
<65> Wir können hier im Moment fast nur gestützt auf lange gehegte Narrative antworten. Die empirische Validierung der Narrative wird in Zukunft möglich werden – und da es sich in der Regel um historisch attraktive Narrative handelt, ist sie jetzt schon ein spannendes Desiderat.

10| To Do

<66> Es wird mit dem Aufbau der vielen Datenbanken, die derzeit entstehen, uns nach dem Gesagten nur bedingt gedient sein. Sie sind alle recht schön für sich, sie zeigen, was sie zeigen wollen, an spektakulären Einzelfällen und Einzeluntersuchungen oder in ausgesuchten Bereichen.

Die große Aufgabe der nächsten Jahre wird die Integration der Datenmengen sein. Es wird konkret darum gehen,

  • die Informationen der Nationalkataloge zusammenziehen,
  • die Journaldatenbanken mit ihnen korrelieren,
  • für die Briefdatenbanken offen zu sein,
  • für die biographischen Datenbanken offen zu sein,
  • an die Benutzerintervention zu denken – mit Wikipediaprojekten zu konkurrieren.

Der letzte Punkt ist essenziell. Unsere Forschungsprojekte sind bislang überwiegend repräsentativ. Wir wollen etwas zeigen. Sie sind zunehmend interaktiv. Der Benutzer soll sich bei uns aufhalten und recherchieren dürfen. Wir lassen selten die Arbeit der Benutzer am eigenen Bestand zu. Wer in einem Bibliothekskatalog Fehler findet, kann der Bibliothek schreiben – er kann nicht den Fehler am Bildschirm korrigieren (und damit dem Datenanbieter und der Welt noch immer die Chance lassen, nachzusehen, ob das eine Korrektur ist). Bei zukünftigen Projekten werden Benutzer mit Forschungsanliegen sich an Datenbanken andocken und deren Informationsbestände modifizieren und vernetzen. Das setzt Vertrauen voraus und eine andere Kultur des Umgangs mit Information.

Was den Journalmarkt anbetrifft, werden wir absehbar die Ideengeschichte auf empirische Füße stellen und dabei neue Trends, neue Abnormalitäten in den Daten ausmachen, die es zu erklären gilt.


Links

Die Statistiken, Abbildungen und Grafiken und einige mehr zum Anklicken, Vergrößern und Herunterladen

Gotha um 1800. Natur – Wissenschaft – Geschichte

“Die beiden Lichtpuncte Thüringens waren Weimar und Gotha; von ihnen strahlte geistige Kultur nach allen Richtungen der weiten deutschen Gaue: Weimar ist die Wiege deutscher Literatur und Kunst gewesen, Gotha ein Sitz ernster Wissenschaften, die hohe Schule der Erd- und Himmelskunde.” (Heinrich Berghaus, 1840)

Gotha3

Der Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha, Gotha3, ist eine Kooperation der Forschungsbibliothek und des Forschungszentrums Gotha sowie der Stiftung Schloss Friedenstein. Unterstützt vom Freistaat Thüringen und der Universität Erfurt zielt der Verbund darauf ab, die außergewöhnlichen Gothaer Bestände durch innovative Forschung international sichtbar zu machen.

Hochrangige Sammlungen auf Schloss Friedenstein

Seit Begründung des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg (1640) setzte das Herrscherhaus wiederholt auf den Erwerb ganzer Sammlungen — zu Repräsentationszwecken, aber auch in genuiner Begeisterung für die jeweilige Materie. Neben Werken der bildenden bzw. angewandten Künste kamen so antike Münzen, reformationszeitliche und orientalische Handschriften, Gelehrtennachlässe und -bibliotheken sowie naturkundliche Objekte und Instrumente auf den Friedenstein. Ergänzt durch eine breite archivalische Überlieferung, sind diese Bestände heute ein einzigartiger Forschungsgegenstand.

Vom Hof in die Stadt in die Welt

Die herzogliche Sammlungstätigkeit und ‚Liebhaberei‘ blieb nicht ohne Folgen. Neben den Angehörigen des Herrscherhauses waren es die höfischen Amtsträger, gymnasialen Pädagogen und städtischen Verleger, die Wissen generierten und kommunizierten. So entwickelte sich die zentral gelegene Residenzstadt im 18. Jahrhundert zunächst zu einem Standort der Zeitungs- und Journalproduktion, um dann im 19. Jahrhundert zum Sitz eines global führenden Landkarten-Verlags zu werden.

Gotha um 1800. Natur – Wissenschaft – Geschichte

Ein erstes Forschungs- und Erschließungsprojekt des Verbunds befasst sich mit Gotha als europaweit vernetztem Zentrum der Naturforschung. Um 1800 entstanden in Gotha Forschungen und Sammlungen zur Astronomie und Geodäsie, zu Mineralogie und Paläontologie, zur Konchyliologie und Ornithologie. Das Projekt fragt danach, welche Erkenntnisse dabei gefunden wurden, welche Akteure daran beteiligt waren und welche Geltung die Gothaer Forschung innerhalb gelehrter Netzwerke beanspruchen konnte.

Zwischenbericht nach erstem Gedankenaustausch

Nach dem ersten gemeinsamen Brainstorming zwischen Wikimedia-Vertretern und den Vertretern des Forschungszentrums aus dem bisherigen Illuminatenprojekt am 27. März 2017 in Berlin einige Konkretisierungen:

1| Können Wissenschaftler in der Kooperation mit Wikimedia mit einer Creative Commons Lizenzierung auskommen?

Ja. Bei wissenschaftlichen Büchern mag sie zwar ein Problem sein, da hier Übersetzungsrechte tangiert sind. Bei Veröffentlichungen von Fakten aus einer Datenbank ist CC3.0 jedoch durchaus komfortabel und das, was Wissenschaftler überhaupt bestenfalls erwarten können: Ihre Ergebnisse dürfen frei benutzt werden, solange sie, wie von ihnen vorgegeben, zitiert werden. Wikimedia kann zwar nicht garantieren, dass Nachnutzer diese Vereinbarung achten; das jedoch ist das generelle Problem aller wissenschaftlichen Arbeit.

Entscheidend wird an dieser Stelle sein, dass Datenbankeinträge, „original research“ als solche zitierbar machen. (Siehe hier eingehender zu Faktenbelegen, die Original Research” zulassen.)

Für Wikidata müsste es interessant sein, eine solche Zitation für “orginal research” zu bekommen. Im Idealfall müsste sie Fußnoten generieren können, die sich in Wikipedia-Artikeln hinter Informationen wie etwa Angaben von Geburts- und Sterbedaten setzen lassen.

2| Lässt sich die Kooperation bereits mit dem bisherigen Stand der Wikidata-Technik realisieren?

Soweit ersichtlich kann das Wikidata WikiBase in Kooperation mit dem Reasonator alles, was das FactGrid auf Anhieb leisten soll.

Die zentralen Schwierigkeiten liegen im Moment beim fehlenden Query-Service. Die WikiBase Technologie spielt zwar im Moment schon Informationen in die Wikipedia Info-Boxen ein. Sie kann dies jedoch nur, da sie hier Tabellen bedient, in denen Zeile um Zeile eine spezifische Frage gestellt ist, die einen einzelnen Datenbank-Eintrag einholt. (Wann ist Adam Weishaupt geboren? – Aus der Datenbank wird das Datum eingespielt.)

Was dagegen derzeit noch nicht so einfach funktioniert, ist die Datenbankabfrage, bei der Tabellen aus dem gesamten Bestand generiert werden.

Wir könnten so Listen generieren wie diese der Illuminati Research Base zu allen Dokumenten des 13. Bandes der Schwedenkiste – solange wir in einer Tabelle die 124 Dokumente benennen, zu denen sodann die eingehenden Informationen aus der Datenbank abgefragt werden. Wir könnten dagegen nicht das FactGrid beauftragen, selbstständig eine Liste zu finden – etwa indem in einem ersten Arbeitsgang alle “Korrespondenzen” ausfindig gemacht werden, und in dieser Menge die Teilmenge der mit dem Illuminatenorden verbundenen zu der (bislang von Hand gepflegten) Liste der Korrespondenz des Illuminatenordens zusammengesetzt wird.

Die Einrichtung des Query-Service steht in der Wikidata-Entwicklung auf dem Programm. Es wäre zu klären, wann hier die Realisierung anvisiert ist.

3| Das FactGrid als Projekt-Plattform und Anbieter von Datenbankfunktionen für unabhängig agierende Projekte – Architekturfragen

Die WikiBase Technologie ist darauf eingerichtet, mit Wikis im selben Netzwerk (besser noch auf demselben Server) zu kooperieren. Die freie Konnektivität soll in einem der zukünftigen Arbeitsschritte realisiert werden. Grundsätzlich sind beim Neuaufbau der Ressource zwei verschiedene Architekturen denkbar mit eigenen Vor- und Nachteilen:

(A) Das bisherige Wiki bleibt bestehen; auf seinen Seiten werden in Zukunft unvermerkt Daten aus dem FactGrid eingespielt – so wie Wikipedia Info-Boxen derzeit bereits Daten von Wikidata beziehen. Beide Ressourcen müssen dazu auf im selben Netzwerk laufen.
(B) Bei der Alternative übernimmt das FactGrid als WikiBase Installation alle Funktionen des bisherigen Wikis (das danach aufgelöst wird). Dabei ist denkbar, dass verschiedene Projekte in einem eigenen “Namensraum” des FactGrids ihre Repräsentanzen aufbauen, und dort jeweilige Befunde bündeln und kommentieren.

Die erste Lösung ist für das laufende Illuminaten-Wiki bequem, jedoch keine Einladung an andere Projekte (diese werden nicht auf dem Uni-Erfurt Server Wikis aufbauen).

Die zweite Variante schließt die erste nicht aus und wird interessanter mit einem klareren Konzept der Leistungen, die das FactGrid übernimmt. Unser bestehendes Wiki wird sich absehbar auflösen, wenn das FactGrid auch nur mit der Leistungsfähigkeit des Reasonators Informationsseiten produziert, schlicht da 99% unserer Seiten Dokumenten und Personen gelten oder Übersichten über Dokumente und Personen anbieten.

Schon eine Datenbank, die Wissenschaftler auch nur benutzen können, um beliebige Personeninformationen abzulegen, wird von breitem Interesse sein, da es mit ihr spannend wird, Fachkollegen zu finden, die in dieselben Personengeflechte eindringen und dieselben Namen mit ganz anderen Informationen aus ganz anderen Dokumenten versehen.

Die folgenden Projektschritte sind mit der jetzigen Software möglich:

  1. die Einrichtung des FactGrids als WikiBase Installation (ist bereits geschehen unter der url http://factgrid.eu/, zu überlegen ist jedoch, ob wir die Ressource erneut auf Erfurts Uni-Server aufsetzen, das hat Vorteile der Reputation und langfristigen Sicherung aber auch mögliche Nachteile der Offenheit für Projektpartner anderer Unis),
  2. die Integration des zentralen Bestands strukturierter Daten aus den bislang geführten Tabellen zur Schwedenkiste und zu den Mitgliedern des Illuminatenordens,
  3. das Erreichen einer Funktionalität, mit der das FactGrid zu Dokumenten und Personen Seiten von der Qualität erzeugt wie der Reasonator sie aus Wikidata erstellt,
  4. Beratung der Wissenschaftler, die Interesse haben, mit dem FactGrid zu arbeiten, wie sie eigenständig Daten in die Ressource füllen – über (a) einzulesende Listen und (b) Eingabeschablonen,

Mit den folgenden Punkten sind Features und Tools berührt, die zum Teil für Wikidata anvisiert sind, bei denen jedoch kein Terminplan besteht, der sofort in eine Kooperationsvereinbarung einfließen könnte:

  1. die Einrichtung eines Datentransfers vom FactGrid zu Wikidata, der Forschungsdaten am Ende für Wikipedia-Artikel zitierbar macht,
  2. die Einrichtung von Query-Services, mit denen die Datenbank sich komplexer auswerten lässt,
  3. der Bau von Tools, mit denen sich Bewegungungsprofile und Beziehungsgeflechte insbesondere auf Landkarten visualisieren lassen,
  4. der Bau von Tools, mit denen sich institutionelle Geflechte und Informationsflüsse in diesen skizzieren lassen,
  5. die Arbeit an technischen Lösungen, mit denen sich vage Informationen zu Personen akkumulieren und verfestigen lassen. (Der Forscher hat einen Namen, ein Datum und einen Ort und will erfassen, ob bereits Personen in dieser oder anderen Ressourcen bekannt sind, die hinter diesem Namen stecken könnten. Er will seinen einmaligen Datenpunkt hier ablegen können, auf dass andere Forscher, die einen ähnlichen Namen finden, mit der Möglichkeit experimentieren können, dass dies Informationen zur selben Person sind.)

4| Wie steht das FactGrid zu anderen Datenbanken und ihm angebotenen Daten?

Die komplementäre Frage der Architektur unserer Ressource wird sein, wie wir mit bereits bestehenden Datenangeboten und Datenbanken umgehen sollen – mit dem Katalog der Forschungsbibliothek, der bereits Informationen zu uns interessierenden Materialien und Personen enthält, mit der GND-Datenbank, die Kontakt zu uns aufnahm, um Mitgliedschaften im Illuminatenorden zu verifizieren, mit Daten in Wikidata. Eine grundlegende Frage ist hier, ob Forschungsprojekten mit Übernahmen von Daten gedient ist, die bereits andernorts betreut werden (wir haben danach das Problem, dass wir sie im FactGrid aktuell halten müssen, indes den Vorteil, dass wir viele Strukturen nicht selbst anlegen müssen). Das Gegenmodell ist die Ressource, die in Zukunft Datenbank-Informationen miteinander verbindet, und gerade hier zeichnet sich die große Leistungsfähigkeit des Wikidata Projektes ab.

5| Könnte man die Digitalisate der Schwedenkiste auf Wikimedia Commons veröffentlichen?

Vom Gothaer Illuminatenprojekt aus wäre das eine Wunschlösung (siehe auch hier). Die Dokumente, über 21.000 Filmaufnahmen, wurden von uns in den letzten drei Jahren komplett digitalisiert. Die Verfügungsrechte liegen jedoch bei der deutschen Freimaurerei in Händen der Großloge “Zu den drei Weltkugeln”, die die Akten als Depositum im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz der Forschung zugänglich macht. Eine Kooperationsvereinbarung mit dem Ziel einer Erschließung unter den Augen der Öffentlichkeit wäre hier zwischen vier Partnern zu arrangieren, in Anbetracht des immensem öffentlichen Interesses am Illuminatenorden (und in Anbetracht der kursierenden Missverständnisse) jedoch gerade der spannendste Schritt.

Für Wikimedia wäre die in Aussicht auf eine “Befreiung” der Digitalisate und deren Erschließung mit Beteiligung durch die internationalen Wikipedia-Community ein Projekt extrem hohen Interesses, bei dem sich ganz verschiedene Gruppen bis hin zu Wikisource-Community zusammentun würden.

6| Fragen der Beziehung zwischen den Kooperationspartnern

Wikimedia ist als “Verein zur Förderung freien Wissens” nicht in der Lage, als Dienstleister zu agieren, der technische Lösungen realisiert, sobald das Geld für diese von Auftraggebern aufgeboten wird. Wissenschaftliche Projekte agieren ihrerseits unter weitgehend denselben Bedingungen. Die beteiligten Forscher ziehen keinen unmittelbaren finanziellen Nutzen aus der Software. Sachmittel, die sie anbieten können, sind projektgebundene öffentliche Gelder.

Wikimedia kann behilflich sein, Personen zu finden, die auf Werkvertragsbasis Dienstleistungen erbringen – etwa um Tools zu bauen oder den Wissenschaftlern am Aufbau der Ressource als Coaches zu helfen.

Die anvisierten technischen Lösungen wie die Produktion öffentlich verfügbaren Wissens stehen darüber hinaus zum größeren Teil in beiderseitigem Interesse. Viele der angedachten technischen Problemlösungen sind mit dem Blick auf Wikidata diskutiert worden. Letztlich steht hier die Frage im Raum, welches Interesse Wikimedia daran hat, die Wikidata Software-Lösung ähnlich wie Wikis breiter verfügbar zu machen.

Die beteiligten Projektpartner müssen vorab auf ihren Seiten eruieren, welche Handlungsspielräume sie haben und in einer Kooperationsvereinbarung fixieren können.

Die Illuminaten-Akten online: Die Obduktion der Schwedenkiste

Unser Wissen über den Illuminatenorden hat sich in den letzten 20 Jahren im kleinen Expertenkreis grundlegend verändert. Die Zäsur bilden die 1990er Jahre, mit denen nach dem Fall der Mauer die Schwedenkiste größtenteils zugänglich wurde. Der Bestand gehörte ursprünglich Gothas Freimaurerloge. Die NS-Behörden hatten ihn im Dritten Reich beschlagnahmt, die sowjetischen Besatzer nach dem Krieg nach Moskau verbracht und am Ende bis auf den zehnten der 20 Bände der DDR zurückerstattet. Mit deren Ende gelangte dieser Bestand von Merseburg in das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Wer ihn erforschen will, muss sich heute mit dem Besitzer, der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“, verständigen – das Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz macht diese Bände als Depositum zugänglich.

Vor dem Wiederauftauchen der Schwedenkiste in den 1990er Jahren basierte die Forschung im Wesentlichen auf den Materialien, die der Bayerische Staat Mitte der 1780er Jahre beschlagnahmt und publiziert hatte, sowie auf den Publikationen Adam Weishaupts und seiner ersten Mitstreiter, die auf die Entdeckung unmittelbar mit weiteren, nun verteidigenden Einblicken reagierten.

Das Bild, das man damit bis in die 1990er Jahre vom Illuminatenorden hatte, blieb auf den bayerischen Geheimbund fokussiert, den der bayerische Staat in Etappen nach 1784 verboten und verfolgt hatte. Die Dokumente, die Bayerns Regierung publizierte, zeigten eine Organisation, die höchste Kreise erfasst hatte, und die sich ansonsten als freimaurerisches Hochgradsystem verbreitete – die idealistischen und idealisierenden Gradtexte waren zentral. Klar war wohl, dass der Orden ausgriff, und dass Männer wie Goethe und Herder ihm außerhalb Bayerns angehörten, doch ließ sich in dieses Geflecht nicht sehr viel tiefer eindringen.

Die Phasen des Illuminatenordens 1778 bis 1788

Die Schwedenkiste ist im Wesentlichen der illuminatische und in Randaspekten freimaurerische Aktenbestand Johann Joachim Christoph Bodes und Ernsts II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Bode war 1783 vom jungen Freiherrn Knigge für den Orden gewonnen worden. Dieser hatte von Hessen aus seit Beginn der 1780er Jahre den Ausbau des Ordens maßgeblich vorangetrieben, indem er ihn konsequent zu einem freimaurerischen Reformprojekt, wenn nicht zu einer neuen Alternative jenseits der Freimaurerei umgestaltete. Knigge rekrutierte unter hochrangigen und unzufriedenen Freimaurern und schuf Loge um Loge, dort, wo er Mitglieder generierte, eine freimaurerische Binnenelite, die sich fortan unter dem neuen Dach der Illuminaten traf. Allein 500 der am Ende 1340 Illuminaten will er aufgenommen haben.

Bode war die prestigeträchtige und umstrittene Erwerbung, über die Knigge zu Fall kam. Mit Bode sollte die größte deutsche Vereinigung der „Hochgradmaurerei“, die „Strikte Observanz“, gekapert werden, und Bode sollte deutsche Fürsten in den Orden bringen. Weishaupt und seine ursprünglichen Mitstreiter waren weitgehend gegen die Aufnahme von Regenten wie gegen die Aufnahme höherer kirchlicher Würdenträger. Bode blieb im Orden, ebenso die drei Fürsten, die er im Eklat aufnahm, doch musste Knigge gehen und Bode ein Innehalten versprechen.

Im Spätsommer 1783 begann Bode die Arbeit am Aufbau der ihm zugewiesenen Provinz. Von Weimar, „Hieropolis“, aus würde er die Illuminaten in „Ionien“, Thüringen organisieren. Seinerseits sicherte sich Bode durch einen strategischen Schachzug im Orden ab, indem er Gothas Ernst II. 1785 in die Position des deutschen „Nationals“ brachte – ihm und nicht Weishaupt unterstand er damit.

Grob können wir damit heute mindestens drei Orden vorsichtig voneinander trennen: den bayerischen Orden, den Weishaupt und seine Mitstreiter ab 1778 aufbauten (1776 hatte man nur einen losen Studentenbund unter dem Namen Perfectibilisten gegründet) – seine Ära geht bis in die bayerischen Verbote und „Verfolgungen“ 1785/86. Ein maßgeblich von Knigge außerhalb Bayerns vorangetriebener Orden steht dem mit den frühen 1780er Jahren zur Seite – unter komplexen persönlichen Spannungen zwischen allen, die über sein weiteres Schicksal (vor allem über eine Demokratisierung der Ordensführung) diskutieren. Mit Bode entfaltet sich zwischen dem Frühjahr 1784 und dem Sommer 1787 Thüringen als neue führende Provinz mit einem Orden, in dem nun Regenten hinter den Kulissen Positionen einnehmen.

Über diese letzte bedeutende Provinz sind wir mit der „Schwedenkiste“ seit den 1990er Jahren eingehender informiert – keine nebensächliche Akzentverschiebung: Adam Weishaupt wurde 1786 von Gothas Regent in Schutz genommen. Eine Position als Gothaer Rat gestattete ihm das Unterkommen in Regensburg und dann ab 1787 und für den Rest seines Lebens in Gotha.

Die Schwedenkiste: Einblicke in ein bürokratisches Monster

Im puren Volumen stellt die Schwedenkiste den Aktenbestand, der in den 1780er Jahren in München verlässlich publiziert wurde (und der später verloren ging), vollendet in den Schatten. In 20 Foliobänden sind hier über 6354 Dokumente – fast 22.000 Dokumentenseiten – geordnet. Wir wissen nicht, was die originäre Ordnung dieses Bestandes war. 1794 gelangte er, nach dem Tod Bodes, von Weimar nach Gotha. Dort wurde er mit Akten Ernsts II. und der Gothaer Minervalkirche (das illuminatische Äquivalent zu den Logen) aufgestockt. Nach dem Tod Ernst II. ging dieser Bestand, wie testamentarisch 1804 verfügt, an das Archiv verbrüderter Freimaurer nach Stockholm. Aus Schweden kehrte er 1881 nach Gotha zurück – in der „Schwedenkiste“. Von da an dauerte es nochmal mehrere Jahrzehnte, bis man den Bestand ordnete: 1908 brachte ihn der Üllebener Pfarrer Carl Lerp in seine gegenwärtige Ordnung, indem er in einer durchaus rabiaten Aktion die Dokumente zum Teil sehr willkürlich sortierte und mit Leim auf Pappseiten klebte, die dann von einer Gothaer Buchbinderei zu den bis heute so gefügten 20 Bänden zusammengebunden wurden.

Lerps Eingriff von 1908 macht es heute schwer, die originalen Zusammenhänge besser zu erfassen; andererseits verdanken wir seiner Klebearbeit die Gewissheit, dass seitdem zumindest nichts mehr abhanden kam – nicht unter den nationalsozialistischen und nicht unter den sowjetischen Behörden. Lerp fixierte seine Dokumente, nummerierte sie konsequent durch und listete sie grob.

Jedem, der sich diesem Bestand nähert, ist eine massive Einarbeitung abverlangt. Alle Namen von Sendern, Empfängern und Beteiligten sind verschlüsselt, alle Ortsnamen, wenn Ordensdinge berührt sind. Die Datierungen erfolgen in einem pseudo-persischen Kalender, in dem die Illuminaten sich selbst laufend verheddern. (Das Jahr, exakt 600 Jahre zurück, darf nicht am 1. Januar schon eins hochgezählt werden, erst am 21. März – da werden laufend Daten der ersten drei Monate um ein Jahr verfehlt abgelegt).

Die Verschleierungen mit Ordensnamen, -orten und -kalender sind oberflächlich. Komplex ist im Orden organisiert, wie transparent – genauer semitransparent – die Kommunikationen stattfinden. Jedes Mitglied schreibt monatlich zumindest ein „Quibus Licet“, einen Bericht, den jeder „Unbekannte Obere“ im Orden lesen darf in den Orden hinein. Zwei Monate später erhält es in seiner Minervalkirche die Antwort eines gewissen „Basilius“ zurück, eine „Reproche“. Die zwei Monate Verzug müssen verschleiern, wie weit Basilus entfernt ist, und erfordern eine laufende künstliche Informationsbevorratung hinter den Kulissen.

Zu den Quibus Licet und Reprochen von und an die 81 Thüringer Mitglieder der Minervalkirchen in Syracus (Gotha), Lycopolis (Erfurt), Butus (Jena), Aquinum (Rudolstadt) und Piacentia (Buttstädt) kommen die Aufsätze, die die Mitglieder zu den lokalen Sitzungen schrieben, die Sitzungsprotokolle der Minervalkirchen und Magistrate, die an Bode gingen, und Bodes Berichte an Ernst II. Bode verfügte zudem über eine weit nach Deutschland ausgreifende Mitgliederdatei, heute der in Moskau liegende doch im Digitalisat bekannte zehnte Band; er korrespondierte wie Ernst II. auf höheren Ebenen; beide sammelte Debattenniederschläge aus der internen Reformdiskussion und Informationen aus Streitfällen.

All dies schafft heute ein äußerst dichtes Informationsgefecht – jenes Geflecht, aus dem der Orden seinerzeit seine Macht gegenüber den Betreuten bezog: Wer in ihn eintrat, war gezwungen, sich laufend zu allen Themen und höchst persönlich schriftlich zu äußern. Der Orden stand ihm dunkel gegenüber; doch betreuten ihn „Unbekannte Obere“ laufend mit dem Bekunden, an seiner intellektuellen Fortenwicklung teilhaben zu wollen – und sie waren bestens über jeden zu Betreuenden informiert.

Verschwörungstheoretiker vermuten in der Regel, dass Geheimorganisationen keine Spuren hinterlassen. Das Gegenteil ist der Fall: Eine geheime Organisation muss kommunikativ sein, wenn sie den Mitglieder glaubhaft versichern will, dass sie existiert. Sie sollte bürokratisch Daten sammeln – der Illuminatenorden tut das bis in die Charaktertabellen hinein, die jeder über sich zu Beginn einreichen muss – um sicherzustellen, dass sie die Mitglieder kennt, denen höhere Ebenen ja nur im Ausnahmefall auch einmal persönlich begegnen.

Die Schwedenkiste erschließen: Ein in mehrfacher Hinsicht komplexes Projekt

Die Schwedenkiste zu erschließen, ist ein Forschungsdesiderat, dem man sich ohne eine Datenbank nur höchst unbeholfen annähert.

Nahezu alle Dokumente sind handschriftlich fixiert. Jedes Dokument muss erschlossen werden: Wer schreibt hier tatsächlich, von wo, wann genau (wenn man die hunderte Datierungsfehler einkalkuliert)? Wer las? Die Absender wissen regelmäßig nicht, an wen sie genau schreiben. Wir wissen aber, dass der lokale Superior zumeist der Erstleser ist, dass Basilius der zentrale Leser ist – in der Provinz Ionien (Thüringen) ist das Aemilius (Bode), der aber eben nicht den Ordensnamen Aemilius je zusammen mit dem Funktionsnamen Basilius verwenden darf. Wir wissen, dass Bode Schriftstücke weitergibt – nach oben, aber auch an Mitarbeiter, die ihm eine Vorauswertung vorlegen oder gar seinen Posten bei Abwesenheiten übernehmen. Schreiber arbeiten für Bode, auf dass seine Handschrift ihn nicht verrät. Diese laufende Semitransparenz von Kommunikation lässt sich nur in einer Datenbank klarer erfassen.

Seiten aus dem 10. Band der Schwedenkiste. Deutlich sichtbar, wie hier Dokumente lagenweise (und darum oft schwer entzifferbar) eingeklebt sind.

Kaum ein Forschungsprojekt kann sich in den regulären drei Jahren Förderdauer in das Gewirr einarbeiten und einen Forschungsband aus dem Gewirr heraus vorlegen. Klug wäre es, Eingearbeitete würden eine Crowd-Erschließung betreuen. Mit ihr würde es vor allem darum gehen, die internen Bezüge dieser Akten wiederherzustellen, zu erfassen, was da auf was jeweils die Antwort ist – die Ordensbürokratie überliefert laufend intern bewahrte Vorschriebe, mit denen wir wissen, wie eingehende Briefe beantwortet wurden.

Was wir benötigen, ist eine Datenbank, die alle 21.723 Digitalisate verwaltet und die sich für deren beliebige interne Vernetzung offen erweist, eine Software, die daneben die kollektive Transkription von Bilddateien erlaubt. Die Wikisource-Software ist hier wie keine andere geeignet.

Zu den Voraussetzungen eines solchen Projektes gehört im selben Moment eine größere Übereinkunft unter großem wechselseitigen Vertrauen: Eine Kooperation zwischen

  1. der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“ als Eigentümerin des Materials,
  2. dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, das dieses Material zugänglich macht,
  3. einer Forscher-Gruppe, die die breitere Erschließung mit ausgewiesener Expertise verantwortungsvoll betreute, und
  4. einem Partner, der in der Lage ist, eine international agierende Community auf ein solches Projekt anzusetzen und die genutzte Software an Problemfällen wachsen zu lassen (Wikimedia Deutschland bietet sich hier an).

Über den Tellerrand gesehen

Spannend wird die Erschließung des illuminatischen Aktenbestandes in der Sekunde, in der die benutzte Ressource neue Recherche-Angebote macht. Bei der Durchleuchtung des Illuminatenordens wird man von Visualisierungen der Beziehungsgeflechte und Kommunikationsgefüge profitieren. Von wo nach wo flossen in diesem Orden die Informationen? Wie wurde unterschiedliche Transparenz des Informationsflusses eingesetzt? Welche Beziehungsnetze ergaben sich mit der Hierarchie? Welche Beziehungsnetze unterliefen die Hierarchieebenen? Wie weit wussten einzelne Mitglieder Seilschaften im Orden zu handhaben?

Statistische Auswertungen werden interessant sein: In welchen Schüben erweiterte sich der Orden geographisch? Wie veränderte sich im Verlauf die Mitgliederstruktur? Inwieweit hob der Orden Konfessionsschranken auf, inwieweit zeichnen sie sich in ihm ab? All dies sind Fragen, die die Arbeit mit einer Datenbank einfordern, und diese wiederum wird unmittelbar weitere Projekte in ihren Bann ziehen: Der Illuminatenorden infiltrierte die kontinentaleuropäische Freimaurerei. Sie wiederum ist nur die Spitze des Eisbergs in einem sehr komplexen Sozietätenwesen, das im Lauf des 18. Jahrhunderts die alten politischen und territorialen Strukturen neu vernetzte – unter Maßgabe neuer bürgerlicher Interessen mit einem erheblichen Bildungsanspruch, der am Ende ins 19. Jahrhundert weist.

Das Spannende am Illuminatenorden liegt im selben Moment laufend außerhalb dieses Bestandes: Ein enormes öffentliches Interesse gilt den Illuminaten: das Interesse von Verschwörungstheoretikern und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit, die nicht versteht, wovon diese Verschwörungstheoretiker hier träumen.

Der Orden erweist sich dabei als sehr modernes Konstrukt einer Informationen akkumulierenden Institution, jedoch auch als ein Konstrukt, das klar macht, wo die Verschwörungstheorien haken: Einen solchen Orden zu betreiben, ist hochgradig ineffizient; die Struktur, die dabei entsteht, kann sich selbst im Verlauf nicht mehr reformieren. Die Basis kennt nur lokale Strukturen und bleibt desorientiert zurück, wenn die höheren Ebenen das Projekt aufgeben.

Die heutigen Verschwörungstheorien sind in ihrer ersten Phase den Jahren zwischen 1786 und 1800, der Nachhall dieser Desorientierung.

Links etc.

  • The Gotha Illuminati Research Base. Link
  • Metadaten zu den knapp über 6000 Dokumenten der “Schwedenkiste”, des zentralen Aktenbestands im Nachlass des Illuminatenordens. Link
  • Renate Endler, „Zum Schicksal der Papiere von Johann Joachim Christoph Bode“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 27 (1990), S. 9–35.
  • Renate Endler, „Band X der Schwedenkiste aufgefunden“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 31 (1994), S. 189–97.
  • Olaf Simons/ Markus Meumann, „‚Mein Amt ist geheime gewissens Correspondenz‘. Bode als ‚Unbekannter Oberer‘ des Illuminatenordens“, in: Cord-Friedrich Berghahn/ Gerd Biegel/ Till Kinzel (eds.), Johann Joachim Christoph Bode. Studien zu Leben und Werk [= Germanisch-Romanische Monatsschrift, Beiheft 83] (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017), S. 435–504.

Ausgangsüberlegungen

1| Ausgangslage

Für die Arbeit an der Gotha Illuminati Research Base benutzten wir in den letzten Jahren mit Erfolg ein ganz konventionelles Wiki. Das war besonders beim Materialmix von Vorteil, den wir zu verwalten haben:

Das Wiki bewährte sich, da es ohne Vorplanung entlang unserer Befunde wachsen konnte. Unsere Forschungsarbeit griff dank der praktischen Ressource auf die breite Materialbasis aus.

2| Unser Projekt geriet an technische Grenzen —

Metadaten zu einer typischen Archivalie wie sie gleichlautend parallel in mehreren Tabellen verwaltet werden müssen. Link in die Seite
  • da die Anzahl von Listen in ihm wuchs, die letztlich auf dieselben Fakten zugreifen. Ändert sich ein einzelner Befund, muss sichergestellt werden, dass alle Listen die neue Datenlage zeigen.
  • da uns bei den Biographien besser mit automatisch generierten CVs gedient wäre – mit gerne auch langen tabellarischen Listungen etwa aller Wohnsitze, aller Ausbildungsetappen, aller Arbeitsverhältnisse, aller Korrespondenzen und so fort. Die biographischen Seiten des Wikidata Reasonators sind hier weitgehend mustergültig. (Man würde sich eine klarere Strukturierung wünschen und bei mehr Einträgen eine Option der vollen Anzeige auf Wunsch – siehe die eigenen Gedanken zu Biographien und Eingabeschablonen in diesem Blog.)
  • da wir mit der bisherigen Verwaltung einzelner Seiten nicht in die Lage kommen, Informationen automatisch zu generieren und etwa zu Netzwerk-Analysen und Bewegungsprofilen auf Landkarten zusammenzuführen.
  • da wir gerne andere Projekte in dieselbe Ressource hineinarbeiten lassen würden, was vor allem im Feld der reinen Datenlage interessant wird.
  • da das Interesse an unserer Arbeit vor allem im anglophonen Ausland liegt, den wir aber nur mit einem erheblichen Arbeitsaufwand ansprechen könnten. Hier beeindruckte erneut der Reasonator bei Vorführungen in seiner Fähigkeit, die Sprachen zu wechseln.
Die automatisch generierte Seite zu Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg aus dem Wikidata Reasonator
https://tools.wmflabs.org/reasonator/?&q=213698

3| Wie die Wikidata Software einsetzen?

Die Wikidata Software dürfte die perfekte Problemlösung sein, da sie sich in derselben Problemstellung unter einem sehr viel breiteren Interesse entwickelte und verspricht, in Entwicklung zu bleiben.

Es schien uns nach der ersten Sondierung im Januar 2016 nicht ratsam, Wissenschaftler direkt in den von Wikimedia betreuten Wikidata-Pool hineinarbeiten zu lassen. Die Forschungsressource wird als Ort von “original research” manches anders handhaben, und gerade dass sie manches anders handhabt, wäre für Wikidata als Nutznießer einer Kooperation von Vorteil. Die Lösung wäre hier eine eigene, die Wikidata-Software benutzende Ressource – im Folgenden das FactGrid – die mit Wikidata eine Datenpartnerschaft einginge.

Zentrale technische Fragen sind dabei von Seiten des wissenschaftlichen Projektes:

  • Sollen wir unser bisheriges Wiki in dieser Datenbank aufgehen lassen, indem wir dessen ganze Materialvielfalt (siehe oben Punkt 1) in die Verwaltung der Datenbank überführen, oder würden wir das FactGrid besser ähnlich wie die verschiedensprachigen Wikipedia-Projekte nutzen, die gemeinsam aus Wikimedia Commons etwa Mediendateien beziehen – nun um Fakten zu verwalten?
  • Wie würden verschiedene Projekte in dieselbe Ressource hineinarbeiten und im jeweils eigenen Forschungsinteresse von ihr profitieren?
  • Wie gestaltet sich die Befüllung mit Daten in größeren Mengen (etwa aus Excel-Tabellen wie dieser zu den Akten der “Schwedenkiste“)? Wie generiert man Eingabeschablonen, um Fragekataloge abzuarbeiten? (Dies sind etwa die Optionen einer Mitgliedschaft im Illuminatenorden). Wie stimmen sich Projekte bei der Nutzung der gemeinsame Ressource ab?
  • Wie beziehen unabhängig voneinander arbeitende Projekte Daten in komplexeren Anwendungen aus der gemeinsamen Ressource (etwa um Netzwerke oder Bewegungsprofile einzelner Personen zu erstellen)?
  • Wie lassen sich komplexere Authentifizierungen von Forschungsbefunden bewerkstelligen? Diese müssen Aktenquellen zulassen und als Forschungsbefunde zitierbar werden. Wir brauchen dabei zudem Bewertung von Befunden durch die Forscher, um etwa “hypothetische” Aussagen zur weiteren Verifikation aussetzen zu können.
  • Wie würde sich ein kontrollierter Datenfluss aus dem FactGrid zu Wikidata organisieren lassen? (Sicherzustellen ist hierbei, dass Daten wie bei uns authentifiziert und bewertet bleiben.)

4| Eine Wikimedia Kooperation: Organisatorische Aspekte

Ein konstantes Ärgernis von Projekten der Digital Humanities ist bislang die Produktion von Insellösungen. Eine Software wird auf das einzelne Projekt zugeschnitten. Dessen Befunde enden mit der zunehmend antiquierten Plattform außerhalb einer weiteren Benutzung.

Das Ziel sollte die Investition in Tools sein (z.B. zur Visualiserung von Netzwerken oder Bewegungsprofilen auf Landkarten), die danach mit der breit verwendeten Software verfügbar werden. Forschungsgelder sollten in die Fortentwicklung bestehender Lösungen fließen, in neue Features, wo bislang immer neue Projekte dasselbe Rad für ihre Software neu erfinden.

Für eine Kooperation zwischen Projekten der Digital Humanities und Wikimedia kann Gotha derzeit günstige Ausgangsbedingungen anbieten: Wir verfügen mit der Gotha Illuminati Research Base über ein Startprojekt immensen öffentlichen Sex-Appeals, und das nun nicht mehr nach einer Struktur suchen muss. Im Kern liegen die Datensätze vor, mit denen Folgeprojekte an eine Feinerschließung aller Illuminatenakten gehen können.

Gleichzeitig können wir auf die nächsten fünf Jahre eine koordinierte weit größere integrative Arbeit mit dem Projekt „Gotha um 1800: Natur-Wissenschaft-Geschichte“ anbieten. Dieses Projekt wird unterschiedliche Institutionen zusammenbringen und sehr unterschiedliche Materialien in neue Zusammenhänge setzen: Informationen zu Wissenschaften um 1800, ortsbezogene Informationen zu einem deutschen Fürstentum, Informationen zu zahllosen Artefakten, Informationen zu Büchern und Zeitschriften aus dem Untersuchungszeitraum 1750 bis 1850, Informationen zu Personen und Personengeflechten, öffentlichen und geheimen Gesellschaften, ortsansässigen und korrespondierenden.

Mehrere Projekte am Forschungszentrum meldeten ihr Interesse an einer gemeinsamen Datenbanklösung an, falls wir eine solche angingen. Wir sind hier in der Lage, langfristig eine Community aufzubauen, die das nötige Know How intern verwalten kann, das regulär mit einzelnen Projekten nach deren Förderung verloren geht.

Eine Kooperationsvereinbarung mit Wikimedia sollte:

  • den Rahmen einer Betreuung abstecken, die die Wissenschaftler vor allem in der Anlaufphase benötigen, bevor sie sich in der Lage sehen, Problemlösungen intern mit hinzukommenden Projekten zu teilen.
  • erfassen, wie Software-Entwicklungen angestoßen werden und gegebenfalls aus eigenen Mitteln der Forschungsprojekte finanziert werden können.
  • sicherstellen, dass Entwicklungen neuer Wikidata-Features als Tools in das Angebot der freien Software gelangen, so dass sie von dort aus die breitere Nutzung der Software in Wissenschaftskreisen interessant machen.
  • Ideen entwickeln, wie die Community, die Wikidata betreut, mit den Forschern, die das FactGrid-aufbauen, in einen für beide Seiten interessanten Austausch gelangen. Dabei wird es vor allem um den Datenfluss zu Wikidata und um praktische Erfahrungen bei der Benutzung der gemeinsamen Software gehen.

Entscheidend wird es sein, in den Vorüberlegungen die gemeinsamen Interessen zu erfassen. Die Wikidata Software ist eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre. Sie löst auf spannende Weise Probleme, die viele wissenschaftliche Projekte derzeit mit Datenbank-Softwareangeboten haben. Sie ist auf vielfältige Objekte zugeschnitten, kann große Datenvolumina verwalten, notiert Veränderungen und Bearbeitungen nachvollziehbar und ihre Ressource agiert erfolgreich in allen möglichen Sprachen der Welt – doch ist sie gleichzeitig derzeit hermetisch abgeschlossen.

Die wissenschaftliche Arbeit mit dieser Software verspricht einen Erfahrungsaustausch, von dem die Software profitieren kann. Das Wikidata-Projekt hat dabei langfristig das Potential, Limitationen des Wikipedia-Projektes negieren zu können, jene Limitationen, die Forschenden die Arbeit in Wikipedia schwer machen. Der Schritt in die wissenschaftliche Ressource wird indes auch von Software-Anpassungen abhängen, die gemeinsam mit Wissenschaftlern gefunden und ausgetestet werden müssen. Dies vor allem sollte es auf Wikimedia-Seite interessant machen, Pilotprojekte mit der in den letzten Jahren aufgebauten Software betreut arbeiten zu lassen.

Der Aufbau einer Ressource, die “original research” betreiben und autorisieren kann und der Datenfluss von der wissenschaftlichen Ressource zu Wikidata sollten das Interessenspektrum erweitern.

Links etc.

  • The Gotha Illuminati Research Base. Link
  • Hier im Blog: Die Schwedenkiste digital: die ausstehende Durchleuchtung des Illuminatenordens
  • Metadaten zu den knapp über 6000 Dokumenten der “Schwedenkiste”, des zentralen Aktenbestands im Nachlass des Illuminatenordens. Link
  • Bislang ungenützt: der FactGrid Prototyp mit der Wikidata Software. Noch weiß keiner unserer Wissenschaftler, wo er Daten einfüllen soll und wie er sie dann wieder zu Anwendungen herauszieht.