Baltische Studenten an der Universität Kiel im 17. Jahrhundert. Vergleiche und Analysen zu Herkunft, Karriere und Mobilität

Bei der Arbeit am Erschließungsprojekt der Matrikel der Christian-Albrechts-Universität Kiel im 17. Jahrhundert anhand des Albums der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel 1665-1865 wurden bei der geografischen Herkunft der Studenten mehrere Cluster deutlich. Neben dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und der Habsburger Monarchie sowie einzelnen Studenten aus Westeuropa fiel vor allem Skandinavien und im besonderen das Baltikum ins Auge.1Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Kieler Studenten, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: < https://tinyurl.com/29jcbx6e > (aufgerufen: 30.07.2025). Mit den Studenten aus der letzteren Region wurde sich hier genauer beschäftigt, mit dem Ziel, diese Balten konkreter anhand ihrer Herkunft, ihres Werdegangs und ihrer geografischen Mobilität zu analysieren und zu vergleichen. Grundlage bildete das Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800 von Arvo Tering, welches sämtliche baltischen Studenten der frühen Neuzeit verzeichnet hat. Des weiteren wurden Datenreferenzierungen mit dem Rostocker Matrikelportal und der GND (Gemeinsame Normdatei) der Deutschen Nationalbibliothek vorgenommen. Als Vergleichsgruppe dienten die schleswigschen Studenten in Kiel, da sich durch das Werk von Achelis vergleichbare Daten finden ließen. Beide Regionen können als Grenzgebiet bzw. Peripherie des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet werden, was diesen Vergleich nochmal interessanter machte. Im Zuge des Projektes wurden die Daten zu 81 baltischen Studenten der Universität Kiel im Zeitraum von 1665 bis einschließlich 1700 gesammelt,2Factgrid-Abfrage. Liste baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/yprjg3z4> (aufgerufen: 30.07.2025). sowie Vergleichsdaten von 738 Studenten aus dem Herzogtum Schleswig3Factgrid-Abfrage. Liste schleswigsche Studenten, <https://tinyurl.com/2b6o5v8z> (aufgerufen: 30.07.2025). genutzt . Im folgenden sollen die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst werden.

Abb.1: Geburtsorte aller Kieler Studenten 1665-1700.

Was die Herkunft der baltischen Studenten angeht, konnte herausgefunden werden, dass die meisten Studenten (64) 4Factgrid-Abfrage. Baltische Studenten unter Schweden, <https://tinyurl.com/296axeze> (aufgerufen: 05.08.2025). aus den zu der Zeit schwedisch-regierten Gebieten Liv- und Estlands kamen und auch dort vor allem aus den großen Städten Riga (23), Reval (18) und Dorpat (9).5Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/2yqcj6cr> (aufgerufen: 05.08.2025). Ethnisch gesehen dürften sie nahezu alle deutschstämmig 6Tering, Arvo (Hrsg.): Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 28), Köln 2018, S. 21 & 27-28. gewesen sein und entstammten sozial gesehen hauptsächlich der geistlichen, ökonomischen und politischen Elite, was anhand der erfassten Väterberufe deutlich wird und für eine geringe soziale Durchmischung an der Universität spricht. Hier findet man bereits den ersten Unterschied zu den Schleswigern, da bei deren Väterberufen der geistliche Stand mit 63,6% (227 Einträge bei 357 Väterberufen) deutlich stärker dominierte als bei den Balten, mit gerade mal 38,3%. Dagegen war der Bereich des Handels bei den Balten deutlich stärker vertreten mit 20% (12) im Gegensatz zu 5,04% (18) bei den Schleswigern. 7Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Balten, <https://tinyurl.com/22zzpbq3> (aufgerufen: 07.08.2025). 8Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Schleswiger, <https://tinyurl.com/25s8eln4> (aufgerufen: 07.08.2025). Der Unterschied im Handel lässt sich mit den deutschstämmigen Händlern erklären , welche sich im Baltikum niederließen und im Folgenden ihre Kinder an die Universität schickten. Eine Zuwanderung, welche bereits im 13. Jahrhundert einsetzte,9North, Michael: Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen, München 2011, S. 90. doch auch im 17. Jahrhundert einen erneuten Höhepunkt erfuhr.10Zur Mühlen, Heinz von: Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561-1710/1795), in: Baltische Länder, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, (Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1994, S. 227. Die Kinder dieser Zugezogenen wählten nachdem Studium jedoch nahezu immer ein anderes Metier,11Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025). was einen Übergang zur akademischen Elite zeigt.

Abb. 2: Wirtschaftliche Sektoren der Väterberufe baltischer Studenten der Universität Kiel.
Was die Immatrikulationszahlen an der Universität Kiel angeht, konnte bei den Balten eine steigende Bedeutung des Studienstandortes Kiels beobachtet werden, wobei sich Kiel jedoch erst einmal etablieren musste.12Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen der Balten, <https://tinyurl.com/yqj6u64l > (aufgerufen: 06.08.2025). Dagegen lagen bei den Schleswigern die Hochpunkte vor allem direkt nach der Gründung selbst.13Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen Schleswiger, <https://tinyurl.com/28o9llxk> (aufgerufen: 07.08.2025). Zusätzlich fiel bei beiden Gruppen sowie der Gesamtzahl an Studenten,14Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen aller Studenten, <https://tinyurl.com/25678r4e> (aufgerufen: 07.08.2025). auf, dass sich die Eintragungen in Wellen mit immer wieder größeren Extrema bewegen (vor allem bei den Balten).

Abb. 3: Immatrikulationszahlen baltischer Studenten in Kiel.

Zu den besuchten Studienorten neben Kiel wurde bei beiden Gruppen deutlich, dass die mittel- und norddeutschen Universitäten mit Jena (16 & 113), Wittenberg (16 & 59), Rostock (11 & 71) und Leipzig (10 & 97) dominierten. Zusätzlich spielte für die Balten noch die einheimische Universität Dorbat (20) eine außergewöhnlich große Rolle, obwohl sie im Untersuchungszeitraum nur für zehn Jahre geöffnet war. Das Schleswiger Pendant stellte wohl Kopenhagen (50) dar.15Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten, <https://tinyurl.com/23zmmhwl> (aufgerufen: 06.08.2025). 16Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger, <https://tinyurl.com/286sur6u> (aufgerufen: 07.08.2025). Neben der geografischen Nähe spielte vor allem die konfessionelle Ausrichtung für die Wahl des Studienortes die entscheidende Rolle. Die Analyse-Ergebnisse decken sich mit den Ausführungen Bues: „Die Wahl des Studienortes im 16. Und 17. Jahrhundert war meist abhängig von der konfessionellen Ausrichtung der Hochschule. Während Preußen und Kurländer ihre Kinder auf die Universität Königsberg schickten, studierten die Livländer eher in Jena und später in Halle […]“17Bues, Almut: Das Herzogtum Kurland und der Norden der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. und 17. Jahrhundert, Giessen 2001, S. 283..

Abb. 4: Weitere besuchte Studienorte baltischer Studenten (neben Kiel).

Während bei den Väterberufen noch starke Unterschiede zwischen Balten und Schleswigern bestanden, verschwammen diese bei den eigenen Karrierewegen. So dominierte hier eindeutig der geistliche Weg mit 56,1% der Balten (32 Einträge bei 57 Angaben) und 64% der Schleswiger (312 Einträge bei 487 Angaben), ehe danach recht abgeschlagen der Bereich Recht, Regierung und Verwaltung kamen mit jeweils ca. 17,5%.18Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025). 19Factgrid-Abfrage, Karrieren der Schleswiger, <https://tinyurl.com/23vnoqfd> (aufgerufen: 07.08.2025). Anhand dieser Differenz bei den geistlichen (Väter-) Berufen konnte die These aufgestellt werden, dass im Baltikum im 17. Jahrhundert ein Defizit an Pastoren bestand, zumindest im Vergleich zum Herzogtum Schleswig. Dieser Bedarf wurde offenbar damit zudecken versucht, dass man baltische Studenten an die Universitäten Mittel- und Norddeutschlands schickte, auf dass sie dort Theologie studieren sollten. Da bei den Studenten des baltischen 17. Jahrhunderts die Differenz zu den Schleswigern zurückgeht könnte man annehmen, dass dieses Vorhaben teilweise Erfolge erzielte. Untermauert wird diese These mit den Motiven hinter der Gründung der Universität Dorbat/ Tartu nach Rausch20Rausch, Georg von: Reflexe des abendländischen Geistesleben an der schwedischen Universität Dorpat, in: Die Universitäten Dorpat/ Tartu, Riga und Wilna/ Vilnius 1579-1979. Beiträge zu ihrer Geschichte und ihrer Wirkung im Grenzbereich zwischen West und Ost, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, Toivo U. Raun, Paul Kaegbein, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 9), Köln und Wien 1987, S. 10. und zusätzlich den Ausführungen zur Mühlens bezüglich des großen Mangels an vor allem Theologen im Baltikum. Ein Bedarf den die Universität Dorpat in keinem Maß alleine decken konnte und somit die Zuwanderung bzw. das Studium in Deutschland entscheidend für die Bemannung der akademischen Schicht war.21Zur Mühlen, Das Ostbaltikum unter Herrschaft der Nachbarmächte, S. 209-210.

Abb. 5: Berufsverteilung baltischer Studenten der Universität Kiel.

Bezüglich der geografischen Mobilität konnte unter anderem am Beispiel des Johann Hornung22 Johann Hornung, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: <https://database.factgrid.de/wiki/Item:Q957977> (aufgerufen: 11.08.2025). nachgewiesen werden, dass auch die lange, teils monatelange, Reise vom Heimatort zur Universität, einen erheblichen Teil der Balten nicht vom Studium abhalten konnte. Ganz im Gegenteil studierten die Balten sogar häufig an mehreren Universitäten, im Durchschnitt sogar mehr als die Schleswiger, welche eigentlich geografisch den Universitätsstädten näher lagen (2,32 im Gegensatz zu 1,75 Universitäten je Student)23Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten und Kiel, <https://tinyurl.com/22gmj9md> (aufgerufen: 11.08.2025). 24Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger und Kiel, <https://tinyurl.com/2bdohoew> (aufgerufen: 11.08.2025).. Allgemein scheinen die baltischen Studenten auch mehr herumgekommen zu sein als ihre schleswigschen Kommilitonen, zumindest nach Universitätsaufenthalten. Auch kehrten nahezu alle Studenten wieder ins Baltikum zurück um dort zu arbeiten.25Factgrid-Abfrage, Karriereorte der Balten, <https://tinyurl.com/26khqkzs> (aufgerufen: 11.08.2025). E ine Abwanderung der gebildeten Elite fand so also nicht statt, ganz im Gegenteil. Auch dies bestärkt die These, dass die Schaffung einer akademischen, vor allem theologischen, Schicht im Baltikum durch den Universitätsbesuch in Deutschland und teilweise der eigenen Universitätsgründung zu gewissen Erfolgen führte, auch wenn der Bedarf nicht gedeckt werden konnte.

Abb. 6: Reisewege des Johann Hornung.

Als letztes sei noch erwähnt, dass anhand der Sterbedaten (große Extrema in den 1700er und 1710er Jahren)26Factgrid-Abfrage, Sterbedaten der Balten, <https://tinyurl.com/2ashalyg> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Todesursache (drei Hinrichtungen im Krieg und sechs Pesttote)27Factgrid-Abfrage, Sterbearten der Balten, <https://tinyurl.com/2c8752ne> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Kriegsgefangenschaft (vier Studenten)28Factgrid-Abfrage, Internierungen der Balten, <https://tinyurl.com/26a7bloo> (aufgerufen: 11.08.2025). und der Karriere im Militär (fünf Studenten)29Factgrid-Abfrage, Militärkarieren der Balten, <https://tinyurl.com/27pze2od> (aufgerufen: 11.08.2025). bei knapp 20% der baltischen Studenten eine Involvierung in die Kriegsereignisse und Folgen des Großen Nordischen Krieges nachgewiesen werden konnte, wobei bei zusätzlich 15 bis 20% eine Todesfolge aus diesen Ereignissen möglich ist.

Insgesamt wird deutlich, dass auch aus einem recht kleinen Datensatz an Kieler Studenten aus dem Baltikum doch erstaunlich viel e Erkenntnisse gezogen werden können, indem die Analyse Ergebnisse mit den großen historischen Ereignissen der Zeit in Einklang gebracht w urden . Die Erfassung und Analyse von studentischen Matrikel sollte also auch in anderen Kontexten weitergehen.

ddpp | Ein Datensatz deutscher politischer Parteien

Der hiermit vorgelegte Datensatz zur deutschen Parteiengeschichte dürfte – mit aktuell 873 gelisteten Parteien – im Moment der umfassendste seiner Art im Internet sein: Frei nutzbar, in beliebiger Konfiguration herunter zu laden, in Hintergrunddaten ausgreifend und zudem (mit einem frei erhältlichen FactGrid-Konto) unter beliebigen Forschungsinteressen auf die eigenen Bedürfnisse hin bearbeitbar.

Zum Vergleich: 59 aktive und 35 historische Parteien notiert der Datensatz des GBV zum Thema mit dem Angebot extrem unhandlicher Identifikatoren und ohne sehr viel tieferen Informationsgehalt. Wikidata überholte Projekte wie dieses in den letzten Jahren – allerdings auch immer wieder mit dem Nachteil, dass die dabei entstehenden Datensätze nicht so recht geplant waren und damit so einfach nicht zu handhaben sind. Die deutschen Parteien in Wikidata sind über keine einheitliche Recherche zu erfassen; es ging hier nicht darum, einen gleichmäßig ausgestatteten wie vollständigen Datensatz herzustellen. Einzelne, voneinander nicht informierte Eingaben akkumulierten sich hier eher planlos. Bewegt man sich in der Gegenwart, sollte man die Liste zu Rate ziehen, die die Bundeswahlleiterin 2024 vorlegte: Ausgewählte Daten politischer Vereinigungen, Stand 31.12.2023 (Wiesbaden, Juli 2024). Mit 637 Einträgen für die Jahre 1969 bis 2023 ist sie die dichteste Sammlung zur Parteienlandschaft der letzten 50 Jahre. Jede einzelne Partei ist hier mit Eckdaten aus der Buchführung der Wahlleitung versehen. Wikidata, in der quantitativen Erfassung wie in der Stringenz unterlegen, gewinnt an ganz anderen Stellen in der Vernetzung etwa mit Personen: Gut 15.000 Personen sind in Wikidata als Mitglieder mit der NSDAP verbunden, wohl weil die Informationen aus entsprechenden Wikipedia-Artikeln zur Verfügung standen. Wikidata bietet Serien von Mitgliederzahlen, externe Identifikatoren aus anderen Datenbanken oder Informationen zu Wahlen, in denen diese Parteien antraten.

Der vorliegende Datensatz ist genetisch ein Amalgam aus beiden Quellen und, gezielt als Partei-Datensatz angelegt, auf Homogenität hin gestaltet. Der Datensatz der Bundeswahlleiterin lässt sich dabei mit all seinen Eckdaten isolieren. Gleichzeitig reicht der vorliegende Datensatz dank Wikidata bis in die Frühphase des deutschen Parlamentarismus der vor der Reichseinigung stehenden Länder hinab.

Die gelisteten Parteien sind geschlossen mit einem Projekt-Item als zum „ddpp-Datensatz“ gehörige isolierbar, sie lassen sich gleichzeitig beliebig filtern (etwa um nur Parteien der BRD oder der DDR zu erfassen) oder ausdehnen: etwa im Blick auf historische Eckdaten, Organisationsbeziehungen, Parteiprogrammatiken oder involvierte Personen.

Statt einer einfachen Definition – Angebote, Definitionen selbst vorzunehmen

Der vorliegende Datensatz verfügt über kein klares Definitionskriterium und das sollte als Vorteil notiert sein. Man selbst kann ihn streng definieren oder öffnen, um etwa auch „Listen“, „Wahlgemeinschaften“ oder prominente „Orts-“ und „Landesverbände“ zu erfassen. Das ist sinnvoll schon allein, da sich aus all diesen auf Wahlzetteln auftauchenden Organisationsformen Parteien entfalten können, die am Ende bundesweit auftreten und sich im Parteiengefüge etablieren (wie dies etwa die Grünen taten). Die FactGrid-Datenbank hat kein Zentrum. Würde jemand NSDAP-Ortsverbände zu seinem Thema machen, wären diese das Zentrum seines Datensatzes und die Parteienlandschaft der Weimarer Republik nur der unüberschaubare Rand.

Die Problemlag wird mit der Frage nach dem Gründungsdatum der SPD im Detail greifbar: Der vorliegende Datensatz bietet tatsächlich vier Gründungsdaten mitsamt den Gründen, die sie im Einzelnen nahelegen. Es handelt sich bei drei der Datierungen um Gründungsdaten von Parteien, die die SPD als historische Wurzeln beansprucht. Wenn man diese Daten den einzelnen Vorgängern zuordnet, ist das Jahr 1890 mit dem Erfurter Gründungskonvent das allein der SPD zuzuordnende Gründungsdatum (und darum hier hochgewertet):

Der FactGrid „Datensatz zu deutschen politischen Parteien (ddpp)“ lebt in dieser Vielschichtigkeit der Möglichkeiten von seinem Angebot, ihn unterschiedlich zu fassen. Mit ihm sollte vor allem durchdacht werden, wie man sich dem Problem besser als mit einer Definition nähert. Die Antwort lautet: durch den beliebig umfassenden Datensatz, der jederzeit die Verlagerung und Verengung des Blickwinkels erlaubt.

Den ddpp-Datensatz praktisch nutzen

Der vorliegende Datensatz sollte es möglich machen, alle gelisteten Parteien eindeutig voneinander abzugrenzen und im komplizierten Fall direkt miteinander in Beziehung zu setzen: Es gibt in der Tat einen Unterschied zwischen WiR2020 (Q1182789) und Wir2020 (Q1211961); er liegt ostentativ im kleinen r, das Wir2000 als Erkennungsmerkmal beansprucht. Im spezifischen Datensatz wird klarer, dass die Partei mit dem kleinen r eine Abspaltung von und eine Kampfansage gegenüber der Mutter mit dem großen R ist. Die Q-Nummern erlauben es, die Unterschiede den Notizen in den Datensätzen zu überlassen. Im Datensatz sind im selben Moment Übersetzungen (aktuell englischer, französischer und spanischer Sprache) im Angebot sowie Verlinkungen zu Wikidata, zur GND, zur Publikation der Bundeswahlleiterin und zu Wikipedia-Artikeln, die mehr Informationen bieten.

In der praktischen Nutzung sollte jeweils der spröde „Basisdatensatz“ im Zentrum stehen, der es erlaubt, beliebig zu filtern wie beliebig zu erweitern. Im Basisdatensatz erscheint jede Partei nur einmal mit ihrer ID und kurzem Identifikationsangebot:

Die einzelnen Listen lassen sich nun beliebig erweitern, wobei Parteien in den dabei entstehenden Tabellen mitunter mehrere Zeilen erhalten, zum Beispiel, wenn mehrere GND-Nummern in der diesbezüglichen Spalte zu notieren sind.

  1. Datensatz: Die Parteien mit (soweit vorhanden) externen Identifikatoren: Wikidata, GND, Liste der Bundeswahlleiterin für die Jahre 1969 bis 2023 chronologisch nach Gründungsdatum sortiert.
  2. Datensatz: Die (Um-)Bennungen mit Datierungen. Diese Abfrage ist besonders nützlich in automatisierten Matching-Prozessen, da sie in ihnen Namensvarianten, die sich in Quellen finden, zur Verfügung stellt.
  3. Datensatz: Deutsche Parteien, die zwischen 1969 und 2023 bei der Bundeswahlleitung gelistet waren nach den Ausgewählten Daten politischer Vereinigungen, Stand 31.12.2023 herausgegeben von der Bundeswahlleiterin (Wiesbaden, Juli 2024), mit den dortigen Eckdaten und den Informationen zu respektiven Herausnahmen aus der Aktenführung.
  4. Datensatz: Von welchen Parteien spalteten sich welche Parteien ab?
  5. Datensatz: Alle Parteien, von denen die Bundeswahlleiterin soeben Unterlagen bereitstellt (aktuell 107)
  6. Datensatz: In welchen Parteien gingen die gelisteten auf?
  7. Datensatz: Ideologische Positionierung
  8. Datensatz: Politische Programmpunkte

Die letzten Suchen waren nurmehr punktuell mit Information bestückt; hier wartet der Datensatz im Moment auf Projekte, die in die Tiefe gehen. Eingehendere Suchen ließen sich zu Initiatoren, Gründungsmitgliedern, Parteivorsitzenden bieten, abermals jedoch im Moment nur punktuell.

Wahlergebnisse visualisieren

Seine zentrale Funktionalität entfaltet der Datensatz deutscher politischer Parteien, sobald man ihn im Rahmen des strukturell ganz anders gelagerten (und bis jetzt nur in punktuell vorliegenden) der Wahlergebnisse aller Reichstags- und Bundestagswahlen laufen lässt. Hier die letzte Reichstagswahl vom März 1933, wie sie in der SPARQL-Suche generiert wird und direkt mit den Datensätzen des Projektes kommuniziert:

Reichstagswahl 1933 Bubble Chart

Das FactGrid Datenmodell weicht hier vom Wikidata-Datenmodell ab. Statt auf verschiedene Properties ist hier auf eine einzige gesetzt, die die diversen Zählergebnisse (Erststimmen, Zweitstimmen, Parlamentssitze und Prozentanteile) aufnimmt und unter den Einheiten notiert – das ist praktisch, da sich nun beliebig verschiedenartige Ergebnisse anbieten lassen:

Man kann bei dieser Modellierung an drei Stellschrauben im SPARQL-Skript drehen:

SPARQL-Code für Visualisierung von Wahlergebnissen. Zeile 1: Form der Visualisierung, Zeile 3: die Wahl, deren Ergebnis Visualisiert werden soll (z.B. Bundestagswahl 2025), Zeile 11: Ergebnisaspekt (was dabei gezählt werden soll) etwa Zweitstimmen.

Die FactGrid-Datenlage zu Wahlen ist im Moment noch sehr unvollständig. Wie weit sie gediehen ist, findet sich auf der Projektseite in FactGrid laufend aktuell notiert. Hier ging es erst einmal um eine Realisierung, die handwerkliche Probleme der unterschiedlichen Wikidata-Modellierungen in den Griff kriegt.

Der vernetzte Datensatz

Anders als konventionelle Datensätze sind Wikibase-Datensätze fast immer komplex vernetzt, und das durchaus unüberschaubar.

Die banalste Vernetzung des vorliegenden Datensatz geht von den FactGrid notierten Personen aus:

  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten SPD-Mitglieder (283 mit Stand vom März 2024)
  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten NSDAP-Mitglieder (1559 mit Stand vom März 2024)
  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten Personen, die sowohl in der SPD wie in der NSDAP Mitglieder wurden (21 mit Stand vom März 2024)

Die drei Mustersuchen zeigen, dass wir hier theoretisch sehr komplexe Fragen stellen können, etwa nach der Ausbildung von erfassten Parteimitgliedern oder nach Personennetzwerken, die sich etwa über Mitgliedschaften in Logen oder Studentenverbindungen ergaben. Der Vorteil des FactGrid-Datensatzes ist hier erneut, dass er kein Zentrum aufweist. Es ist möglich, laufend neue Aspekte des jeweiligen Interesses zu formulieren und diese danach aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen heraus zu erfassen.

Extrem komplex sind erwartungsgemäß die organisatorischen Vernetzungen der NDSDAP, setzte hier doch eine Partei systematisch staatliche Organisationsstrukturen außer Kraft, um diese danach mit Parteistrukturen wie denen der SS zu ersetzen. Der ddpp-Datensatz bildet dies gerade im Ansatz ab.

Der für die Weiterverwendung offene Datensatz

Jede der im Vorangegangenen angebotenen Mustersuchen lässt sich modifizieren und alle Ergebnisse lassen sich jeweils in verschiedenen Datenformaten (JSON, CSV, TSV, HTML) herunterladen. Am rechten Rand der Tabellen und Visualisierungen bietet stets ein Mouseover-Menü die verschiedenen Formate wie Bearbeitungsoptionen an. Die Daten sind samt und sonders CC0-lizensiert und damit komplikationslos auch ohne Zitat der Quellen in Grafiken verwendbar.

Interessant sollte es sein, Bearbeitungen des Datensatzes auf der Plattform selbst vorzunehmen, so dass andere Nutzer vom Wissenszuwachs direkt profitieren – vor allem aber auch mit dem Vorteil, dass das eigene Projekt an dieser Stelle nicht von vorne anfangen muss und Fragen nach der eigenen Nachhaltigkeit der kollektiven Arbeitsumgebung überlassen kann.

Einige klar benennbare Desiderate seien neben dieser grundsätzlichen Einladung, sich den Datensatz auf der Plattform anzueignen, ausgesprochen: Die Aufstellung der Bundeswahlleiterin erwies sich als überaus nützlich im Angebot harter Klarheiten. Ein enormes Desiderat wären jedoch Verlinkungen zu Digitalisaten der Unterlagen, die die Parteien vorlegten, sowie Notate der Personen, die diese Parteien gründeten und der Adressen der Anmeldungen. Es ist dies ein Desiderat vor allem im Blick auf die kleinen Dateien, die oft nach wenigen Jahren der Inaktivität schon wieder aus den Akten verschwanden und heute nicht einmal über Internetseiten, die sie lancierten sichtbar sind.

Im Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, das das Projekt Rahmen des R:hovono-Projektes initiierte, werden wir eine GND-Situierung des Datensatzes anstreben.

Gut wäre es, die Datenbankobjekte mit Expertise zu Positionierungen, Zielsetzungen, statistischen Daten und vor allem mit Quellverweisen, angereichert anbieten zu können.


  • Featured Image: Wahlwerbung der AIPD, die wohl eher zu den Kunstprojekten zu rechnen ist, und darum ein gesondertes FactGrid-Item hat. Screenshot der Website https://aipd-partei.de/

Die Matrikel der Universität Halle (1690-1730) in FactGrid

Fritz Junkte (1886-1984) , Bibliothekar und Historiker in Halle, war der erste, der sich die Herausgabe einer Matrikeledition der Universität Halle vornahm. Er bearbeitete in den 1950ern die Matrikel der Universität von ihrer Gründung bis 1730, so dass 1960 der erste Matrikelband erscheinen konnte. Dieser Band enthält jedoch nicht nur die Informationen aus den Matrikelbänden des Universitätsarchivs, Juntke machte es sich zur Aufgabe darüber hinaus noch weitere Quellen heranzuziehen, um seinen Datenbestand anzureichern.

Dabei lassen sich drei größere Quellenkomplexe ausmachen: die Auswertung zeitgenössisch aktueller Forschungsliteratur, wie etwa Eduard Winters “Halle als Ausgangspunkt der deutschen Russlandkunde im 18. Jh. (Berlin, 1953)“; die Auswertung und der Verweis auf Quellen im Archiv der Franckeschen Stiftungen, so etwa Informatorenverzeichnisse oder Freitischlerlisten; sowie weitere Quellen aus dem Universitätsarchiv, die über die Matrikelbände hinausgehen. Hier wäre später eine Rückvernetzung auf die Originalquellen sinnvoll und wünschenswert.

Diese Informationen wurden nun in den letzten zwei Jahren erstmals systematisch erfasst und in einen Datensatz von mehr als 20.000 Studenten in FactGrid überführt:

Liste aller erfassten Studenten mit Seitenangabe bei Juntke

Das Gesamtziel dieses Projektes ist dabei, ähnlich dem Vorgehen Juntkes, die großen Datenbestände zur Halleschen Bildungsgeschichte im 18. Jahrhundert auf einer Plattform zusammenzuführen, nutzbar und auswertbar zu machen. So erfolgt beispielsweise schrittweise auch eine Zusammenführung der Datenbestände mit den Informationen aus dem Bio-Bibliographischen Register des Archivs der Franckeschen Stiftungen oder der Datenbank des Projekts “Franckes Schulen” in dem vor über 20 Jahren Schüler-, Informatoren- und Waisenmatrikel erfasst wurden.

Darüber hinaus soll dieser Datensatz auch in einem größeren Kontext dazu anzustoßen in weiteren Projekten den Bestand an Informationen zu erweitern und zu vernetzen durch Matrikel anderer Schulen und Universitäten, und FactGrid so zu einer zentralen Plattform zu machen, auf der die Daten aus allen verfügbaren Matrikeln zusammengeführt und vernetzt werden können.

Aus den bereits erfassten Daten aus Juntkes Matrikelband sowie anderen Projekten und Quellen ergeben sich dabei bereits erste interessante Befunde und Möglichkeiten, diese Daten auszuwerten:


Abb.1: Indentifizierte Geburtsorte der Studenten.


Abb. 2: Statistische Übersicht der Immatrikulationszahlen pro Jahr.


Abb. 3: Entwicklung der Studienfachverteilung pro Jahrzehnt.


Abb. 4: Altersverteilung bei Einschreibung an die Universität (soweit Geburtsdaten bekannt).

Eine weitere Quelle, die im Kontext der Matrikel im Zuge des Projektes erschlossen wurde, findet sich in der 1709 veröffentlichten “Kurze Nachricht von der Stadt Halle und absonderlich von der Universität daselbst” von Caspar Gottschling (1679-1739). Am Ende dieser Veröffentlichung, die sich im wesentlichen der Geschichte der Universität widmet, findet sich eine Liste, die alle bis 1709 verliehenen Studienabschlüsse auflistet. Diese wurden mit Angaben zu Art des Abschlusses (Promotion, Magister, Licentiat, Verleihung anderer akademischer Ehren), Datum, Fach und betreuendem Professor mit den Daten der Matrikel in FactGrid zusammengeführt, sodass sich für diese ersten ca. 20 Jahre auch ein intellektuelles Netzwerk von Professoren und deren Schülern rekonstruieren lässt (Siehe Abb. 5).


Abb. 5: Netzwerk von Betreuungsverhältnissen bei Studienabschlüssen (1694-1709).

Weitere Informationen: FactGrid:Die Matrikel der Universität Halle

Kontakt: David Löblich

Job advertisement in new FactGrid project on Polish-Ukrainian history

Dear Colleagues,

As part of our Research Project „Modelling Premodern Ambivalences“ (VAMOD) at the GWZO in Leipzig we are offering a 10month position until end of December 2025. The project is funded by NFDI4Memory and will offer plenty of possibilities to build up expertise and networks within the field of Digital Humanities.

The goal of the project is to transfer research data from my first book into the Wikibase instance FactGrid in accordance with the FAIR principles. The dataset comprises approximately 800 charters with about 1,600 place names and 5,000 personal names for the present-day Polish-Ukrainian border region (“Crown Ruthenia” or “Red Ruthenia”) between 1340 and 1434. During the transfer, innovative approaches to modelling premodern political configurations will be explored, which will be documented through guidelines and best-practice recommendations, thereby making them sustainably available to the historical research community.

If you can, please share widely!

https://www.leibniz-gwzo.de/sites/default/files/dateien/Stellenausschreibung_Wiss.%20MA_DB2_VAMOD_BS_10.01.2025.pdf

Any questions can be directed to me.
Thank you in advance for sharing.
All the best,

Sven (Jaros)







Dr. Sven Jaros
sven.jaros@geschichte.uni-halle.de
Martin-Luther Universität Halle/Wittenberg
Institut für Geschichte
Professur für Osteuropäische Geschichte
Emil-Abderhalden-Str. 26/27
Raum 2.06.0
06108 Halle (Saale)

Erich Riewe (1889-1972) und Erich Riewe (1897-1929) – zwei Schaupieler im Berlin der 1920er Jahre

Im Zuge der Quellenarbeit für das Projekt “Jüdisches Sachsen-Anhalt” stieß ich während der Auswertung der Militärstammrolle der Stadt Aschersleben für 1910 auf den Eintrag eines jüdischen Schauspielers, Erich Riewe, der nur von Januar bis März 1910 in der Stadt lebte, weshalb der Aktenvorgang nach Berlin-Charlottenburg weitergegeben wurde.

Erich Riewe, 1889 in Märkisch-Friedland geboren, war vermutlich für ein Theater-Engagement zu Beginn des Jahres 1910 für einige Monate nach Aschersleben gekommen, kurz vor Antritt seines Militärdienstes, im Alter von 21 Jahren – der Beginn einer Karriere?

Beim Versuch der Rekonstruktion seiner folgenden Lebensstationen sollte sich schnell herausstellen, dass dies ein weniger einfaches Unterfangen werden sollte: Finden sich auf gängigen Plattformen wie Wikidata, der GND oder der Datenbank des Deutschen Literaturarchivs in Marbach bereits Einträge zu einem Schauspieler Erich Riewe, die nur sehr spärlich mit Informationen bestückt sind, wird aufgrund der unterschiedlichen Lebensdaten schnell klar: Im Berlin der 1920er Jahre muss es zwei Schauspieler selbigen Namens gegeben haben, die sich zur gleichen Zeit in ähnlichen Milieus bewegt haben müssen.

Weitere Recherchen in den Berliner Personenstandsregistern führten zu ersten Ergebnissen zu beiden hier untersuchten Personen: Erich Riewe, der 1910 in der Militärstammrolle gelistet war, hatte dreimal geheiratet: zunächst 1916 die Korrespondentin Martha Elisabeth Kornetzke (die Ehe wurde 1927 geschieden); fünf Monate später heiratete er bereits seine zweite Frau Klara Hermine Hedwig Fernow (verstorben 1954 an einer chronischen Lungenentzündung), und im selben Jahr seine dritte Frau Ella, geb. Dumke, mit der Riewe bis zu ihrem Tod 1970 zusammenlebte. Erich Riewe selbst starb zwei Jahre später 1972 in Berlin-Schöneberg. Sein Namensvetter Erich Max Richard Riewe wurde am 06. März 1897 als Sohn evangelischer Eltern in Berlin geboren und verstarb ebenda unverheiratet und im jungen Alter von 32 Jahren am 09. Juli 1929.

Aus weiteren Quellen, wie Zeitungsartikeln, Fotografien, Theaterprogrammheften oder den Notizbüchern Berthold Brechts ergab sich eine Masse an Indizien, die es aufgrund der in den Quellen und Literatur oft fehlerhaften Zuordnung folgend auseinanderzuhalten und wieder richtig zuzuordnen galt.

Durch mehrere Zeitungsartikel des Jahres 1929 im Deutschen Zeitungsportal ließ sich feststellen, das Erich Riewe (1897-1929) zunächst als Schauspieler an den Münchner Kammerspielen und später am Staatstheater in Berlin arbeitete.


Artikel zum Tod Erich Riewes in der Morgenausgabe der Berliner Börsen-Zeitung vom 10. Juli 1929.

Kurz vor seinem Tod übernahm er zudem eine Sprecherrolle in der Hörspielproduktion zu Wilhelm Tell durch die Deutsche Grammophon-AG. Zu diesem Erich Riewe, der in München und Berlin spielte, finden sich zudem Aufzeichnungen in den Notizbüchern Bertolt Brechts. In den Registern der Edition dieser Notizbücher (Seite 102), wird der von Brecht notierte Riewe jedoch mit den Lebensdaten 1889-1972 aufgelöst und ihm zudem eine Mitarbeit an Hörspielproduktionen der Funkstunde Berlin unter der Leitung von Alfred Braun und Bertolt Brecht zugeschrieben (Anhang Notizbuch Bd. 24, Seite 24). Hier muss den Editoren also ein Fehler unterlaufen sein, denn Erich Riewe, der in München und Berlin Theater spielte und kurz vor seinem Tod auch für die Hörspielproduktion Wilhelm Tell tätig war, ist nicht identisch mit seinem acht Jahre älteren Namensvetter, der mit Alfred Braun in der Funkstunde AG Berlin arbeitete. Die Editoren müssen beide Personen jedoch miteinander vermengt haben.


Fotografie von Erich Riewe und Alfred Braun, undatiert (Privatsammlung David Löblich).

Ein weiteres Indiz, das dem so ist, bildet eine im September 2024 aufgetauchte Fotografie, die selbst nicht datiert ist, aber Alfred Braun und Erich Riewe zeigt, mit den aufgedruckten Zusätzen “Funkstunde Berlin 1928-1933” und “Berliner Rundfunk 1947-1949” sowie einer rückseitigen handsignierten Widmung Erich Riewes. Die Datierung dieser Widmung auf den 12. Dezember 1971 und die nahezu identische Unterschrift Riewes im Vergleich zu den Unterschriften auf seinen Heiratsurkunden von 1916 und 1927 (siehe Abb. unten) legen hierbei nahe, dass es sich um Erich Riewe (1889-1972) handelt, der im Register zu den Brecht-Notizbüchern mit den entsprechenden Lebensdaten 1889 bis 1972 richtig identifiziert wurde, aber nicht wie dort beschrieben, identisch mit Erich Riewe ist, der am Staatstheater Berlin und den Münchner Kammerspielen tätig war.


Widmung mit Unterschrift Erich Riewes vom 12. Dezember 1971 (Privatsammlung David Löblich).


Unterschrift Erich Riewes auf seiner Heiratsurkunde von 1927.

Für ihn (Erich Riewe (1897-1929)) finden sich über die bisher genannten Quellen hinaus in der zeitgenössischen Presse zahlreiche Rezensionen über Engagements in Stücken an den genannten Schauspielhäusern. Für Erich Riewe (1889-1972) bleibt dessen Karriereweg allerdings noch unerforscht. Oben genanntes Foto ist ein Indiz für die Zusammenarbeit mit Alfred Braun, der in den auf dem Foto beschriebenen Zeiträumen auch in der Funkstunde Berlin und dem Berliner Rundfunk arbeitete. Darüber hinaus ist über Riewes Weg bis auf das vermutete dreimonatige Gastspiel in Aschersleben, das den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bildete, nichts weiter bekannt. Durch das kollaborative Potential von FactGrid ist jedoch zu hoffen, das sich in Zukunft durch weitere Funde, auch in anderen Projekten, das Bild zu beiden Erich Riewes noch weiter verdichten werden und weitere Puzzleteile, die gefunden werden, der jeweils richtigen Person zugeordnet werden können.

Deutschlands erstes Schuhimperium – das Filialnetzwerk der Schuhwarenfabrik Conrad Tack & Cie. in FactGrid

Nachdem 1883 die Brüder Conrad und Jean Tack sowie Wilhelm Dedermann in Burg eine Schuhwarenfabrik gegründet hatten, die ab 1888 unter dem Namen “Conrad Tack & Cie” firmierte, begann die Geschäftsleitung schon früh mit neuen Verkaufsmethoden zu experimentieren.

Eine dieser Innovationen war ab etwa 1890 der Aufbau eines eigenen Verkaufsnetzes mit Geschäften, die exklusiv die Produkte von Tack führten. So existierten 1890 zunächst sechs eigene Filialen, die bis 1895 bereits auf ein Netz von 25 Geschäften ausgebaut werden konnten.  Folgende Karte des Vertriebsnetzes um 1895 zeigt, dass der Fokus zunächst auf Mitteldeutschland und einige Großstädte im Reich, wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt am Main, lag.


Zweigniederlassungen von Conrad Tack (1895).

Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges sollte dieses Netzwerk auf über 140 Geschäfte wachsen. Der Krieg führte zu einigen kurzzeitigen Wachstumseinbrüchen und Verlusten, wie der Aufgabe der Geschäfte in Straßburg und Metz, aber mit dem Eintritt des Berliner Unternehmers Hermann Krojanker in den Vorstand des Unternehmens, konnte das Netzwerk der Verkaufsstellen in den 1920er Jahren noch einmal signifikant ausgebaut werden. Dabei fokussierte man sich nicht mehr nur auf Großstädte, sondern errichtete ein flächendeckendes Filialnetz im gesamten Reichsgebiet. Ziel dieser Arbeit im Rahmen des Forschungsprojektes “Jüdisches Sachsen-Anhalt” ist die komplette Erfassung des Filialnetzwerkes des Unternehmens. Hierfür ist es gelungen bisher (Stand September 2024) 125 Filialorte zu identifizieren.

Übersicht der bisher 125 identifizierten Niederlassungen der Schuhfabrik Conrad Tack & Cie.

Anhand zweier vollständiger Listen lassen sich dabei Zeitschnitte für die Jahre 1895 und 1912 setzen. Die erste vollständige Liste für das Jahr 1895 findet sich im Berliner Adressbuch für das Jahr 1895 (Siehe Karte 1 oben). Die zweite Liste stammt aus dem Statistischen Jahrbuch zur deutschen Textil-Industrie im Besitze von Aktiengesellschaften und bildet die Größe des Unternehmens im Jahr 1912 ab, als dieses in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Aus dieser Liste wurde auch für jedes Geschäft der im Zuge dieses Prozesses ermittelte Einheitswert jeder Filiale mit in FactGrid erfasst:

Liste aller Geschäfte im Jahr 1912 mit jeweiligem Einheitswert in Mark

Weiterführende Literatur zur Unternehmensgeschichte: Hönicke, Karin: “Tack” – Europas ältester Schuhgroßbetrieb : 110 Jahre Schuhindustrie in Burg, Oschersleben 2005.

Von Sozialisten, Shoah-Überlebenden und dem American Dream. Das Potential von Social Philately für die Geschichtswissenschaft

Social Philately ist eine philatelistische Bewegung, die in den 1980er Jahren in Australien und Neuseeland entstand und Anfang der 2000er Jahre Europa erreichte. Diese Bewegung zielt darauf ab, traditionelle philatelistische Fragestellungen zur Analyse postalischer Belege mit einer breiteren kulturellen und sozialgeschichtlichen Kontextualisierung zu verbinden. Dabei werden nicht nur die reinen Postbelege untersucht, sondern auch die Absender und Empfänger der Briefe, der Text der Briefe oder Postkarten sowie der historische Kontext, in dem diese entstanden sind, berücksichtigt.

Für die Philatelie ist dieser Blick über den eigenen Tellerrand äußerst bereichernd. Aber auch umgekehrt bietet der Blick auf scheinbar einfache und oft irrelevant erscheinende Quellen wie Briefumschläge oder Postkarten ein enormes Potenzial für die Geschichtswissenschaft. Diese Quellen bieten einen leichten Zugang zu einer riesigen und unerschöpflichen Menge an Daten zur Alltagsgeschichte von Menschen aller Gesellschaftsschichten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im privaten Raum entstanden sind. Das Potenzial für Fragestellungen in diesem Bereich ist nahezu unbegrenzt. Es bieten sich Ansätze für die post- und kommunikationsgeschichtliche Forschung, Forschung zu Propaganda und Werbung (bspw. zur Verwendung und Verbreitung von Werbeklischees oder Ganzsachen), biographische Fragestellungen oder Hinweise auf persönliche Netzwerke, die sonst über keine andere Quelle greifbar wären, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Dadurch könnten Zugänge und Methoden genutzt werden, wie sie auch für archivisch überlieferte Korpora üblich sind, wie das folgende Beispiel des Korrespondenznetzwerks der Illuminaten in FactGrid zeigt, welches mögliche Potenziale für Analysen eröffnet:


Korrespondenznetzwerk des Illuminatenordens: Wer schreibt wem, von wo nach wo.

Neben der schieren Masse an zugänglichen Quellen besteht das Problem oder Potenzial der fehlenden Systematisierung und Erschließung solcher Quellen. Die Suche nach bestimmten Briefen oder Themen ist nahezu unmöglich, und Wissenschaftler müssen sich auf den Zufall einlassen, da man beispielsweise vor einem Flohmarktbesuch nie wissen kann, welche Art von Material man finden wird. Einzelne, zufällig entdeckte Dokumente mögen ohne Kontext keine große Relevanz besitzen. Wenn man jedoch diese Daten in großer Menge sammelt, kontextualisiert und miteinander verbindet, eröffnen sich spannende Möglichkeiten zur Erforschung der oben genannten Fragestellungen. Plattformen wie FactGrid bieten für ein solches Unterfangen großes Vernetzungspotenzial. Die Offenheit der Datenbank ermöglicht es, einzelne Belege zu dokumentieren, mit vorhandenen Datensätzen zu verbinden und so persönliche Netzwerke, Biographien etc. nach und nach zu rekonstruieren. Auf diese Weise können aus der zufälligen Erwerbung eines alten Briefes oder einer alten Postkarte wissenschaftlich nutzbare Daten gewonnen werden. Dies soll im Folgenden an zwei Beispielen veranschaulicht werden:

Der erste Beleg stammt aus dem Jahr 1950 und wurde per Luftpost von Montevideo nach Deutschland geschickt. Der Absender des Briefes, Ernesto Schoenthal wurde 1907 in Marienhafe im Landkreis Aurich als Ernst Schönthal in eine jüdische Familie geboren. Er hatte zwei Schwestern und war in Deutschland als Kaufmann tätig. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war er das einzige Mitglied seiner Familie, das rechtzeitig das Land verlassen und 1936 nach Montevideo fliehen konnte. Seine Mutter Bertha Schönthal (geb. Steinberg) war bereits 1937 verstorben und sowohl sein Vater als auch beide Schwestern, die 1940 noch zusammen nach Rinteln gezogen waren, wurden im März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren. Ernst Schoenthal hingegen scheint es gelungen zu sein, in Uruguay erneut ein Handelsgeschäft aufzubauen und ebenso eine Familie zu gründen.

Nach dem Krieg ist er nie wieder dauerhaft nach Deutschland zurückgekehrt (er verstarb 1987 in Montevideo); scheint sich aber dennoch um das Schicksal seiner Familie und deren Wiedergutmachungsansprüche gekümmert zu haben. In diesem Kontext ist oben abgebildeter Brief aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu erklären. Adressat des Briefes war der Rechtsanwalt und Notar Gerhard Obuch. Dieser war 1884 als Sohn eines Richters in Lauenburg/Pommern geboren und hatte in Leipzig, Berlin und Königsberg Rechtswissenschaften studiert. Vor 1933 war er als Anwalt in Düsseldorf und Berlin tätig, seit 1906 Mitglied der SPD, seit 1917 der USPD und seit 1922 der KPD. Er war im Vorstand der Roten Hilfe Deutschlands, vertrat bei Gerichtsprozessen Angeklagte aus dem Kontext des Spartakusaufstandes und war bis 1933 Abgeordneter im preußischen Landtag für die KPD. Auch er wurde Opfer des NS-Regimes, wurde 1933 verhaftet und ins KZ Sonnenburg verbracht und arbeitete nach seiner Freilassung zunächst nur noch im Straßenbau und ab 1935 als Buchhalter. Nach 1945 war er nicht mehr politisch tätig und darüber hinaus gibt es keine gesicherten Informationen zu seinem Leben nach 1945 bis auf seinen Tod 1960 in Rauenthal.

Über die Verbindung zwischen Schoenthal und Obuch können hier nur Vermutungen angestellt werden, da der genaue Inhalt des Briefes unbekannt ist. Nahe liegt, das Obuch nach dem Krieg wieder als Anwalt tätig war und sich in der Region in der er lebte (wie der Brief zeigt, muss er 1950 von Norderney nach Norden verzogen sein; die Information hatte Schoenthal nicht und muss nachträglich im Prozess der Zustellung durch einen Postbeamten ergänzt worden sein), für Wiedergutmachungsansprüche von Opfern der NS-Herrschaft einsetzte und so zum Ansprechpartner für Schoenthal wurde, der sich um Rückerstattung von enteignetem Vermögen seiner Schwestern und seines Vaters bemühte. Dadurch bietet dieser philatelistische Beleg einen Nachweis über diese mögliche Verbindung der beiden Personen und einen Ausgangspunkt für weitere mögliche Recherchen, beispielsweise in evtl. noch vorhandenen Wiedergutmachungsakten, um oben beschriebene These möglicherweise erhärten oder widerlegen zu können. Dabei bildet dieser Brief einen interessanten Hinweis auf eine Verbindung zwischen unterschiedliche Opfergruppen des NS in ihrer hier möglicherweise gemeinsamen Bemühung um Wiedergutmachung.

Der zweite Beleg, seine Geschichte könnte nicht unterschiedlicher sein, überquerte etwa 25 Jahre früher im Dezember 1925 den Atlantik von Indianapolis nach Esslingen am Neckar. Die Ganzsache wurde im Dezember 1925 von Chris Bernloehr in Indianapolis als R-Brief (Einschreiben) aufgegeben, durchquerte am 10. Dezember die Registry Division der Post in Indianapolis, erreichte zwei Tage später das Auslandspostamt in New York und ein dritter Stempel auf der Briefrückseite bestätigt eine Zustellung mit der württembergischen Bahnpost bereits am 23. Dezember 1925. Der Brief benötigte demzufolge etwa zwei Wochen von Indianapolis bis nach Esslingen in Württemberg:

Neben diesen direkt ablesbaren Informationen zu Briefart und Reiseweg stellt sich nun die Frage nach dem Kontext und der möglichen Geschichte hinter diesem Brief. Christian Bernloehr wurde am 6. Januar 1866 in Adelmannsfelden in Württemberg als eines mehrerer Kinder eines Tagelöhners geboren. Er besuchte in Deutschland keine Schule und vermutlich der Armut geschuldet wanderte die Familie bereits 1876 nach Amerika aus. Dies vermerkte der zuständige Pfarrer nachträglich selbst in Christian Bernloehrs Taufregistereintrag:

Dort heißt es in der Spalte unter seinem Vornamen: “ist mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert”. Über Bernloehr selbst erfährt man aus Zensus-Unterlagen und einem Reisepassantrag, das er recht schnell die englische Sprache gelernt haben muss, seine Körpergröße wird mit 5 Fuß und 7 Inches angegeben (etwa 1,70m), sowie das er schwarze Haare und braune Augen hatte. Die Volkszählungen ab 1900 belegen, das Bernloehr zeitlebens immer in Indianapolis verblieb und sich über die Jahre nach seinem Schulbesuch vom einfachen Zeitungsjungen zu einem angesehenen Juwelier und Uhrmacher hochgearbeitet hatte. Ihm war es also in Amerika (seit 1901 amerikanischer Staatsbürger) gelungen der Armut seiner Heimat zu entkommen. Über sein Leben in Indianapolis erfährt man darüber hinaus mehr in zahlreichen anekdotischen Beiträgen, die der Journalist Anton Scherrer 1938 in einer Rubrik mit dem Titel “Our Town”, nur ein Jahr bevor Bernloehr im September 1939 starb, in der Indianapolis Times veröffentlichte. Aus dem letzten dieser Artikel, seiner Todesanzeige, ist auch zu erfahren, dass Bernloehr trotz seiner Auswanderung zeitlebens seiner Heimat verbunden geblieben sein muss. So wird beispielsweise von seiner Mitgliedschaft in der Schwaben Society in Indianapolis, einem der seinerzeit weit verbreiteten Heimatvereine in den USA, berichtet. Auch der Brief, der den Ausgangspunkt dieser Betrachtungen darstellt, kann vermutlich in diesem Kontext interpretiert werden: Knapp 50 Jahre nach seiner Auswanderung schreibt er einen Brief an einen Kinderhilfsverein in Esslingen am Neckar in seiner alten Heimat. Dies geschah möglicherweise in Erinnerung an seine eigene Kindheit in Armut und dem Bedürfnis Kinder vor Ort, die sich in ähnlichen Verhältnissen befanden, zu unterstützen. Aber auch bei diesem Beispiel kann der Inhalt des Briefes, der nicht überliefert ist, nur durch oben beschriebene Indizien ansatzweise näher rekonstruiert werden.

Ein besonderer Fund für die Zusammenführung von Brief und archivalisch überlieferten Quellen bildete jedoch der 1905 eingereichte Antrag auf einen Reisepass, da Bernloehr für einige Zeit aus geschäftlichen Gründen nach Europa zu reisen plante. Die dort überlieferte Unterschrift Bernloehrs (folgend abgebildet) ist mit der handschriftlichen Notiz des Absenders im dazu vorgefertigten Feld auf dem hier betrachteten Brief nahezu identisch obwohl etwa 20 Jahre zwischen ihnen liegen:

Somit kann, obwohl der genaue Inhalt des Briefes weiterhin unklar bleibt, zweifelsohne bestätigt werden, das Briefschreiber und Person der archivalischen Überlieferung identisch sind.

Diese beiden Beispiele zeigen letztlich, wie groß das Potenzial ist, das in dieser Quellengattung (selbst wenn nur ein Briefumschlag erhalten und der Inhalt längst verloren ist) und der Social Philately-Bewegung auch für die Geschichtswissenschaft, insbesondere für mikrohistorische Fragestellungen, steckt. Bisher (Stand 22.07.2024) gibt es in FactGrid einen Bestand von 3790 Dokumenten, denen der Werktyp “Brief” zugeordnet ist, dazu kommen weniger als 10 Postkarten. Der Großteil dieser Dokumente stammt aus archivalischen Überlieferungen und Projekten, wie dem oben genannten Beispiel zu den Korrespondenznetzwerken der Illuminaten. Mit der Erfassung auch “einfacher Alltagskorrespondenz” jenseits dessen, was von Archivaren für überlieferungswürdig erklärt und gesammelt wird, könnte dieser Bereich ungemein wachsen, Lücken schließen und neue Verbindungen schaffen, insbesondere mit Blick auf die zahlreichen mittlerweile existierenden Projekte, die ganze Stadtbevölkerungen erfassen (beispielsweise Gotha, Leipzig oder Aschersleben).

Dementsprechend ist dieser Beitrag ein Plädoyer, die Alltagskorrespondenz des 19. und 20. Jahrhunderts, wie man sie zu Tausenden in philatelistischen Sammlungen überliefert findet, nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Gleichzeitig sollten diese Daten gezielt gesammelt sowie zentral erfasst und dokumentiert werden. Dazu bietet FactGrid eine ideale Plattform.

Ihr Potenzial liegt auch in der Zufälligkeit des Zugangs oder der Entdeckung entsprechenden Materials. Hier kann Großes gehoben werden und aus kleinen, zunächst unbedeutend erscheinenden Bausteinen ein neuer und ergänzender Blick auf die Geschichte im Großen gelingen. Dies könnte sich auf die kommunistische Bewegung der 1920er Jahre, die Biographien von Schoah-Überlebenden oder die transatlantische Migration im 19. Jahrhundert beziehen, um nur einige der oben beschriebenen Beispiele zusammenzufassen.

Accessing the Sessions of the Bamberg Cathedral Chapter

Conservative estimates assume that towards the end of the early modern period, more than a tenth of the population of the Holy Roman Empire lived in ecclesiastical states.1See Christophe Duhamelle, L‘Héritage Collectif. La Noblesse d‘Église rhénane, 17e-18e Siècles, Paris 1998, p. 29. Other estimations are even higher, see Egon Johannes Greipl, Zur weltlichen Herrschaft der Fürstbischöfe in der Zeit vom Westfälischen Frieden bis zur Säkularisation, in: Römische Quartalschrift 83 (1988), pp. 252-264, here pp. 252-53; Bettina Braun, Die geistlichen Fürsten im Rahmen der Reichsverfassung 1648-1803. Zum Stand der Forschung, in: Wolfgang Wüst (ed.), Geistliche Staaten in Oberdeutschland im Rahmen der Reichsverfassung. Kultur, Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Epfendorf 2002, pp. 25-52, here p. 26. In Franconia, the proportion was even higher.2Peter Claus Hartmann, Der Bayerische Reichskreis (1500 bis 1803). Strukturen, Geschichte und Bedeutung im Rahmen der Kreisverfassung und der allgemeinen institutionellen Entwicklung des Heiligen Römischen Reiches, Berlin 1997, p. 76. Almost half of the inhabitants of the Franconian Imperial District belonged to an ecclesiastical dominion, i.e. were ruled by prince-bishops or abbots. While their functions in the Germania Sacra can already be considered well researched, less is known about their co-rulers, the cathedral chapters. The Bamberg DFG project “Governance, transition management and memory of an ecclesiastical corporation. Scriptuality of the Bamberg cathedral chapter” has therefore dedicated itself to this corporation – starting with the sessions that formed the centre of the chapter’s decision making. For the project, they were collated in a database by Alissa L’Abbé and Oliver Kruk.

What the Cathedral Chapter was

The Bamberg Cathedral Chapter was a corporation of 34 clerics, all of whom came from the nobility, mostly from the (imperial) knighthood. The group was divided into (essentially) two classes: 20 canons with full rights had a seat in the choir, received a full income and were allowed to vote at chapter meetings as well as in bishop elections. The up to 14 “junior canons” (domicellaries) did not yet have full rights, but had a candidate status. When a canon left due to death or resignation, they could take over his vacant seat. Who succeeded to the cathedral chapter was decided by the other canons in a rotation system.

The duties of the cathedral chapter could change slightly from time to time, but consisted of three core elements (over and above the canons’ spiritual duties): Firstly, the cathedral chapters are best known for their function as the electoral body of the prince-bishops. When a bishop died, they took over the government of the prince-bishopric during the vacancy, prepared the next episcopal election and ultimately decided who the next bishop would be. The prince-bishops of the early modern period therefore all originated from the corporation itself. After the election, the chapter swore the elected bishop to a collection of rights and duties, the so-called electoral capitulation. In this way, secondly, the cathedral chapter gained some central rights in the government of the prince-bishopric as early as the Middle Ages. For example, the prince-bishop was not allowed to levy taxes, pass laws or appoint officials without the consent of the cathedral chapter. Thirdly, the cathedral chapter was a largely independent sovereign in parts of the prince-bishopric, for example in Staffelstein and (until the 18th century) in parts of Bamberg, the so-called immunities. Here it could levy its own taxes, issue mandates and dispense justice itself. In addition, it had its own property from which it generated income.3For basic insights, see Oliver Kruk, “Nit on meines Capitels Wissen”. Praktiken des Informations- und Wissensmanagements in der Verwaltung und Herrschaft des Bamberger Domkapitels, 1522–1623, Baden-Baden 2024, pp. 49-90. See also Dieter J. Weiss, Fürstbischof und Domkapitel zur Schönbornzeit. Geteilte Herrschaft im Hochstift Bamberg?, in: Johannes Erichsen, Katharina Heinemann, Katrin Janis (eds.), KaiserRäume – KaiserTräume. Forschen und Restaurieren in der Bamberger Residenz, München 2007, pp. 21-27; Christoph Mann, Das Bamberger Domkapitel im späten 18. Jahrhundert. Lebensstile, Parteiungen, Reformfähigkeit, in: Mark Häberlein, Kerstin Kech, Johannes Staudenmaier (eds.), Bamberg in der Frühen Neuzeit. Neue Beiträge zur Geschichte von Stadt und Hochstift, Bamberg 2008, pp. 319-346; Ansgar Frenken, Bamberg, Domkapitel, 2010, http://www.historisches-lexikonbayerns. de/Lexikon/Bamberg,_Domkapitel (18. November 2022).

Decision-making in the Cathedral Chapter

At its sessions, the cathedral chapter made joint decisions on the issues of territorial rule and the co-government of the prince-bishopric as outlined above, as well as on matters of finance and property management. These meetings were initially held on two fixed sessions days per week (Tuesdays and Fridays). In the 18th century, however, meetings tended to be convened as required. In addition to the ordinary and extraordinary meetings, the dean, as chairman of the cathedral chapter, could also convene peremptorial sessions. At these sessions, the chapter discussed particularly important issues. Usually, all sessions took place in the chapter’s house next to the Bamberg cathedral. Only in times of war, and, later in the 18th century, for informal discussions, the canons met outside the usual framework to be able to continue consulting.

Ordinary sessions were generally only sparsely attended. This was related to the fact that most canons were prebended in several cathedral chapters and thus were absent. Moreover, they carried out tasks in the government of the prince-bishopric, e.g. in diplomatic missions. Therefore, only six out of 20 canons attended the ordinary sessions on average. For the peremptorial sessions, this number is way higher.

The canons present made decisions collectively. As there was a flat hierarchy within the chapter without a strong enforcement authority, the canons could either come to an amicable agreement or hold a vote. Especially in the 16th century, the canons endeavoured to reach a joint decision. This decision was seen as especially binding and produced strong legitimacy. Thus, the protocolls hide signs of political debate and contradiction. This changed over time: In 18th century, open discussions and combative voting took place far more often. We even find voting lists in the corresponding minute books, providing information about voting behaviour and conflict within the chapter. This difference indicates changed patterns of decision-making, but also new perceptions of honor.

The Minute Books as Historical Source

Since the chapter’s decisions were legally binding, they have been written down in the so-called “Rezessbücher” (minute books), starting in the mid-15th century. The entries are sorted by date and held in German language from their start. While they tend to be very short early in the 16th century (most decision are recorded in just one or two sentences), they become more detailed over time. As early as 1600, individual entries sometimes took up several pages of space. They include not just the decision itself, but also additional material, such as reports from officials, incoming letters or counselling content, providing further information on the corresponding topics. Since 1566, attendance lists have been added to the minute books.

Concerning written records, the cathedral chapter was far ahead of the prince-bishop in Bamberg: A continuous and serial tradition in his administration only began in the late 17th century. This is why the cathedral chapter’s minute books are the most important records of the prince-bishopric for the 16th and 17th centuries. Even beyond that time, they depict large parts of the chapter’s activities and, thus, contain details about several aspects of early modern society as well as the prince-bishoprics governmental, religious, administration and cultural history.

By making the minute books (and, by that, the sessions) of the cathedral chapter available, our data can help to access these sources from different perspectives and concerning various research questions and topics. The data thus is not just relevant for regional historians of Franconia or research topics related to the prince-bishoprics and the Imperial Church. Instead, it can be used for research on corporate decision-making, on the knighthood, on poverty, crafts and food supply, as well as on administration, reformation, military and university history – to name just a few use cases.

What’s the Data?

The data collected focusses primarily on the sessions of the Bamberg Cathedral Chapter. It includes more than 1500 sessions between 1505 and 1803, their dates, their form (i.e. if one session is ordinary, extraordinary or a peremptorial session), their attendance lists, as well as short summaries of the discussed subjects. In order to be able to find specific sessions, we have also recorded references to places (P434), persons (P33) and topics (P256), which can be queried via the Query Service. Moreover, the inventory position and a link to the corresponding online digitisation make the original sources easily accessible.

By that, users can easily find and visualise references – e.g. to places mentioned in the minute books. A map depicting these references shows the geographical focus of the chapter in the Franconian area, while indicating supra-regional references to other princely courts, dioceses, universities or the papal state.

When looking for certain topics, users can browse a list of keywords linked to one or multiple sessions of the cathedral chapter. The variety of topics indicates the broad range of contents contained in the minute books.

Going on from a special keyword, users can generate queries that help to navigate to the relevant information. For example, they can create lists that itemise sessions to certain topics. In the following, one can find sessions in which the episcopal elections have been discussed (as a timeline).

What’s missing?

Over 300 years of administrative activity and more than 120 volumes of books are a life’s work. However, since we could not devote our entire lives to it, the data remains incomplete so far. Since we worked on the period from 1522 to 1623, on the one hand, and the second half of the 18th century on the other, the period in between remains almost completely unilluminated. We also had to make a selection for the time periods of our PhD-projects. On the one hand, the selection of sessions involved cross-sections, i.e. individual years or time periods that were chosen more or less at random in order to gain a representative insight into the administrative and governmental activities of the cathedral chapter. In addition, we have analysed individual sessions in more detail, which have been thematically integrated into our PhD-projects. This is why the timeline of sessions included in our data set looks somewhat full of holes.

That said, the timeline not only shows what we were unable to compile, but also what other researchers can still explore. The sources are available online, and we are looking forward to what is yet to come.

Aschersleben im 19. Jahrhundert – ein Zwischenstand

Die erste Aufgabe für das Projekt “Aschersleben im 18. und 19. Jahrhundert” bildete die Schaffung eines Geodatensatzes orientiert an den zum damaligen Zeitpunkt bereits vorhandenen Projekten zu Paris und Gotha. Im Zuge dessen wurden basierend auf den im Stadtarchiv zugänglichen folgenden drei Quellen bisher 1532 Liegenschaften im Stadtbereich von Aschersleben (Stand 7. Juni 2024) angelegt:

Situationsplan von Aschersleben, 1839

Amtliches Verzeichniß der polizeilichen Nummern der Wohngebäude der Stadt Aschersleben, 1875

Plan der Stadt Aschersleben, 1885 

Für jede Liegenschaft wurden folgende Informationen flächendeckend aufgenommen: Konkordanz der Nummerierung vor und nach 1875 (im Label und unter der Property Benennung), Zuordnung zu Straße und Stadtviertel, Geokoordinaten und Informationen zu Aspekten der Gestaltung. Über die Benennung ist letztlich auch abrufbar, welchem System der Hausnummerierung die Angabe zugeordnet werden kann. Sukzessive werden diese Daten um historische Fotos, aktuelle Fotos, Angaben zur Nutzung der Gebäude und der Objektnummer des Denkmalinformationssystems für Sachsen-Anhalt ergänzt.

Aktueller Stand der Georeferenzierung sämtlicher Adressen in Aschersleben für das 19. Jh.:

Aus dem Stadtplan von 1839 konnten zudem flächendeckend Informationen zur Bauweise jedes Gebäudes (Massiv, Fachwerk) bzw. zur Art der Bedachung (Ziegel, Schiefer, Holz) gewonnen werden , die für alle Liegenschaften abrufbar und statistisch auswertbar sind, zum Beispiel:

Kartenansicht aller Gebäude in Massivbauweise mit Zeitfilter 1839

Barchartstatistik mit Zeitfilter 1839 für alle Aspekte der Gestaltung, die Unterklasse von Bauweise sind

Besondere Schwerpunkte wurden zusätzlich auf die Erfassung und Georeferenzierung der Friedhöfe, sowie der Stadtbefestigungsanlagen (wenn erhalten, mit Bildern versehen) gelegt:

Karte mit Türmen, Schalen und Stadttoren

Friedhöfe im Stadtgebiet – Kartenübersicht

Neben der Erfassung sämtlicher Liegenschaften bildet die Aufnahme von Personendaten eine zweite wichtige Säule des Projektes. Hierfür wurden bisher zunächst alle Haushaltsvorstände des Adressbuchs von 1865 mit Namen, Karriereaussagen und Wohnadressen erfasst und in FactGrid hochgeladen. Hierzu ist ein erster Datensatz im Umfang von 3743 Personen-Items entstanden:

Alle Haushaltsvorstände (1865) mit Karriereaussagen

Statistische Auswertung der Karriereaussagen nach Berufsgruppen:

Langfristiges nächstes Zwischenziel des Projektes wird die Erschließung aller Einwohner der Stadt (über die Haushaltsvorstände hinaus) nach der Urliste der Einwohner von 1864 mit Angaben zu Geburtsdaten, Karriereaussagen, Religion, Adressen, Verwandtschaftsbeziehungen und Haushaltszugehörigkeit, sowie die Aufnahme der Angaben zu Hauseigentümern für 1865 und 1875 aus den Adressbüchern sein.

Eine bisher unbekannte Quelle zum frühen Netzwerk der Franckeschen Stiftungen

Im Hauptarchiv der Franckeschen Stiftungen befindet sich unter der Signatur AFSt/H A 9 eine 300 seitige gebundene Namensliste, die bisher in der Forschung nie beachtet wurde, weil vollkommen unbekannt war, wann sie erstellt wurde, wer sie erstellt hat, wer die Personen sind, die darin auftauchen oder zu welchem Zweck sie angelegt wurde.

Diese Liste besteht aus drei Teilen: einem ersten alphabetischen Namensregister (Seite 1-137), einem zweiten alphabetischen Namensregister unter dem Titel “Supplementum” (Seite 138-227) und einem Ortsregister, für welches auf den vorhandenen Leerseiten die verzeichneten Personen nach bestimmten Orten aufgelistet wurden; siehe zum Beispiel:

Alle Einträge des alphabethischen Registers (S. 1-137).

In diesen drei Teilen der Liste lassen sich drei bis vier Schreibhände identifizieren. Durch Handschriftenvergleich lassen sich zumindest zwei dieser Schreibhände relativ sicher identifizieren. Liste 1, die von nur einer Person geführt wurde, wurde vermutlich von Georg Heinrich Neubauer (Ökonom, Waisenvater und Baumeister der Anstalten) angelegt. Liste 2, das Supplementum, wurde durch Heinrich Julius Elers (Gründer und Inspektor von Buchhandlung und Druckerei des Waisenhauses) und vermutlich einem weiteren unbekannten Schreiber angelegt. Das Ortsregister verfasste ein weiterer unbekannter Schreiber. Ein möglicher Verdächtiger hierfür ist Gottfried Rost, der Schreibmeister der Anstalten, die einzige weitere Person aus dem näheren Umfeld bzw. der Leitungsebene des Waisenhauses, die nicht in der Liste genannt wird. Alle drei genannten Personen waren bereits in der Frühzeit des Waisenhauses enge Mitarbeiter und Vertraute August Hermann Franckes.

Die Datierung der Listenteile lässt sich ziemlich sicher vornehmen, wirft man einen Blick auf die 1906 Personeneinträge der Listen für 1506 Einzelpersonen und kontextualisiert diese mit bekannten Lebensdaten und -ereignissen der  Personen. Liste 1 muss zwischen etwa 1697 und 1699 angelegt worden sein. Einerseits gibt es einen Eintrag, wo 1697 direkt als Sterbedatum einer Person vermerkt wurde. Andererseits taucht beispielsweise die Witwe Catharina Rosina Bauer in der Liste auf, die zuletzt im Witwenhaus in Halle lebte und deren Beerdigung 1699 von Carl Hildebrand von Canstein finanziert wurde. Die Liste muss angelegt worden sein, als alle auf ihr verzeichneten Personen noch am Leben waren. Dies bestätigt sich auch durch die Listenführungspraxis: es gibt keine Streichungen oder Korrekturen, vielmehr beginnt man stattdessen später eine neue Liste, das Supplementum. Einen weiteren spannenden Hinweis bietet der Eintrag von Georg Friedrich Hollstein, hier noch unter seiner Geburtsstadt Bad Durlach verortet. Er nahm ab ca. 1700 an der Reise mehrerer hallescher Pietisten, wie Anhard Adlung und Christoph Salchow, nach Istanbul teil, die auch in Teil 2 der Liste eine wesentliche Rolle spielt. Bei diesem zweiten Teil lässt sich die Datierung noch genauer auf das Jahr 1700 eingrenzen. Es gibt den Eintrag für Johanna Salome Becker, hier bereits als Witwe gekennzeichnet (ihr Ehemann starb 1699); weiterhin beispielsweise Johann Daniel Mylius, der 1701 starb. Ebenso interessant sind die Einträge für Christoph Salchow und Justus Falkner; beide mit den Worten: “auf der Reise” gekennzeichnet. Christoph Salchow war genau zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Istanbul und Justus Falkner war zeitgleich mit seinem Bruder auf dem Weg nach Germantown in Pennsylvania. Hier lässt sich also die Datierung relativ zweifelsfrei auf 1700 eingrenzen. Das Stadtregister am Ende des Bandes muss noch einmal später und mit aktualisierten Wissensbeständen angelegt worden sein. So tauchen verstorbene Personen nicht mehr auf, und der bereits genannte Christoph Salchow ist beispielsweise nicht mehr auf der Reise, sondern bereits als in Istanbul angekommen geführt.

Ein genauer Zweck dieser Liste lässt sich nur annähernd bestimmen, betrachtet man; wer waren die Personen auf der Liste und in welchen weiteren Quellen im Umfeld des Waisenhauses tauchen sie auf. Das soziale Spektrum der Eingetragenen ist dabei unglaublich breit und reicht vom einfachen Knopfmacher in Glaucha bis hin zu Personen wie August Hermann Francke oder Gottfried Wilhelm Leibniz. Ebenso breit gefächert über ganz Europa ist der Einzugsbereich der Orte, die den Einträgen auf der Liste meist zugeordnet worden sind:

Man kann also bereits in dieser frühen Zeit um 1700 von einem europaweiten Netzwerk rund um das Waisenhaus sprechen, auf das diese Liste zu deuten scheint. So ist jeder Eintrag recht kurz gehalten und besteht meist nur aus dem Namen der Person, ihrem Beruf und dem Ort, an dem sie sich gerade aufhält. Der Abgleich mit anderen Quellen, wie Tagebüchern, Reiseberichten und Steuerprotokollen bringt dazu jedoch weitere interessante Aufschlüsse. Ein großer Teil der in der Liste verzeichneten Personen waren damals schon kirchliche und weltliche Amtsträger überall im Reich (Statistik der ermittelten Karriereaussagen), die sich bei näherer Untersuchung oft auch als frühe Unterstützer des Waisenhauses herausstellen. Dazu wurde punktuell bisher ein Schreibkalender von August Hermann Francke, ein weiterer von Georg Heinrich Neubauer und der Reisebericht von Franckes Berlin-Reise 1698 untersucht und sämtliche Personen aufgenommen, die sich in der Liste wiederfinden lassen. Weiterhin hat ein Abgleich der etwa 600 Einträge ohne Ortsbezeichnung, da die Personen in Halle lebten, mit den Steuerrevisionsprotokollen für Glaucha und Neumarkt von 1684 gezeigt, das auch die Vernetzung vor Ort eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Zur Einordnung der Zahlen: erst 1682 hatte es in Glaucha einen Pestausbruch gegeben nach dem von vormals 1200 Einwohnern in Glaucha nur etwa 400 überlebt hatten. Das Waisenhaus stand also auch mit einem nicht unerheblichen Teil der Stadtbevölkerung in einer noch nicht näher definierbaren Verbindung, der sich in Zukunft durch die Erschließung neuer Daten in FactGrid immer weiter genähert werden kann. So ist es möglich, eine bisher gänzlich unkontextualisierte Namensliste zu einer fruchtbaren Quelle für die Erforschung der frühen Netzwerke rund um August Hermann Francke und die Franckeschen Stiftungen zu machen.