ddpp | Ein Datensatz deutscher politischer Parteien

Der hiermit vorgelegte Datensatz zur deutschen Parteiengeschichte dürfte – mit aktuell 873 gelisteten Parteien – im Moment der umfassendste seiner Art im Internet sein: Frei nutzbar, in beliebiger Konfiguration herunter zu laden, in Hintergrunddaten ausgreifend und zudem (mit einem frei erhältlichen FactGrid-Konto) unter beliebigen Forschungsinteressen auf die eigenen Bedürfnisse hin bearbeitbar.

Zum Vergleich: 59 aktive und 35 historische Parteien notiert der Datensatz des GBV zum Thema mit dem Angebot extrem unhandlicher Identifikatoren und ohne sehr viel tieferen Informationsgehalt. Wikidata überholte Projekte wie dieses in den letzten Jahren – allerdings auch immer wieder mit dem Nachteil, dass die dabei entstehenden Datensätze nicht so recht geplant waren und damit so einfach nicht zu handhaben sind. Die deutschen Parteien in Wikidata sind über keine einheitliche Recherche zu erfassen; es ging hier nicht darum, einen gleichmäßig ausgestatteten wie vollständigen Datensatz herzustellen. Einzelne, voneinander nicht informierte Eingaben akkumulierten sich hier eher planlos. Bewegt man sich in der Gegenwart, sollte man die Liste zu Rate ziehen, die die Bundeswahlleiterin 2024 vorlegte: Ausgewählte Daten politischer Vereinigungen, Stand 31.12.2023 (Wiesbaden, Juli 2024). Mit 637 Einträgen für die Jahre 1969 bis 2023 ist sie die dichteste Sammlung zur Parteienlandschaft der letzten 50 Jahre. Jede einzelne Partei ist hier mit Eckdaten aus der Buchführung der Wahlleitung versehen. Wikidata, in der quantitativen Erfassung wie in der Stringenz unterlegen, gewinnt an ganz anderen Stellen in der Vernetzung etwa mit Personen: Gut 15.000 Personen sind in Wikidata als Mitglieder mit der NSDAP verbunden, wohl weil die Informationen aus entsprechenden Wikipedia-Artikeln zur Verfügung standen. Wikidata bietet Serien von Mitgliederzahlen, externe Identifikatoren aus anderen Datenbanken oder Informationen zu Wahlen, in denen diese Parteien antraten.

Der vorliegende Datensatz ist genetisch ein Amalgam aus beiden Quellen und, gezielt als Partei-Datensatz angelegt, auf Homogenität hin gestaltet. Der Datensatz der Bundeswahlleiterin lässt sich dabei mit all seinen Eckdaten isolieren. Gleichzeitig reicht der vorliegende Datensatz dank Wikidata bis in die Frühphase des deutschen Parlamentarismus der vor der Reichseinigung stehenden Länder hinab.

Die gelisteten Parteien sind geschlossen mit einem Projekt-Item als zum „ddpp-Datensatz“ gehörige isolierbar, sie lassen sich gleichzeitig beliebig filtern (etwa um nur Parteien der BRD oder der DDR zu erfassen) oder ausdehnen: etwa im Blick auf historische Eckdaten, Organisationsbeziehungen, Parteiprogrammatiken oder involvierte Personen.

Statt einer einfachen Definition – Angebote, Definitionen selbst vorzunehmen

Der vorliegende Datensatz verfügt über kein klares Definitionskriterium und das sollte als Vorteil notiert sein. Man selbst kann ihn streng definieren oder öffnen, um etwa auch „Listen“, „Wahlgemeinschaften“ oder prominente „Orts-“ und „Landesverbände“ zu erfassen. Das ist sinnvoll schon allein, da sich aus all diesen auf Wahlzetteln auftauchenden Organisationsformen Parteien entfalten können, die am Ende bundesweit auftreten und sich im Parteiengefüge etablieren (wie dies etwa die Grünen taten). Die FactGrid-Datenbank hat kein Zentrum. Würde jemand NSDAP-Ortsverbände zu seinem Thema machen, wären diese das Zentrum seines Datensatzes und die Parteienlandschaft der Weimarer Republik nur der unüberschaubare Rand.

Die Problemlag wird mit der Frage nach dem Gründungsdatum der SPD im Detail greifbar: Der vorliegende Datensatz bietet tatsächlich vier Gründungsdaten mitsamt den Gründen, die sie im Einzelnen nahelegen. Es handelt sich bei drei der Datierungen um Gründungsdaten von Parteien, die die SPD als historische Wurzeln beansprucht. Wenn man diese Daten den einzelnen Vorgängern zuordnet, ist das Jahr 1890 mit dem Erfurter Gründungskonvent das allein der SPD zuzuordnende Gründungsdatum (und darum hier hochgewertet):

Der FactGrid „Datensatz zu deutschen politischen Parteien (ddpp)“ lebt in dieser Vielschichtigkeit der Möglichkeiten von seinem Angebot, ihn unterschiedlich zu fassen. Mit ihm sollte vor allem durchdacht werden, wie man sich dem Problem besser als mit einer Definition nähert. Die Antwort lautet: durch den beliebig umfassenden Datensatz, der jederzeit die Verlagerung und Verengung des Blickwinkels erlaubt.

Den ddpp-Datensatz praktisch nutzen

Der vorliegende Datensatz sollte es möglich machen, alle gelisteten Parteien eindeutig voneinander abzugrenzen und im komplizierten Fall direkt miteinander in Beziehung zu setzen: Es gibt in der Tat einen Unterschied zwischen WiR2020 (Q1182789) und Wir2020 (Q1211961); er liegt ostentativ im kleinen r, das Wir2000 als Erkennungsmerkmal beansprucht. Im spezifischen Datensatz wird klarer, dass die Partei mit dem kleinen r eine Abspaltung von und eine Kampfansage gegenüber der Mutter mit dem großen R ist. Die Q-Nummern erlauben es, die Unterschiede den Notizen in den Datensätzen zu überlassen. Im Datensatz sind im selben Moment Übersetzungen (aktuell englischer, französischer und spanischer Sprache) im Angebot sowie Verlinkungen zu Wikidata, zur GND, zur Publikation der Bundeswahlleiterin und zu Wikipedia-Artikeln, die mehr Informationen bieten.

In der praktischen Nutzung sollte jeweils der spröde „Basisdatensatz“ im Zentrum stehen, der es erlaubt, beliebig zu filtern wie beliebig zu erweitern. Im Basisdatensatz erscheint jede Partei nur einmal mit ihrer ID und kurzem Identifikationsangebot:

Die einzelnen Listen lassen sich nun beliebig erweitern, wobei Parteien in den dabei entstehenden Tabellen mitunter mehrere Zeilen erhalten, zum Beispiel, wenn mehrere GND-Nummern in der diesbezüglichen Spalte zu notieren sind.

  1. Datensatz: Die Parteien mit (soweit vorhanden) externen Identifikatoren: Wikidata, GND, Liste der Bundeswahlleiterin für die Jahre 1969 bis 2023 chronologisch nach Gründungsdatum sortiert.
  2. Datensatz: Die (Um-)Bennungen mit Datierungen. Diese Abfrage ist besonders nützlich in automatisierten Matching-Prozessen, da sie in ihnen Namensvarianten, die sich in Quellen finden, zur Verfügung stellt.
  3. Datensatz: Deutsche Parteien, die zwischen 1969 und 2023 bei der Bundeswahlleitung gelistet waren nach den Ausgewählten Daten politischer Vereinigungen, Stand 31.12.2023 herausgegeben von der Bundeswahlleiterin (Wiesbaden, Juli 2024), mit den dortigen Eckdaten und den Informationen zu respektiven Herausnahmen aus der Aktenführung.
  4. Datensatz: Von welchen Parteien spalteten sich welche Parteien ab?
  5. Datensatz: Alle Parteien, von denen die Bundeswahlleiterin soeben Unterlagen bereitstellt (aktuell 107)
  6. Datensatz: In welchen Parteien gingen die gelisteten auf?
  7. Datensatz: Ideologische Positionierung
  8. Datensatz: Politische Programmpunkte

Die letzten Suchen waren nurmehr punktuell mit Information bestückt; hier wartet der Datensatz im Moment auf Projekte, die in die Tiefe gehen. Eingehendere Suchen ließen sich zu Initiatoren, Gründungsmitgliedern, Parteivorsitzenden bieten, abermals jedoch im Moment nur punktuell.

Wahlergebnisse visualisieren

Seine zentrale Funktionalität entfaltet der Datensatz deutscher politischer Parteien, sobald man ihn im Rahmen des strukturell ganz anders gelagerten (und bis jetzt nur in punktuell vorliegenden) der Wahlergebnisse aller Reichstags- und Bundestagswahlen laufen lässt. Hier die letzte Reichstagswahl vom März 1933, wie sie in der SPARQL-Suche generiert wird und direkt mit den Datensätzen des Projektes kommuniziert:

Reichstagswahl 1933 Bubble Chart

Das FactGrid Datenmodell weicht hier vom Wikidata-Datenmodell ab. Statt auf verschiedene Properties ist hier auf eine einzige gesetzt, die die diversen Zählergebnisse (Erststimmen, Zweitstimmen, Parlamentssitze und Prozentanteile) aufnimmt und unter den Einheiten notiert – das ist praktisch, da sich nun beliebig verschiedenartige Ergebnisse anbieten lassen:

Man kann bei dieser Modellierung an drei Stellschrauben im SPARQL-Skript drehen:

SPARQL-Code für Visualisierung von Wahlergebnissen. Zeile 1: Form der Visualisierung, Zeile 3: die Wahl, deren Ergebnis Visualisiert werden soll (z.B. Bundestagswahl 2025), Zeile 11: Ergebnisaspekt (was dabei gezählt werden soll) etwa Zweitstimmen.

Die FactGrid-Datenlage zu Wahlen ist im Moment noch sehr unvollständig. Wie weit sie gediehen ist, findet sich auf der Projektseite in FactGrid laufend aktuell notiert. Hier ging es erst einmal um eine Realisierung, die handwerkliche Probleme der unterschiedlichen Wikidata-Modellierungen in den Griff kriegt.

Der vernetzte Datensatz

Anders als konventionelle Datensätze sind Wikibase-Datensätze fast immer komplex vernetzt, und das durchaus unüberschaubar.

Die banalste Vernetzung des vorliegenden Datensatz geht von den FactGrid notierten Personen aus:

  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten SPD-Mitglieder (283 mit Stand vom März 2024)
  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten NSDAP-Mitglieder (1559 mit Stand vom März 2024)
  • Datensatz: Alle FactGrid-notierten Personen, die sowohl in der SPD wie in der NSDAP Mitglieder wurden (21 mit Stand vom März 2024)

Die drei Mustersuchen zeigen, dass wir hier theoretisch sehr komplexe Fragen stellen können, etwa nach der Ausbildung von erfassten Parteimitgliedern oder nach Personennetzwerken, die sich etwa über Mitgliedschaften in Logen oder Studentenverbindungen ergaben. Der Vorteil des FactGrid-Datensatzes ist hier erneut, dass er kein Zentrum aufweist. Es ist möglich, laufend neue Aspekte des jeweiligen Interesses zu formulieren und diese danach aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen heraus zu erfassen.

Extrem komplex sind erwartungsgemäß die organisatorischen Vernetzungen der NDSDAP, setzte hier doch eine Partei systematisch staatliche Organisationsstrukturen außer Kraft, um diese danach mit Parteistrukturen wie denen der SS zu ersetzen. Der ddpp-Datensatz bildet dies gerade im Ansatz ab.

Der für die Weiterverwendung offene Datensatz

Jede der im Vorangegangenen angebotenen Mustersuchen lässt sich modifizieren und alle Ergebnisse lassen sich jeweils in verschiedenen Datenformaten (JSON, CSV, TSV, HTML) herunterladen. Am rechten Rand der Tabellen und Visualisierungen bietet stets ein Mouseover-Menü die verschiedenen Formate wie Bearbeitungsoptionen an. Die Daten sind samt und sonders CC0-lizensiert und damit komplikationslos auch ohne Zitat der Quellen in Grafiken verwendbar.

Interessant sollte es sein, Bearbeitungen des Datensatzes auf der Plattform selbst vorzunehmen, so dass andere Nutzer vom Wissenszuwachs direkt profitieren – vor allem aber auch mit dem Vorteil, dass das eigene Projekt an dieser Stelle nicht von vorne anfangen muss und Fragen nach der eigenen Nachhaltigkeit der kollektiven Arbeitsumgebung überlassen kann.

Einige klar benennbare Desiderate seien neben dieser grundsätzlichen Einladung, sich den Datensatz auf der Plattform anzueignen, ausgesprochen: Die Aufstellung der Bundeswahlleiterin erwies sich als überaus nützlich im Angebot harter Klarheiten. Ein enormes Desiderat wären jedoch Verlinkungen zu Digitalisaten der Unterlagen, die die Parteien vorlegten, sowie Notate der Personen, die diese Parteien gründeten und der Adressen der Anmeldungen. Es ist dies ein Desiderat vor allem im Blick auf die kleinen Dateien, die oft nach wenigen Jahren der Inaktivität schon wieder aus den Akten verschwanden und heute nicht einmal über Internetseiten, die sie lancierten sichtbar sind.

Im Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, das das Projekt Rahmen des R:hovono-Projektes initiierte, werden wir eine GND-Situierung des Datensatzes anstreben.

Gut wäre es, die Datenbankobjekte mit Expertise zu Positionierungen, Zielsetzungen, statistischen Daten und vor allem mit Quellverweisen, angereichert anbieten zu können.


  • Featured Image: Wahlwerbung der AIPD, die wohl eher zu den Kunstprojekten zu rechnen ist, und darum ein gesondertes FactGrid-Item hat. Screenshot der Website https://aipd-partei.de/

Erich Riewe (1889-1972) und Erich Riewe (1897-1929) – zwei Schaupieler im Berlin der 1920er Jahre

Im Zuge der Quellenarbeit für das Projekt “Jüdisches Sachsen-Anhalt” stieß ich während der Auswertung der Militärstammrolle der Stadt Aschersleben für 1910 auf den Eintrag eines jüdischen Schauspielers, Erich Riewe, der nur von Januar bis März 1910 in der Stadt lebte, weshalb der Aktenvorgang nach Berlin-Charlottenburg weitergegeben wurde.

Erich Riewe, 1889 in Märkisch-Friedland geboren, war vermutlich für ein Theater-Engagement zu Beginn des Jahres 1910 für einige Monate nach Aschersleben gekommen, kurz vor Antritt seines Militärdienstes, im Alter von 21 Jahren – der Beginn einer Karriere?

Beim Versuch der Rekonstruktion seiner folgenden Lebensstationen sollte sich schnell herausstellen, dass dies ein weniger einfaches Unterfangen werden sollte: Finden sich auf gängigen Plattformen wie Wikidata, der GND oder der Datenbank des Deutschen Literaturarchivs in Marbach bereits Einträge zu einem Schauspieler Erich Riewe, die nur sehr spärlich mit Informationen bestückt sind, wird aufgrund der unterschiedlichen Lebensdaten schnell klar: Im Berlin der 1920er Jahre muss es zwei Schauspieler selbigen Namens gegeben haben, die sich zur gleichen Zeit in ähnlichen Milieus bewegt haben müssen.

Weitere Recherchen in den Berliner Personenstandsregistern führten zu ersten Ergebnissen zu beiden hier untersuchten Personen: Erich Riewe, der 1910 in der Militärstammrolle gelistet war, hatte dreimal geheiratet: zunächst 1916 die Korrespondentin Martha Elisabeth Kornetzke (die Ehe wurde 1927 geschieden); fünf Monate später heiratete er bereits seine zweite Frau Klara Hermine Hedwig Fernow (verstorben 1954 an einer chronischen Lungenentzündung), und im selben Jahr seine dritte Frau Ella, geb. Dumke, mit der Riewe bis zu ihrem Tod 1970 zusammenlebte. Erich Riewe selbst starb zwei Jahre später 1972 in Berlin-Schöneberg. Sein Namensvetter Erich Max Richard Riewe wurde am 06. März 1897 als Sohn evangelischer Eltern in Berlin geboren und verstarb ebenda unverheiratet und im jungen Alter von 32 Jahren am 09. Juli 1929.

Aus weiteren Quellen, wie Zeitungsartikeln, Fotografien, Theaterprogrammheften oder den Notizbüchern Berthold Brechts ergab sich eine Masse an Indizien, die es aufgrund der in den Quellen und Literatur oft fehlerhaften Zuordnung folgend auseinanderzuhalten und wieder richtig zuzuordnen galt.

Durch mehrere Zeitungsartikel des Jahres 1929 im Deutschen Zeitungsportal ließ sich feststellen, das Erich Riewe (1897-1929) zunächst als Schauspieler an den Münchner Kammerspielen und später am Staatstheater in Berlin arbeitete.


Artikel zum Tod Erich Riewes in der Morgenausgabe der Berliner Börsen-Zeitung vom 10. Juli 1929.

Kurz vor seinem Tod übernahm er zudem eine Sprecherrolle in der Hörspielproduktion zu Wilhelm Tell durch die Deutsche Grammophon-AG. Zu diesem Erich Riewe, der in München und Berlin spielte, finden sich zudem Aufzeichnungen in den Notizbüchern Bertolt Brechts. In den Registern der Edition dieser Notizbücher (Seite 102), wird der von Brecht notierte Riewe jedoch mit den Lebensdaten 1889-1972 aufgelöst und ihm zudem eine Mitarbeit an Hörspielproduktionen der Funkstunde Berlin unter der Leitung von Alfred Braun und Bertolt Brecht zugeschrieben (Anhang Notizbuch Bd. 24, Seite 24). Hier muss den Editoren also ein Fehler unterlaufen sein, denn Erich Riewe, der in München und Berlin Theater spielte und kurz vor seinem Tod auch für die Hörspielproduktion Wilhelm Tell tätig war, ist nicht identisch mit seinem acht Jahre älteren Namensvetter, der mit Alfred Braun in der Funkstunde AG Berlin arbeitete. Die Editoren müssen beide Personen jedoch miteinander vermengt haben.


Fotografie von Erich Riewe und Alfred Braun, undatiert (Privatsammlung David Löblich).

Ein weiteres Indiz, das dem so ist, bildet eine im September 2024 aufgetauchte Fotografie, die selbst nicht datiert ist, aber Alfred Braun und Erich Riewe zeigt, mit den aufgedruckten Zusätzen “Funkstunde Berlin 1928-1933” und “Berliner Rundfunk 1947-1949” sowie einer rückseitigen handsignierten Widmung Erich Riewes. Die Datierung dieser Widmung auf den 12. Dezember 1971 und die nahezu identische Unterschrift Riewes im Vergleich zu den Unterschriften auf seinen Heiratsurkunden von 1916 und 1927 (siehe Abb. unten) legen hierbei nahe, dass es sich um Erich Riewe (1889-1972) handelt, der im Register zu den Brecht-Notizbüchern mit den entsprechenden Lebensdaten 1889 bis 1972 richtig identifiziert wurde, aber nicht wie dort beschrieben, identisch mit Erich Riewe ist, der am Staatstheater Berlin und den Münchner Kammerspielen tätig war.


Widmung mit Unterschrift Erich Riewes vom 12. Dezember 1971 (Privatsammlung David Löblich).


Unterschrift Erich Riewes auf seiner Heiratsurkunde von 1927.

Für ihn (Erich Riewe (1897-1929)) finden sich über die bisher genannten Quellen hinaus in der zeitgenössischen Presse zahlreiche Rezensionen über Engagements in Stücken an den genannten Schauspielhäusern. Für Erich Riewe (1889-1972) bleibt dessen Karriereweg allerdings noch unerforscht. Oben genanntes Foto ist ein Indiz für die Zusammenarbeit mit Alfred Braun, der in den auf dem Foto beschriebenen Zeiträumen auch in der Funkstunde Berlin und dem Berliner Rundfunk arbeitete. Darüber hinaus ist über Riewes Weg bis auf das vermutete dreimonatige Gastspiel in Aschersleben, das den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bildete, nichts weiter bekannt. Durch das kollaborative Potential von FactGrid ist jedoch zu hoffen, das sich in Zukunft durch weitere Funde, auch in anderen Projekten, das Bild zu beiden Erich Riewes noch weiter verdichten werden und weitere Puzzleteile, die gefunden werden, der jeweils richtigen Person zugeordnet werden können.

Deutschlands erstes Schuhimperium – das Filialnetzwerk der Schuhwarenfabrik Conrad Tack & Cie. in FactGrid

Nachdem 1883 die Brüder Conrad und Jean Tack sowie Wilhelm Dedermann in Burg eine Schuhwarenfabrik gegründet hatten, die ab 1888 unter dem Namen “Conrad Tack & Cie” firmierte, begann die Geschäftsleitung schon früh mit neuen Verkaufsmethoden zu experimentieren.

Eine dieser Innovationen war ab etwa 1890 der Aufbau eines eigenen Verkaufsnetzes mit Geschäften, die exklusiv die Produkte von Tack führten. So existierten 1890 zunächst sechs eigene Filialen, die bis 1895 bereits auf ein Netz von 25 Geschäften ausgebaut werden konnten.  Folgende Karte des Vertriebsnetzes um 1895 zeigt, dass der Fokus zunächst auf Mitteldeutschland und einige Großstädte im Reich, wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt am Main, lag.


Zweigniederlassungen von Conrad Tack (1895).

Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges sollte dieses Netzwerk auf über 140 Geschäfte wachsen. Der Krieg führte zu einigen kurzzeitigen Wachstumseinbrüchen und Verlusten, wie der Aufgabe der Geschäfte in Straßburg und Metz, aber mit dem Eintritt des Berliner Unternehmers Hermann Krojanker in den Vorstand des Unternehmens, konnte das Netzwerk der Verkaufsstellen in den 1920er Jahren noch einmal signifikant ausgebaut werden. Dabei fokussierte man sich nicht mehr nur auf Großstädte, sondern errichtete ein flächendeckendes Filialnetz im gesamten Reichsgebiet. Ziel dieser Arbeit im Rahmen des Forschungsprojektes “Jüdisches Sachsen-Anhalt” ist die komplette Erfassung des Filialnetzwerkes des Unternehmens. Hierfür ist es gelungen bisher (Stand September 2024) 125 Filialorte zu identifizieren.

Übersicht der bisher 125 identifizierten Niederlassungen der Schuhfabrik Conrad Tack & Cie.

Anhand zweier vollständiger Listen lassen sich dabei Zeitschnitte für die Jahre 1895 und 1912 setzen. Die erste vollständige Liste für das Jahr 1895 findet sich im Berliner Adressbuch für das Jahr 1895 (Siehe Karte 1 oben). Die zweite Liste stammt aus dem Statistischen Jahrbuch zur deutschen Textil-Industrie im Besitze von Aktiengesellschaften und bildet die Größe des Unternehmens im Jahr 1912 ab, als dieses in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Aus dieser Liste wurde auch für jedes Geschäft der im Zuge dieses Prozesses ermittelte Einheitswert jeder Filiale mit in FactGrid erfasst:

Liste aller Geschäfte im Jahr 1912 mit jeweiligem Einheitswert in Mark

Weiterführende Literatur zur Unternehmensgeschichte: Hönicke, Karin: “Tack” – Europas ältester Schuhgroßbetrieb : 110 Jahre Schuhindustrie in Burg, Oschersleben 2005.

Von Sozialisten, Shoah-Überlebenden und dem American Dream. Das Potential von Social Philately für die Geschichtswissenschaft

Social Philately ist eine philatelistische Bewegung, die in den 1980er Jahren in Australien und Neuseeland entstand und Anfang der 2000er Jahre Europa erreichte. Diese Bewegung zielt darauf ab, traditionelle philatelistische Fragestellungen zur Analyse postalischer Belege mit einer breiteren kulturellen und sozialgeschichtlichen Kontextualisierung zu verbinden. Dabei werden nicht nur die reinen Postbelege untersucht, sondern auch die Absender und Empfänger der Briefe, der Text der Briefe oder Postkarten sowie der historische Kontext, in dem diese entstanden sind, berücksichtigt.

Für die Philatelie ist dieser Blick über den eigenen Tellerrand äußerst bereichernd. Aber auch umgekehrt bietet der Blick auf scheinbar einfache und oft irrelevant erscheinende Quellen wie Briefumschläge oder Postkarten ein enormes Potenzial für die Geschichtswissenschaft. Diese Quellen bieten einen leichten Zugang zu einer riesigen und unerschöpflichen Menge an Daten zur Alltagsgeschichte von Menschen aller Gesellschaftsschichten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im privaten Raum entstanden sind. Das Potenzial für Fragestellungen in diesem Bereich ist nahezu unbegrenzt. Es bieten sich Ansätze für die post- und kommunikationsgeschichtliche Forschung, Forschung zu Propaganda und Werbung (bspw. zur Verwendung und Verbreitung von Werbeklischees oder Ganzsachen), biographische Fragestellungen oder Hinweise auf persönliche Netzwerke, die sonst über keine andere Quelle greifbar wären, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Dadurch könnten Zugänge und Methoden genutzt werden, wie sie auch für archivisch überlieferte Korpora üblich sind, wie das folgende Beispiel des Korrespondenznetzwerks der Illuminaten in FactGrid zeigt, welches mögliche Potenziale für Analysen eröffnet:


Korrespondenznetzwerk des Illuminatenordens: Wer schreibt wem, von wo nach wo.

Neben der schieren Masse an zugänglichen Quellen besteht das Problem oder Potenzial der fehlenden Systematisierung und Erschließung solcher Quellen. Die Suche nach bestimmten Briefen oder Themen ist nahezu unmöglich, und Wissenschaftler müssen sich auf den Zufall einlassen, da man beispielsweise vor einem Flohmarktbesuch nie wissen kann, welche Art von Material man finden wird. Einzelne, zufällig entdeckte Dokumente mögen ohne Kontext keine große Relevanz besitzen. Wenn man jedoch diese Daten in großer Menge sammelt, kontextualisiert und miteinander verbindet, eröffnen sich spannende Möglichkeiten zur Erforschung der oben genannten Fragestellungen. Plattformen wie FactGrid bieten für ein solches Unterfangen großes Vernetzungspotenzial. Die Offenheit der Datenbank ermöglicht es, einzelne Belege zu dokumentieren, mit vorhandenen Datensätzen zu verbinden und so persönliche Netzwerke, Biographien etc. nach und nach zu rekonstruieren. Auf diese Weise können aus der zufälligen Erwerbung eines alten Briefes oder einer alten Postkarte wissenschaftlich nutzbare Daten gewonnen werden. Dies soll im Folgenden an zwei Beispielen veranschaulicht werden:

Der erste Beleg stammt aus dem Jahr 1950 und wurde per Luftpost von Montevideo nach Deutschland geschickt. Der Absender des Briefes, Ernesto Schoenthal wurde 1907 in Marienhafe im Landkreis Aurich als Ernst Schönthal in eine jüdische Familie geboren. Er hatte zwei Schwestern und war in Deutschland als Kaufmann tätig. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war er das einzige Mitglied seiner Familie, das rechtzeitig das Land verlassen und 1936 nach Montevideo fliehen konnte. Seine Mutter Bertha Schönthal (geb. Steinberg) war bereits 1937 verstorben und sowohl sein Vater als auch beide Schwestern, die 1940 noch zusammen nach Rinteln gezogen waren, wurden im März 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren. Ernst Schoenthal hingegen scheint es gelungen zu sein, in Uruguay erneut ein Handelsgeschäft aufzubauen und ebenso eine Familie zu gründen.

Nach dem Krieg ist er nie wieder dauerhaft nach Deutschland zurückgekehrt (er verstarb 1987 in Montevideo); scheint sich aber dennoch um das Schicksal seiner Familie und deren Wiedergutmachungsansprüche gekümmert zu haben. In diesem Kontext ist oben abgebildeter Brief aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu erklären. Adressat des Briefes war der Rechtsanwalt und Notar Gerhard Obuch. Dieser war 1884 als Sohn eines Richters in Lauenburg/Pommern geboren und hatte in Leipzig, Berlin und Königsberg Rechtswissenschaften studiert. Vor 1933 war er als Anwalt in Düsseldorf und Berlin tätig, seit 1906 Mitglied der SPD, seit 1917 der USPD und seit 1922 der KPD. Er war im Vorstand der Roten Hilfe Deutschlands, vertrat bei Gerichtsprozessen Angeklagte aus dem Kontext des Spartakusaufstandes und war bis 1933 Abgeordneter im preußischen Landtag für die KPD. Auch er wurde Opfer des NS-Regimes, wurde 1933 verhaftet und ins KZ Sonnenburg verbracht und arbeitete nach seiner Freilassung zunächst nur noch im Straßenbau und ab 1935 als Buchhalter. Nach 1945 war er nicht mehr politisch tätig und darüber hinaus gibt es keine gesicherten Informationen zu seinem Leben nach 1945 bis auf seinen Tod 1960 in Rauenthal.

Über die Verbindung zwischen Schoenthal und Obuch können hier nur Vermutungen angestellt werden, da der genaue Inhalt des Briefes unbekannt ist. Nahe liegt, das Obuch nach dem Krieg wieder als Anwalt tätig war und sich in der Region in der er lebte (wie der Brief zeigt, muss er 1950 von Norderney nach Norden verzogen sein; die Information hatte Schoenthal nicht und muss nachträglich im Prozess der Zustellung durch einen Postbeamten ergänzt worden sein), für Wiedergutmachungsansprüche von Opfern der NS-Herrschaft einsetzte und so zum Ansprechpartner für Schoenthal wurde, der sich um Rückerstattung von enteignetem Vermögen seiner Schwestern und seines Vaters bemühte. Dadurch bietet dieser philatelistische Beleg einen Nachweis über diese mögliche Verbindung der beiden Personen und einen Ausgangspunkt für weitere mögliche Recherchen, beispielsweise in evtl. noch vorhandenen Wiedergutmachungsakten, um oben beschriebene These möglicherweise erhärten oder widerlegen zu können. Dabei bildet dieser Brief einen interessanten Hinweis auf eine Verbindung zwischen unterschiedliche Opfergruppen des NS in ihrer hier möglicherweise gemeinsamen Bemühung um Wiedergutmachung.

Der zweite Beleg, seine Geschichte könnte nicht unterschiedlicher sein, überquerte etwa 25 Jahre früher im Dezember 1925 den Atlantik von Indianapolis nach Esslingen am Neckar. Die Ganzsache wurde im Dezember 1925 von Chris Bernloehr in Indianapolis als R-Brief (Einschreiben) aufgegeben, durchquerte am 10. Dezember die Registry Division der Post in Indianapolis, erreichte zwei Tage später das Auslandspostamt in New York und ein dritter Stempel auf der Briefrückseite bestätigt eine Zustellung mit der württembergischen Bahnpost bereits am 23. Dezember 1925. Der Brief benötigte demzufolge etwa zwei Wochen von Indianapolis bis nach Esslingen in Württemberg:

Neben diesen direkt ablesbaren Informationen zu Briefart und Reiseweg stellt sich nun die Frage nach dem Kontext und der möglichen Geschichte hinter diesem Brief. Christian Bernloehr wurde am 6. Januar 1866 in Adelmannsfelden in Württemberg als eines mehrerer Kinder eines Tagelöhners geboren. Er besuchte in Deutschland keine Schule und vermutlich der Armut geschuldet wanderte die Familie bereits 1876 nach Amerika aus. Dies vermerkte der zuständige Pfarrer nachträglich selbst in Christian Bernloehrs Taufregistereintrag:

Dort heißt es in der Spalte unter seinem Vornamen: “ist mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert”. Über Bernloehr selbst erfährt man aus Zensus-Unterlagen und einem Reisepassantrag, das er recht schnell die englische Sprache gelernt haben muss, seine Körpergröße wird mit 5 Fuß und 7 Inches angegeben (etwa 1,70m), sowie das er schwarze Haare und braune Augen hatte. Die Volkszählungen ab 1900 belegen, das Bernloehr zeitlebens immer in Indianapolis verblieb und sich über die Jahre nach seinem Schulbesuch vom einfachen Zeitungsjungen zu einem angesehenen Juwelier und Uhrmacher hochgearbeitet hatte. Ihm war es also in Amerika (seit 1901 amerikanischer Staatsbürger) gelungen der Armut seiner Heimat zu entkommen. Über sein Leben in Indianapolis erfährt man darüber hinaus mehr in zahlreichen anekdotischen Beiträgen, die der Journalist Anton Scherrer 1938 in einer Rubrik mit dem Titel “Our Town”, nur ein Jahr bevor Bernloehr im September 1939 starb, in der Indianapolis Times veröffentlichte. Aus dem letzten dieser Artikel, seiner Todesanzeige, ist auch zu erfahren, dass Bernloehr trotz seiner Auswanderung zeitlebens seiner Heimat verbunden geblieben sein muss. So wird beispielsweise von seiner Mitgliedschaft in der Schwaben Society in Indianapolis, einem der seinerzeit weit verbreiteten Heimatvereine in den USA, berichtet. Auch der Brief, der den Ausgangspunkt dieser Betrachtungen darstellt, kann vermutlich in diesem Kontext interpretiert werden: Knapp 50 Jahre nach seiner Auswanderung schreibt er einen Brief an einen Kinderhilfsverein in Esslingen am Neckar in seiner alten Heimat. Dies geschah möglicherweise in Erinnerung an seine eigene Kindheit in Armut und dem Bedürfnis Kinder vor Ort, die sich in ähnlichen Verhältnissen befanden, zu unterstützen. Aber auch bei diesem Beispiel kann der Inhalt des Briefes, der nicht überliefert ist, nur durch oben beschriebene Indizien ansatzweise näher rekonstruiert werden.

Ein besonderer Fund für die Zusammenführung von Brief und archivalisch überlieferten Quellen bildete jedoch der 1905 eingereichte Antrag auf einen Reisepass, da Bernloehr für einige Zeit aus geschäftlichen Gründen nach Europa zu reisen plante. Die dort überlieferte Unterschrift Bernloehrs (folgend abgebildet) ist mit der handschriftlichen Notiz des Absenders im dazu vorgefertigten Feld auf dem hier betrachteten Brief nahezu identisch obwohl etwa 20 Jahre zwischen ihnen liegen:

Somit kann, obwohl der genaue Inhalt des Briefes weiterhin unklar bleibt, zweifelsohne bestätigt werden, das Briefschreiber und Person der archivalischen Überlieferung identisch sind.

Diese beiden Beispiele zeigen letztlich, wie groß das Potenzial ist, das in dieser Quellengattung (selbst wenn nur ein Briefumschlag erhalten und der Inhalt längst verloren ist) und der Social Philately-Bewegung auch für die Geschichtswissenschaft, insbesondere für mikrohistorische Fragestellungen, steckt. Bisher (Stand 22.07.2024) gibt es in FactGrid einen Bestand von 3790 Dokumenten, denen der Werktyp “Brief” zugeordnet ist, dazu kommen weniger als 10 Postkarten. Der Großteil dieser Dokumente stammt aus archivalischen Überlieferungen und Projekten, wie dem oben genannten Beispiel zu den Korrespondenznetzwerken der Illuminaten. Mit der Erfassung auch “einfacher Alltagskorrespondenz” jenseits dessen, was von Archivaren für überlieferungswürdig erklärt und gesammelt wird, könnte dieser Bereich ungemein wachsen, Lücken schließen und neue Verbindungen schaffen, insbesondere mit Blick auf die zahlreichen mittlerweile existierenden Projekte, die ganze Stadtbevölkerungen erfassen (beispielsweise Gotha, Leipzig oder Aschersleben).

Dementsprechend ist dieser Beitrag ein Plädoyer, die Alltagskorrespondenz des 19. und 20. Jahrhunderts, wie man sie zu Tausenden in philatelistischen Sammlungen überliefert findet, nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Gleichzeitig sollten diese Daten gezielt gesammelt sowie zentral erfasst und dokumentiert werden. Dazu bietet FactGrid eine ideale Plattform.

Ihr Potenzial liegt auch in der Zufälligkeit des Zugangs oder der Entdeckung entsprechenden Materials. Hier kann Großes gehoben werden und aus kleinen, zunächst unbedeutend erscheinenden Bausteinen ein neuer und ergänzender Blick auf die Geschichte im Großen gelingen. Dies könnte sich auf die kommunistische Bewegung der 1920er Jahre, die Biographien von Schoah-Überlebenden oder die transatlantische Migration im 19. Jahrhundert beziehen, um nur einige der oben beschriebenen Beispiele zusammenzufassen.

Thomas Manns Korrespondenzpartner 1899-1921

Thomas Mann gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Neben seinen literarischen Werken hinterließ er nicht nur eine dichte Überlieferung an Tagebüchern, sondern auch Tausende Briefe, die zu einem großen Teil in verschiedenen Editionen gedruckt vorliegen, seien es Briefbände, die mehrere Jahrzehnte seines Schreibens abdecken, oder Korrespondenzen mit einzelnen Personen wie Hermann Hesse, seinem Bruder Heinrich Mann oder seinem Verleger Samuel Fischer.

Für den Zeitraum 1899 bis 1955 gibt es 2970 Briefe Thomas Manns, die gedruckt vorliegen. Eine Übersicht zu dieser reichhaltigen Schreibtätigkeit bietet die 1969 erschienene Bibliographie “Thomas Manns Briefwerk. Bibliographie gedruckter Briefe aus den Jahren 1889-1955” von Georg Wenzel. Hierin sind alle Briefe Manns nach laufender Nummer mit Empfänger, Datum, Ort und einem Verweis auf die entsprechende Edition aufgelistet und mit Anmerkungen versehen.

Um einen Anfang zu machen, dieses umfassende Netzwerk und seine Korrespondenztätigkeit in FactGrid abzubilden, wurden nun zunächst alle 121 Korrespondenzpartner der Jahre 1899 bis 1921 aufgenommen, seien es Personen, Verlage oder Zeitungen, und ins FactGrid eingepflegt. Da in der Bibliographie zudem keine weiteren Metadaten über die jeweiligen Empfänger notiert sind, erfolgte ein Abgleich und eine Vernetzung der Daten mit Wikidata, Wikipedia, der GND und der ID-Nummer der Datenbank des Deutschen Literatur-Archivs in Marbach, wofür eine neue Property in FactGrid eingeführt wurde. Über insbesondere diese Verlinkung gelingt dem Nutzer ein rascher Zugriff auf alle digitalen Bestände und die Datenbank des dortigen Archivs, seien sie gedruckt oder handschriftlich überliefert:

Liste aller Adressaten Thomas Manns zwischen 1899 und 1921 mit GND- und DLA-Marbach-ID-Nr., sowie Basisdaten zu Geburt und Tod

Neben der Verlinkung wurden auch erste Basisdaten zu der Personen und Körperschaften ins FactGrid eingepflegt; solche sind Angaben zu Namen, Geburtsdaten, Geburtsorten, Sterbedaten, Sterbeorten, Karriereaussagen, Fotografien (falls vorhanden bei WikiMedia-Commons) und in geringem Umfang erste Angaben zu Mitgliedschaften und weiteren Vernetzungen auch untereinander.

Bei der Erschließung dieser Daten zeigten sich bereits erste interessante Synergieeffekte zu anderen Projekten und Datenbeständen, die bereits in FactGrid vorhanden waren, so zum Beispiel zu vertriebenen und Exilwissenschaftlern während der NS-Zeit, zur Schopenhauer-Gesellschaft oder dem Projekt “LGBTIQ*-Knowledge Graph”.

Langfristiges Ziel ist die Aufnahme aller Korrespondenzpartner Thomas Manns aus der oben genannten Bibliographie, um dann langfristig den Schritt wagen zu können, jeden einzelnen Brief in die Datenbank auzufnehmen und auszuwerten und mit den anderen Datenbeständen zu vernetzen.

Links & Literatur

  • Heinz J. Armbrust / Gert Heine, Wer ist wer im Leben von Thomas Mann? Ein Personenlexikon (Frankfurt a.M., Vittorio Klostermann, 2008). Pdf

Die Schopenhauer Gesellschaft 1912-1913 – Ein Forschungsprojekt mit Hilfe des FactGrid

Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts zu deutsch-indischen Kulturbeziehungen in der Zeit des Nationalsozialismus stellte sich mir wiederholt die Frage, weshalb immer wieder eine bestimmte Gruppe von Künstlern und Schopenhauerenthusiasten eine besondere Neigung zu einer Art „spiritueller Indienverehrung“ zeigten. Alle waren verbunden mit Paul Deussen (1845-1919), dem zentralen Initiator der Schopenhauer-Gesellschaft, gegründet 1911 in Kiel. Die Gesellschaft besteht bis heute. Um diese Fälle zu kontextualisieren und um festzustellen, ob diese Nähe zu Schopenhauers Philosophie in einem ursächlichen Zusammenhang mit einer Begeisterung für Indien stand oder doch nicht eher ein Zufall war, habe ich mich, mit der tatkräftigen Unterstützung von Olaf Simons und Martin Gollasch daran gemacht, die Mitgliederlisten der Jahre 1912 und 1913 in FactGrid aufzunehmen und die Personen zu identifizieren. Das Ergebnis überraschte uns in gewisser Weise alle. Im Folgenden sollen die gesammelten Daten anhand einiger Fragen visualisiert und damit „zum Sprechen“ gebracht werden.

Dass die Mitglieder der Schopenhauer Gesellschaft eine bestimmte Schicht bürgerlicher Intellektueller widerspiegeln würde, kann als gesetzt gelten. Indes waren die Fans von Schopenhauer doch etwas speziell in ihrer Zusammensetzung. Es überrascht nicht, dass überdurchschnittlich viele Universitätsprofessoren unter den Mitgliedern waren; eines der Ziele war es doch, den zu Lebzeiten von den deutschen Universitäten stets frustrierten Philosophen postum zu Ansehen zu verhelfen. Ein Überhang von Juristen und Bankiers war schon zu Schopenhauers Lebzeiten auffällig (Hansert 2010: 35) und setzt sich in der Gesellschaft fort. Andere Erkenntnisse, aber auch neue Fragen brachte erst die systematische Identifizierung der ca. 300 Mitglieder zutage.

Zunächst ist die Verteilung der Wohnorte überraschend. Nähme man die Geburtsorte der Mitglieder noch hinzu, käme man zu einem noch größerem Bezug zu Osteuropa, dem Baltikum und Südosteuropa. Die Internationalität der Gesellschaft, die sicherlich ihr Ansehen und ihre Bedeutung erhöhte, sparte den „Westen“ aus, und auch in den USA sehen wir nur deutsche Emigranten. Sicher gab es in Westeuropa kurz vor dem Ersten Weltkrieg gewisse Vorbehalte auch gegen deutsche Philosophie, aber die fast vollständige Abwesenheit von Franzosen und Briten ist schon bemerkenswert. Dass Paul Deussen sehr viele persönliche Freundschaften in Italien pflegte, erklärt einen Teil der Mitglieder dort, aber längst nicht alle. Hier würde der Vergleich mit ähnlichen Gruppen (Richard-Wagner-Vereine), aber auch komplementäre (Anhänger:innen des Positivismus von Auguste Comte, o.a.) sicher interessante Überschneidungen und Unterschiede herauszukristallisieren helfen.


Die Mitglieder der Schopenhauergesellschaft – Wohnorte (interaktive Karte)

Ein Anfangsverdacht, die Indienbegeisterung habe sich auch mit einem mehr oder weniger expliziten Antisemitismus gepaart, bestätigte sich jedenfalls nicht. Es zeigte sich, im Gegenteil, dass der Anteil jüdischer Mitglieder und solcher, die später aufgrund „jüdischer Abstammung“ Verfolgungen ausgesetzt gewesen wären, oder es auch tatsächlich wurden, ist, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sehr hoch war: 24 der 308 Personen, das sind 7,79%, deutlich mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt (der Wert lag in der Volkszählung von 1933 mit den 502.799 gezählten bei 0,77%). Ich vermute, dass der Eintritt in eine Gesellschaft, die als „besonders deutsch“ galt, auch einen integrativen Charakter für assimilierte Jüdinnen und Juden besaß.

Zumindest für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg kann also hinsichtlich des Antisemitismus und im Allgemeinen zu „völkischen“ Ideen kein genauer Zusammenhang hergestellt werden, obwohl viele direkte und indirekte Verbindungen zum „Clan“ der Wagners nach Bayreuth wiesen. Der gesellige und einnehmende Charakter des Paul Deussen (dessen Ehefrau auch aus einer konvertierten jüdischen Familie stammte) hielt die sehr heterogene Gesellschaft zusammen, die in ihrem unangepassten Idol Arthur Schopenhauer auch neue Impulse zur Gestaltung der Zukunft suchten. Hier fanden sich also ganz besondere Leute, Modernekritiker, Antisemit:innen, Sucher nach Ganzheit, Anhänger:innen indischer Weisheit, Platoniker, Künstler:innen, Weltverbesserer, kurz eine Ansammlung von „Querdenkern“ ante litteram (im positiven wie im negativen Sinn). Und dies ist sicherlich kein Zufall, da Schopenhauer als Leitfigur doch für ein „alternatives“ Denken stand und potenziell auch ein anderes Publikum anzog als etwa die viel größeren Goethe-Gesellschaft (gegr. 1885, zu ihrer Zusammensetzung (Wilson 2018: 12-18)) und Kant-Gesellschaft (gegr. 1904).

Nach dem verlorenen Krieg und dem Tod Deussens zeigte sich jedoch der erste Bruch 1920 innerhalb der Gesellschaft genau entlang der Trennlinie mit der Abspaltung der explizit antisemitischen Neuen Deutschen Schopenhauer Gesellschaft, deren stete Nadelstiche der Hauptgesellschaft erheblichen Schaden zufügte (Ciriacì 2011).

Interessant ist der hohe Anteil von Künstler:innen, und zwar besonders im Bereich von Musik, Malerei und Literatur, der verdient, weiter untersucht zu werden. Bisher sind die Mitgliederlisten 1912-13 erfasst und haben schon erstaunliche Funde hervorgebracht. Beispielsweise tauchten nicht weniger als vier Opern mit indischem Sujet in der Nachfolge Wagners auf, die, einmal aufgeführt, keinen Eingang in das klassische Repertoire deutscher Opernhäuser gefunden haben. Des weiteren „indische“ Romane, Pioniere des Buddhismus in Deutschland und Italien, Vegetarier und Kämpfer für Tierrechte, kurz, Gestalter einer Gesellschaft der Zukunft, deren Ideen sich jedoch nicht durchsetzten. Die weitere Arbeit an diesem Datensatz bringt sicher weitere interessante Aspekte hervor. Beiträge dazu sind hoch willkommen!

Für Fragen und zur Zusammenarbeit wenden Sie sich gerne an isabella.schwaderer@uni-erfurt.de.

Datenbankabfragen

Literaturverzeichnis

  • Ciriacì, Fabio (2011): Die Neue Deutsche Schopenhauer-Gesellschaft in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, S. 175–184.
  • Hansert, Andreas (2010): Schopenhauer im 20. Jahrhundert. Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft. Wien: Böhlau.
  • Wilson, W. Daniel (2018): Der Faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich. Originalausgabe. München: dtv.