Bei der Arbeit am Erschließungsprojekt der Matrikel der Christian-Albrechts-Universität Kiel im 17. Jahrhundert anhand des Albums der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel 1665-1865 wurden bei der geografischen Herkunft der Studenten mehrere Cluster deutlich. Neben dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und der Habsburger Monarchie sowie einzelnen Studenten aus Westeuropa fiel vor allem Skandinavien und im besonderen das Baltikum ins Auge.1Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Kieler Studenten, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: < https://tinyurl.com/29jcbx6e > (aufgerufen: 30.07.2025). Mit den Studenten aus der letzteren Region wurde sich hier genauer beschäftigt, mit dem Ziel, diese Balten konkreter anhand ihrer Herkunft, ihres Werdegangs und ihrer geografischen Mobilität zu analysieren und zu vergleichen. Grundlage bildete das Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800 von Arvo Tering, welches sämtliche baltischen Studenten der frühen Neuzeit verzeichnet hat. Des weiteren wurden Datenreferenzierungen mit dem Rostocker Matrikelportal und der GND (Gemeinsame Normdatei) der Deutschen Nationalbibliothek vorgenommen. Als Vergleichsgruppe dienten die schleswigschen Studenten in Kiel, da sich durch das Werk von Achelis vergleichbare Daten finden ließen. Beide Regionen können als Grenzgebiet bzw. Peripherie des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet werden, was diesen Vergleich nochmal interessanter machte. Im Zuge des Projektes wurden die Daten zu 81 baltischen Studenten der Universität Kiel im Zeitraum von 1665 bis einschließlich 1700 gesammelt,2Factgrid-Abfrage. Liste baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/yprjg3z4> (aufgerufen: 30.07.2025). sowie Vergleichsdaten von 738 Studenten aus dem Herzogtum Schleswig3Factgrid-Abfrage. Liste schleswigsche Studenten, <https://tinyurl.com/2b6o5v8z> (aufgerufen: 30.07.2025). genutzt . Im folgenden sollen die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst werden.
Abb.1: Geburtsorte aller Kieler Studenten 1665-1700.
Was die Herkunft der baltischen Studenten angeht, konnte herausgefunden werden, dass die meisten Studenten (64) 4Factgrid-Abfrage. Baltische Studenten unter Schweden, <https://tinyurl.com/296axeze> (aufgerufen: 05.08.2025). aus den zu der Zeit schwedisch-regierten Gebieten Liv- und Estlands kamen und auch dort vor allem aus den großen Städten Riga (23), Reval (18) und Dorpat (9).5Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/2yqcj6cr> (aufgerufen: 05.08.2025). Ethnisch gesehen dürften sie nahezu alle deutschstämmig 6Tering, Arvo (Hrsg.): Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 28), Köln 2018, S. 21 & 27-28. gewesen sein und entstammten sozial gesehen hauptsächlich der geistlichen, ökonomischen und politischen Elite, was anhand der erfassten Väterberufe deutlich wird und für eine geringe soziale Durchmischung an der Universität spricht. Hier findet man bereits den ersten Unterschied zu den Schleswigern, da bei deren Väterberufen der geistliche Stand mit 63,6% (227 Einträge bei 357 Väterberufen) deutlich stärker dominierte als bei den Balten, mit gerade mal 38,3%. Dagegen war der Bereich des Handels bei den Balten deutlich stärker vertreten mit 20% (12) im Gegensatz zu 5,04% (18) bei den Schleswigern. 7Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Balten, <https://tinyurl.com/22zzpbq3> (aufgerufen: 07.08.2025).8Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Schleswiger, <https://tinyurl.com/25s8eln4> (aufgerufen: 07.08.2025). Der Unterschied im Handel lässt sich mit den deutschstämmigen Händlern erklären , welche sich im Baltikum niederließen und im Folgenden ihre Kinder an die Universität schickten. Eine Zuwanderung, welche bereits im 13. Jahrhundert einsetzte,9North, Michael: Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen, München 2011, S. 90. doch auch im 17. Jahrhundert einen erneuten Höhepunkt erfuhr.10Zur Mühlen, Heinz von: Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561-1710/1795), in: Baltische Länder, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, (Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1994, S. 227. Die Kinder dieser Zugezogenen wählten nachdem Studium jedoch nahezu immer ein anderes Metier,11Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025). was einen Übergang zur akademischen Elite zeigt.
Abb. 2: Wirtschaftliche Sektoren der Väterberufe baltischer Studenten der Universität Kiel.
Was die Immatrikulationszahlen an der Universität Kiel angeht, konnte bei den Balten eine steigende Bedeutung des Studienstandortes Kiels beobachtet werden, wobei sich Kiel jedoch erst einmal etablieren musste.12Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen der Balten, <https://tinyurl.com/yqj6u64l > (aufgerufen: 06.08.2025). Dagegen lagen bei den Schleswigern die Hochpunkte vor allem direkt nach der Gründung selbst.13Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen Schleswiger, <https://tinyurl.com/28o9llxk> (aufgerufen: 07.08.2025). Zusätzlich fiel bei beiden Gruppen sowie der Gesamtzahl an Studenten,14Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen aller Studenten, <https://tinyurl.com/25678r4e> (aufgerufen: 07.08.2025). auf, dass sich die Eintragungen in Wellen mit immer wieder größeren Extrema bewegen (vor allem bei den Balten).
Abb. 3: Immatrikulationszahlen baltischer Studenten in Kiel.
Zu den besuchten Studienorten neben Kiel wurde bei beiden Gruppen deutlich, dass die mittel- und norddeutschen Universitäten mit Jena (16 & 113), Wittenberg (16 & 59), Rostock (11 & 71) und Leipzig (10 & 97) dominierten. Zusätzlich spielte für die Balten noch die einheimische Universität Dorbat (20) eine außergewöhnlich große Rolle, obwohl sie im Untersuchungszeitraum nur für zehn Jahre geöffnet war. Das Schleswiger Pendant stellte wohl Kopenhagen (50) dar.15Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten, <https://tinyurl.com/23zmmhwl> (aufgerufen: 06.08.2025).16Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger, <https://tinyurl.com/286sur6u> (aufgerufen: 07.08.2025). Neben der geografischen Nähe spielte vor allem die konfessionelle Ausrichtung für die Wahl des Studienortes die entscheidende Rolle. Die Analyse-Ergebnisse decken sich mit den Ausführungen Bues: „Die Wahl des Studienortes im 16. Und 17. Jahrhundert war meist abhängig von der konfessionellen Ausrichtung der Hochschule. Während Preußen und Kurländer ihre Kinder auf die Universität Königsberg schickten, studierten die Livländer eher in Jena und später in Halle […]“17Bues, Almut: Das Herzogtum Kurland und der Norden der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. und 17. Jahrhundert, Giessen 2001, S. 283..
Abb. 4: Weitere besuchte Studienorte baltischer Studenten (neben Kiel).
Während bei den Väterberufen noch starke Unterschiede zwischen Balten und Schleswigern bestanden, verschwammen diese bei den eigenen Karrierewegen. So dominierte hier eindeutig der geistliche Weg mit 56,1% der Balten (32 Einträge bei 57 Angaben) und 64% der Schleswiger (312 Einträge bei 487 Angaben), ehe danach recht abgeschlagen der Bereich Recht, Regierung und Verwaltung kamen mit jeweils ca. 17,5%.18Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025).19Factgrid-Abfrage, Karrieren der Schleswiger, <https://tinyurl.com/23vnoqfd> (aufgerufen: 07.08.2025). Anhand dieser Differenz bei den geistlichen (Väter-) Berufen konnte die These aufgestellt werden, dass im Baltikum im 17. Jahrhundert ein Defizit an Pastoren bestand, zumindest im Vergleich zum Herzogtum Schleswig. Dieser Bedarf wurde offenbar damit zudecken versucht, dass man baltische Studenten an die Universitäten Mittel- und Norddeutschlands schickte, auf dass sie dort Theologie studieren sollten. Da bei den Studenten des baltischen 17. Jahrhunderts die Differenz zu den Schleswigern zurückgeht könnte man annehmen, dass dieses Vorhaben teilweise Erfolge erzielte. Untermauert wird diese These mit den Motiven hinter der Gründung der Universität Dorbat/ Tartu nach Rausch20Rausch, Georg von: Reflexe des abendländischen Geistesleben an der schwedischen Universität Dorpat, in: Die Universitäten Dorpat/ Tartu, Riga und Wilna/ Vilnius 1579-1979. Beiträge zu ihrer Geschichte und ihrer Wirkung im Grenzbereich zwischen West und Ost, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, Toivo U. Raun, Paul Kaegbein, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 9), Köln und Wien 1987, S. 10. und zusätzlich den Ausführungen zur Mühlens bezüglich des großen Mangels an vor allem Theologen im Baltikum. Ein Bedarf den die Universität Dorpat in keinem Maß alleine decken konnte und somit die Zuwanderung bzw. das Studium in Deutschland entscheidend für die Bemannung der akademischen Schicht war.21Zur Mühlen, Das Ostbaltikum unter Herrschaft der Nachbarmächte, S. 209-210.
Abb. 5: Berufsverteilung baltischer Studenten der Universität Kiel.
Bezüglich der geografischen Mobilität konnte unter anderem am Beispiel des Johann Hornung22 Johann Hornung, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: <https://database.factgrid.de/wiki/Item:Q957977> (aufgerufen: 11.08.2025). nachgewiesen werden, dass auch die lange, teils monatelange, Reise vom Heimatort zur Universität, einen erheblichen Teil der Balten nicht vom Studium abhalten konnte. Ganz im Gegenteil studierten die Balten sogar häufig an mehreren Universitäten, im Durchschnitt sogar mehr als die Schleswiger, welche eigentlich geografisch den Universitätsstädten näher lagen (2,32 im Gegensatz zu 1,75 Universitäten je Student)23Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten und Kiel, <https://tinyurl.com/22gmj9md> (aufgerufen: 11.08.2025).24Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger und Kiel, <https://tinyurl.com/2bdohoew> (aufgerufen: 11.08.2025).. Allgemein scheinen die baltischen Studenten auch mehr herumgekommen zu sein als ihre schleswigschen Kommilitonen, zumindest nach Universitätsaufenthalten. Auch kehrten nahezu alle Studenten wieder ins Baltikum zurück um dort zu arbeiten.25Factgrid-Abfrage, Karriereorte der Balten, <https://tinyurl.com/26khqkzs> (aufgerufen: 11.08.2025). E ine Abwanderung der gebildeten Elite fand so also nicht statt, ganz im Gegenteil. Auch dies bestärkt die These, dass die Schaffung einer akademischen, vor allem theologischen, Schicht im Baltikum durch den Universitätsbesuch in Deutschland und teilweise der eigenen Universitätsgründung zu gewissen Erfolgen führte, auch wenn der Bedarf nicht gedeckt werden konnte.
Abb. 6: Reisewege des Johann Hornung.
Als letztes sei noch erwähnt, dass anhand der Sterbedaten (große Extrema in den 1700er und 1710er Jahren)26Factgrid-Abfrage, Sterbedaten der Balten, <https://tinyurl.com/2ashalyg> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Todesursache (drei Hinrichtungen im Krieg und sechs Pesttote)27Factgrid-Abfrage, Sterbearten der Balten, <https://tinyurl.com/2c8752ne> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Kriegsgefangenschaft (vier Studenten)28Factgrid-Abfrage, Internierungen der Balten, <https://tinyurl.com/26a7bloo> (aufgerufen: 11.08.2025). und der Karriere im Militär (fünf Studenten)29Factgrid-Abfrage, Militärkarieren der Balten, <https://tinyurl.com/27pze2od> (aufgerufen: 11.08.2025). bei knapp 20% der baltischen Studenten eine Involvierung in die Kriegsereignisse und Folgen des Großen Nordischen Krieges nachgewiesen werden konnte, wobei bei zusätzlich 15 bis 20% eine Todesfolge aus diesen Ereignissen möglich ist.
Insgesamt wird deutlich, dass auch aus einem recht kleinen Datensatz an Kieler Studenten aus dem Baltikum doch erstaunlich viel e Erkenntnisse gezogen werden können, indem die Analyse Ergebnisse mit den großen historischen Ereignissen der Zeit in Einklang gebracht w urden . Die Erfassung und Analyse von studentischen Matrikel sollte also auch in anderen Kontexten weitergehen.
Fritz Junkte (1886-1984) , Bibliothekar und Historiker in Halle, war der erste, der sich die Herausgabe einer Matrikeledition der Universität Halle vornahm. Er bearbeitete in den 1950ern die Matrikel der Universität von ihrer Gründung bis 1730, so dass 1960 der erste Matrikelband erscheinen konnte. Dieser Band enthält jedoch nicht nur die Informationen aus den Matrikelbänden des Universitätsarchivs, Juntke machte es sich zur Aufgabe darüber hinaus noch weitere Quellen heranzuziehen, um seinen Datenbestand anzureichern.
Dabei lassen sich drei größere Quellenkomplexe ausmachen: die Auswertung zeitgenössisch aktueller Forschungsliteratur, wie etwa Eduard Winters “Halle als Ausgangspunkt der deutschen Russlandkunde im 18. Jh. (Berlin, 1953)“; die Auswertung und der Verweis auf Quellen im Archiv der Franckeschen Stiftungen, so etwa Informatorenverzeichnisse oder Freitischlerlisten; sowie weitere Quellen aus dem Universitätsarchiv, die über die Matrikelbände hinausgehen. Hier wäre später eine Rückvernetzung auf die Originalquellen sinnvoll und wünschenswert.
Diese Informationen wurden nun in den letzten zwei Jahren erstmals systematisch erfasst und in einen Datensatz von mehr als 20.000 Studenten in FactGrid überführt:
Das Gesamtziel dieses Projektes ist dabei, ähnlich dem Vorgehen Juntkes, die großen Datenbestände zur Halleschen Bildungsgeschichte im 18. Jahrhundert auf einer Plattform zusammenzuführen, nutzbar und auswertbar zu machen. So erfolgt beispielsweise schrittweise auch eine Zusammenführung der Datenbestände mit den Informationen aus dem Bio-Bibliographischen Register des Archivs der Franckeschen Stiftungen oder der Datenbank des Projekts “Franckes Schulen” in dem vor über 20 Jahren Schüler-, Informatoren- und Waisenmatrikel erfasst wurden.
Darüber hinaus soll dieser Datensatz auch in einem größeren Kontext dazu anzustoßen in weiteren Projekten den Bestand an Informationen zu erweitern und zu vernetzen durch Matrikel anderer Schulen und Universitäten, und FactGrid so zu einer zentralen Plattform zu machen, auf der die Daten aus allen verfügbaren Matrikeln zusammengeführt und vernetzt werden können.
Aus den bereits erfassten Daten aus Juntkes Matrikelband sowie anderen Projekten und Quellen ergeben sich dabei bereits erste interessante Befunde und Möglichkeiten, diese Daten auszuwerten:
Abb.1: Indentifizierte Geburtsorte der Studenten.
Abb. 2: Statistische Übersicht der Immatrikulationszahlen pro Jahr.
Abb. 3: Entwicklung der Studienfachverteilung pro Jahrzehnt.
Abb. 4: Altersverteilung bei Einschreibung an die Universität (soweit Geburtsdaten bekannt).
Eine weitere Quelle, die im Kontext der Matrikel im Zuge des Projektes erschlossen wurde, findet sich in der 1709 veröffentlichten “Kurze Nachricht von der Stadt Halle und absonderlich von der Universität daselbst” von Caspar Gottschling (1679-1739). Am Ende dieser Veröffentlichung, die sich im wesentlichen der Geschichte der Universität widmet, findet sich eine Liste, die alle bis 1709 verliehenen Studienabschlüsse auflistet. Diese wurden mit Angaben zu Art des Abschlusses (Promotion, Magister, Licentiat, Verleihung anderer akademischer Ehren), Datum, Fach und betreuendem Professor mit den Daten der Matrikel in FactGrid zusammengeführt, sodass sich für diese ersten ca. 20 Jahre auch ein intellektuelles Netzwerk von Professoren und deren Schülern rekonstruieren lässt (Siehe Abb. 5).
Abb. 5: Netzwerk von Betreuungsverhältnissen bei Studienabschlüssen (1694-1709).
Conservative estimates assume that towards the end of the early modern period, more than a tenth of the population of the Holy Roman Empire lived in ecclesiastical states.1See Christophe Duhamelle, L‘Héritage Collectif. La Noblesse d‘Église rhénane, 17e-18e Siècles, Paris 1998, p. 29. Other estimations are even higher, see Egon Johannes Greipl, Zur weltlichen Herrschaft der Fürstbischöfe in der Zeit vom Westfälischen Frieden bis zur Säkularisation, in: Römische Quartalschrift 83 (1988), pp. 252-264, here pp. 252-53; Bettina Braun, Die geistlichen Fürsten im Rahmen der Reichsverfassung 1648-1803. Zum Stand der Forschung, in: Wolfgang Wüst (ed.), Geistliche Staaten in Oberdeutschland im Rahmen der Reichsverfassung. Kultur, Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Epfendorf 2002, pp. 25-52, here p. 26. In Franconia, the proportion was even higher.2Peter Claus Hartmann, Der Bayerische Reichskreis (1500 bis 1803). Strukturen, Geschichte und Bedeutung im Rahmen der Kreisverfassung und der allgemeinen institutionellen Entwicklung des Heiligen Römischen Reiches, Berlin 1997, p. 76. Almost half of the inhabitants of the Franconian Imperial District belonged to an ecclesiastical dominion, i.e. were ruled by prince-bishops or abbots. While their functions in the Germania Sacra can already be considered well researched, less is known about their co-rulers, the cathedral chapters. The Bamberg DFG project “Governance, transition management and memory of an ecclesiastical corporation. Scriptuality of the Bamberg cathedral chapter” has therefore dedicated itself to this corporation – starting with the sessions that formed the centre of the chapter’s decision making. For the project, they were collated in a database by Alissa L’Abbé and Oliver Kruk.
What the Cathedral Chapter was
The Bamberg Cathedral Chapter was a corporation of 34 clerics, all of whom came from the nobility, mostly from the (imperial) knighthood. The group was divided into (essentially) two classes: 20 canons with full rights had a seat in the choir, received a full income and were allowed to vote at chapter meetings as well as in bishop elections. The up to 14 “junior canons” (domicellaries) did not yet have full rights, but had a candidate status. When a canon left due to death or resignation, they could take over his vacant seat. Who succeeded to the cathedral chapter was decided by the other canons in a rotation system.
The duties of the cathedral chapter could change slightly from time to time, but consisted of three core elements (over and above the canons’ spiritual duties): Firstly, the cathedral chapters are best known for their function as the electoral body of the prince-bishops. When a bishop died, they took over the government of the prince-bishopric during the vacancy, prepared the next episcopal election and ultimately decided who the next bishop would be. The prince-bishops of the early modern period therefore all originated from the corporation itself. After the election, the chapter swore the elected bishop to a collection of rights and duties, the so-called electoral capitulation. In this way, secondly, the cathedral chapter gained some central rights in the government of the prince-bishopric as early as the Middle Ages. For example, the prince-bishop was not allowed to levy taxes, pass laws or appoint officials without the consent of the cathedral chapter. Thirdly, the cathedral chapter was a largely independent sovereign in parts of the prince-bishopric, for example in Staffelstein and (until the 18th century) in parts of Bamberg, the so-called immunities. Here it could levy its own taxes, issue mandates and dispense justice itself. In addition, it had its own property from which it generated income.3For basic insights, see Oliver Kruk, “Nit on meines Capitels Wissen”. Praktiken des Informations- und Wissensmanagements in der Verwaltung und Herrschaft des Bamberger Domkapitels, 1522–1623, Baden-Baden 2024, pp. 49-90. See also Dieter J. Weiss, Fürstbischof und Domkapitel zur Schönbornzeit. Geteilte Herrschaft im Hochstift Bamberg?, in: Johannes Erichsen, Katharina Heinemann, Katrin Janis (eds.), KaiserRäume – KaiserTräume. Forschen und Restaurieren in der Bamberger Residenz, München 2007, pp. 21-27; Christoph Mann, Das Bamberger Domkapitel im späten 18. Jahrhundert. Lebensstile, Parteiungen, Reformfähigkeit, in: Mark Häberlein, Kerstin Kech, Johannes Staudenmaier (eds.), Bamberg in der Frühen Neuzeit. Neue Beiträge zur Geschichte von Stadt und Hochstift, Bamberg 2008, pp. 319-346; Ansgar Frenken, Bamberg, Domkapitel, 2010, http://www.historisches-lexikonbayerns. de/Lexikon/Bamberg,_Domkapitel (18. November 2022).
Decision-making in the Cathedral Chapter
At its sessions, the cathedral chapter made joint decisions on the issues of territorial rule and the co-government of the prince-bishopric as outlined above, as well as on matters of finance and property management. These meetings were initially held on two fixed sessions days per week (Tuesdays and Fridays). In the 18th century, however, meetings tended to be convened as required. In addition to the ordinary and extraordinary meetings, the dean, as chairman of the cathedral chapter, could also convene peremptorial sessions. At these sessions, the chapter discussed particularly important issues. Usually, all sessions took place in the chapter’s house next to the Bamberg cathedral. Only in times of war, and, later in the 18th century, for informal discussions, the canons met outside the usual framework to be able to continue consulting.
Ordinary sessions were generally only sparsely attended. This was related to the fact that most canons were prebended in several cathedral chapters and thus were absent. Moreover, they carried out tasks in the government of the prince-bishopric, e.g. in diplomatic missions. Therefore, only six out of 20 canons attended the ordinary sessions on average. For the peremptorial sessions, this number is way higher.
The canons present made decisions collectively. As there was a flat hierarchy within the chapter without a strong enforcement authority, the canons could either come to an amicable agreement or hold a vote. Especially in the 16th century, the canons endeavoured to reach a joint decision. This decision was seen as especially binding and produced strong legitimacy. Thus, the protocolls hide signs of political debate and contradiction. This changed over time: In 18th century, open discussions and combative voting took place far more often. We even find voting lists in the corresponding minute books, providing information about voting behaviour and conflict within the chapter. This difference indicates changed patterns of decision-making, but also new perceptions of honor.
The Minute Books as Historical Source
Since the chapter’s decisions were legally binding, they have been written down in the so-called “Rezessbücher” (minute books), starting in the mid-15th century. The entries are sorted by date and held in German language from their start. While they tend to be very short early in the 16th century (most decision are recorded in just one or two sentences), they become more detailed over time. As early as 1600, individual entries sometimes took up several pages of space. They include not just the decision itself, but also additional material, such as reports from officials, incoming letters or counselling content, providing further information on the corresponding topics. Since 1566, attendance lists have been added to the minute books.
Concerning written records, the cathedral chapter was far ahead of the prince-bishop in Bamberg: A continuous and serial tradition in his administration only began in the late 17th century. This is why the cathedral chapter’s minute books are the most important records of the prince-bishopric for the 16th and 17th centuries. Even beyond that time, they depict large parts of the chapter’s activities and, thus, contain details about several aspects of early modern society as well as the prince-bishoprics governmental, religious, administration and cultural history.
By making the minute books (and, by that, the sessions) of the cathedral chapter available, our data can help to access these sources from different perspectives and concerning various research questions and topics. The data thus is not just relevant for regional historians of Franconia or research topics related to the prince-bishoprics and the Imperial Church. Instead, it can be used for research on corporate decision-making, on the knighthood, on poverty, crafts and food supply, as well as on administration, reformation, military and university history – to name just a few use cases.
What’s the Data?
The data collected focusses primarily on the sessions of the Bamberg Cathedral Chapter. It includes more than 1500 sessions between 1505 and 1803, their dates, their form (i.e. if one session is ordinary, extraordinary or a peremptorial session), their attendance lists, as well as short summaries of the discussed subjects. In order to be able to find specific sessions, we have also recorded references to places (P434), persons (P33) and topics (P256), which can be queried via the Query Service. Moreover, the inventory position and a link to the corresponding online digitisation make the original sources easily accessible.
By that, users can easily find and visualise references – e.g. to places mentioned in the minute books. A map depicting these references shows the geographical focus of the chapter in the Franconian area, while indicating supra-regional references to other princely courts, dioceses, universities or the papal state.
When looking for certain topics, users can browse a list of keywords linked to one or multiple sessions of the cathedral chapter. The variety of topics indicates the broad range of contents contained in the minute books.
Going on from a special keyword, users can generate queries that help to navigate to the relevant information. For example, they can create lists that itemise sessions to certain topics. In the following, one can find sessions in which the episcopal elections have been discussed (as a timeline).
What’s missing?
Over 300 years of administrative activity and more than 120 volumes of books are a life’s work. However, since we could not devote our entire lives to it, the data remains incomplete so far. Since we worked on the period from 1522 to 1623, on the one hand, and the second half of the 18th century on the other, the period in between remains almost completely unilluminated. We also had to make a selection for the time periods of our PhD-projects. On the one hand, the selection of sessions involved cross-sections, i.e. individual years or time periods that were chosen more or less at random in order to gain a representative insight into the administrative and governmental activities of the cathedral chapter. In addition, we have analysed individual sessions in more detail, which have been thematically integrated into our PhD-projects. This is why the timeline of sessions included in our data set looks somewhat full of holes.
That said, the timeline not only shows what we were unable to compile, but also what other researchers can still explore. The sources are available online, and we are looking forward to what is yet to come.
Im Hauptarchiv der Franckeschen Stiftungen befindet sich unter der Signatur AFSt/H A 9 eine 300 seitige gebundene Namensliste, die bisher in der Forschung nie beachtet wurde, weil vollkommen unbekannt war, wann sie erstellt wurde, wer sie erstellt hat, wer die Personen sind, die darin auftauchen oder zu welchem Zweck sie angelegt wurde.
Diese Liste besteht aus drei Teilen: einem ersten alphabetischen Namensregister (Seite 1-137), einem zweiten alphabetischen Namensregister unter dem Titel “Supplementum” (Seite 138-227) und einem Ortsregister, für welches auf den vorhandenen Leerseiten die verzeichneten Personen nach bestimmten Orten aufgelistet wurden; siehe zum Beispiel:
In diesen drei Teilen der Liste lassen sich drei bis vier Schreibhände identifizieren. Durch Handschriftenvergleich lassen sich zumindest zwei dieser Schreibhände relativ sicher identifizieren. Liste 1, die von nur einer Person geführt wurde, wurde vermutlich von Georg Heinrich Neubauer (Ökonom, Waisenvater und Baumeister der Anstalten) angelegt. Liste 2, das Supplementum, wurde durch Heinrich Julius Elers (Gründer und Inspektor von Buchhandlung und Druckerei des Waisenhauses) und vermutlich einem weiteren unbekannten Schreiber angelegt. Das Ortsregister verfasste ein weiterer unbekannter Schreiber. Ein möglicher Verdächtiger hierfür ist Gottfried Rost, der Schreibmeister der Anstalten, die einzige weitere Person aus dem näheren Umfeld bzw. der Leitungsebene des Waisenhauses, die nicht in der Liste genannt wird. Alle drei genannten Personen waren bereits in der Frühzeit des Waisenhauses enge Mitarbeiter und Vertraute August Hermann Franckes.
Die Datierung der Listenteile lässt sich ziemlich sicher vornehmen, wirft man einen Blick auf die 1906 Personeneinträge der Listen für 1506 Einzelpersonen und kontextualisiert diese mit bekannten Lebensdaten und -ereignissen der Personen. Liste 1 muss zwischen etwa 1697 und 1699 angelegt worden sein. Einerseits gibt es einen Eintrag, wo 1697 direkt als Sterbedatum einer Person vermerkt wurde. Andererseits taucht beispielsweise die Witwe Catharina Rosina Bauer in der Liste auf, die zuletzt im Witwenhaus in Halle lebte und deren Beerdigung 1699 von Carl Hildebrand von Canstein finanziert wurde. Die Liste muss angelegt worden sein, als alle auf ihr verzeichneten Personen noch am Leben waren. Dies bestätigt sich auch durch die Listenführungspraxis: es gibt keine Streichungen oder Korrekturen, vielmehr beginnt man stattdessen später eine neue Liste, das Supplementum. Einen weiteren spannenden Hinweis bietet der Eintrag von Georg Friedrich Hollstein, hier noch unter seiner Geburtsstadt Bad Durlach verortet. Er nahm ab ca. 1700 an der Reise mehrerer hallescher Pietisten, wie Anhard Adlung und Christoph Salchow, nach Istanbul teil, die auch in Teil 2 der Liste eine wesentliche Rolle spielt. Bei diesem zweiten Teil lässt sich die Datierung noch genauer auf das Jahr 1700 eingrenzen. Es gibt den Eintrag für Johanna Salome Becker, hier bereits als Witwe gekennzeichnet (ihr Ehemann starb 1699); weiterhin beispielsweise Johann Daniel Mylius, der 1701 starb. Ebenso interessant sind die Einträge für Christoph Salchow und Justus Falkner; beide mit den Worten: “auf der Reise” gekennzeichnet. Christoph Salchow war genau zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Istanbul und Justus Falkner war zeitgleich mit seinem Bruder auf dem Weg nach Germantown in Pennsylvania. Hier lässt sich also die Datierung relativ zweifelsfrei auf 1700 eingrenzen. Das Stadtregister am Ende des Bandes muss noch einmal später und mit aktualisierten Wissensbeständen angelegt worden sein. So tauchen verstorbene Personen nicht mehr auf, und der bereits genannte Christoph Salchow ist beispielsweise nicht mehr auf der Reise, sondern bereits als in Istanbul angekommen geführt.
Ein genauer Zweck dieser Liste lässt sich nur annähernd bestimmen, betrachtet man; wer waren die Personen auf der Liste und in welchen weiteren Quellen im Umfeld des Waisenhauses tauchen sie auf. Das soziale Spektrum der Eingetragenen ist dabei unglaublich breit und reicht vom einfachen Knopfmacher in Glaucha bis hin zu Personen wie August Hermann Francke oder Gottfried Wilhelm Leibniz. Ebenso breit gefächert über ganz Europa ist der Einzugsbereich der Orte, die den Einträgen auf der Liste meist zugeordnet worden sind:
Man kann also bereits in dieser frühen Zeit um 1700 von einem europaweiten Netzwerk rund um das Waisenhaus sprechen, auf das diese Liste zu deuten scheint. So ist jeder Eintrag recht kurz gehalten und besteht meist nur aus dem Namen der Person, ihrem Beruf und dem Ort, an dem sie sich gerade aufhält. Der Abgleich mit anderen Quellen, wie Tagebüchern, Reiseberichten und Steuerprotokollen bringt dazu jedoch weitere interessante Aufschlüsse. Ein großer Teil der in der Liste verzeichneten Personen waren damals schon kirchliche und weltliche Amtsträger überall im Reich (Statistik der ermittelten Karriereaussagen), die sich bei näherer Untersuchung oft auch als frühe Unterstützer des Waisenhauses herausstellen. Dazu wurde punktuell bisher ein Schreibkalender von August Hermann Francke, ein weiterer von Georg Heinrich Neubauer und der Reisebericht von Franckes Berlin-Reise 1698 untersucht und sämtliche Personen aufgenommen, die sich in der Liste wiederfinden lassen. Weiterhin hat ein Abgleich der etwa 600 Einträge ohne Ortsbezeichnung, da die Personen in Halle lebten, mit den Steuerrevisionsprotokollen für Glaucha und Neumarkt von 1684 gezeigt, das auch die Vernetzung vor Ort eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Zur Einordnung der Zahlen: erst 1682 hatte es in Glaucha einen Pestausbruch gegeben nach dem von vormals 1200 Einwohnern in Glaucha nur etwa 400 überlebt hatten. Das Waisenhaus stand also auch mit einem nicht unerheblichen Teil der Stadtbevölkerung in einer noch nicht näher definierbaren Verbindung, der sich in Zukunft durch die Erschließung neuer Daten in FactGrid immer weiter genähert werden kann. So ist es möglich, eine bisher gänzlich unkontextualisierte Namensliste zu einer fruchtbaren Quelle für die Erforschung der frühen Netzwerke rund um August Hermann Francke und die Franckeschen Stiftungen zu machen.
Words shape our understanding of the world. Especially in times of Disinformation, we as scholars need to be sensitive about the framing in which we put the knowledge we would like to share. The obstacles of this task become even higher in Digital Humanities. When we write a paper, we might come up with lengthy explanations why something might not be that simple. But a Graph Database such as FactGrid confronts us with the challenge of describing complex, sometimes ambivalent, sometimes contradictory historical realities in a simple statement about certain objects and the relationship between them. In the following, I would like to present some problems, that came across me during a recent research Seminar at Halle University. I will present solutions, that we came up with; hopefully offering a model for others as well. While doing so, I argue that we as scholars should emphasize the importance of a qualitative sensibility for historical realities, even and especially in times, when our discipline is changing towards digital tools and Big Data.
Competing Claims and Composite Rulership
Let’s start with some facts1See my book for the following with more details and additional literature: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110748727/html: Around the beginning of 1254, Danylo Romanovych was crowned King of Rus’ by a Papal Legate. Danylo was the Duke of Halych-Volhynia, a political entity that came into being after his father Roman Mtislavich in 1199 united the two western principalities (Halych and Volhynia) within the Kyvian Rus (map 1). The Romanovych family would rule over Halych-Volhynia until the beginning of the 14th century. After several decades of power struggles, the region would finally been divided between the Kingdom of Poland and the Grand Duchy of Lithuania around 1366 (map 2). The southwestern parts of the former principality would later (1430/1434) become the Voivodship of Ruthenia within the Kingdom of Poland (map 3).
Map 1: Western Rus’ at the end of the 12th century (Wikimedia Commons)
But how would this story look like if we describe it within certain objects (items) and the relationship (properties) between them? We have two principalities, that were united in 1199. The new entity would then become a kingdom in 1254 and this kingdom would then be divided between the Kingdom of Poland and the Grand Duchy of Lithuania. The Polish parts would become the Voivodship of Ruthenia.
Map 2: The Struggle over the Rus’ian Principalities between the Kingdom of Poland and the Grand Duchy of Lithuania in the 14th century (Herder-Institut)
There are certain challenges to this linear narrative: Firstly, the two principalities weren’t united for good in 1199. In fact, when Roman Mtislavich died in 1205, several decades of struggle over the succession within the principalities followed. Secondly, when his son Danylo finally managed to stabilize his rulership and was crowned king, it would not transform the whole principality into a kingdom. The title of “King” was ad personam, as it was with his cotemporary Mindaugas in Lithuania in 1253. So Danylo was practically king, but not over a kingdom and none of his successors would later be called king as well. Thirdly, which date should we give for the transformation of this principality into the Polish voivodship? The area was conquered mostly between 1340 and 1366. It was briefly ruled by the Kingdom of Hungary, whose ruler Louis I would also be crowned King of Poland in 1370. The region was re-integrated into the kingdom of Poland in 1387/89 but it was only almost 50 years later, that the regular voivodship was established.
Map 3: The Polish Lithuanian Commonwealth in the 17th century (Wikimedia Commons)
To complicate matters even further, there was another ruler, who claimed to be king of this area. When the Hungarian King Andrew II secured the principality of Halych-Volhynia for the underaged Danylo, he began to add Rex Galiciae et Lodomeriae (Latin form of Halych-Volhynia) to his royal title. His son Coloman would even be crowned King of Halych-Volhynia in 1216. Even though he was only able to rule in Halych for a couple of years, the title Rex Galiciae et Lodomeriae would be claimed by Hungarian rulers until the early 15th century.
This claim was dormant for centuries but then was brought forth again in the late 18th century when the Polish-Lithuanian Commonwealth was divided between the Empires of Russia, Habsburg, and Prussia. The former voivodship of Ruthenia as well as the southern parts of Lesser Poland reaching until Cracow would be annexed by the Habsburg Monarchy (map 4).
Map 4: The Partitions of Poland-Lithuania 1772–1795 (Wikimedia Commons)
In search of a justification, Austrian legal historians came up with the old Hungarian claims towards Halych-Volhynia, given the fact, that the Empress Maria Theresia was Queen of Hungary as well. Therefore, the annexed territory would be transformed into the so called “Kingdom of Galicia and Lodomeria” (map 5). Ironically, this territory would now include areas, that where never a Rus’ian principality (Lesser Poland with Cracow) but would at the same time miss the whole area of Volhynia, which was never a part of the Polish voivodship of Ruthenia.
Map 5: The Kingdom of Galicia and Lodomeria within the Habsburg Monarchy 1897 (Wikimedia Commons)
To model this complex web of competing claims and composite rules properly poses quite a challenge. Obviously, you can’t describe the relationship between the Principality of Halych to the Principality of Halych-Volhynia with a mere P6 or P7 Property (“Continuation of” / “Continued by”) since it was no stable incorporation. After consulting with Olaf Simons, we agreed on applying the property “Linking back to” (P233 germ. “Entstehungsgeschichtlicher Zusammenhang”) that might be followed by a qualifier to describe this connection to the predecessor (P234), e. g. conquest or merging of rulership (Q704817), a personal union (Q220551) or a mere argumentative recourse (tba). This rather soft description can be used for many cases. To give another example: It would be wrong to say that the Personal Union of Poland and Lithuania after 1385 was succeeding the Kingdom of Poland and the Grand Duchy of Lithuania as both parts would remain distinct political entities at least until the real Union of Lublin 1569. And even afterwards, it was still formally two political bodies under one king with a joint foreign policy.
Following the current approach in FactGrid to avoid reciprocity, the property P233 should only be applied retrospectively, so from the younger backwards to the older entity. As much as I understand the importance of data contingency, I still think, it would also be very helpful to link certain political entities to later ones. In WikiData, this is done through the property P3842 “located in the present-day administrative territorial entity”. In FactGrid, this is sometimes done through the property P742 “Historical continuum”. Here, we should come up with a decision, whether to give this kind of information or not.
Another aspect mentioned was the differentiation between a royal title and a kingdom. It would be misleading to describe the Hungarian King Andrew II as King of Halych-Volhynia. There are some mentions of the so-called Regnum Russiae in the 13th and 14th century in Hungarian sources, but – despite the brief episode of 1370-1387 – there never was a stable Hungarian rulership over the area. The title, that was established during the reign of Andrew II must be characterized as a claim, that he tried to intensify with the coronation of his son but that would ultimately become only a diplomatic leverage. If we use the property “Career Statement” to connect a person with a certain title or office, we should work with a qualifier as well that would describe the usage of this title. I propose to create the property “Legal Character” (Rechtscharakter) to describe the quality behind a certain title. We could then create an item for royal titles, that are merely titular in nature, just as we already have for titular bishops (Q164311).
Bias towards Eastern Europe?
Eastern Europe seems to be particular rewarding for such reflexions since it offers many political entities that wouldn’t correspond to nowadays national states. On the contrary, one and the same premodern political entity can form an important part of different national historical narratives. This is especially visible for the Kyvian Rus’, which forms a contested source of historical identity both in the Russian Federation and Ukraine. But it’s also true for the Polish-Lithuanian Commonwealth, which would be a source of national narratives in Poland and Lithuania, but also in Belarus and Ukraine.2Timothy Snyder, The reconstruction of nations (New Haven, Conn.: Yale Univ. Press, 2003).
But one does not need to stay in Eastern Europe. Speaking of Sweden in the 18th century would mean to refer to an empire that comprised most of the surrounding areas of the Baltic Sea, including Finland, Latvia, parts of Estonia and even Russia.
But somehow, countries in Western or Northern Europe are considered to correspond much easier with contemporary states than in the East. Whereas the FactGrid item for Sweden (Q140553) simply uses the P2-Statement “Country” (Q21925), Ukraine is referred to as “state”, also with the respective P2-Statement “Sovereign State” (Q94416).
Instead of following Putin’s and other’s dark path towards a narrative of more or less “natural” states, we should use these examples as a reminder to differentiate – in analogue writing and in databases – between the different political entities we are describing. Are we talking about the contemporary sovereign state of Poland, are we talking about the Kingdom of Poland as a historical state or are we using the term more broadly to refer to a somehow blurry region? FactGrid already offers such a differentiation for the case of Germany, with different items for the “German Reich”, the “Weimar Republic” or the current “Federal Republic” but also with the item “Germany”, described as “German territories in the longer perspective” (Q140530). Following this model, I created an item for “Russia” to “describe the Russian territories that belonged to different states in a longer temporal perspective” (Q883327). Following the German example, I added the property “Subclass” (P420) to list the distinct political entities (historical and contemporary) that might be described as “Russia”. Here, it is important to stress, that those political entities were never only Russian. Since the expansion of the Grand Duchy of Moscow, this later Tsardom would include various people.3Andreas Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich Entstehung – Geschichte – Zerfall (München: C.H. Beck, 2020). It’s so tragic that it took this ongoing war in Ukraine for the German and international public to realise the plurality of the Russian Federation or the Soviet Union. In Russian and German, there is the possibility to differentiate between русский/russkii (germ. russisch) for Russian and российский/rossiiskii (germ. russländisch) for the larger political entity that would include various people.
Summary
In this paper, I raised more questions instead of presenting answers. Premodern political entities are very difficult to describe. That is probably the reason, why FactGrid is still missing a distinct item for the Holy Roman Empire or the Habsburg Monarchy. It’s takes time to develop an idea, how to model these messy and fluid entities. But we should take the time to do it. The shift of Humanities towards Digital Methods is not only about collecting and analysing Big Data. We also must face the challenge of finding a new language to describe historical realities with the same historical accuracy that we would expect from a written paper. Over a hundred years ago, legal scholars of the Habsburg Empire faced similar problems, when they tried to transfer the dynamic political entity of the Habsburg composite rule into a sovereign state and a constitution. Scholars like Georg Jellinek and Hans Kelsen redefined legal theory in order to invent an accurate language to describe the states they lived in.4Natasha Wheatley, The life and death of states. Princeton (N. J.): Princeton University Press, 2023).
Now, we face a similar challenge to transfer historical realities into digital platforms such as FactGrid. One approach I discussed in this paper would be, to define properties, that offer enough flexibility to be applied to various cases and then describe them more precisely through qualifiers. The exchange over such decision in Item Discussions but also through articles like this is crucial. We need come up with a coherent digital language to describe incoherent historical realities.
It was in February 2019 at a conference dinner of medievalists in Jena when I was first confronted with the calendar problem which Wikibase had been posing ever since it had digested its first Julian calendar dates. I had given a Wikibase demonstration earlier that day and now I was sitting next to a medievalist who was ready to destroy me: “Wikibase”, he stated, “is a genuine disaster without anyone understanding it.”
I demanded to hear why that should be the case and the man asked me to show him just one medieval date from Wikidata. I had activated my phone and landed on biography c. 1500.
“See that small print?” he asked, “these dates are all noted as Gregorian before 1584.”
The qualifier was indeed peculiar. Why would they set a Gregorian date before 1582 and then mark it as such? “Well, you know, that the Gregorian calendar was only introduced in 1582, do you?!”
Of course I knew. I am an 18th-century person and Britain had introduced this calendar as late as 1752. The reform had by that time to close a gap of 11 days. But I could also point out that Wikibase allowed the fast correction: “You can easily switch between the calendars, and the machine will actually understand the implications on any timeline” I showed him my screen:
The man was in agony: “Too late. Wikidata is already in big shit”. I realised that I was lacking the full astronomical background and that I did not know the story of these peculiar Wikidata redactions.
Why we needed the Gregorian calendar in the first place
Both, the Julian calendar of 46 BC and the superior Gregorian calendar first introduced in 1582, are approximations. A solar year is one circle around the sun whilst the globe is spinning at about 365.2422 revolutions per year — year after year our planet ends its tour with a different slice pointing towards the sun. We are, in fact slowing down, thanks to the friction which the moon’s gravitation is generating in a constant movement of ebbs and tides, but that is another story. 365.2422 turns per year is our present spin more or less exactly but difficult to generate in a procedural long term pattern of constant adaptations.
The Julian calendar, as it was introduced under Julius Caesar in 46 BC, added one day every four years — in the so called leap years — a rule that boiled down to an additional quarter of a day per year. The approximation of 0.25 days against 0.2422 missed its mark just by 0.0078 days per year, less than a hundredth of a day — negligible one might think — but that one hundredth of a day is a day in a hundred years. In a millennium this discrepancy is piling up to 7.8 days, in two millennia to half a month, moving Christmas further and further away from the longest night until we can finally celebrate Christmas and Easter on the same day; and that was why the Gregorian calendar was finally introduced in 1582 with its far more complex regime of leap years:
add one day every four years (as you did under the Julian calendar to create a year of 365.25 days)
omit every leap year that is divisible by 100 to get a lower number
let this leap year, however, happen if it is divisibly by 400 in order to get a year of 365.2425 days.
The Gregorian calendar reduced the aberration to a surplus of 0.0003 days per year — it will now take 3333 years until we need an additional day to be back in tune with the solar year. The Vatican in Rome adopted the calendar on the 4th of October 1582 — jumping over night into Friday the 15th of that year. Christianity, however, was at that point no longer ready to obey a Papal decree. Eastern Orthodox churches stayed on the Julian calendar right into the the 20th century; Protestant territories and realms would decide one by one. Prussia (with its complex ties into catholic Poland adopted the new calendar in 1612 whilst most of the other Protestant territories stayed Julian for the next 88 years. The United Kingdom took the step in 1752. Lithuania, Russia, and Greece were to switch as late as 1915, 1918 and 1923 respectively.
How we solved the problem — and created an even bigger one
Wikibase is a bright software. The tools — the QueryService and QuickStatements — are (or were) not immediately that bright, and that caused the mess the medievalist had noted. QuickStatemens, the tool for mass imports, simply did not offer a Julian calendar switch before February 2023. Instead it would mark all dates as Gregorian without asking — which, looking backwards, was not all that bad…
…why could we all live with the erroneous labelling of Julian dates as Gregorian on Wikidata? Because Wikidata was with this negligence basically doing what we all had been doing up to that point.
Johann Sebastian Bach was born on the 21st of March 1685. Germany’s central database, the GND, is stating this date up until now without the slightest remark on the calendar. The date is Julian because Eisenach’s church register was keeping records in the Julian calendar for another 15 years. The composer himself will not have shifted his birthday to the 31st of March in 1700, the year of the great reset. We all ignore the shift and keep copying dates from documents without any interference. Calendar experts might be interested in the “real” day and they can create Julian/Gregorian calendar matches in those rare cases in which they have to create an exact timeline of events with dates of both calendars.
The Wikidata community had been unaware of the problem. The Gregorian label on all the Julian days was foolish, but the input was actually stabilising our historical tradition as the QueryService will not do anything odd with dates that are entered as Gregorian.
I was far from seeing these advantages after my conversation of 2019 and that was why I warned the PhiloBiblon team in 2022 that QuickStatements would label all their Julian dates as Gregorian against all better intentions once they were imported to FactGrid. Charles Faulhaber immediately asked their programer, Josep Maria Formentí, whether he could not take a look into QuickStatements to solve that little problem. Weeks later Josep introduced the /J-switch that is now available to mark any date as Julian in mass inputs:
+ 1751-06-16T00:00:00Z/11/J
You can now feed thousands of medieval or early-18th-century British dates into your Wikibase and your machine will present all these dates in timelines in perfect synchrony with Gregorian dates. This is extremely nice if you are editing a correspondence whose partners were signing their letters under various calendars. Your machine will give you the exchange of letters in their true course.
So why the alarm?
Wikibase is an intelligent software; it brings objectivity into your statements. Feed a Julian date into your Wikibase and that day will be noted as Julian on the Wikibase itself.
Things get messy wherever we retrieve Julian dates from the QueryService, since this is where the production of funny (and eventually of erroneous) dates will be begin. The QueryService will convert all Julian dates into mathematically correct Gregorian dates.
Martin Luther is known to have died on the 18th of February 1546 — under the Julian calendar, that needs not to be stated, and our Wikibase is giving that date without any calendar stamp on it. But ask the QueryService for Luther’s birthday and it will tell you that the church reformer actually died on the 28th of March, 10 days later — a Gregorian calendar date (without indication) (no big issue you might think, now that you know).
And now think of masses of data which we will be moving between Wikibases in the brave new world of “federates Wikibases”. If there are “Julian” dates among them, then these will get secret additional days wherever they are extracted with the help of a regular SPARQL-Query on the QueryService.
This is what will happen to Luther’s date of death as it is now no longer a subject of safe copying. We will see it in an increasing number of variants — namely as:
18 February 1546 (Greg.) — mistaken QuickStatements input artefact
18 February 1546 (Jul.) — the historically correct date
28 February 1546 (Greg.) — unorthodox but correct Wikibase QueryService output
28 February 1546 (Jul.) — Wikibase output mistakenly saved as Julian
10 March 1546 — the previous converted to Gregorian
20 March 1546 — the previous after the next im- and export
and so on and so on.
Can we stop the wave of uncontrolled additions of days on Julian calendar dates?
I am not quite sure how. We need a QueryService that will never ever offer a historical date without the corresponding calendar statement (now that we have a machine that does both calendars).
But not only the QueryService is posing a problem here. Our Wikibases should have a third option, because our documentary evidence is usually lacking calendar information. Eisenach’s church register of 1685 is using the Julian Calendar (without further notice), that is something we can determine — but we cannot say what calendar an author of a typical letter was using in 1685 if that date comes without a localisation. Our documents do not tend to have calendar statements on them.
What we need here is a third — a “calendar format unknown” — option. It’s complicated, I am afraid.
Links and more
Header image from Ολυμπία δώματα, or, An almanack for the year of our Lord God 1752 (London: Printed by T. Parker, for the Company of Stationers, 1752), from the digitisation at Archive.org
English Wikipedia List of adoption dates of the Gregorian calendar by countryhttps://en.wikipedia.org/
See also: Maniphest T207705, Implement the Extended Date/Time Format Specification, https://phabricator.wikimedia.org/T207705
Lydia Pintscher, calendar model screwup, 30 Jun 2015. [https://lists.wikimedia.org/hyperkitty/list/wikidata@lists.wikimedia.org/thread/Y7OEHUYV66DHRVZ6JCSODWAYZ25SLUHM/ https://lists.wikimedia.org/hyperkitty]
Julian and Gregorian dates from Wikidata, question asked on https://opendata.stackexchange.com/, Apr 18, 2018 at 0:33 [https://opendata.stackexchange.com/questions/12723/julian-and-gregorian-dates-from-wikidata https://opendata.stackexchange.com/]
In einem im August 1783 für den Illuminatenorden abgefassten Lebenslauf berichtete der zu diesem Zeitpunkt 55-jährige sachsen-gothaische Kammerherr, Gardeoberst und zukünftige lokale Illuminatenobere Christian Georg von Helmolt (1728–1805) über eine Sozietät, der er 37 Jahre zuvor, während seines Studiums an der Universität Jena,1Vgl. Otto Köhler: Die Matrikel der Universität Jena, Bd. 3, 1723–1764, München 1992, S. 451, Zeile 60. beigetreten war. In dieser Gesellschaft mit dem Namen „Orden der Grünen Bergmänner“ wurde, so notierte Helmolt, „nach Vorschriften auf die verschiedenen Menschen-Charakter gearbeitet“, also nach einem im weiteren Sinne aufklärerischen Verständnis auf Kenntnis und Verbesserung des Einzelnen.2Vgl. Christian Gerog von Helmolt: Curriculum vitae, 06.08.1783, Russisches Staatliches Militärarchiv/Sonderarchiv, Moskau, Fonds 1412-1-5432 (Schwedenkiste Bd. 10), Dok.-Nr. 167, S. 9f.
Gemeinsam mit zwei Freunden, Johann Christian Posewitz und Stephan Werner von Dewitz, habe er sich diesem Orden angeschlossen. Leiter dieses Jenaer Studentenzirkels sei ein „ziemlich bejahrter, großer, schwartzbrauner Mann von sehr ernsthaften Ansehen [gewesen], welcher sich durch seine Tracht von grüner Farbe ziemlich auszeichnete, und auch Privat-Collegia der Rechtsgelahrtheit laß“.3Vgl. Helmolt: Curriculum Vitae, S. 9. Viel mehr ließ sich über die „Grünen Bergmänner“ zunächst nicht in Erfahrung bringen. In der Literatur zur studentischen Vergesellschaftung taucht diese Assoziation nicht auf.
Der Mangel an Informationen ist nicht außergewöhnlich, denn im 18. Jahrhundert, in dem die Geselligkeit und ihre vielfältigen Ausformungen zu einem ständeübergreifenden Ideal avancierten, bildeten sich im Alten Reich Sozietäten in kaum zu überblickender Fülle. Im Zuge der Verbreitung der Freimaurerei im deutschen Raum ab 1737 kam es auch an Universitätsstandorten vermehrt zur Gründung von Logen und teils konkurrierenden, studentischen Zusammenschlüssen, die unter Rückgriff auf masonische Elemente alternative, an der Maxime der „akademischen Freiheit“ orientierte Assoziationsformen ausbildeten.4Für eine konzise Darstellung der konkurrierenden Formen der akademischen Geselligkeit in den 1730er und 40er Jahren vgl. Holger Zaunstöck: Das Milieu des Verdachts. Akademische Freiheit, Politikgestaltung und die Emergenz der Denunziation in Universitätsstädten des 18. Jahrhunderts. Berlin 2010, S. 113-119.
Zeitleiste aller im FactGrid erfassten akademischen Logen und Studentenorden
Die „Grünen Bergmänner” erscheinen jedoch aus zwei Gründen besonders relevant und regten folglich zu weiteren Recherchen an: Zum einen handelt es sich offenkundig um eine sehr frühe Vertreterin der sogenannten akademischen Logen, deren Aufkommen gemeinhin auf die Mitte der 1740er Jahre datiert wird.5 Zu den Definitionsmerkmalen der akademischen Logen vgl. Holger Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen. Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert. Tübingen 1999, S. 66. Zum anderen ist zu vermuten, dass Christian Georg von Helmolt durch diese frühen Sozietätserfahrungen auch in seinem späteren Wirken für den Illuminatenorden beeinflusst wurde und folglich diese Jenaer Studentengruppe – wenigstens mittelbar – auf die 1783 gegründete Gothaer Minervalkirche rückwirkte.
Weitere Nachforschungen verliefen aber zunächst erfolglos. Deshalb blieb nur die Möglichkeit, ein Datenbankobjekt in FactGrid einzurichten, um zumindest das Wenige festzuhalten, was sich aus Helmolts Curriculum entnehmen ließ: den Namen des Ordens, den Ort, die Jahresangabe, die Namen der zwei Freunde. Der Vorteil solcher Items besteht darin, dass sie von Suchmaschinen erfasst werden können. Und tatsächlich wurde wenig später ein Forscherteam, das im Archiv der Großen Landesloge von Schweden auf ein Konvolut mit dem Titel „Orden der grünen Bergmänner 1745–1748“ gestoßen war, auf diesen Eintrag aufmerksam.
Wie sich herausstellte, war dies keine zufällige Übereinstimmung: Die aufgefundenen Papiere stammen ursprünglich aus dem persönlichen Besitz Christian Georg von Helmolts. Er muss sie entsprechend den illuminatischen Statuten6Der Illuminatenorden sammelte alle möglichen Informationen über andere (para)masonische Systeme. In den Gradtexten ist vermerkt, dass die „Schottischen Brüder“ oder “Illuminati Dirigens” „alle unächten Grade sammlen und an die Provinzialloge einschicken“ sollen. Illuminatus dirigens, oder schottischer Ritter. Ein Pendant zu der nicht unwichtigen Schrift Die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo in dem Illuminaten-Orden, o. O. 1794, S. 31. entweder direkt an seinen Ordensoberen Johann Joachim Christoph Bode in Weimar übersandt oder dem Gothaer Illuminaten-Archiv hinzugefügt haben, das er als örtlicher Vorsteher selbst verwaltete. 1793 sind die Unterlagen der “Grünen Bergmänner” jedenfalls im Inventar zu Bodes freimaurerischem Nachlass verzeichnet. Gemeinsam mit Bodes Bibliothek gingen sie in den Besitz Herzog Ernst II. von Sachsen–Gotha und Altenburg über und gelangten schließlich 1804 nach Stockholm. Dorthin reisten im Gepäck der illuminatischen, freimaurerischen und esoterischen Überlieferungen und Schriften, die der Herzog durch den testamentarisch verfügten Versand in Europas Norden neugierigen Blicken entzogen wissen wollte. Als die Dokumente jedoch 1880/81 von der Gothaer Loge zurückgefordert wurden, kehrten lediglich jene Unterlagen hauptsächlich illuminatischer Provenienz zurück, die heute unter dem Namen “Schwedenkiste” bekannt sind. Die Unterlagen der “Grünen Bergmänner” hingegeben verblieben, gemeinsam mit Bibliotheksbeständen Bodes und Herzog Ernsts II., im Archiv der Großen Landesloge von Schweden.
Das Konvolut aus der Mitte der 1740er Jahre gewährt einen gänzlich unverhofften Einblick in das Innenleben der „Grünen Bergmänner“ und erzählt die Geschichte einer kleinen studentischen Sozietät, einer experimentellen Selbsterfahrungsgruppe der Aufklärung. Ein Konstitutionsbuch gibt die Verfassung und die Rituale des studentischen Zirkels wieder, Protokolle dokumentieren den Ablauf einzelner Sitzungen, eine Matrikel erlaubt es, die Mitglieder zu identifizieren.
Constitututions-Buch des Ordens der Grünen Bergmänner, Halle, 1748
II| Die Entstehung der „Grünen Bergmänner“ und ihre Mitgliederstruktur
Mit Hilfe der Schriftstücke war es nunmehr ein Leichtes, die Identität des von Helmolt erwähnten Oberen herauszufinden. Es handelt sich um den in Eichelsdorf in Franken, als Sohn eines Pastors geborenen Johann Wolfgang Brenk (1704–1789). Der Altdorfer Professor Georg Andreas Will (1727–1798), der als Hallenser Student selbst den „Grünen Bergmännern“ beigetreten war und auch später mit Brenk in Kontakt stand, veröffentlichte 1791 eine noch heute durchaus unterhaltsame Lebensbeschreibung dieses „sonderbahren Mannes“, die ebenfalls Einblicke in die Aktivitäten dieses Ordens gewährt.
Brenks Engagement als Sozietätsgründer ist nur vor dem Hintergrund seiner wechselhaften Biographie zu verstehen. 1722 begann er ein Studium in Altdorf und führte fortan eine höchst unbeständige Existenz. Auf seinen zahlreichen Reisen, die ihn nicht nur durch das Reich, sondern bis nach Siebenbürgen führten, arbeitete er unter anderem als Jurist und Hofmeister, schlug sich teils als Bettler durch und geriet verschiedentlich in Konflikt mit den Obrigkeiten. Auch trat er als Projektierer in Erscheinung – unter anderem plante er angeblich, ein Königreich in der Walachei zu gründen –, beschäftigte sich intensiv mit rabbinischer Gelehrsamkeit und knüpfte enge Beziehungen zu verschiedenen jüdischen Gemeinden. 1749 unterzog er sich schließlich in Amsterdam der Zirkumzision und konvertierte zum Judentum. In den 1750er Jahren kehrte er zurück nach Franken, arbeitete als Sekretär der hessen-kasselischen Gesandtschaft in Nürnberg und verbrachte seine letzten Jahre im ansbachischen Schobdach, wo er als praktizierender Jurist anscheinend ein ärmliches Leben führte.7Zur Brenks Werdegang vgl. die erwähnte Biographie von Georg Andreas Will: Lebensgeschichte eines im hohen Alter verstorbenen sonderbaren Mannes M. Johann Wolfgang Brenk’s […], Ansbach 1791; sowie Clemens Alois Baader: Lexikon verstorbener Baierischer Schriftsteller des achtzehenten und neunzehenten Jahrhunderts, Bd. 1, Augsburg/Leipzig 1824, S. 52-56.
Dank Wills „Lebensgeschichte“ und einigen Einträgen in Stammbüchern ist Brenk der Forschung bereits als Gründer einer Geheimgesellschaft in Halle bekannt, wenngleich deren Name oder genaues Profil bisher im Dunkeln blieben. Aufgrund der Parole „Vivat die B-Männer“, mit der sich der Memminger Patrizier Sigmund David Hartlieb, genannt Walsporn am 9. April 1748 in Wills Stammbuch verewigte, wurde “Brenck-Männer” als Name der Gruppe angenommen.8Will: Lebensgeschichte, S. 68–72. Die Interpretation des Stammbuch-Eintrags stammt aus Walter Richter: Zur Frühgeschichte des Amicisten-Ordens. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 22 (1977), S. 19–48, hier S. 20. An beide anknüpfend auch Zaunstöck: Milieu des Verdachts, S. 122-125.
Helmolts Unterlagen ermöglichen es nun, einen viel umfangreicheren Eindruck von Brenks Aktivitäten zu gewinnen. Bereits ab 1745 begann er, in Jena eine Filiale seines Ordens aufzubauen. Am 7. Juli 1745 nahm er das erste Mitglied, den Studenten Georg Ludwig Friedrich von Wüllen aus Lauenau, auf.9“Album oder Matricul der grünen Bergmänner“, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert. Nach der Initiierung eines zweiten Interessenten10Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert. Es handelt sich um Hartwich Ludolph Baumann aus Lüchov im Lüneburgischen. Vgl. Köhler: Die Matrikel der Universität Jena, Bd. 3, S. 443., fand bereits am 7. November eine erste Versammlung11“Actum Jena d[en] 7. Nov[ember] 1745”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert. der zu diesem Zeitpunkt nur aus 3 Personen bestehenden „Grünen Bergmänner“ statt. Dies deckt sich mit der Bemerkung, dass Brenk, der in diesem Zeitraum eigentlich in Halle sein Auskommen suchte, „etlichemal“ in Jena gewesen sei.12 Will: Lebensgeschichte, S. 65.
Im Umfeld der Salana entstanden ab der Mitte der 1740er Jahre verschiedene Sozietäten: Am 24. Juli 1744 wurde die Freimaurerloge „Zu den drei Rosen“ gegründet, im selben Jahrzehnt entstand eine Dependance des „Espérance-Ordens“, womit nur die frühesten dieser Gesellschaften genannt sind. Brenks Zirkel gehörte also tatsächlich zu den ersten arkanen Gesellschaften in Jena.13Zur Gründnung der Jenaer Loge vgl. Joachim Bauer, Gerhard Müller: Jena, Johnssen, Altenberga. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Freimaurerei im 18. Jahrhundert, in: Dies., Birgitt Hellmann (Hg.): Logenbrüder, Alchemisten und Studenten. Jena und seine geheimen Gesellschaften im 18. Jahrhundert, Rudolstadt 2002, S. 19–85, hier S. 21-28; Jens Riederer : Aufgeklärte Sozietäten und gesellige Vereine in Jena und Weimar zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit 1730-1830, Jena 1995, S. 80-84, zum Espérance-Orden ebd., S. 113–116.
Im Laufe des Jahres 1746 konnte Brenk dann fünf weitere Mitglieder für die „Grünen Bergmänner“ gewinnen, darunter Christian Georg von Helmolt. Ab August genannten Jahres übernahm mit dem bereits eingangs erwähnten Johann Christian Posewitz ein Mitglied aus Jena die Führung des Zirkels. Im gesamten Jahr 1747 scheinen die Aktivitäten hingegen gestockt zu haben, denn es wurden keine Aufnahmen vermerkt. Erst im Folgejahr kamen noch vier Mitglieder hinzu. Ab März 1748 übernahm dann Helmolt die Führung des Zirkels.14Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert. Der Gothaer Illuminatenobere war also, entgegen der Behauptung in seinem Lebenslauf, weit mehr als nur ein unwissender Anhänger der Gesellschaft. Dies erklärt außerdem, wie die Akten in seinen Besitz gelangten.
Insgesamt nahmen die “Grünen Bergmänner” in Jena zwölf Männer auf, davon waren zehn an der Salana immatrikuliert. Einzig das zuerst aufgenommene Mitglied, der bereits erwähnte Georg Ludwig von Wüllen, sowie das letzte, der Magister Johann Wilhelm Schubert aus Nürnberg, waren keine Jenaer Studenten. Hinsichtlich der Herkunft der Adepten ergibt sich ein recht heterogenes Bild: ein Mitglied stammte aus Norddeutschland (Mecklenburg), drei aus Kurhannover, eines aus dem unter preußischer Herrschaft stehenden Stift Quedlinburg, zwei aus der Grafschaft Stolberg-Stolberg, Helmolt aus dem Thüringer Kreis Kursachsens sowie vier aus Franken (drei Ansbacher und ein Nürnberger). Der Adelsanteil war mit sechs der zwölf Aufgenommenen relativ hoch.15Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert.
Liste aller derzeit erfassten Mitglieder der “Grünen Bergmänner”
Zusätzlich zu den Aktivitäten in Jena und Halle plante Brenk eine Expansion des Ordens nach Franken, die angeblich vor allem durch Will vorangetrieben werden sollte.16 Will: Lebensgeschichte, S. 71f. Der bereits erwähnte Nürnberger Magister Johann Wilhelm Schubert wurde vermutlich ebenfalls zu diesem Zweck in den Jenaer Zirkel aufgenommen.
III| Konstitution und Organisation der “Grünen Bergmänner”
Aus den vorliegenden Archivalien lässt sich überdies die (geplante) Struktur der Geheimgesellschaft rekonstruieren. Als besonders wertvoll erweist sich das Konstitutionsbuch, das Brenk anscheinend eigenhändig für Helmolt kopierte, als Letzterer den Vorsitz des Jenaer Zirkels antrat. Es beginnt mit der Erklärung des Namens, verbunden mit der Erläuterung der Absichten und Grundsätze der Sozietät. Den Namen „Bergmänner“ habe die Gesellschaft erhalten, „weil von selbiger das verborgene des Hertzens gleich dem Ertz aus den Berg-Wercken gesucht u[nd] hervorgebracht“ werde, das Farbattribut hingegen sei gewählt worden, weil der Orden auf seine Mitglieder „hoffen u[nd] sich verlaßen“ könne.17Vgl. § 1 in “Constitutions-Buch der O[ber?]B[erg?]Mä[nner] in der G[rünen]B[erg]M[anns]G[esell]S[chaft] vor Christian Georg von Helmolt”, 28.03.1748, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert. Diese Fördermetaphorik weckt Assoziationen zur masonischen Analogie des „rauen“ oder „unbehauenen“ Steins, der den noch ungeformten Menschen symbolisiert. Jedoch lässt die Bergwerks-Motivik auch eine offenere Interpretation zu, findet sich die Semantik des ‚Zutageförderns‘ und ‚Hervorbringens‘ doch häufiger in der Aufklärungsphilosophie.18Werner Schneiders: Hoffnung auf Vernunft. Aufklärungsphilosophie in Deutschland, Hamburg 1990, S. 61f.
Ein Vorbild Brenks könnten die „Institutiones Philosophiae Primae“ des Jenaer Professors und Thomasianers Johann Jacob Syrbius gewesen sein, die in der zweiten Auflage von 1726 ein sehr aufschlussreiches Titelkupfer ziert.19Vgl. Abb. 1. Es imaginiert die Philosophie als ein mehrstufiges Verfahren, das die durch den in der mittleren Bildebene abgebildeten Wünschelrutengänger erspürte Wahrheit nicht allein finden, sondern auch extrahieren muss. Es erscheint durchaus denkbar, dass Brenk, der Mitte der 1720er Jahre selbst Student in Jena gewesen war, Syrbius’ Vorlesungen gehört hatte und dessen Schriften kannte.
Titelkupfer aus: Johann Jakob Syrbius: Institutiones philosophiae primae novae et eclecticae. […]. 2. Aufl. Jena 1726. Digistalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Zitierlink: PPN1028478305 (02.08.2022).Ist der freimaurerische Bezug im Namen noch recht lose, sieht dies bei dem „Symbol“ der Gesellschaft, welches jedes Mitglied wie eine Art Bijou an einem Band um den Hals zu tragen hatte, schon anders aus. Klar erkennbar wird hier, dass sich Brenk großzügig aus dem Reservoir masonischer Sinngehalte bediente. Während die Schlange die Klugheit repräsentiert, verkörpert die Weltkugel das Prinzip des Makro- und Mikrokosmos. Daneben sind Instrumente angeordnet: der Pickel zum Fördern der Erkenntnis und das Winkelmaß zum “[A]bmeßen” und “[D]eterminieren” der menschlichen Charakterzüge. Die betenden Hände schließlich stellen die Bruder- und Nächstenliebe dar. „Prudentia“ (Vernunft), „Amore“ (Liebe) und „Experientia“ (Erfahrung) waren die Mittel, mit denen die Gesellschaft ihren Endzweck – die Kenntnis des Menschen – erreichen wollte. Getragen wurde das Abzeichen an einem „rothen“ und „grünen“ Bande, mit einer „bleumouranten“ Schleife am Ende. Diese Farben verkörpern die drei „Vota“, die elementaren Grundsätze des Ordens, „[n]iemanden zu betrügen“, „[a]lle Versprechen zu halten“ und „Hilfe für Notleidende und Unterdrückte“ zu leisten.20Vgl. § 6 in Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner], unfoliiert.
Wie Brenks Vertrauter Will andeutet, stand der oberste Bergmann der Freimaurerei trotz aller ideellen Anleihen jedoch ablehnend gegenüber.21Will: Lebensgeschichte, S. 68. Eine durchaus glaubhafte Behauptung, wurde doch die ‚Königliche Kunst‘ in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zu einem entscheidenden Faktor in der organisierten Geselligkeit des 18. Jahrhunderts, der eine Reaktion verlangte, sei sie integrierend oder abgrenzend.
Anhand der Konstitution können indes nicht nur die Symbole, sondern auch die normative Verfasstheit der “Grünen Bergmänner” nachvollzogen werden. Eine elaborierte Einteilung in verschiedene Erkenntnisstufen, wie sie in der Hochgradmaurerei oder anderen Geheimbünden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehen sollte, gab es im “Orden der Grünen Bergmänner” offenbar noch nicht. Eingeführt wurden lediglich drei verschiedene Ränge, die offenbar hauptsächlich funktionale Zwecke erfüllten und kaum mit spezifischen esoterischen Wissensbeständen verknüpft gewesen zu sein scheinen. Neben den gewöhnlichen, schlicht als Bergmänner bezeichneten Adepten gab es die Oberbergmänner, welche die einzelnen Zirkel leiteten, und eine oberste Instanz, die sich hinter dem Akronym „Bme“, womöglich aufzulösen als „B[erg]me[ister]“, verbarg.22Diese Einteilung geht aus § 7 im Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner] hervor.
Voraussetzungen für die Aufnahme als Mitglied waren, wie im 18. Jahrhundert üblich, körperliche und geistige Unversehrtheit, Verschwiegenheit und Redlichkeit. Atheisten waren grundsätzlich ausgeschlossen.23§ 2 im Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner]. Unklar ist, ob es analog zur Freimaurerei eine Altersgrenze gab. Das Recht, Mitglieder aufzunehmen und neue Zirkel zu konstituieren, oblag den Oberbergmännern. Zur Gründung einer Dependance benötigte der Oberbergmann zwei Bergmänner, die er selbst zuvor aufnehmen durfte, sowie das Einverständnis des zuständigen Bergmeisters. Aussichtsreiche Kandidaten wurden, wie in anderen arkanen Bünden üblich, unter kritischer Prüfung schrittweise an den Orden herangeführt.24Zu den Rechten der Oberbergmänner vgl. § 8, zum Anlegen neuer Zirkel § 11 im Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner].
War ein solcher Zirkel auf fünf Mitglieder angewachsen, durfte er nach einem geheimen Abstimmungsverfahren einen eigenen Oberbergmann wählen. Erreichte die Gruppe die Zahl von zehn Ahängern, durfte ein zweiter Oberer bestimmt werden. Bisher ist, wie erwähnt, lediglich die Existenz der beiden Zirkel in Halle und Jena belegbar.25Vgl. § 5 im Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner].
Den Rang des Bergmeisters hatte anscheinend lediglich Brenk selbst inne. Will zufolge bestritt er zwar „standhaft“26Will: Lebensgeschichte, S. 68., der Gründer des Ordens zu sein. Dies diente vermutlich jedoch dazu, den Mitgliedern vorzuspiegeln, dass sie einer sehr alten und großen Organisation angehörten. Viele Geheimgesellschaften bedienten sich teils wesentlich elaborierterer Ausformungen derartiger Fiktionen, um ihre Mitglieder zu binden. Auch im Illuminatenorden und der Hochgradmaurerei begegnen diese in Gestalt der „Unbekannten Oberen“.
Neben der kleinteiligen Regelung der Kompetenzen fällt außerdem die Akribie auf, mit der in den Statuten finanzielle Angelegenheiten geregelt und dabei auch verschiedene Eventualitäten einkalkuliert wurden. Zusätzlich zu einem sehr differenzierten Strafsystem existierten genaue Regelungen für Rezeptions- und Quartalgelder, für die Anfertigungsgebühren der Ordenszeichen und Kopien. Entsprechend scheint Wills Bemerkung, Brenk haben den Orden „als eine Finanzquelle“27Will: Lebensgeschichte, S. 68. angesehen, nicht vollkommen abwegig. Helmolt berichtet in seinem Lebenslauf ebenfalls, der Orden sei „nichts weniger als geldsplitternd“ gewesen.28Helmolt: Curriculum Vitae, S. 9.
Die den Ordenspapieren ebenfalls beigefügten Rechnungen erwecken indes einen anderen Eindruck. Abgesehen von den Rezeptions- und Quartalgeldern sind kaum Strafen oder Gebühren vermerkt. Es scheint aber denkbar, dass Brenk die eigenommenen Gelder nicht vollständig aufführte.29Vgl. Rechnungen [Orden der Grünen Bergmänner], Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
IV| Die Sitzungspraxis der „Grünen Bergmänner“
Anhand der Überlieferung lassen sich nicht allein die normativen Grundsätze der Gesellschaft nachvollziehen. Durch die Zusammenschau der Dokumente kann auch die Sitzungspraxis recht genau rekonstruiert werden. Grundsätzlich bestand eine Session aus vier Elementen, in denen mittels verschiedener Verfahren der Selbst- und Fremdbeobachtung auf die Erlangung von umfassender Menschenkenntnis hingearbeitet wurde. Durch die Optimierung des Selbst sollte schlussendlich pars pro toto die Verbesserung der Menschheit erreicht werden.
Nach der Eröffnung einer Versammlung durch den Oberbergmann berichteten die Brüder reihum über ihre Verstöße gegen die „Vota“ und entrichteten die vorgesehenen Strafgebühren. Hierauf begann die eigentliche Arbeit: die „cognitio sui“, die Selbsterkenntnis. In jeder Zusammenkunft musste sich ein Bruder aus der Versammlung entfernen. Währenddessen gaben alle im Raum Verbliebenen beim Oberbergmann ihr „judicium“ über den Abgetretenen ab, wobei „alle Fehler, welche im Verstand u[nd] Willen, Gemüths-Neigungen, Sitten u[nd] Gewohnheiten, Reden, Thaten u[nd] Leibs-Geberden bestehen u[nd] des andern in[n]erlichen oder äußerlichen Glückseeligkeit hinderlich seyn können“ angemerkt werden sollten. Der Obere hielt die Anmerkungen schriftlich fest, um sie anonymisiert dem zu Beurteilenden vortragen zu können.30Vgl. § 12 und 13 im Constitutions-Buch der […] [Grünen Bergmänner]. Bei Bekanntmachung der Einschätzung war den Bergmännern keine Widerrede gestattet. Entschuldigungen jeglicher Art wurden schon in den Statuten als unnötig abgewiesen, „weil es der eigenen Prüffung eines jeden überlaßen wird, ob er die bemerckten Fehler an sich habe“.31Vgl. § 13 im Constitutions-Buch der [Grünen Bergmänner].
Diese Praxis zur Erlangung der Selbsterkenntnis war offenbar besonders eindrücklich, denn sowohl Helmolt, in seinem Lebenslauf, als auch Will, in der Lebensgeschichte, haben sie beschrieben. Will notierte über dieses „herbe Mittel“: „Ich lernte mich auf einer Seite kennen, die ich noch gar nicht kannte, und bin wirklich aufmerksamer auf mich, klüger und behutsamer gemacht worden.“32Will: Lebensgeschichte, S. 71. Auf manch jungen Teilnehmer wird diese Praxis der kollektiven Evaluation hingegen eher bedrohlich gewirkt haben. Im Vergleich dazu wirkt die im Illuminatenorden praktizierte Betreuung durch den Austausch von Quibus Licet und Reprochen beinahe intim, wenngleich auch hier den Mitgliedern an der Basis niemals klar war, wer letztlich die Eingaben las und beantwortete.
Aufbauend auf die Arbeit an der „cognitio sui“ folgte die Beschäftigung mit der „cognitio aliorum“, die ‘Erkenntnis von Anderen’. Diese sollte durch Vorlesungen oder Vorträge über verschiedene Aspekte des menschlichen Verhaltens und Charakters erlangt werden, die systematisch in sieben Handlungen aufgeschlüsselt waren. Der Aufbau erinnert stark an Vorlesungsgliederungen. Während die ersten fünf Handlungen sich mit den Menschen „nach ihrer Natur und Gewohnheit“ beschäftigten, enthielten die sechste und siebte ganz praktische Handlungsanleitungen zur Optimierung des Selbst und zur Lenkung anderer Menschen. Die Beschreibung dieser letzten Lektion – „wie man andere Menschen etwas zu thun oder zu laßen, zu billigen oder mißzubilligen […] bewegen solle“ – deutet darauf hin, dass der Orden beabsichtigte, auch nach außen und nicht nur auf seine Mitglieder zu wirken.33Vgl. erneut § 13 im Constitutions-Buch der [Grünen Bergmänner]. Die letzte Handlung scheint im Jenaer Zirkel aber nicht bearbeitet worden zu sein. Zumindest ist sie die einzige, zu der sich keine Aufzeichnungen finden.
Die in den Versammlungen zu behandelnden Themen wurden im Vorfeld durch den Oberbergmann vorgegeben; alle Brüder mussten Ausarbeitungen vorbereiten, die nacheinander vorgetragen und verglichen wurden. Der Obere entschied über die passenden Antworten und hielt sie in einem Protokoll fest, Abweichungen wurden anschließend besprochen. Offenbar galten für die Pensa gelehrte Standards. Alle Argumente mussten, so der Ton der Konstitution, „mit Gründen bewährter Autoritaet oder Erfahrung unterstützet seyn“. Den Abschluss bildete jeweils ein Vortrag.34Vgl. erneut § 12 und 13 im Constitutions-Buch der [Grünen Bergmänner]. Es scheint im Hinblick auf die Ursprünge und Vorbilder der illuminatischen Aufsatzpraxis bemerkenswert, dass eine bisher unerforschte Geheimgesellschaft ihren Mitgliedern bereits vor der Jahrhundertmitte schriftliche Ausarbeitungen abverlangte.
Die Materialien Helmolts bergen 29 Dokumente (davon 20 datierte), die im Zuge der Handlungen entstanden sein müssen. Allerdings ist erkennbar, dass die Aufzeichnungen unvollständig sind. Von den mit Datum versehenen Mitschriften entfallen 17 auf das Jahr 1746. Auffällig ist ebenfalls, dass die einzelnen Handlungen nicht strikt der Reihenfolge nach abgearbeitet wurden.
Teilweise finden sich in den Unterlagen inhaltliche Ausführungen zu einzelnen Handlungen, häufig begegnen Gegenstände aus dem Bereich der Temperamentenlehre.35Mehrfach wurde der Jähzorn, den Brenk offenbar als schweres Laster betrachtete, behandelt.35Vgl. “Kennzeichen eines Jachzornigen”, “Actum Jena, d[en] 2ten Aug[u]st 1746”; sowie “Von den Kennzeichen des Jähzorns”, “Actum Jenae […] d[en] 26. May 1748”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert. Ergänzend zu solchen eher an akademische Kontexte erinnernden Abhandlungen finden sich aber auch Exempla aus dem täglichen Leben, oft mit konkretem Bezug auf das Jenaer Umfeld. So beschäftigte sich der Zirkel in einer Sitzung zur zweiten Handlung mit dem „Naturel u[nd] denen Sitten derer EinWohner von Jena“, wobei die die lokale Bevölkerung in keinem guten Licht erscheint. So heißt es unter Punkt 6 der Auflistung von Charakteristika: „Sind Hurer, Ehebrecher, Kupler u[nd] reden gern davon u[nd] geben dazu gerne Gelegenheit, weil sie solche Dienge vor keine große Laster halten.“36 “Von denen Einwohnern in den Städten”, “Actum Jena […] d[en] 12. May 1748”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
Ebenfalls finden sich Pensa in denen das Debattieren über lebensweltliche Sachverhalten geübt wurde. So erhielten die Bergmänner beispielsweise die Aufgabe, „[d]es H. Herold Frantzöß[ischen] Sprachmeister alhier eintzige tochter zu bereden, daß sie ihrem Ehemann H. Ressál gleichfalß Franzöß[ischer] Sprachmeistern, nach Halle folgen solle“.37“Actum Jena […] d[en] 25. Jun[ius] 1746”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert. Die Antworten reichen vom Verweis auf die göttliche Ordnung bis hin zu dem folgenden, eher naiven Argument: „Wenn sie älter würde, wird sie es bereuen, weil sie die beste Zeit ihrer Jugend ohne Mann hinbringen muß.“38“Actum Jena […] d[en] 25. Jun[ius] 1746”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.Diese männerbündischen Erörterungen sind auch aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive interessant.
Nicht genau zu ermitteln ist, wann sich der Orden auflöste. Ordensgründer Brenk verließ Mitteldeutschland im Sommer 1749 und schiffte sich im Oktober gleichen Jahres von Altona aus nach Amsterdam ein. Vor seiner Abreise war er mit der Hochschulleitung in Konflikt geraten und wurde deshalb in Abwesenheit von der Universität Halle relegiert. In Amsterdam konvertierte er, wie bereits erwähnt, zum jüdischen Glauben und bereiste anschließend die Vereinigten Provinzen. Womöglich kamen mit Brenks Verschwinden auch die Ordensaktivitäten in Jena zum Erliegen. Helmolt verließ die Universität seinem Lebenslauf zufolge Ostern 1749.39Vgl. Helmolt: Curriculum Vitae, S. 8.
Allerdings kehrte Brenk 1751 nach Deutschland zurück und verdingte sich, nach längerer Stellungssuche, in Nürnberg als hessen-kasselischer Legationssekretär. In einem Brief an Will aus dem März 1755 berichtet er, dass ein „H[err] Meinzold in unsere G[e]s[ellschaft] zutretten verlangen trägt“ und erbittet die Zustimmung, um „die fernern Veranstaltungen zu seiner Reception“ veranlassen zu können. Jenes Schreiben unterzeichnete er zudem als „Geh. Diener und getreuer Brud[er] JWBrenck BMe“.40Johann Wolfgang Brenk an Georg Andreas Will, 23. März 1755, Stadtarchiv Nürnberg, Will. III. 449(19), Brief Nr. 2. Ob der überaus umtriebige Brenk sein Geheimbundprojekt in diesem Zeitraum tatsächlich noch intensiv verfolgte und ob Kontinuitäten zu den Unternehmungen in Mitteldeutschland bestanden, ist allerdings zweifelhaft.
V| Schlussüberlegungen – Kontinuitäten geheimbündischer Praktiken und die Potentiale digitaler Kollaboration
Doch welche Schlüsse und Überlegungen lassen sich aus diesem Fund ableiten? Grundsätzlich erweitern die Einsichten in die Aktivitäten der „Grünen Bergmänner“ die Kenntnisse über studentische Vergesellschaftung in Mitteldeutschland in der Mitte des 18. Jahrhunderts, handelt es sich doch um eine der frühesten Sozietäten in Jena. Bemerkenswert ist weiterhin, dass über die Zwischenstationen Illuminatenorden und „Schwedenkiste“ hier die interne Überlieferung dieses studentischen Zirkels überdauert hat. In anderen Fällen sind oft nur Dokumente überliefert, die nach dem Verbot solcher Sozietäten beschlagnahmt wurden oder im Rahmen der juristischen Auseinandersetzung entstanden. Gerade die Sitzungsprotokolle, Lektürelisten und Ausarbeitungen der „Grünen Bergmänner“ gilt es noch weiter auszuwerten.
Überdies sind die von Christian Georg von Helmolt stammenden Papiere auch für die Erforschung des Illuminatenordens bedeutsam, helfen sie doch, ihn weiter in der Arkanlandschaft zu verorten. Selbst in einem kleinen studentischen Zusammenschluss wurden bereits in den 1740er Mechanismen der Selbst- und Fremdbeobachtung sowie Praktiken der schriftlichen Ausarbeitung genutzt, die für die jüngst untersuchten mitteldeutschen Filialen der Illuminaten ebenfalls als charakteristisch erscheinen. Dieser erste Befund regt dazu an, noch intensiver nach Kontinuitätslinien und Brüchen in den Betreuungs- und Erziehungspraktiken arkaner Sozietäten zu suchen.
Die eingangs geäußerte Vermutung, dass Christian Georg von Helmolt durch seine Mitwirkung bei den „Grünen Bergmännern“ in seinem späteren Handeln als Vorsteher des Gothaer Illuminatenzirkels beeinflusst war, gilt es noch eingehender zu überprüfen. Definitiv verfügte er dank dieser früheren Erfahrungen aber bereits über Wissen in der Organisation und Verwaltung (arkaner) Sozietäten, welches ihm als Meister vom Stuhl der Gothaer Freimaurerloge und eben als Superior des Illuminatensprengels zu Gute kam.
Mehr als alles andere verdeutlicht dieser Fund aber das Potential kollaborativer Forschungsplattformen. Ohne das Anlegen eines Datenbankeintrages und die dadurch generierte Sichtbarkeit, wären die Unterlagen der „Grünen Bergmänner“ vermutlich noch lange in ihrem schwedischen Exil verborgen geblieben.
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1
Vgl. Otto Köhler: Die Matrikel der Universität Jena, Bd. 3, 1723–1764, München 1992, S. 451, Zeile 60.
Zur Brenks Werdegang vgl. die erwähnte Biographie von Georg Andreas Will: Lebensgeschichte eines im hohen Alter verstorbenen sonderbaren Mannes M. Johann Wolfgang Brenk’s […], Ansbach 1791; sowie Clemens Alois Baader: Lexikon verstorbener Baierischer Schriftsteller des achtzehenten und neunzehenten Jahrhunderts, Bd. 1, Augsburg/Leipzig 1824, S. 52-56.
8
Will: Lebensgeschichte, S. 68–72. Die Interpretation des Stammbuch-Eintrags stammt aus Walter Richter: Zur Frühgeschichte des Amicisten-Ordens. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 22 (1977), S. 19–48, hier S. 20. An beide anknüpfend auch Zaunstöck: Milieu des Verdachts, S. 122-125.
Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert. Es handelt sich um Hartwich Ludolph Baumann aus Lüchov im Lüneburgischen. Vgl. Köhler: Die Matrikel der Universität Jena, Bd. 3, S. 443.
11
“Actum Jena d[en] 7. Nov[ember] 1745”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
12
Will: Lebensgeschichte, S. 65.
13
Zur Gründnung der Jenaer Loge vgl. Joachim Bauer, Gerhard Müller: Jena, Johnssen, Altenberga. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Freimaurerei im 18. Jahrhundert, in: Dies., Birgitt Hellmann (Hg.): Logenbrüder, Alchemisten und Studenten. Jena und seine geheimen Gesellschaften im 18. Jahrhundert, Rudolstadt 2002, S. 19–85, hier S. 21-28; Jens Riederer : Aufgeklärte Sozietäten und gesellige Vereine in Jena und Weimar zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit 1730-1830, Jena 1995, S. 80-84, zum Espérance-Orden ebd., S. 113–116.
14
Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert.
15
Vgl. “Album oder Matricul der grünen Bergmänner”, unfoliiert.
Mehrfach wurde der Jähzorn, den Brenk offenbar als schweres Laster betrachtete, behandelt.35Vgl. “Kennzeichen eines Jachzornigen”, “Actum Jena, d[en] 2ten Aug[u]st 1746”; sowie “Von den Kennzeichen des Jähzorns”, “Actum Jenae […] d[en] 26. May 1748”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
36
“Von denen Einwohnern in den Städten”, “Actum Jena […] d[en] 12. May 1748”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
37
“Actum Jena […] d[en] 25. Jun[ius] 1746”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
38
“Actum Jena […] d[en] 25. Jun[ius] 1746”, Archiv der Großen Landesloge von Schweden, Tyskland, Lager och ritualer 52, unfoliiert.
Johann Joachim Christoph Bode starb am 13. Dezember 1793, zwei Stunden vor Mitternacht – wohl an den Folgen der Zahn- und Kieferentzündungen, die ihm seit Jahren mit Anfällen von „Flußfieber und Zahnschmerzen” zu schaffen machten. Damit kam in Gang, was 1787/88 entschieden worden war.
Im Herbst 1787 hatte Bode von Weimar aus wieder einmal Gotha besucht. Seine Arbeit des letzten halben Jahrzehnts lag in Trümmern. Noch im Sommer hatte er sich in Paris bemüht, die Illuminaten aus der Schusslinie zu ziehen: „Philadelphen“ sollten sie in Zukunft, und damit endlich wieder geheim, heißen. Seit 1785 war mit „Illuminaten“ kein Geheimnis mehr zu machen. Bayerns Staat hatte alle Geheimorden und insbesondere diesen verboten. Bode hatte dessen ungeachtet als Provinzial „Ioniens“, Obersachsens, weiterhin Mitglieder aufgenommen. Niemand konnte schließlich wissen, ob es diese bayerischen Illuminaten wirklich gab. Doch die Publikationen Weishaupts hatten dann 1786 zunehmend alle interessanten Karten auf den Tisch gelegt. Die von Weishaupt publizierten Gradschriften offenbarten gerade das, was Mitgliedern auf dem Weg in das Geheimnis des Ordens erst entdeckt werden sollte. Während Bode im Sommer 1787 in Paris war, hatte, vollendet verheerend, der bayerische Staat nachgelegt und nun Weishaupt mit seinen Mitstreitern durch zwei Bände von Offenlegungen konfiszierter Akten persönlich diskreditiert.
Der Orden war im Herbst 1787 tot. Zuviel war jetzt publiziert. Für Bode war die Zeit gekommen, aus den eigenen Akten die Dinge richtigzustellen – so lautete wohl sein Vorschlag 1787 gegenüber Ernst II., dem Gothaer Herzog. Dieser, in der Hierarchie als „deutscher National“ eine Stufe über ihm, verbat jede weitere Publikation. Der Orden hatte seinen Mitgliedern Diskretion abverlangt und war diese ihnen im Gegenzug schuldig. Im März 1788 machte Ernst II. auf Besuch in Weimar die Sache mit Bode perfekt: Der Regent würde dem Provinzial das gesamte illuminatische Archiv für 1500 Reichsthaler abkaufen. Die Transaktion würde nach Bodes Tode stattfinden und ihm eine Geldsumme bescheren, über die er jetzt schon testamentarisch verfügen konnte. Bode notierte mit Zerknirschung Ende März im Tagebuch:
29 u 30. Daran gearbeitet meine Briefe, und auch die Ordenspapiere in eine erträgliche Ordnung zu bringen. Wolle nur der Himmel, daß diese Arbeit nicht dadurch vergebens gemacht werde, daß ihr künftiger Besitzer der Herzog von Gotha, solche dem Publikum vorenthält. [full transcript]
Genau darum ging es Ernst: diese Papiere dauerhaft der Nachwelt zu entziehen, wenn auch nicht schon zu vernichten.
Am 14. Dezember 1793 übermittelte Christian Gottlob von Voigt die Nachricht von Bodes Tod nach Gotha. Als Nachlassverwalter übernahm er die Inventarisierung des Bestandes und erfasste dabei nicht nur Freimaurer- und Illuminatenakten, sondern auch Bodes einschlägige Bibliothek.
Aus Bodes freimaurerischen und illuminatischen Akten wurde im Zuge der Ereignisse, die am 14. Dezember 1793 in Gang kamen, die „Schwedenkiste“ – jener Aktenbestand, der seit den 1990er Jahren Forscher auf sich zieht, weil hier weitgehend konsistent die ganze interne Dokumentation der letzten funktionierenden Ordensprovinz vorliegt. Die Geschichte der Akten ist verwickelt: Ernst II. hielt Wort; Bodes freimaurerischer Nachlass ging an im Gegenzug für die versprochenen 1500 Reichsthaler an den Herzog. Zwei Kisten wurden am 13. Januar 1794 von Heinrich August Ottokar Reichard in Weimar übernommen und nach Gotha überführt, wo sie dann erst einmal auf ein Jahrzehnt verschlossen blieben. Erst mit dem Tod Ernst II., 1804, wurden diese Kisten geöffnet, nun, um aus Ernsts Besitz noch Bücher hinzuzufügen: spektakuläre esoterische und alchemistische Handschriften, mit denen Ernst nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Nicht alles passte in Bodes zwei Kisten. Zielort der drei Kisten, die man wenig später auf die Reise schickte, war das Archiv der Schwedischen Großloge in Stockholm.
Als 1880/81 Gothas Loge diesen Bestand zurückforderte, sollte nur eine Kiste zurückkommen – die „Schwedenkiste“, in deren Zentrum seitdem die illuminatische Buchführung der Provinz Ioniens steht.
Bodes und Ernsts Bibliotheken blieben in Stockholm. Diejenige Bodes lässt sich dabei dank von Voigts Inventar weitaus präziser vermessen als die Ernsts. Das Inventar, das wir als einfache PDF mitliefern liegt noch immer im Archiv der schwedischen Großloge in Stockholm. Die obskure Bibliothek Ernsts II. ist dagegen erst einmal ein Rätsel. Sie reiste unkatalogisiert und wurde dem Logenbesitz ohne weitere Kennzeichnung einverleibt, doch lässt sich auch sie in Umrissen skizzieren; sie liegt heute vor allem unter den Signaturgruppen Tyskland und Esoterica in Stockholms Logenarchiv, wie wir seit einer Forschungsreise 2019 wissen.
Im Folgenden geht es mir ausschließlich um Bodes Bibliothek, die sich dank des Inventars und dank der Tatsache, dass hier vor allem Druckschriften zu notieren sind (keine unikalen Prachthandschriften), relativ leicht in effige nachbilden lässt.
Julia Mös erfasste im Projekt der Arbeitsstelle Illuminatenforschung am Forschungszentrum Gotha die Titel dieses Inventars und legte dabei einen ersten Abgleich mit in öffentlichen Bibliotheken katalogisierten Ausgaben vor. Dieser liegt hiermit in Datenbankobjekten vor, die sich jetzt beliebig vernetzen lassen.
Auf die bibliographischen Kerndaten in Form von bereits durchgeführten Datenbankvernetzungen verzichteten wir zugunsten einer extensiven Katalogverortung, über die man all diese Angaben theoretisch jederzeit in einer Datenbankabfrage erhalten könnte. Die Verlinkung mit PPN-Nummern sowie VD16, VD17 und VD18 Signaturen dient vor allem der Identifikation der Auflagen. Digitalisate können wir im selben Moment auf dem kürzesten Weg mit den Datenbankobjekten verfügbar machen, wenn auch nicht solche der Stockholmer Exemplare.
Einige Worte zu Bodes Bibliothek.
Von Voigts Liste ist in sechs Zählungen untergliedert; die ersten drei bilden dabei einen engeren Zusammenhang als freimaurerische Schriften:
Freimaurer Schrifften [278 Einträge]
Freimaurer Reden [75 Einträge]
Freimaurer Gedichte [48 Einträge]
Rosenkreutzer [161 Einträge]
Jesuiten [68 Einträge]
Magnetismus [16 Einträge]
Es ist unklar, ob Bode die Kategorien selbst so betitelte. Die Sektion „Rosenkreuzer“ umfasst Alchemie im breiten Spektrum. Unter den Jesuitica findet sich vor allem Religion, die aus einer lutherisch orthodoxen Grundposition gefährlich anmutet; die Herrenhuter fallen dabei mitten unter die Jesuiten. Bei den Schriften zum Magnetismus geht es natürlich nicht um klassische Physik, sondern um die aktuellen Theorien zum „animalischen Magnetismus“, um Theorien zum „magnetischen Fluidum“, um spektakuläre Heilungen, in denen Mesmeristen, „Somnambule“ und Patientinnen im Zentrum stehen. Unsere Version notiert zwar die Nummern mit den Rubriken, zählt jedoch daneben unabhängig von 1 bis 763 – eine Zählung, die Einzelbänden eigenen Rang gibt, wo Bode mit Kleinbuchstaben untergliederte (seine originale Zählung ist jedoch als Inventar-Nummer laufend mitgegeben).
Die folgende Suche gibt die Liste von Voigts in ihrer Organisation wieder und nützt bei allem Weiteren als Basissuche:
Alle komplexeren Listen werden länger, wo immer es mehrere Einträge auf eine einzelne Anfrage gibt – etwa mehrere zu nennende Digitalisate. Die Mehrfachaussagen sind jeweils in weiteren Zeilen zur selben Q-Nummer des Objektes notiert. Die nachfolgende Suche bietet die Auflagen, Publikationsorte, Publikationsdaten, ihre Nachweise in Katalogen, verfügbare Digitalisate. Praktisch ist sie vor allem, um über sie direkten Zugriff auf Digitalisate nehmen lässt.
Die Suchen lassen sich (am rechten Rand das Menü dazu) editieren, so dass man Fragestellungen in immer weiteren Spalten erweitern kann. Die Datenbank erlaubt im selben Moment Suchen, die über die gängigen hinausgehen.
Bode übersetzte beruflich, er reiste zwei mal nach Paris in freimaurerischer Mission, seine Bibliothek erweist sich als entsprechend international aufgestellt:
Interessantester ist die chronologische Distribution der Bibliothek. Sie macht sichtbar, was bereits die Erfahrung beim Durchblättern des Inventars ist: Bode kaufte vor allem aktuelle Bücher. Den Spitzenwert nimmt dabei das Jahr 1787 ein. Der letzte Titel stammt aus dem Jahr seines Todes, 1793. Hier der Bestand jahrzehntweise nach Publikationsjahren und nach Bodes Rubriken aufgeschlüsselt:
Alte Titel finden sich besonders im Feld der Rosenkreuzerischen Schriften – ein Indiz dafür, dass Bode hier weit über die Feindbeobachtung hinausging. Alchemie beschäftigte ihn offensichtlich längst als Curiosum mit dem Interesse, Obskures der letzten Jahrhunderte aufzutreiben. Goethes Faust steigt in diese Ära hinab. Kostbarer und weitaus auffälliger sind in diesem esoterisch-alchemistischen Feld indes die Titel, die in Stockholm Ernst II. zuzuordnen sein dürften: Prachthandschriften, die im 18. Jahrhundert in den jeweiligen Zirkeln als Geheimschriften – abseits des Druckmarktes – kursierten. Hier scheinen sich Ernst II. und Bode als Buchliebhaber begegnet zu sein. Aus der brieflichen Korrespondenz wird zuweilen ersichtlich, dass Bode gezielt auf Reisen sammelte und davon Ernst in Kenntnis setzte – vielleicht als Abnehmer besonders kostbarer Stücke. Hier Bodes gesamte Bibliothek chronologisch geordnet, die undatierten Titel stehen dabei zu Anfang:
Vieles ist für uns im Moment experimentelles Gelände. Auf den ersten Blick fehlt uns eine Suchschablone wie Bibliotheken sie verwenden. Vor allem fehlt uns die bibliothekarische Expertise, mit der über die von uns erfassten PPN- und VD-Nummern unseren Items Metadaten aus Bibliotheksdatenbanken zuordnen könnten.
Unsere Liste macht vorerst vor allem den interaktiven Umgang mit der unbekannten Bibliothek möglich. Es ist von hier aus vergleichsweise leicht, Vernetzungen in ganz beliebigen weiterführenden jeweiligen Forschungsinteressen vorzunehmen. Wer über ein Konto verfügt, kann mit dieser Liste, sich zwischen Digitalisaten fortbewegend, Verknüpfungen vornehmen – andere Digitalisate notieren, Themen verschlagworten, Bibliotheksstandorte festhalten, Titel vernetzen, etwa mit Verlagen oder zeitgenössischen Rezensionen. Vor allem lassen sich mit dem eigenen Nutzerkonto im Abgleich mit von Voigts Inventar und den Beständen im Stockholmer Archiv Korrekturen vornehmen – ohne den Umweg einer Email an „die Herausgeber“ dieser Liste. Unser Interesse ist es hier vor allem, die Materialgrundlagen für Fachleute möglichst direkt bearbeitbar zu machen.
Spannend sind für uns dabei insbesondere technisch versierte Materialerschließungen, Materialanalysen, zu denen Fachleute mit Data-Mining und in komplexeren Visualisierungen in der Lage sind.
Das konkretere Ziel dieser Arbeit bleibt die Erschließung der gesamten Materiallage, in der sich die Bibliothek Bodes verhedderte: Sie gelangte in das Gefüge der Materialien, die hier mitsamt den Illuminatenakten aus der öffentlichen Wahrnehmung gerieten. Wir stehen hier vor einer spannende Bibliothek, der eines Marktinsiders, wenn man die Welt der freimaurerischen und konkurrierenden Verbindungen einmal als Markt erfassen will. Bode bewegte sich auf diesem Markt genussvoll und mit enormer Neugier bis an sein Lebensende. Wir begegnen hier zudem einer Bibliothek der persönlichen Beobachtungen – es finden sich unter den Autoren und unter den Betroffenen der Bücher Menschen, mit denen Bode in Austausch stand. Eine interessante Durchdringung wird Bodes Kontaktnetz mit diesem Informationspool abgleichen, irgendwann in der Zukunft. Im Moment ist es schon interessant genug, dass wir auf diese Weise, dank der fortscheitenden Digitalisierung der frühmodernen Buchproduktion nun vom Schreibtisch Bibliotheken wie diese rekonstruieren und durchstöbern können.
PS. Mein besonderer Dank an Bruno Belhoste für das Skript zur Profilierung der Bibliothek.
PS2. Die Liste wurde Mitte Oktober 2022 abgeglichen mit einer Liste Reinhard Markners, die dieser im Archiv der Schwedischen Großloge anfertigte, und die im Zuge des Abgleichs Stockholmer alte und neue Signaturen erhielt.
This may come as a postscript to the previous or as a sneak preview of upcoming projects that will deal with theatre and its history. An interesting topic with all the networks of actors knitting their personal ties in ever changing ensembles of travelling companies that visit cities and courts, of emerging houses with standing ensembles, of authors, of plays and of various roles – and then again of actors who would play certain types in various plays…
The following itinerary follows one of these groups, the so called Hochdeutsche Hofcomödianten or the Velten Company, named after the Veltens, a couple who were the directors between 1670s and 1712.
The image catches all the journeys this group took between 1693 and 1712, the years when Catharina Elisabeth Velten was the company’s director. The FactGrid viewer gives the list of the known stays as Günther Hansen noted them in his Formen der Commedia dell’ Arte in Deutschland (1968), p. 269.
The image is interesting as it captures a structural characteristic of the itineraries which theatre companies were likely to produce back in the 17th and 18th centuries. The actors did not travel as tourists. They were rather acting like nomadic families following larger herds as these were looking for ever fresh pastures.
We are speaking here of companies that could have 100 plays in their repertoires. They would come to a place, determine what they could offer as relative novelty – depending here on the rivalling enterprises that had been there in recent years with their respective repertoires. Once a company had been at a place for two weeks it had exploited its repertoire and exhausted the audience. The group could return a couple of years later to attract fresh audiences with plays that would now be interesting. The pattern is therefore more like the pattern groups following herds of reindeer that would in turn find their various regional barriers. Language barriers are the natural barriers of theatre players, though German was here an extremely useful language – spoken in the present German speaking territories but also in much of Poland and in major places in Scandinavia and the Baltic area where merchant communities of the old Hanse world had become major ethnic groups. The Velten Company spoke – as the name indicated – „Hochdeutsch“, High German, not low German the language that would only be understood in the coastal regions.
The visualisation has its ugly sides: No one could use a plane to fly direct way from Stockholm to Vienna. An alternative would be a database that knows contemporary travel routes. An alternative could also be a map with bigger and smaller nebulous spots to see how often they visited certain places – that, however, would not show the difference between them and people who travelled on their “grand tour”, avoiding to visit a place twice.
The list of stays comes with gaps. How do you get from Frankfurt to Leipzig in 1705? Via Gotha and Erfurt? I resist the temptation to get into the locale state archive to find out when they passed through.
We should collect information down to the level of repertoires, actors, and competing troupes, and and get a picture of how this market developed.
Another view
German Wikipedia user Enyavar responded to the visualisation here with this alternative view of times a place had been visited:
Auftrittsorte der Hochdeutschen Hofcomödianten. In dunkelblau unter Paulsen; in orange unter Johannes Velten; in dunkelrot unter Catharina Velten
which adds information on the era of Catharina’s husband, the preceding director, and which gives a clearer view on Leipzig and Dresden, the home base of the company that was privileged by Dresden’s court.
Header image: Balthasar Beschey, La Commedia dell’Arte, 18th century, Wikimedia Commons
A collaboration involving FactGrid as the project ressource, the following scholarship announcement in French, English and German:
2 postes de doctorant-e en histoire moderne, XVIIIe-XIXe siècles (Université de Fribourg, Suisse)
Le Département d’histoire de l’Université de Fribourg met en concours deux postes de doctorant-e-s en histoire moderne (4 ans, 100%) à partir du 1er mars 2022. Les postes sont intégrés au projet FNS The Mesmerism in Switzerland: interactions, transnational circles and networks, media / Le mesmérisme en Suisse : interactions, cercles et réseaux transnationaux, médias / Der Mesmerismus in der Schweiz: Interaktionen, transnationale Zirkel und Netzwerke, Media sous la direction de prof. Claire Gantet, financé par le Fonds national Suisse.
1 thèse Le mesmérisme en Suisse occidentale : sociabilités, mobilités, constellations
1 thèse Un flux d’informations : le mesmérisme en Suisse
Les projets se concentrent sur le problème du mesmérisme en tant que nouvelle thérapie très influente élaborée par Franz Anton Mesmer (1734-1815) – découverte de l’hypnose et son utilisation en médecine– et sur les relations entre croyance et science ainsi qu’entre patient et médecin. Ils le font en maniant des perspectives notamment d’histoire culturelle, d’histoire micro-historique et d’histoire transnationale. Les projets de thèse se situent dans le domaine de l’histoire des savoirs et étudieront les pratiques et relations d’interdépendance du mesmérisme. Une cotutelle avec un expert étranger est possible.
Vos tâches
Vous développerez un projet de recherche indépendant sur le mesmérisme. Au cours de votre thèse, vous aurez l’occasion de participer à des ateliers et à des conférences internationales et d’échanger des idées avec des expert-e-s de votre domaine de recherche. Vos données complèteront les bases de données Harmonia universalis (https://harmoniauniversalis.univ-paris1.fr/#/) et FactGrid (https://database.factgrid.de/wiki/FactGrid:Early_Modern).
Votre profil
Vous devez être titulaire d’un master en histoire, si possible des XVIIIe et XIXe siècles, ou dans un domaine connexe avant le commencement du poste. Vous savez mener une recherche de façon autonome et avez de bonnes capacités de lecture en français, en anglais et en allemand. La thèse peut être rédigée en anglais, en allemand ou en français. Vous devez avoir une adresse en Suisse durant la durée du contrat.
Ce que nous offrons
Nous vous offrons la possibilité d’effectuer un projet de recherche indépendant en collaboration et en échange avec une équipe motivée. Le département bilingue d’histoire de l’Université de Fribourg vous offrira également un environnement de recherche stimulant. Dans le cadre de la thèse, vous aurez diverses possibilités de supervision et de développement professionnel, notamment la participation à des colloques, ateliers, conférences et publications. Nous offrons un contrat de quatre ans avec un salaire conforme aux taux du FNS pour les doctorant-e-s (environ 47’000 CHF la première année). Des fonds sont disponibles pour des activités de recherche spécifiques telles que des séjours de recherche et la participation à des conférences.
Votre candidature doit comprendre
Une lettre de motivation : Veuillez expliquer ce qui vous attire dans ce poste et en quoi vous êtes apte à répondre aux attentes
Votre mémoire de Master ou un travail de séminaire important, si possible avec le rapport des examinateurs
Un curriculum vitae détaillé
Copies de vos certificats et diplômes universitaires avec une liste des cours suivis
Noms et adresses électroniques de deux personnes de référence que l’Université de Fribourg pourrait contacter
Vous pouvez rédiger la lettre de motivation et le CV en allemand, en français ou en anglais, selon votre préférence.
L’Université de Fribourg s’efforce d’assurer une représentation équilibrée des femmes et des hommes. Les candidatures de femmes sont donc explicitement les bienvenues. En tant que signataire de la Déclaration DORA, l’Université de Fribourg attache une grande importance à l’évaluation qualitative des résultats académiques.
Veuillez envoyer votre candidature sous forme d’un document PDF par courriel à prof. Claire Gantet (claire.gantet@unifr.ch) avant le 15 Décembre 2021.
Pour tout renseignement complémentaire, veuillez contacter Claire Gantet : claire.gantetnifr.ch.
2 PhD positions in early modern history, 18th-19th centuries (University of Fribourg, Switzerland)
The Department of History of the University of Fribourg invites applications for two PhD positions (4 years, 100%) in early modern history. The PhD thesis will be realized in the framework of the FNS project The Mesmerism in Switzerland: interactions, transnational circles and networks, media / Le mesmérisme en Suisse : interactions, cercles et réseaux transnationaux, médias / Der Mesmerismus in der Schweiz: Interaktionen, transnationale Zirkel und Netzwerke, Media directed by Claire Gantet and financed by the Swiss National Science Foundation. The positions will start on 1 March 2022:
1 PhD thesis: The mesmerism in western Switzerland: sociability, mobility, constellations
1 PhD thesis: An information flow: mesmerism in Switzerland
The project focuses on the problem of Mesmerism as the new and influential method of treatment developed by Franz Anton Mesmer (1734–1815)–discovery of hypnosis and its use in medicine–and the relationships between knowledge and belief or the physician-patient-relationship. It explores it by intersecting multiple perspectives such as cultural, microhistorical, and transnational history. The advertised PhD projects will be situated in the history of knowledge and explore practices and entanglements of Mesmerism.
Your responsibilities
You will define and conduct your own independent research project on Mesmerism. While writing your dissertation, you will be able to participate in international workshops and conferences with leading experts of the field. Your data will be filed in the databases Harmonia universalis (https://harmoniauniversalis.univ-paris1.fr/#/) and FactGrid (https://database.factgrid.de/wiki/FactGrid:Early_Modern).
Your profile
You hold a master’s degree in History (18th-19th century) or a related field by the time you enter the position. You should be highly motivated to do historical research and have good reading skills in French, English and German. Familiarity with history of medicine or history of Switzerland and paleographical or digital abilities are welcome. The PhD thesis may be written in English, German, or French. For the duration of the contract, residency in Switzerland is required.
What we offer
We offer you the possibility to develop your own research project in collaboration and exchange with a highly motivated team situated in the stimulating research environment of University of Fribourg’s bi-lingual department of history and you benefit from its contacts with international experts. Furthermore, we provide you with opportunities for professional development (participation in conferences and publications, workshops with experts in the field). We offer a four-year employment contract with a salary paid according to the SNSF rates for doctoral students (approximately 47’000 CHF for the first year). Extra funding for research activities such as travel to conferences and stays in research libraries is available.
Your application should include
A letter of motivation: Please explain what makes you a suitable candidate for this position and why you are interested in it.
Your MA thesis or a significant seminar paper, if possible with the examiners’ report.
A full CV.
Copies of your university transcripts and diplomas.
The names and e-mail addresses of two possible referees whom the University of Fribourg may contact.
The letter of motivation and the CV may be written in German, French, or English, according to the candidate’s preference.
The University of Fribourg strives for a balanced representation of women and men. Applications by women are therefore explicitly welcome. As a signatory of the DORA Declaration, the University of Fribourg attaches importance to a qualitative assessment of academic performance.
Please send your application in one PDF file by e-mail to Claire Gantet (claire.gantet@unifr.ch) until 15 December 2021 at the latest.
For further information, please contact Claire Gantet: claire.gantet@unifr.ch
2 Doktoratsstellen, Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts (Université de Fribourg, Schweiz)
Am Departement für Geschichte der Universität Freiburg sind ab dem 1. März 2022 zwei Doktoratsstellen in frühneuzeitlicher Geschichte (4 Jahre, 100%) zu besetzen. Die Stellen sind Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts The Mesmerism in Switzerland: interactions, transnational circles and networks, media / Le mesmérisme en Suisse : interactions, cercles et réseaux transnationaux, médias / Der Mesmerismus in der Schweiz: Interaktionen, transnationale Zirkel und Netzwerke, Media unter der Leitung von Prof. Dr. Claire Gantet. Der Zeitpunkt des Stellenantritts ist der 1.3.2022.
1 Dissertation über die Akteure, Geselligkeitsformen, Mobilität und Netzwerke, 1780–1840
1 Dissertation über die Medien des Mesmerismus, 1780–1840
Das Projekt richtet sein Augenmerk auf das Problem des Mesmerismus als von Franz Anton Mesmer (1734–1815) entwickelte neue, maßgebende Behandlungsmethode (Entdeckung der Hypnose und ihre Verwendung in der Medizin) und den Zusammenhang zwischen Glauben und Wissen sowie das Arzt-Patienten-Verhältnis. Dieses wird u.a. aus kultureller, mikrohistorischer und transnationaler Perspektive beleuchtet. Die ausgeschriebenen Dissertationsprojekte sind zudem im Bereich der Wissensgeschichte situiert und werden die Praktiken und Verflechtungen des Mesmerismus untersuchen. Eine Doppelbetreuung (cotutelle) mit einem/einer auswärtigen Experten/Expertin ist möglich.
Ihre Aufgaben
Sie entwickeln ein eigenständiges Forschungsprojekt zum Mesmerismus. Während der Dissertationsphase werden Sie die Gelegenheit haben, an Kolloquien, Workshops und internationalen Konferenzen teilzunehmen und sich mit führenden Expert:innen aus relevanten Forschungsfeldern auszutauschen. Ihre Daten werden die Datenbank Harmonia universalis (https://harmoniauniversalis.univ-paris1.fr/#/) und FactGrid (https://database.factgrid.de/wiki/FactGrid:Early_Modern) ergänzen.
Ihr Profil
Sie sollten spätestens bis zum Zeitpunkt des Stellenantritts im Besitz eines Masterabschlusses in Geschichte der frühen Neuzeit oder der Neuzeit (18.–19. Jht.) oder einem benachbarten Fach sein. Sie sind forschungsorientiert und haben gute Lesekenntnisse in Französisch und Englisch. Linguistische und historische Vorkenntnisse zur damaligen Medizin oder zur Geschichte der Schweiz sowie paläographische oder digitale Fähigkeiten sind sehr willkommen. Die Dissertation kann in Englisch, Deutsch oder Französisch verfasst werden. Für die Dauer des Vertrages müssen Sie in der Schweiz wohnhaft sein.
Was wir bieten
Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, ein eigenständiges Forschungsprojekt in Zusammenarbeit und Austausch mit einem motivierten Team zu verfolgen. Das zweisprachige Departement für Geschichte der Universität Freiburg und ihre Vernetzung mit u.a. französischen Spezialisten werden Ihnen darüber hinaus ein stimulierendes Forschungsumfeld bieten. Im Rahmen der Dissertation werden Sie verschiedene Möglichkeiten der fachlichen Begleitung und Entwicklung haben, darunter die Teilnahme an Kolloquien, Workshops, Konferenzen und Publikationen. Wir bieten einen vierjährigen Vertrag mit einem Lohn, der den SNF-Ansätzen für Doktorierende entspricht (ca. 47‘000 CHF im ersten Jahr mit steigendem Gehalt). Gelder für spezielle Forschungsaktivitäten wie Forschungsaufenthalte und Teilnahmen an Konferenzen stehen zur Verfügung.
Ihre Bewerbung sollte enthalten
Ein Motivationsschreiben: Bitte erklären Sie, was Sie an der Stelle interessiert und warum Sie dafür geeignet sind.
Ihre Masterarbeit oder eine längere Seminararbeit, wenn möglich mit Gutachten.
Ein ausführliches Curriculum vitae.
Kopien Ihrer universitären Zeugnisse und Diplome inklusive Liste der besuchten Kurse.
Namen und Mailadressen von zwei möglichen Referenzpersonen, die die Universität Freiburg kontaktieren kann.
Sie können das Motivationsschreiben und den Lebenslauf je nach Ihren Präferenzen in Deutsch, Französisch oder Englisch verfassen.
Die Universität Freiburg strebt eine ausgeglichene Repräsentation von Frauen und Männern an. Bewerbungen von Frauen sind deshalb explizit willkommen. Als Unterzeichnerin der DORA-Deklaration legt die Universität Freiburg Wert auf eine qualitative Beurteilung von akademischen Leistungen.
Bitte senden Sie Ihre Bewerbung bis zum 15. Dezember 2021 gebündelt in einem PDF-Dokument per Mail an Claire Gantet (claire.gantet@unifr.ch).
Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Claire Gantet: claire.gantet@unifr.ch