Kopfzerbrechen Nr. 6: Dokumente des Illuminatenordens erfassen

Im Verlauf unserer Arbeit legten wir zur Orientierung innerhalb der Schwedenkiste dieses Spreadsheet an. Jede Zeile (ab 24) ist ein Dokument innerhalb eines der 20 Bände der Schwedenkiste; dem folgen noch einige weitere Dokumente unserer Recherchen.

In der Visualsisierung der Datenbankinformation wird man später zu jedem Dokument eine Seite haben wollen mit Metadaten, Digitalisaten, Transkript, Übersetzung ins Englische.

Die Datenstruktur würde, von unserer Excelliste kommend, übersichtlich diese Felder haben, von denen einige unorthodox sind – der Orden verschlüssele Datums- und Ortsangaben, die Namen von Sendern und Empfängern wurden verschlüsselt, wichtiger noch: Sender schrieben regelmäßig an den Orden, ohne zu erfahren, wer dort ihre Briefe öffnete (das indes wissen wir, nachdem wir die Innenorganisation kennen).

Groberfassung

1. Kurztitel
2. Level: Archivbestand/ Akte/ Dokument/ Abschnitt in einem Dokument [ideal: Pulldownmenü zur Bestimmung der Erfassungsebene]
3. included in (in welchem Archivbestand findet sich die Akte, in welcher Akte das Dokument, in welchem Dokument der Abschnitt der hier erfasst wird?)

3a. dortige Position
3b. Seiten oder Blattangabe
4. Digitalisat online
5. Transkript online
6. Veröffentlichung

6a. Stellenangabe (Seiten von bis)
7. Übersetzung

7a. Stellenangabe (Seiten von bis)
7b. Sprache der notierten Übersetzung
8. Forschung

8a. Stellenangabe (Seiten von bis)

Objektbeschreibung

9. Umfang der Akte, des Dokuments, des Abschnitts (in der Regel eine Seiten- oder Blattzahl)
10. Format [unterschiedliche Angaben denkbar: 2°, 4°, 8°, DIN A…, cm x cm]
11. Manuskript/ Manuskript mit Noten/ Typoskript/ Druck/ Formular (mit Eintragungen)/ Schattenriss/ Zeichnung (mit Text)/ Konvolut
12. Handschrift
13. Sprache

Autor

14. Autor

14a Autor Selbstaussage (“Name vorenthalten, sprich anonym”, Initialen, Pseudonym…)
14b. Verantwortende Insitution
15. Absendeort

15a. Geo Kordinate
15b. Absendeort in seiner unklaren Nennung
16. Absendedatum / Enddatum der Komposition

16a Genauigkeit (ca./ recte/ fraglich)
16b Datierungsangabe laut Dokument
16c Abfassungsbeginn (z.B. bei Tagebüchern oder Briefen, die über Tage hinweg verfasst werden)
16d. terminus post quem (was ist das Datum, nach dem dieses Dokument verfasst sein muss)
16e. terminus ante quem (was ist das Datum vor dem dieses Dokument verfasst sein muss)

Empfänger

17. Empfänger

17a. abweichende Adressierung
17b. adressierte Institution
18. Ort Empfänger

18a. Geokoordinate
19. Eingangsdatum
20. Weitere Rezipienten (besonders wichtig bei den Illuminatenakten, wo man Briefe an den Orden adressiert, auf dass “Unbekannte Obere” sie lesen – die wir wiederum identifizieren können)

Inhalt

21. Textsorte standardisiert [hier muss Auswahl erstellt werden]
21. Textsorte Selbstaussage
22. Titel
23. Inhalt
24. Berichtsgegenstand [FactGrid-Id von Ereignis etwa bei Treffen, Konferenz etc.]

24a. Berichtszeitraum von
24b. Berichtszeitraum bis

Kontext

25. Antwort auf
26. Rezension von/ Gutachten zu
27. Fortsetzung von
28. Dokument ist [Auswahl:] Konzeptschrift zu/ Kopie von/ Reinschrift von/ Zusammenfassung von/ Übersetzung von/ Katalogeintrag zu

28a. Dokument zur vorigen Spalte
29. Bearbeiter/ Übersetzer (Information zur vorvorigen Spalte)
30. Querbezüge
31. Genannte Personen

Provenienzinformation nach Verlust des Objektes oder des Quellennachweises

32: Verlust/ zu recherchieren/ privat
33: Status seit wann
34: Grund (etwa Bombardierung des Archivs – Möglichkeit eines Ereignislinks)
35: Paralellüberlieferung (woher kommen die Informationen, die wir heute über das Dokument haben)

35a: Stellenangabe zu vorigem (Seite Default)

Provenienz bei vorliegendem Dokument

36. Besitzer / Archiv

36a. Geo-Koordinate
37. Besitz von/seit

37a. Besitz bis
38. Bestand
39. Signatur
40. Verzeichnis
41. Zugänglichkeit (öffentlich zugänglich/ eingeschränkt öffentlich zugänglich/ privat/ geheim)
42. Eigentümer
43. Wechsel gegenüber voriger Provenienz [Kauf/ Schenkung/ Leihgabe/ Enteignung/ Aneignung/ Raub]

FactGrid-interne Information

44. Erschließung (Namen derer, die die Erschließungsinformationen lieferten, mit Jahresangaben)
45. Forschungskontexte (hier können Forschungsprojekte Materialcorpora für ihre Recherchen generieren)
46. Template (für eine Darstellung etwa im Article Placeholder)
47. Digitalisat (wichtig, wo wir nicht-öffentliche Bilddateien von unseren Servern benennen)
48. Achtung! (Raum für Bearbeitungsnotizen)

Die zentrale Frage dieses Kopfzerbrechens ist: Wie stimmen wir diese Liste mit bereits bestehenden Wikidata-Feldern ab? Wie erstellen wir hierfür eine Eingabeschablone, die – etwa bei einer Crowd-Erschließung – die richtigen Fragen übersichtlich stellt?

Wie generieren wir aus den Daten im Verlauf ansprechende Seiten zu den Dokumenten, die deren Lektüre zu einer angenehmen Erfahrung macht? Mit welcher Gestaltung würde man Übersetzungen einspielen (die Übersetzung ins Englische ist das größte Desiderat des öffentlichen Austauschs über die Illuminaten). Magnus Manskes Reasonator machte gute Vorschläge was die Gestaltung von Seiten aus Wikidata anbetrifft.

Bisher sehen unsere Seiten zu Dokumenten – unbefriedigend – so aus:

Screenshot SK13-070 https://projekte.uni-erfurt.de/illuminaten/SK13-070

2017-12-1/2: Einige konkrete Fragen für den ersten FactGrid Workshop

siehe https://factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de/blog/archives/159

  1. Wäre es sinnvoll, das FactGrid vorab mit ausgewählten (auf Kerndaten reduzierten) Datensätzen aus Wikdata und der GND zu befüllen, um nicht im leeren Raum zu beginnen?
  2. Gäbe es alternativ eine einfache Option, Daten mit den bestehenden Datenbanken abzugleichen und Datensätze ohne Umstände zu übernehmen?
  3. Könnte man den Umgang mit Doubletten – verschiedenen Datensätzen zur selben Person etwa (resultierend aus der Zusammenfügung von Tatenmengen) – nicht zu einem fruchtbaren Problem machen, sprich: die Datenbank einsetzen, um gezielt nach möglichen Übereinstimmungen zu fahnden?
  4. Wie würde man am besten mit ‘tentativen Informationen’ umgehen – mit Personen etwa, von denen man erstmal nur einen Nachnamen, einen Zeitpunkt und Ort in einem ersten Aktenbefund hat? (Siehe das erste und das zweite Kopfzerbrechen hierzu.)
  5. Wäre es nicht klug, Bilddateien und Transkripte in derselben Datenbank zu verwalten? (Siehe das fünfte Kopfzerbrechen.)
  6. Wie gehen wir mit wechselseitigen Beziehungen um? Wenn eine Schablone es erlaubt, zu einer Person Eltern und Kinder zu nennen, wie stellen wir sicher, dass Schablonen zu Kindern wiederum die bereits eröffneten Beziehungen zu den Eltern in den Eingabefeldern haben?
  7. Wenn wir Gegenstände und Eigenschaften definieren, werden wir dafür eigene (sagen wir) X- und Y-Nummern vergeben, um Freiheit bei der Erweiterung und Ausbeutung der Datenlage zu haben? Wenn ja: Wie sichern wir die weitestmögliche Vereinbarkeit mit Wikidata-Einträgen ab?
  8. Magnus Manskes Reasonator erweist sich als ungemein elegantes Werkzeug, um Wikidata-Information enzyklopädisch verfügbar zu machen. Taugt der “article placeholder” als Alternative, wenn wir eine Vermehrung von Plattformen verhindern wollen und wenn wir eine automatische und übersichtliche Datenpräsentation suchen. Braucht Wikidata nicht langfristig einen eigenen “Visualizer”, der die Informationen zu jedem Gegenstand zweckmäßig anordnet und erst beim Editierwunsch in den Bearbeitungsmodus schaltet?
  9. Das FactGrid soll verschiedenen Projekten als gemeinsam betriebene und angereicherte Plattform dienen. Wie machen wir es möglich, dass das jedes einzelne Projekt die Ressource unter seinem eigenen Focus ausbeuten kann? Wie ermöglichen wir Suchen, die etwa speziell im Aktenbestand bleiben, der vorher als die thematisch relevante Datenlage eines Projekts definiert wurde?

Kopfzerbrechen Nr. 5: Dokumente, Transkripte und aus ihnen bezogenen Informationen zusammenhalten

Wikisource Screenshot mit Bilddatei und Bearbeitungsfenster für das Transkript im Original
Das ist die mühsame Arbeit des Historikers wie des Hobby-Forschers, der etwa Kirchenbücher auf den Spuren seiner Familie auswertet: Man hat ein Dokument. Wenn es älter ist, entziffert man es, indem man es nebenbei notdürftig transkribiert. Mitunter muss man es nebenbei in eine lebende Sprache übersetzen, bevor man im letzten Schritt Informationen aus dem Dokument zieht (und sich notiert, wie man die Information nachher zitiert).

Sollten wir das Projekt der Illuminatenakten Online in einer größeren Kooperation mit den zu beteiligenden Partnern zuwege bringen, werden wir zu alledem noch die Scans der einzelnen Dokumentenseiten zu verwalten haben. Was wäre praktischer für deren Verwaltung als die bereits benutzte Datenbank? Eigene Wikis aufsetzen mit der Wikisource-extension, die es erlaubt, einen Scan neben einem Transkriptionsfenster zu sehen, hieße die Plattformen planlos zu vermehren.

Interessant ist die all-in-one-solution. Sie öffnet den Weg in die Volltextsuche; vor allem aber behält man mit ihr stets die Arbeitsschritte beieinander. Im raschen Zugriff lässt sich erfassen, welche Informationen aus welcher Datenlage gezogen wurden. Beim seltsamen Befund ist man schnell an der Quelle, die falsch gelesen oder fehlinterpretiert worden sein muss. Die Metadaten zum Objekt, die man vor allem mit der Datenbank verwalten möchte, bleiben dicht bei der Objektbearbeitung.

Vielleicht würde man mit Sichtfenstern arbeiten wollen, die man in verschiedenen Tabs, mitunter auch auf zwei Bildschirmen, nebeneinander nach eigenen Wünschen anordnen könnte. Angenehm wäre es, wenn man die Information von anderen Datenbanken einbinden könnte: Oft wünscht man sich eine Funktion, um eine bereits vorhandene Texterkennung – sie läuft bei Google Books und Archive.org im Hintergrund der Scans mit – einfacher bei der eigenen Arbeit benutzen zu können. Man korrigiert schneller als man selbst schreibt.

Screenshot aus Google Books: Man kommt an die OCR zu einzelnen Textpassagen, kann sie aber nicht bearbeiten. Vergrößern / Google Books

Das sind gleich mehrere Baustellen für ein längeres Kopfzerbrechen.

Kopfzerbrechen Nr. 4: Organigramme

In Google Books findet sich eine kleine Serie der Herzoglich-Sachsen-Gotha- und Altenburgischer Hof- und Adreß-Kalender:

Die Serie von 1768 bis 1825: https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/54350/1/ /
https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpvolume_00240779

Die Publikationen waren nicht ungewöhnlich. Man entnahm ihnen nach dem kalendarischen Vorspann und den Informationen über die Post-
und Botenverbindungen Überblick über den Aufbau des gesamten Staats und seiner Landeskirche samt den Namen und Posten aller Amts- und Würdenträger bis hinab zu den Angestellten, die der Herrschaft auf dem Schloss aufwarteten.

Netzwerkdarstellungen wurden in den letzten Jahren populär. Sie erlauben es, Knoten in größeren Kommunikationsgefügen auszumachen. Insbesondere informelle offene Korrespondenzgefüge gewinnen hier Transparenz.

Tatsächlich wissen wir aber dank solcher Kalender und vergleichbarerer Publikationen über die Interaktionsgefüge weit mehr. Wir verfügen über Organisationspläne aus staatlichen und kirchlichen Behörden, wir kennen die Gefüge der Armee, größerer Anstalten wie kleinerer Firmen, kennen die Positionen in geheimen und nicht geheimen Gesellschaften, die Gremien und Ausschüsse von Parlamenten und Parteien und so fort.

Eine der interessantesten Leistungen des FactGrids könnte darin liegen, diese Gefüge mit den Personendaten und Archivalien zu erfassen. Hier sind Organisationsstrukturen ausgewiesen samt Titeln, Positionen und den Namen der Amtsinhaber. Wie müsste die Dateneingabe aussehen, um aus ihr Organigramme für jeweils gewünschte Zeitschnitte zu generieren – mit Links zu den Personen und zu Schriftstücken ihrer Hand?

Die Adress-Kalender erfassen, wie der größte Arbeitgeber im frühneuzeitlichen Staat mit der Bevölkerung seines Territoriums verwoben war: Welcher Prozentsatz der Stadt- und der Landbevölkerung stand in Dienstverhältnissen zum Hof? Wie verliefen – hier wird die Serie der Kalender aufschlussreich – Karrieren bei Hof? Welche Positionen erweisen sich als sozial durchlässiger als andere?

Wie sind – wenn wir Organisationsgefüge miteinander korrelieren – Gothas Freimaurer mit Staat und Kirche des Herzogtums verwoben? In wieweit überlappen sich Kreise des Klubbs, der Thee-Gesellschaft, der Besucher der wissenschaftlichen Vorlesungen des Hofarchivars Ludwig Christian Lichtenbergs in der Stadt, der Illuminaten im Haus des Schlosshauptmanns Christian Georg von Helmolt mit staatlichen Strukturen? Welche Mitgliedschaften waren Eintrittskarten in Karrieren, welche persönlichen Kontakte öffneten Türen?

Aus den Akten des Illuminatenordens Schwedenkiste Band 10, 200: Die Mitgliederliste der Gothaer Freimaurer-Loge von 1783. Deutlich sichtbar: Führende Hofbeamten treffen sich in der Loge wieder – aber nicht alle… Vergrößern

Übersichtlichkeit werden Organigramme generieren, sobald sie mit der Aktenüberlieferung korreliert werden, und man auf die Schnelle in die Arbeit von Behörden Einblick nehmen kann.

Bleibt die zentrale Frage: Was muss wie eingegeben werden, um welche Darstellungen zu erlauben und welche Fragen stellen zu können?

Struktur Stadtverwaltung Gotha, Organigramm 2017 http://www.gotha.de/rathaus-politik/stadtverwaltung/organigrammaktenplan.html

Kopfzerbrechen Nr. 3: Genealogien

Genealogien durchdringen alle Arbeitsgebiete. Wer Bibliothekskataloge durchsucht, erhält Verlagsangaben und bleibt im Dunkeln darüber, wie diese Angaben zusammenhängen.

Genealogien der Geschäftsführung

Dem Buchhandelshistoriker ist klar, dass er hier genealogisch denken muss: Die städtischen Behörden vergaben Lizenzen für den Druck, Verlag und/oder Verkauf von Büchern. Die Lizenzen wurden innerfamiliär weitergegeben vom Vater auf den Sohn oder, bei ausbleibenden Erben, auf die Witwe und die Kinder, bis jemand in das Geschäft einheiratete oder es von auswärts kommend erwarb.

Neue Lizenzen wurden selten eröffnet. Das Interesse des Hofes konnte hier innserstädtische Interessen an der Vermeidung von Konkurrenz außer Kraft setzen. Eine Geschäftsteilung konnte eine Differenzierung in verschiedene Lizenzen mit sich bringen – fortan bestand ein Unternehmen als reine Druckerei, und eines als reines Verlagsgeschäft mit Buchhandlung.

Dutzende von Namen über drei Jahrhunderte ordnen sich, sobald man die Genealogie der weitergegebenen Rechte erfasst, zu wenigen Strängen pro Stadt – das kann wie folgt für München oder Gotha aussehen:

Vergleichbare Darstellungen der Geschäftsbeziehungen sind bereits Teil des ungeborgenen Katalogwissens. Die Kataloge könnten theoretisch auf die Nahtstellen hinweisen, an denen vermutlich ein Wechsel stattfand, ein Name ausläuft, ein anderer anhebt. Letztlich erfordert die Rekonstruktion der Zusammenhänge jedoch eigenes Wissen über Familienbeziehungen und die Zusammenhänge der städtischen Gewerbeakten.

Auf der Ebene der Software benötigte man die passenden Darstellungsoptionen. Vor allem aber braucht man Schnittstellen, an denen Benutzer die Verbindungen herstellen und die Genealogie ordnen können.

Genetische Verhältnisse: Stemmata

Viel komplizierter liegen die Verhältnisse bei den genetischen Zusammenhängen zwischen Buchausgaben. Manche Kataloge scheitern hier schon im Ansatz wie der hinter Google Books. Man versuche etwa, die Nummern eines Journals aus dem 18. Jahrhundert, dessen Digitalisate irgendwie im System stecken, sich der Reihenfolge nach anzeigen zu lassen. Google hilft einem hier mit einem vagen Angebot weiter nach dem Motto „Leser, die dies lasen, könnten auch diese Links interessant finden“.

Doch auch ausgefeilte Kataloge wie der ESTC, das Verzeichnis aller englischen Titel der Jahre 1473 bis 1800, weisen hier rasch unüberschaubar werdende Gebiete auf – dann etwa, wenn minimale Varianten von einer Ausgabe, verschiedene Auflagen und zudem einzelne Teilbände auf ein Jahr fallen wie im Fall der Katalogangabe für Delarivier Manleys Atalantis:

ESTC Suche: “Atalantis”. Auch nach der chronologischen Sortierung bleibt unklar, hinter welchem Link der erste Text liegt.

Man wünschte sich hier nicht minder eine Option der genealogischen Strukturierung: Der erste Band erschien im Mai 1709; im Juli musste er nachgedruckt werden. Band zwei folgte im Oktober. 1710 brachte die Autorin ein Werk heraus, das erst einmal einen eigenen Titel trug: die Memoirs of Europe. Ein halbes Jahr später folgte davon Band zwei. Ab 1715/16 wurden diese Bände in Neuausgaben der Atalantis als deren Folgen III und IV notiert.

Dem Markterfolg wurden ab 1711 auch noch ganz andere Bücher untergeschoben: 1705 war erstmals eine Queen Zarah mit ähnlicher Skandalgeschichte erschienen. Deren zweite Ausgabe kommt 1711 „by way of appendix to the New Atalantis“ heraus. Ein weiterer älterer Titel macht denselben Sprung in den Komplex und vier neue wollen unverzüglich in ihn hinein. Siehe hier die geschlossenere genetische Darstellung: http://pierre-marteau.com/library/e-1709-0004.html.

Der ESTC ist im Kern ein Nationalkatalog. Das wird deutlicher, sobald man die weiteren Titel auf dem europäischen Markt nachweisen will – dem versagt sich der ESTC. In den Niederlanden erfolgte 1713 die Übersetzung der ersten zwei Bände ins Französische. Eine nachweisbare, kondensierte deutsche Fassung datiert vermutlich von 1714 und übersetzt nach der französischen Ausgabe.

Für die beschriebenen genetischen Beziehungen bräuchte man Stemmata, wie sie in der Handschriftenkunde verbreitet sind. Das Komplizierte ist hier, dass die Beziehungen zwischen Titeln immer über das ganze Schema hinweg verlaufen können. Ein Verlag mag bei einer Neuausgabe nach der letzten ihm greifbare Ausgabe setzen. Er könnte jedoch auch auf die Erstausgabe zurückgreifen, oder eine von der Autorin korrigierte spätere. Die moderne „kritische“ Ausgabe wird sich für eine Leitausgabe entscheiden, und Varianten (wenn vorhanden) mit dem Manuskript der Autorin und den ersten und letzten Ausgaben, die sie selbst beeinflusste, erfassen.

Stemma für die Manuskripte des ‘Pseudo-Apuleius Herbarius’ aus Ernst Howald and Henry E. Sigerist. Antonii Musa De herba vettonica (Leipzig 1927). https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Howald-sigerist.png

Wieder wäre einem mit einer Schnittstelle geholfen, die es erlaubte, verschiedene genetische Beziehungen zwischen Ausgaben herzustellen, die dann in einer Visualisierung zum Zuge kämen.

Entwicklungen

Natürlich hofft man auf die Software, die selbst rekonstruiert, wie sich die Dinge ordnen – darum geht es im Umgang mit „Big Data“. Das Spannende an der Wikidata-Software ist jedoch im selben Moment, dass der Benutzer mit ihr sein Wissen viel schneller und härter einbringen und damit die großen Schneisen der Diskussion gezielt und diskutierbar schlagen könnte.



oder:

..von hier: https://www.edwardtufte.com/bboard/q-and-a-fetch-msg?msg_id=0000yO

Siehe auch

Kopfzerbrechen Nr. 2: Subskribentenlisten

Dem letzten Kopfzerbrechen sehr ähnlich ist dieses: Viele Bücher der (frühen) Neuzeit enthalten Subskribentenlisten. Der Verleger sichert die Publikation ab, indem er vorab um eine Meldung aller Interessenten am kommenden Buch bittet. Sie erhalten das Buch zu günstigeren Konditionen; der Verleger kann sich im selben Moment seines Absatzes sicher sein.

In vielen Büchern des 18. Jahrhunderts sind diese Listen am Ende abgedruckt. Es sind spannende Listen, da wir hiermit für eine ganze Zahl von Büchern – theoretisch – sehr genau wissen, wer sie in der ersten Welle las. Unten inseriere ich die Subsriptionsliste aus Thomas Lediards Grammatica Anglicana (Hamburg: Kißnerscher Buchladen, 1725). Für die nächsten Jahre wurde dies das beste Englischlehrwerk auf dem deutschen Markt.

Wer glaubt, Bücher werden damals nur von hohen Standespersonen gelesen, irrt. Diese machen als abgesetzter Zirkel den Anfang. Es folgen alphabetisch die übrigen Leser: gute 180 Namen, oft mit Vornamen, mit Angaben der Bestellmengen, zuweilen mit Angaben des Berufs.

„Hr. Cantor Tellemann“ ist natürlich der in Hamburg ansässige Georg Philipp Telemann – 1725 demnach begierig, Englisch zu lernen,doch brauchte er dafür gleich drei Exemplare? Hr. Dr. Fabricius wird Johann Albert Fabricius sein, „Mr. Secretary Mattheson“ der Sekretär und Korrespondent des englischen Gesandten, Komponist und Musikkritiker – Johann Mattheson, verheiratet mit einer Engländerin und 1742 der Übersetzer der Pamela ins Deutsche.

Das Auflösen der Namen mit dem individuellen Namensvorrat des Historikers ist müßig. Man müsste die Namen mit Datenbanken abgleichen. Die Eröffnung gibt an, dass alle Genannten sich in Hamburg erreichen ließen. Das ist sowohl eine interessante Beobachtung für den, der sich fragt, wie 1725 Subskriptionen zustande kommen (demnach primär über die Werbung vor Ort), wie eine Hilfe beim Abgleich mit Wikidata und der GND. Die Lage sieht in späteren Listen komplexer aus.

Man würde definitiv die gesamte Liste eingeben. Erst mit ihr weiß man, wie viele Subskribenten es gab, und kann Vergleiche mit anderen Subskriptionsprojekten ziehen.

Es wäre interessant, Namen mit den geringen Informationen, die man hat, einzufüllen und auf die schrittweise Identifikation zu warten, auf die Anreicherung von Information. Man wünschte sich eine Schablone für Subskriptionslisten, um beim Eingeben nicht unnötig viele Parameter berücksichtigen zu müssen, und würde in einem zweiten Lauf, die Datenbank bitten, mögliche Treffer zu nennen.

Im Verlauf könnte man vielleicht soziologische Querschnitte geben. Wie alt ist man, wenn man 1725 in Hamburg Englisch lernt? Wie viele Engländer (sind diese nebenbei Sprachlehrer?), wie viele Deutsche spricht das Buch an? In welchen Berufszweigen lernt man die Fremdsprache, die in den nächsten 200 Jahren die globale Lingua Franca wird?

Die Subskribentenliste von Thomas Lediards Grammatica Anglicana (Hamburg: Kißnerscher Buchladen, 1725), S. 968-974

auf Google Books

Kopfzerbrechen Nr. 1: Gothas Wohnhäuserverzeichnisse 1828, 1841, 1846

Gothas Stadtarchiv überließ uns zur weiteren Arbeit drei Exceltabellen, die die Angaben aus den Gothaer Wohnhäuserverzeichnissen der Jahre 1828, 1841, 1846 enthalten.

Die Daten sind ein spannendes Problem für das aufzubauende FactGrid.

Gothas Häuser sind nach Straßen geordnet einfach gezählt von Nr. 1 bis Nr. 1296. Wir können über eine Umrechnungstabelle die genauen Geo-Koordinaten geben und dort, wo Gebäude unverrückt stehen, auch die heutigen Adressen nennen. Für die Fleischgasse (seit 1894 Hünersdorfstraße benannt nach Karl Heinrich Hünersdorf) macht die Tabelle 1828 etwa die Angaben, die ich am Ende gleich tabellarisch liste.

Problemstellung

Die Liste bietet regulär nur Nachnamen, manche doppelt. Viele dieser Namen tauchen 20 Jahre später in der Nachfolgeliste wieder auf. Wir wissen nicht, wann sie Wohnadressen notieren und wann Hausbesitzer. Man wird diese Namen samt und sonders in der Datenbank haben wollen, um sie im Lauf der Zeit mit Informationen anreichern zu können.

Manche Namen tauchen auch in der GND und Wikidata auf. Wir werden versuchen mit einem Import eine Landschaft bereits bekannter Personen zu liefern in der mögliche Treffer komfortabler zu identifizieren sind.

Wie aver handhabt man blanke Nachnamen in der Hoffnung auf eine spätere Anreicherung, sprich so, dass anderen Mitspielern auf derselben Plattform im Verlauf ein rotes Lämpchen leuchtet, wenn es sein könnte, dass bereits eine rudimentäre Information zu der Person ihres Interesses vorhanden ist?

Datenexzerpt aus dem Wohnhäuserverzeichnis von 1828, Gothas Fleischgasse

Hausnummer Name Beruf Sonstiges
907 Gayer Kaufmann
908 Gayer Kaufmann
909 Schuchardt Schuhmacher
910 Gams Kaufmann
911 Zeyß Obermarktmeister und Schnittwarenhändler
912 Schmidt Goldarbeiter
913 Thorwarth,sen. Seiler
914 Kaiser Schuhmacher
915 Straube Gürtlerswitwe
916 Fischer Kürschner
917 Schäfer Hofhautboist, Witwe
918 Friede Tuchmacher
919 Kiel Buchbinder
920 Holstein Nagelschmidt
921 Blumenau pens.Garde-Friseur
922 Krause Zinngieser
923 Müller Büchhändler und Antiquar
924 Möller Bürgerluitenant und Tuchhändler
925 Jusatz Rathsbaumeister und Kupferschmidt
926 Görlach Klempner
927 Thomas Posamtier
928 Schack,Carl Bäcker
929 Rüger Victualienhändler
930 Klug Seifensieder
931 Merbach Zinngieser, Witwe
932 Kohlstock,sen. Drechsler

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Stadtplan von Gotha aus dem Brockhaus von 1910.