Baltische Studenten an der Universität Kiel im 17. Jahrhundert. Vergleiche und Analysen zu Herkunft, Karriere und Mobilität

Bei der Arbeit am Erschließungsprojekt der Matrikel der Christian-Albrechts-Universität Kiel im 17. Jahrhundert anhand des Albums der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel 1665-1865 wurden bei der geografischen Herkunft der Studenten mehrere Cluster deutlich. Neben dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches und der Habsburger Monarchie sowie einzelnen Studenten aus Westeuropa fiel vor allem Skandinavien und im besonderen das Baltikum ins Auge.1Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Kieler Studenten, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: < https://tinyurl.com/29jcbx6e > (aufgerufen: 30.07.2025). Mit den Studenten aus der letzteren Region wurde sich hier genauer beschäftigt, mit dem Ziel, diese Balten konkreter anhand ihrer Herkunft, ihres Werdegangs und ihrer geografischen Mobilität zu analysieren und zu vergleichen. Grundlage bildete das Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800 von Arvo Tering, welches sämtliche baltischen Studenten der frühen Neuzeit verzeichnet hat. Des weiteren wurden Datenreferenzierungen mit dem Rostocker Matrikelportal und der GND (Gemeinsame Normdatei) der Deutschen Nationalbibliothek vorgenommen. Als Vergleichsgruppe dienten die schleswigschen Studenten in Kiel, da sich durch das Werk von Achelis vergleichbare Daten finden ließen. Beide Regionen können als Grenzgebiet bzw. Peripherie des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet werden, was diesen Vergleich nochmal interessanter machte. Im Zuge des Projektes wurden die Daten zu 81 baltischen Studenten der Universität Kiel im Zeitraum von 1665 bis einschließlich 1700 gesammelt,2Factgrid-Abfrage. Liste baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/yprjg3z4> (aufgerufen: 30.07.2025). sowie Vergleichsdaten von 738 Studenten aus dem Herzogtum Schleswig3Factgrid-Abfrage. Liste schleswigsche Studenten, <https://tinyurl.com/2b6o5v8z> (aufgerufen: 30.07.2025). genutzt . Im folgenden sollen die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst werden.

Abb.1: Geburtsorte aller Kieler Studenten 1665-1700.

Was die Herkunft der baltischen Studenten angeht, konnte herausgefunden werden, dass die meisten Studenten (64) 4Factgrid-Abfrage. Baltische Studenten unter Schweden, <https://tinyurl.com/296axeze> (aufgerufen: 05.08.2025). aus den zu der Zeit schwedisch-regierten Gebieten Liv- und Estlands kamen und auch dort vor allem aus den großen Städten Riga (23), Reval (18) und Dorpat (9).5Factgrid-Abfrage. Geburtsorte Baltischer Studenten, <https://tinyurl.com/2yqcj6cr> (aufgerufen: 05.08.2025). Ethnisch gesehen dürften sie nahezu alle deutschstämmig 6Tering, Arvo (Hrsg.): Lexikon der Studenten aus Estland, Livland und Kurland an europäischen Universitäten 1561–1800, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 28), Köln 2018, S. 21 & 27-28. gewesen sein und entstammten sozial gesehen hauptsächlich der geistlichen, ökonomischen und politischen Elite, was anhand der erfassten Väterberufe deutlich wird und für eine geringe soziale Durchmischung an der Universität spricht. Hier findet man bereits den ersten Unterschied zu den Schleswigern, da bei deren Väterberufen der geistliche Stand mit 63,6% (227 Einträge bei 357 Väterberufen) deutlich stärker dominierte als bei den Balten, mit gerade mal 38,3%. Dagegen war der Bereich des Handels bei den Balten deutlich stärker vertreten mit 20% (12) im Gegensatz zu 5,04% (18) bei den Schleswigern. 7Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Balten, <https://tinyurl.com/22zzpbq3> (aufgerufen: 07.08.2025). 8Factgrid-Abfrage, Väterberufe der Schleswiger, <https://tinyurl.com/25s8eln4> (aufgerufen: 07.08.2025). Der Unterschied im Handel lässt sich mit den deutschstämmigen Händlern erklären , welche sich im Baltikum niederließen und im Folgenden ihre Kinder an die Universität schickten. Eine Zuwanderung, welche bereits im 13. Jahrhundert einsetzte,9North, Michael: Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen, München 2011, S. 90. doch auch im 17. Jahrhundert einen erneuten Höhepunkt erfuhr.10Zur Mühlen, Heinz von: Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561-1710/1795), in: Baltische Länder, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, (Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1994, S. 227. Die Kinder dieser Zugezogenen wählten nachdem Studium jedoch nahezu immer ein anderes Metier,11Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025). was einen Übergang zur akademischen Elite zeigt.

Abb. 2: Wirtschaftliche Sektoren der Väterberufe baltischer Studenten der Universität Kiel.
Was die Immatrikulationszahlen an der Universität Kiel angeht, konnte bei den Balten eine steigende Bedeutung des Studienstandortes Kiels beobachtet werden, wobei sich Kiel jedoch erst einmal etablieren musste.12Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen der Balten, <https://tinyurl.com/yqj6u64l > (aufgerufen: 06.08.2025). Dagegen lagen bei den Schleswigern die Hochpunkte vor allem direkt nach der Gründung selbst.13Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen Schleswiger, <https://tinyurl.com/28o9llxk> (aufgerufen: 07.08.2025). Zusätzlich fiel bei beiden Gruppen sowie der Gesamtzahl an Studenten,14Factgrid-Abfrage, Immatrikulationszahlen aller Studenten, <https://tinyurl.com/25678r4e> (aufgerufen: 07.08.2025). auf, dass sich die Eintragungen in Wellen mit immer wieder größeren Extrema bewegen (vor allem bei den Balten).

Abb. 3: Immatrikulationszahlen baltischer Studenten in Kiel.

Zu den besuchten Studienorten neben Kiel wurde bei beiden Gruppen deutlich, dass die mittel- und norddeutschen Universitäten mit Jena (16 & 113), Wittenberg (16 & 59), Rostock (11 & 71) und Leipzig (10 & 97) dominierten. Zusätzlich spielte für die Balten noch die einheimische Universität Dorbat (20) eine außergewöhnlich große Rolle, obwohl sie im Untersuchungszeitraum nur für zehn Jahre geöffnet war. Das Schleswiger Pendant stellte wohl Kopenhagen (50) dar.15Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten, <https://tinyurl.com/23zmmhwl> (aufgerufen: 06.08.2025). 16Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger, <https://tinyurl.com/286sur6u> (aufgerufen: 07.08.2025). Neben der geografischen Nähe spielte vor allem die konfessionelle Ausrichtung für die Wahl des Studienortes die entscheidende Rolle. Die Analyse-Ergebnisse decken sich mit den Ausführungen Bues: „Die Wahl des Studienortes im 16. Und 17. Jahrhundert war meist abhängig von der konfessionellen Ausrichtung der Hochschule. Während Preußen und Kurländer ihre Kinder auf die Universität Königsberg schickten, studierten die Livländer eher in Jena und später in Halle […]“17Bues, Almut: Das Herzogtum Kurland und der Norden der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. und 17. Jahrhundert, Giessen 2001, S. 283..

Abb. 4: Weitere besuchte Studienorte baltischer Studenten (neben Kiel).

Während bei den Väterberufen noch starke Unterschiede zwischen Balten und Schleswigern bestanden, verschwammen diese bei den eigenen Karrierewegen. So dominierte hier eindeutig der geistliche Weg mit 56,1% der Balten (32 Einträge bei 57 Angaben) und 64% der Schleswiger (312 Einträge bei 487 Angaben), ehe danach recht abgeschlagen der Bereich Recht, Regierung und Verwaltung kamen mit jeweils ca. 17,5%.18Factgrid-Abfrage, Karrieren der Balten, <https://tinyurl.com/28bhqkky> (aufgerufen: 07.08.2025). 19Factgrid-Abfrage, Karrieren der Schleswiger, <https://tinyurl.com/23vnoqfd> (aufgerufen: 07.08.2025). Anhand dieser Differenz bei den geistlichen (Väter-) Berufen konnte die These aufgestellt werden, dass im Baltikum im 17. Jahrhundert ein Defizit an Pastoren bestand, zumindest im Vergleich zum Herzogtum Schleswig. Dieser Bedarf wurde offenbar damit zudecken versucht, dass man baltische Studenten an die Universitäten Mittel- und Norddeutschlands schickte, auf dass sie dort Theologie studieren sollten. Da bei den Studenten des baltischen 17. Jahrhunderts die Differenz zu den Schleswigern zurückgeht könnte man annehmen, dass dieses Vorhaben teilweise Erfolge erzielte. Untermauert wird diese These mit den Motiven hinter der Gründung der Universität Dorbat/ Tartu nach Rausch20Rausch, Georg von: Reflexe des abendländischen Geistesleben an der schwedischen Universität Dorpat, in: Die Universitäten Dorpat/ Tartu, Riga und Wilna/ Vilnius 1579-1979. Beiträge zu ihrer Geschichte und ihrer Wirkung im Grenzbereich zwischen West und Ost, hrsg. v. Gert von Pistohlkors, Toivo U. Raun, Paul Kaegbein, (Quellen und Studien zur Baltischen Geschichte Band 9), Köln und Wien 1987, S. 10. und zusätzlich den Ausführungen zur Mühlens bezüglich des großen Mangels an vor allem Theologen im Baltikum. Ein Bedarf den die Universität Dorpat in keinem Maß alleine decken konnte und somit die Zuwanderung bzw. das Studium in Deutschland entscheidend für die Bemannung der akademischen Schicht war.21Zur Mühlen, Das Ostbaltikum unter Herrschaft der Nachbarmächte, S. 209-210.

Abb. 5: Berufsverteilung baltischer Studenten der Universität Kiel.

Bezüglich der geografischen Mobilität konnte unter anderem am Beispiel des Johann Hornung22 Johann Hornung, In: Factgrid wikibase. A database for historians (2025), URL: <https://database.factgrid.de/wiki/Item:Q957977> (aufgerufen: 11.08.2025). nachgewiesen werden, dass auch die lange, teils monatelange, Reise vom Heimatort zur Universität, einen erheblichen Teil der Balten nicht vom Studium abhalten konnte. Ganz im Gegenteil studierten die Balten sogar häufig an mehreren Universitäten, im Durchschnitt sogar mehr als die Schleswiger, welche eigentlich geografisch den Universitätsstädten näher lagen (2,32 im Gegensatz zu 1,75 Universitäten je Student)23Factgrid-Abfrage, Universitäten der Balten und Kiel, <https://tinyurl.com/22gmj9md> (aufgerufen: 11.08.2025). 24Factgrid-Abfrage, Universitäten Schleswiger und Kiel, <https://tinyurl.com/2bdohoew> (aufgerufen: 11.08.2025).. Allgemein scheinen die baltischen Studenten auch mehr herumgekommen zu sein als ihre schleswigschen Kommilitonen, zumindest nach Universitätsaufenthalten. Auch kehrten nahezu alle Studenten wieder ins Baltikum zurück um dort zu arbeiten.25Factgrid-Abfrage, Karriereorte der Balten, <https://tinyurl.com/26khqkzs> (aufgerufen: 11.08.2025). E ine Abwanderung der gebildeten Elite fand so also nicht statt, ganz im Gegenteil. Auch dies bestärkt die These, dass die Schaffung einer akademischen, vor allem theologischen, Schicht im Baltikum durch den Universitätsbesuch in Deutschland und teilweise der eigenen Universitätsgründung zu gewissen Erfolgen führte, auch wenn der Bedarf nicht gedeckt werden konnte.

Abb. 6: Reisewege des Johann Hornung.

Als letztes sei noch erwähnt, dass anhand der Sterbedaten (große Extrema in den 1700er und 1710er Jahren)26Factgrid-Abfrage, Sterbedaten der Balten, <https://tinyurl.com/2ashalyg> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Todesursache (drei Hinrichtungen im Krieg und sechs Pesttote)27Factgrid-Abfrage, Sterbearten der Balten, <https://tinyurl.com/2c8752ne> (aufgerufen: 11.08.2025)., der Kriegsgefangenschaft (vier Studenten)28Factgrid-Abfrage, Internierungen der Balten, <https://tinyurl.com/26a7bloo> (aufgerufen: 11.08.2025). und der Karriere im Militär (fünf Studenten)29Factgrid-Abfrage, Militärkarieren der Balten, <https://tinyurl.com/27pze2od> (aufgerufen: 11.08.2025). bei knapp 20% der baltischen Studenten eine Involvierung in die Kriegsereignisse und Folgen des Großen Nordischen Krieges nachgewiesen werden konnte, wobei bei zusätzlich 15 bis 20% eine Todesfolge aus diesen Ereignissen möglich ist.

Insgesamt wird deutlich, dass auch aus einem recht kleinen Datensatz an Kieler Studenten aus dem Baltikum doch erstaunlich viel e Erkenntnisse gezogen werden können, indem die Analyse Ergebnisse mit den großen historischen Ereignissen der Zeit in Einklang gebracht w urden . Die Erfassung und Analyse von studentischen Matrikel sollte also auch in anderen Kontexten weitergehen.

Von der Matrikeledition zum auswertbaren Datensatz

Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart gab es Projekte, die für bestimmte Zeiträume oder komplett, gedruckte Editionen von Schul- oder Universitätsmatrikeln hervorbrachten. Für die Erfassung dieser Massendaten in digital auswertbare Datenbanken findet sich in diesen gedruckt vorliegenden Editionen großes Potential: einerseits in der einfacheren technischen Erschließbarkeit (im Vergleich zu den handschriftlichen Quellen), andererseits da für diese Projekte oft mehr Quellen herangezogen wurden als die eigentlichen Matrikel und durch das Record Linkage auf dem Papier wertvolle Zusatzinformationen gewonnen werden können. Als Beispiel seien hier die ersten beiden Bände der gedruckt vorliegenden Matrikel der Universität Halle genannt für die Fritz Juntke in den 1950er Jahren zahlreiche weitere Literatur sowie Quellen aus den Archiven der Universität sowie der Franckeschen Stiftungen heranzog, um die reinen Matrikeldaten noch weiter anzureichern. Ebenso nahm Charlotte Preuß für den zweiten (noch nicht digital erschlossenen) Band für die Zeit von 1731 bis 1740 bereits einen Abgleich mit gedruckt vorliegenden Matrikeln anderer Universitäten vor. Beide hier genannten Bearbeiter wiesen jedoch in den Editionen darauf hin, keine Vollständigkeit in diesem Bereich für sich reklamieren zu wollen oder zu können.

Für den ersten Band der Halleschen Matrikel, der den Zeitraum der Universitätsgründung bis 1730 umfasst, ist in den letzten zwei Jahren erstmals dieser Schritt vom Scan der gedruckten Matrikel über die Texterkennung und Strukturierung der Daten, deren Upload und Verbindung mit vorhandenen sowie neuen Daten in FactGrid, erfolgreich umgesetzt worden.

Die Matrikeledition von Juntke ist so aufgebaut, dass alle Namen nicht chronologisch, sondern alphabetisch in zwei spalten pro Seite hintereinander weg aufgeführt werden. Diese wurden in einem ersten Schritt vollständig gescannt (Siehe Abb. 1), um dann weiter bearbeitet werden zu können.


Abb. 1: Beispielseite aus Fritz Juntke (Bearb.): Matrikel der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Bd. 1: 1690-1730 (Halle: 1960).

Im nächsten Schritt wurden für die Texterkennung die einzelnen Scans jeder Doppelseite in Buckets der Daten-Cloud Amazon S3 hochgeladen, um sie dort zu speichern und dann mit der Software von Amazon Textract weiterverarbeitet zu werden. Die Wahl fiel zum damaligen Zeitpunkt auf diese Software, da neben der reinen Texterkennung auch ein Machine-Learning-Service in die Software integriert ist, so dass nicht nur der reine Text erkannt wurde, sondern auch Layoutelemente und die Struktur der Daten in ihrer gedruckten Form mit erfasst werden konnten (Siehe Abb. 2).


Abb. 2: Rohtext-File nach der Texterkennung.

In diesen Rohtext-Files waren im nächsten Schritt manuell alle Sinneinheiten (Studenteneinträge) durch einfache Leerzeilen von einander zu trennen, da einzelne Einträge bereits in der Edition über mehrere Zeilen hinweg verlaufen können. Diese einzelnen Einträge folgen basierend auf der Struktur der Matrikeledition der Abfolge Familienname, Vorname(n), Herkunftsort, Immatrikulationsdatum, Studienfach, weitere Informationen. Ein Großteil dieser Sinneinheiten wurde bereits durch die Software von Amazon Textract erkannt und durch Kommata voneinander getrennt. Bei der Erkennung und Abtrennung insbesondere der Immatrikulationsdaten, wo die Ausgangssoftware noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse lieferte, wurden im nächsten Schritt die Daten mittels eines Perl-Scripts (Siehe Abb. 3) reformatiert, um jeden Eintrag in einer Zeile zu haben und um mittels Mustererkennung fehlende Kommata zur Trennung der Daten zu setzen.


Abb. 3: Skript zur Strukturierung der Daten.

Das daraus erzielte Ergebnis ließ sich dann in eine strukturierte Tabelle überführen und wurde nach Korrekturlesen und wenigen manuellen Verbesserungen für den Upload in Factgrid vorbereitet, wo der Datensatz veröffentlicht und nachhaltig weiter nutzbar und in verschiedenen Formaten herunterladbar vorliegt. Siehe dazu folgenden Blogbeitrag: Die Matrikel der Universität Halle (1690-1730) in FactGrid

Die Matrikel der Universität Halle (1690-1730) in FactGrid

Fritz Junkte (1886-1984) , Bibliothekar und Historiker in Halle, war der erste, der sich die Herausgabe einer Matrikeledition der Universität Halle vornahm. Er bearbeitete in den 1950ern die Matrikel der Universität von ihrer Gründung bis 1730, so dass 1960 der erste Matrikelband erscheinen konnte. Dieser Band enthält jedoch nicht nur die Informationen aus den Matrikelbänden des Universitätsarchivs, Juntke machte es sich zur Aufgabe darüber hinaus noch weitere Quellen heranzuziehen, um seinen Datenbestand anzureichern.

Dabei lassen sich drei größere Quellenkomplexe ausmachen: die Auswertung zeitgenössisch aktueller Forschungsliteratur, wie etwa Eduard Winters “Halle als Ausgangspunkt der deutschen Russlandkunde im 18. Jh. (Berlin, 1953)“; die Auswertung und der Verweis auf Quellen im Archiv der Franckeschen Stiftungen, so etwa Informatorenverzeichnisse oder Freitischlerlisten; sowie weitere Quellen aus dem Universitätsarchiv, die über die Matrikelbände hinausgehen. Hier wäre später eine Rückvernetzung auf die Originalquellen sinnvoll und wünschenswert.

Diese Informationen wurden nun in den letzten zwei Jahren erstmals systematisch erfasst und in einen Datensatz von mehr als 20.000 Studenten in FactGrid überführt:

Liste aller erfassten Studenten mit Seitenangabe bei Juntke

Das Gesamtziel dieses Projektes ist dabei, ähnlich dem Vorgehen Juntkes, die großen Datenbestände zur Halleschen Bildungsgeschichte im 18. Jahrhundert auf einer Plattform zusammenzuführen, nutzbar und auswertbar zu machen. So erfolgt beispielsweise schrittweise auch eine Zusammenführung der Datenbestände mit den Informationen aus dem Bio-Bibliographischen Register des Archivs der Franckeschen Stiftungen oder der Datenbank des Projekts “Franckes Schulen” in dem vor über 20 Jahren Schüler-, Informatoren- und Waisenmatrikel erfasst wurden.

Darüber hinaus soll dieser Datensatz auch in einem größeren Kontext dazu anzustoßen in weiteren Projekten den Bestand an Informationen zu erweitern und zu vernetzen durch Matrikel anderer Schulen und Universitäten, und FactGrid so zu einer zentralen Plattform zu machen, auf der die Daten aus allen verfügbaren Matrikeln zusammengeführt und vernetzt werden können.

Aus den bereits erfassten Daten aus Juntkes Matrikelband sowie anderen Projekten und Quellen ergeben sich dabei bereits erste interessante Befunde und Möglichkeiten, diese Daten auszuwerten:


Abb.1: Indentifizierte Geburtsorte der Studenten.


Abb. 2: Statistische Übersicht der Immatrikulationszahlen pro Jahr.


Abb. 3: Entwicklung der Studienfachverteilung pro Jahrzehnt.


Abb. 4: Altersverteilung bei Einschreibung an die Universität (soweit Geburtsdaten bekannt).

Eine weitere Quelle, die im Kontext der Matrikel im Zuge des Projektes erschlossen wurde, findet sich in der 1709 veröffentlichten “Kurze Nachricht von der Stadt Halle und absonderlich von der Universität daselbst” von Caspar Gottschling (1679-1739). Am Ende dieser Veröffentlichung, die sich im wesentlichen der Geschichte der Universität widmet, findet sich eine Liste, die alle bis 1709 verliehenen Studienabschlüsse auflistet. Diese wurden mit Angaben zu Art des Abschlusses (Promotion, Magister, Licentiat, Verleihung anderer akademischer Ehren), Datum, Fach und betreuendem Professor mit den Daten der Matrikel in FactGrid zusammengeführt, sodass sich für diese ersten ca. 20 Jahre auch ein intellektuelles Netzwerk von Professoren und deren Schülern rekonstruieren lässt (Siehe Abb. 5).


Abb. 5: Netzwerk von Betreuungsverhältnissen bei Studienabschlüssen (1694-1709).

Weitere Informationen: FactGrid:Die Matrikel der Universität Halle

Kontakt: David Löblich