Einblicke in das interne Berichtswesen des Illuminaten-Ordens. Aus der Hand Hermann Schüttlers: 71 Dokumente der Jahre 1781 bis 1785

Die folgende Materialpräsentation ist das Ergebnis eines zweimonatigen Praktikums im Forschungszentrum Gotha. Mein Projekt war es, der Forschung Vorarbeiten zu einem unvollendet gebliebenen Buchprojekt Hermann Schüttlers datenbankgestützt auf den FactGrid-Seiten zugänglich zu machen. Es handelte sich hierbei um Transkriptionen von 71 Dokumenten aus dem inneren Machtzirkel des Illuminatenordens der Jahre 1781 bis 1785. Im Gegensatz zu den von Hermann Schüttler und Reinhard Markner zuvor bereits vorgelegten Bänden der Illuminatenkorrespondenz steht hier das interne Berichtswesen des Ordens im Zentrum. Das Corpus birgt:

  • 12 für den Orden verfasste (Auto-)biographien,
  • 26 Inspektionsberichte,
  • 29 Sitzungsprotokolle der bisher wenig bekannten “zweiten” Minervalkirche Frankfurts; zu ihnen kommen drei Protokolle der Gothaer Minervalkirche und eines aus Weimar.

Es galt dabei erstens, die unterschiedlich umfangreich verfußnoteten Transkripte im Gesamtumfang von bislang 237 Seiten von ihren Word-Dateien in Wiki-Seiten des FactGrid zu überführen, sie dabei mit kurzen Einleitungen zu versehen und die Fußnotung an die Datenbank anzukoppeln oder in einem Großteil der Dokumente erst durch eigene Recherche zu erstellen – bei den Inspektionsberichten kamen im Extremfall über 200 Fußnoten im Einzeldokument in den Blick. Zu allen Dokumenten waren im zweiten Schritt Datenbankobjekte anzulegen, die die Transkripte grundlegend erschließen und Datenbankrecherchen zugänglich machen. Zentral war hier die Erfassung von Autor, Entstehungsort und -datum; erwähnten Personen, Orten und Themen. Zu den Protokollen von Sitzungen wurden zudem Ereignis-Datenbankobjekte angelegt, an die sich nun eigene Fragen, etwa zu Nachweisen persönlicher Begegnungen von Sitzungsteilnehmenden, stellen lassen.

Nachfolgend:

  1. Einige erste inhaltliche Ausführungen zu den hiermit zugänglich gemachten Dokumenten
  2. Einige Bemerkungen zur technischen Realisation und zu Problemstellen der Datenbanksoftware, die hier zur Nutzung kommt
  3. Alle Dokumente, Transkripte und Ereignis-Datensätze dieses Projektes chronologisch sortiert

Wissensakkumulation in der Phase des rasant wachsenden Geheimordens

In die erste Phase des Illuminatenordens – die Phase des primär bayerischen Ordens unter der unmittelbaren Führung Adam Weishaupts – gaben 1787 die Aktenveröffentlichungen des Bayerischen Staates Einblick, die den Orden noch im Sommer 1787 im Raum der deutschen und österreichischen Territorien kollabieren ließen. Über die Spätphase des Ordens, in der unter Johann Joachim Christoph Bode Thüringen zum neuen Zentrum wurde, sind wir auf der anderen Seite aus den Dokumenten der Schwedenkiste informiert.

Die Dokumente, die Hermann Schüttler vorliegend transkribierte, stammen vor allem aus dem Nachlass Adam Weishaupts und dem Sonderarchiv Moskau. Einige Dokumente der Schwedenkiste kamen hinzu. Zusammen geben sie einen Einblick in die turbulente Zwischenphase, in der Adolph Freiherr von Knigge für das große Wachstum des Ordens sorgte. Berichterstatter sind dabei unter anderem Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Franz Dietrich Freiherr von Ditfurth und am häufigsten Knigge selbst. Gemeinsam präsentieren sie ein multiperspektivisches Bild der mit dem Wachstum kommenden Anforderung, Überblick zu wahren. Noch in diesen Versuchen wird klarer, dass es keine gemeinsame Ordenspolitik mehr gibt und kaum noch eine Chance, intern abzustimmen, wer in diesen Orden aufgenommen wird und Karriere macht. Zerreißproben tun sich mit Einzelfällen auf, über die es zum Streit kommen würde, wenn alle Informationen im Orden öffentlich würden; der Konflikt des Ordens mit Knigge erweist sich dabei als mehr denn ein Konflikt zwischen diesem und Weishaupt, dem Ordensinitiator.

Exemplarische Selbstauskünfte

Alle neuen Mitglieder mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen: das Revers. Sie beantworteten Fragen zu ihren Erwartungen an die unbekannte Organisation, die sich ihnen damit inmitten der Freimaurerei auftat und waren aufgefordert, autobiographische Selbstauskünfte einzureichen. Zwölf dieser Selbstauskünfte umfasst die Textauswahl. Es handelt sich hierbei überwiegend um kurze Lebensläufe und um einem Frageraster folgende Reflexionen über verschiedene Aspekte der eigenen Person vom physischen Zustand bis zum politischen und moralischen Charakter. Hinzu kamen standardisierte Fragen, beispielsweise für die Aufnahme ins Schottische Noviziat, die in Stichworten beantwortet wurden. Häufig wählten die Verfasser jedoch eine freiere Form und schilderten in Fließtexten mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten ihre wichtigsten Lebensstationen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

In einem offenkundigen Zusammenhang zu den übrigen Dokumenten dieser Materialsammlung stehen die (auto-)biographischen Einlassungen Q175807 und Q175808 zu Christian Gottlob Neefe. Neefe war im hier dokumentierten Zeitraum als Gast der “zweiten” Minervalkirche Edessas/Frankfurts aktiv. Bei den Teilnehmenden aus den drei Sitzungsprotokollen in Gotha gibt es weitere Überschneidungen mit fünf der autobiographischen Texte. Zwei Autobiographien stammen von Mitgliedern aus Neuwied, die dortige Minervalkirche taucht häufig als einflussreiches Zentrum in den Inspektionsberichten auf. Bodes autobiographische Selbstauskunft rundet die Auswahl ab – der zukünftig zentrale Akteur des Ordens ist hier mit im Geflecht der Selbstaussagen vertreten.

Besonders gewinnbringend war die Bearbeitung der autobiographischen Texte im Hinblick auf die Details, die sich aus ihnen für die bestehenden Datensätze ziehen ließen. So konnten bei jeder der Personen Aussagen zu Aufenthalten, Berufen und ähnlichem ergänzt werden. Noch spannender waren ihre Informationen für die Verdichtung von Netzwerken. Durch die Erwähnung von Verwandten, Freunden, Arbeitgebern und anderen Personen, die die eigene Entwicklung prägend tangierten, konnten viele neue Personen angelegt und in Relation zu bereits bestehenden Items gesetzt werden.

Inspektionsberichte: Wie der Orden versuchte, Überblick in der Informationsflut zu gewinnen

Extensive Quellen sind im Set die fünf Inspektionsberichte Stolberg-Roßlas. In ihnen fließen Informationen aus den Minervalkirchen geordnet nach den Provinzen, ihren Präfekturen und deren Minervalkirchen zusammen in einer Berichterstattung, die bis zu den einzelnen Mitgliedern an den verschiedenen Orten hinab reicht.

Dabei steht als größtes strategisches Problem im Raum, dass im Moment mehr Orte auf der illuminatischen Landkarte der geheimen Ordensgeographie als an diesen Orten bereits arbeitende Minervalkirchen zu finden sind.

Alle 92 Orte, die einen Illuminatenordensnamen erhielten [FactGrid Datenbankabfrage]

Der Aufbau der Minervalkirchen verlief über Mitglieder einzelner Logen, die unmittelbar zu hochrangigen Illuminaten “ihrer” Orte wurden. Von ihnen wurde erwartet, dass sie aus ihren Logen die Mitglieder für die lokalen Minervalkirchen gewinnen. Unter den Mitgliedern machten Studenten eine große Gruppe aus. Zu den flächendeckenden Rekrutierungen kamen die individuellen Vorschläge, die alle Ordensmitglieder machen konnten und über die auf höherer Ordensebene konsistent entschieden werden sollte. Aus den Dokumenten sprechen Konflikte zwischen Beteiligten, die von der Aufnahme anderer erfuhren, mit denen sie keineswegs im selben Orden sein wollten. Gleichzeitig wird sichtbar, dass die Verantwortlichen hier längst in einem Spannungsfeld persönlicher Befindlichkeiten und Verbindlichkeiten agierten, in dem sie im Ernstfall nur noch darauf hoffen konnten, dass Konflikte im Raum des Geheimordens nicht vor der inneren Öffentlichkeit sichtbar werden. Knigge berichtet am 26. September 1782 in diesem Gewirr von Aufnahmen, für die er grünes Licht gab, obwohl er ihr Konfliktpotential absehen konnte:

Mein Plan war, den Epictet nach und nach zu stimmen, und jedem in der Provinz eine Laufbahn zu eröffnen, welche sich nicht kreutzen könnte. Den Hrn. W[und] zu gewinnen, war um so nöthiger, da die neue Freymäurerey die Direction der VIII. Provinz nach Heidelberg verlegt, und ihm die Direction gegeben hat. Ich verlangte als erste Probe der Treue, daß er unsre Leute in der Pfalz mit zu der Sache ziehen sollte … [Tanskript]

Deutlich zeigt sich an dieser Stelle ein nicht mehr zu lösender Widerspruch zwischen der Zentralisierung des Informationsflusses und der Freiheit, mit der die mittlere Führungsebene agieren musste und auch agierte.

Das Berichtswesen, das mit den Dokumenten sichtbar wird, erweist sich als ausgefeilt und modern:

Aus den Minervalkirchen trafen zu allen Personen monatliche Zeugnisse ein. Im Orden wurde, um hier den Überblick zu behalten, ein standardisierter Strichcode eingeführt, mit Hilfe dessen man auf einen Blick zu erfassen hoffte, wo sich besonders interessante Personen sammelten. Aus den Inspektionsberichten schimmert jedoch durch, dass man hier eher erfasste, wo Verantwortliche auf der mittleren Ebene ihre eigene Arbeit in ein besonders gutes Licht zu stellen suchten.

Die Transkripte der Inspektionsberichte geben diese Strichcodes für Hunderte von Personen wieder. Greifbar wird im selben Moment der erhebliche Arbeitsaufwand, den dieses Berichtswesen auch in dieser Kondensierung noch bereitete. Die höhere Hierarchieebene musste Protokolle zusammenführen und Korrespondenzen in alle entstehenden und agierenden Filialen unterhalten. Knigge konnte man hier die Überlastung im Wachstum des Ordens anmerken:

Noch einmal wiederhole ich, was ich nicht genug wiederholen kann: wenn wir|
a.) Das ganze System ausgearbeitet haben,
b.) Wenn jede Provinz ihren Provinzial hat,
c.) Wenn über 3 Provinzen ein Inspector gesetzt ist,
d.) Wenn wir in Rom unsere National-Direction haben:
e.) Wenn mit diesen allen die Areopagiten nichts zu thun haben, sondern im Verborgenen das Ruder führen, folglich nicht entdeckt werden können, nicht so sehr mit verdrüßlichen Details überhäuft sind, sondern das System überschauen, verfeinern, in andere Lander ausbreiten, zur rechten Zeit der dirigirenden Classe beystehen können: – Dann, und nicht eher richten wir etwas aus. Wir bedärfen also dann keiner so lärmenden Anstalten, müßen jeden Provincial in seine Gränzen zurückweisen. – Fahren wir aber fort so in die Kreuz und Quere zu operiren, so sind wir in 3 Jahren gesprengt. Nun zu meinen Berichte… [Transkript]

Die Protokolle der “zweiten” Frankfurter Minervalkirche und der Konflikt mit Knigge

Die vorgelegten Protokolle aus Frankfurt ermöglichen es, den Konstituierungsprozess einer Minervalkirche exemplarisch nachzuvollziehen und geben einen vertiefteren Einblick in die Geschichte der zwei Minervalkirchen Frankfurts, zwei nacheinander aktiven, verschiedenen Gruppen mit größtenteils denselben Mitgliedern. Die Protokolle der “zweiten” Frankfurter Minervalkirche zeichnen sich dabei in der Anfangsphase durch die Regelmäßigkeit und Ausführlichkeit sowie formelle Konsistenz aus. Wie später in Gotha traf man sich monatlich in der Minervalkirche und, die höheren Mitglieder, im exklusiven Magistrat. Die Treffen lassen sich mit der Datenbank auf einen Zeitstrahl projizieren und dabei bis auf die Wochentage heranzoomen. Die Frankfurter Teilnehmendenlisten zeugen von Kontinuität und erlauben Rückschlüsse auf die Mitgliederstruktur in diesem Zeitraum. Eingehend erfasst sind in den ersten Monaten jeweils Programmpunkte wie die Planung von gemeinsamen Lesungen und inhaltlichen Diskussionen über Grundsätze der Leitlinien des Ordens, die förmliche Initiation der neuen Magistraten auf einer eigens dafür organisierten, ordentlichen Versammlung und die pünktliche Abgabe schriftlicher Ausfertigungen sowie der Austausch der Quibus Licet und Reprochen, die sich sehr ausführlich dokumentiert in den Transkripten zur weiteren Vertiefung nachlesen lassen.

In den Protokollen werden nicht minder interne Konflikte greifbar, wie sie die Aktivität des Ordens immer wieder nachhaltig prägten. Interessant ist dabei der sich noch vor dem Zerwürfnis zwischen Weishaupt und Knigge aufzeigende Konflikt vor Ort: Am 15. Juni 1783 sollte Johann Ludwig Hetzler nach einer Anweisung der Oberen ein Treffen der vormals aktiven Mitglieder der Minervalkirche Edessa initiieren, um diese nach einem großen internen Streit, der schließlich zur Inaktivität der Gruppe führte, wiederzubeleben. Knigges Wirken stand, so lässt sich in Umrissen ersehen, im Zentrum dieses Konflikts. Nach den Aussagen der anwesenden Mitglieder hatte er versucht, heimlich alle Ordensgeschäfte vor Ort unter seine Kontrolle zu bringen und darüber hinaus eine gänzlich neue Minervalkirche unter Ausschluss der bisher Aktiven zu errichten. Die Konstituierung der neuen Minervalkirche wurde daher auch nur unter der Versicherung der Oberen vollzogen, dass Knigge nichts mehr mit der Präfektur zu tun haben werde (Vgl. J.P.C. Müllers Bericht vom 15.6.1783).

Ihr Gegengewicht finden diese Dokumente in der vorliegenden Textauswahl mit den vier von Frankfurt aus verfassten Inspektionsberichten Knigges aus den Jahren 1781 und 1782. Im Juli 1781 berichtet er bereits, dass die meisten Mitglieder der örtlichen Minervalkirche, die beinahe ausnahmslos deckungsgleich mit den Aktiven und der Führungsebene 1783 sind, unbrauchbar für den Orden seien. Einzig lobend hebt er Simon Friedrich Küstner und Johann Friedrich Piehl hervor (Vgl. Knigge, Inspektionsbericht vom 11.7.1781). Während Ersterer später in der “zweiten” Frankfurter Minervalkirche im Amt des Sekretärs aktiv im Magistrat der Gruppe mitwirkt, erklärte Letzterer noch zu Beginn der neu konstituierten Kirche, dass er, ehemaliger Censor und Teil der bisherigen lokalen Führungsriege, künftig nichts mehr mit dem Orden zu tun haben wolle (Vgl. J.P.C. Müllers Bericht vom 23.6.1783).

Im September 1781 schien sich die Lage noch deutlicher zugespitzt zu haben, denn nun verkündete Knigge, dass er wegen einer generellen Nachlässigkeit aller Mitglieder der Minervalkirche diese verlassen habe und keine Quibus Licet mehr von ihnen annehmen werde, bis eine deutliche Besserung eingetreten wäre. Darüber hinaus hoffe er mit der Hilfe Leonhardis und Küstners, bald eine neue Gruppe ohne die anderen bisherigen Mitglieder aufbauen zu können (Vgl. Knigges Inspektionsbericht vom 10.9.1781). Beide sollten zwei Jahre später höhere Ämter in der “zweiten” Minervalkirche innehaben.

In den Berichten Knigges vom Oktober 1781 und August 1782 findet sich kein Wort mehr zu der Minervalkirche in Frankfurt, obwohl er in beiden Fällen noch vor Ort lebte und im Orden für die Provinz zuständig war. Ab Februar 1783 kamen seine Inspektionsberichte aus Heidelberg. An diesen Weggang knüpfen jedoch drei Inspektionsberichte Stolberg-Roßlas ab März 1783 an. Dieser erwähnt explizit in dem ersten Inspektionsbericht vom 5. März 1783 über den vorherigen Monat, dass sich Knigge künftig nicht mehr mit Edessa abgebe (Vgl. Stolberg-Roßlas Inspektionsbericht vom 5.3.1783.

Stolberg-Roßlas Berichte geben weiteren Aufschluss über die Entwicklung vor Ort. Auch er kritisiert die lokale Niederlassung und die aktiven Mitglieder stark und spricht ihnen direkt oder indirekt durch die Einschätzungen Dritter den Wert für den Orden ab. Besonders deutlich wird dies durch Zeilen wie:

Alles lesen wollen, über alles lachen, alles tadeln und doch nichts thun, ist, nach Valerius [i.e. Ditfurth], der Geist der Edesser. [Stolberg-Roßla, Inspektionsbericht vom 27.3.1783]

oder

Das alte Elend! Alles ist confus. […] Alle Bbr. sind gegen einander, fast alle kalt, aufgebracht. Mittelmäßige Leute stehen oben, und andre, die ich aus Briefen als kluge und wohldenkende Männer habe kennen lernen, stehen unten und werden versäumt. Kurz der Geist der Verwirrung herrscht da im höchsten Grade. [Stolberg-Roßla, Inspektionsbericht vom 5.3.1783]

Konkreter werden die Konfliktlinien und die Probleme vor Ort indes nicht benannt, es findet sich nur eine Andeutung Hetzlers, dass in der Gruppe zu viele Reformierte seien, die herrschen wollten und ein vager Verweis auf Schwierigkeiten mit München. Im selben Bericht schreibt Stolberg-Roßla, dass alles so schön angelegt sei, den Orden auf ewig aus dieser Stadt zu verbannen und ergänzt im folgenden Bericht, Ditfurth und er kämen darüber hinaus zu dem Schluss, dass keinem Edesser, insbesondere nicht Hetzler, der Priester- und Regenten-Grad gegeben werden solle. Dem steht entgegen, dass Knigge nach Stolberg-Roßlas Kenntnisstand schon längst für diese um Erlaubnis gebeten hatte (Vgl. Stolberg-Roßlas Inspektionsbericht vom 27.03.1783). Im April 1783 berichtet Stolberg-Roßla weiter, dass Johann Leopold Bleibtreu, wie schon im März angekündigt, nun vor Ort sei und sein Möglichstes versuche, Ordnung zu schaffen (Vgl. Stolberg-Roßla, Inspektionsbericht vom 18.4.1783).

Berichte zum Konvent von Wilhelmsbad

Eine Gelenkfunktion gewinnen im hier vorgelegten Materialcorpus die Berichte rund um den Konvent von Wilhelmsbad bei Hanau im Sommer 1782. Für die kontinentaleuropäische Hochgradfreimaurerei wurde der mehrwöchige Kongress zur inneren Zerreißprobe, die die Strikte Observanz – gestützt auf nicht länger haltbaren Behauptungen von Wurzeln im Templerorden der Kreuzzugszeit, war sie das große Hochgradsystem der letzten beiden Jahrzehnte gewesen – nicht überleben sollte. Um das Geschichtsangebot, welches die Ursache des Streits war, ging es dabei nur zum Teil. Die Darlegungen drehen sich um Betrüger in der Freimaurerei, um Schwärmerei und damit um bislang in den Konfessionen ausgetragene Konflikte. All dies überlagert von persönlichen Befindlichkeiten zwischen hochrangigen Teilnehmern, die sich gegenseitig nicht angemessen respektiert sahen und mitten im Zusammenbruch der Strikten Observanz um den Zuschnitt zukünftiger Provinzen rangen.

Im ausgewählten Materialkomplex stehen hier Knigges Beobachtungen unmittelbar neben denen Franz Dietrich Freiherr von Ditfurths. Beide waren hochrangige Illuminaten, die mit ihren Berichten direkt an Weishaupt rapportierten – und die, wie aus den Dokumenten sichtbar wird, einander mit deutlicher Skepsis beobachteten. Knigge sollte am Rand des Konvents bahnbrechend J.J.C. Bode für den Orden gewinnen, der im Auftrag Ernst II. von Gotha am Konvent teilnahm, und Bode sollte wiederum im Verlauf Ferdinand von Braunschweig und Carl von Hessen-Kassel, die führenden Repräsentanten der Strikten Observanz auf dem Konvent, in den Illuminatenorden bringen und damit den Orden in eine innere Zerreißprobe führen.

In Ditfurths Bericht tauchen all diese Beteiligten auf – nun kritisch von Ditfurth beobachtet, dessen Wirken Knigge kritisch kommentiert. Ditfurths Bericht wird sich so schnell nicht zusammenfassen lassen. Auf 34 Seiten Manuskript wurde hier, ohne sichtbare Gliederung, eine Aneinanderreihung von Augenblickswahrnehmungen und Gesprächsfetzen, die den Autor aufrüttelten, sowie Charakterisierungen der Teilnehmer Weishaupt vorgelegt. Bode erscheint in diesem Gewirr als pragmatischer Politiker, der den ganzen Kongress rettet, als er allen nahelegt, hier erst einmal frei zu sprechen und später für sich zu entscheiden, welchem maurerischen System sie in Zukunft anhängen wollen. Mit Ferdinand von Braunschweig und Carl von Hessen-Kassel gerät Ditfurth in den unter höflichen Repliken verborgenen offenen Konflikt. Knigge als über Dritte informierter Beobachter nimmt Ditfurth inmitten dieser Konflikte als jemanden wahr, der sich öffentlich unmöglich macht.

Für den Illuminatenorden wurde der Konvent ein heimlicher Wendepunkt. In Knigges Bericht für den Januar 1783 wird das spektakulär deutlich. Während Ditfurth sich, so Knigges (mit Vorsicht zu lesende) Darstellung, mit seinem konfrontativen Auftreten erst einmal unmöglich machte, soll doch seltsam verbreitet bekannt gewesen sein, dass es den Orden gab, so bekannt, dass er, Knigge, am Rande von allen möglichen Seiten aus kontaktiert und mit Aufnahmeanträgen überhäuft worden sei:

Mit den Cheffs des Zinnendorfischen Systems nahm ich Gelegenheit, einen Briefwechsel anzufangen, den ich auch noch jetzt fortsetze. Die Emissarien anderer Gesellschaften forschte ich theils durch andere Wege aus, theils hatten sie selbst das Zutrauen zu mir, sich mir zu entdecken, weil sie von mir wußten, daß ich mich nicht aus Eigennutz, sondern aus Eifer für die gute Sache dabey interessiere. Die Deputierten im Wilhelmsbad aber kamen fast alle zu mir, und da sie | (ich weiß nicht woher) Nachricht von der Existenz unsrer Verbindung hatten; so bathen sie mich alle, auch der [Prinz Carl] von H[essen], um die Aufnahme. Nun hielte ich es am beßten gethan, daß ich die Mehrsten einen Revers unterschreiben ließ, ihnen also Stillschweigen auferlegte, aber keinem einzigen von ihnen, während der Convent-Zeit das geringste schriftlich mittheilte. Dieß that ich, und redete nur im allgemeinen mit ihnen. [Transkript]

Wollte Weishaupt seine Organisation eher aus reinem machtpolitischen Kalkül mit der Aura großer Geheimnisse ausgestattet haben, um das gegnerische Lager zu infiltrieren, so wird aus diesem Kalkül unter der Hand ein kaum kontrollierbares Anliegen – der Orden verändert sich mit der rasanten Aufnahmepraxis und droht unregierbar zu werden, nun nachdem er Regenten aufnimmt und ein ganzes, soeben scheiterndes, von “Schwärmerei” durchdrungenes System als Führungsebene importiert.

Die Sitzungsprotokolle aus Gotha und Weimar

Die Sitzungsprotokolle aus Gotha und Weimar tun Schritt in die letzte Phase des Ordens. Knigge hatte Bode für den Orden am Rand des Konvents von Wilhelmsbad gewonnen. Im Herbst 1782 hatte dieser Ernst II. dazu bewegt, sich auf das Experiment Illuminatenorden einzulassen. Gothas Minervalversammlung sollte der Testfall und Zentrum der Ordensarbeit in der neuen Provinz Ionien werden, die Bode binnen zweier Jahre aufbaute, und die nach seinen Planungen von Weimar regiert bis nach Berlin im Norden und Dresden im Osten reichen sollte. Während das Experiment in Gotha und im Verlauf in Erfurt, Rudolstadt und Jena glückte, sollte es in Weimar scheitern, trotz oder vielleicht gerade wegen der berühmten Teilnehmer, die hier mit Goethe und Herder die hohen Ränge der Weimarer Minervalkirche hätten bekleiden sollen. Diese Entwicklungen zeichnen sich in den ausgewählten Protokollen noch nicht ab. Sie geben Einblick in die konkreten ersten Schritte mit denen in Gotha und Weimar Minervalkirchen geplant wurden. Man agierte jeweils aus dem Magistrat von oben herab. Die Gothaer Magistratsberichte werfen dabei ein Licht auf die Infiltration, die der Orden meisterte. Es geht hier en passant um Konflikte zwischen der Gothaer und der Loge Altenburger Freimaurer-Loge. Die Freimaurerei gewinnt eine geheime Dachebene über die der Orden Einblicke erhielt. Das Protokoll vom Dezember 1784 gibt einen Einblick in die Themen der auf den Minervalsitzungen gehaltenen Vorträge und eine kurze Schilderung der Neuaufnahmen. Das Protokoll aus Weimar berichtet von der Sitzung am 17. März 1785, auf der die Verfolgungen Weishaupts, die Gründung einer Filiale in Jena, die studentische Freimaurer aufnehmen solle, und die Konstituierung der eigenen Minervalkirche in Weimar Thema waren. Die hier gegebene Auswahl ist dabei mittlerweile eingeholt von der Erschließung, mit der Markus Meumann, Olaf Simons und Christian Wirkner sämtliche Sitzungsprotokolle des 15. Band der Schwedenkiste auswerteten, um hier die behandelten Aufsätze genauer zu lokalisieren.

Einige Bemerkungen zur technischen Realisation und zu Problemstellen der Datenbanksoftware, die hier zur Nutzung kommt

Die Aktenlage des Illuminatenordens war für mich zu Beginn des Praktikums so neu wie die hier zum Einsatz kommende Technik. Desiderate der Plattform, die nun Zugriff auf die eingebrachten Transkripte und die mit ihnen korrespondierenden Datenbankobjekte erlaubt, sind bereits im Blog, in dem dieser Beitrag erscheint, notiert:

Desiderat 1: Eine Präsentationssoftware, die Transkripte und Objektdaten sichtbar macht

Wikibase verbindet ein konventionelles Media-Wiki, wie es die Wikipedien zum Einsatz bringen, mit einer Wikibase Datenbank. Das FactGrid nutzt beide Bereiche integrativ, das heißt, ich legte für die Transkripte MediaWiki Seiten mit dem aus den Wikipedien bekannten Text Markup an und koppelte diese an Datenbankobjekte, im Konkreten zu den Dokumenten und den nachweisbaren Ereignissen.

Die Koppelung erlaubt es zwar, in der Volltextsuche auf beides, also die Datenbankobjekte zu den Dokumenten und Transkriptseiten, zuzugreifen, aber beide sind lediglich mit wechselseitigen Links aneinander gebunden. Befindet man sich auf einer Textseite, muss man über den Metadaten-Link im Seitenbeginn in den Datensatz hinüberschalten, erst dort stehen die Angaben zu Datum, Autor, Quelle und allen weiteren Informationen.

Was der Software an dieser Stelle fehlt ist eine Präsentationssoftware, die die Informationen aus den Datenbankobjekten geordnet lesbar macht und die dabei in der Lage ist, die Transkripte sichtbar zu machen und auf Wunsch des Lesers zur Gänze einzuspielen.

Desiderat 2: Eine Vorbefüllung der Datenbank, die großflächig Personen zur Verfügung stellt, auf die nun nur noch verlinkt werden muss

Das wohl zeitintensivste Arbeitshemmnis des FactGrid im gegenwärtigen Zustand ist die immer noch zu geringe Anzahl der bereits vorhandenen Datenbankobjekte. Die Dichte bereits vorhandener Personen ist zwar im Projektfeld Illuminatenorden ausgesprochen hoch, doch fehlen im selben Moment kontinuierlich Personen, die hier nur am Rand auftauchen, eigentlich jedoch Schlüsselfiguren der deutschen Geschichte des 18. Jahrhunderts sind. Die Recherche dieser Personen in der GND und Wikidata war in der Regel kein Problem, die Personen mit den hier auffindbaren Daten im FactGrid als aussagekräftige Objekte anzulegen blieb jedoch mühselig und fehleranfällig. Das Problem scheint seit den ersten Editiervorgängen allen in der Datenbank vertraut – das Projekt, die gesamte GND zu importieren, trägt ihm Rechnung, doch bleibt die nützliche breite Datenlage im Moment ein Desiderat.

Desiderat 3: Eine Benutzeroberfläche, die zu guten Datenstrukturen Rat gibt

Wikibase ist konsequent Triple-basiert, theoretisch lassen sich ganz beliebige Aussagen zu ganz beliebigen Objekten formulieren. Tatsächlich lassen sich damit identische Sachverhalte jedoch nicht minder auch ganz unterschiedlich ausdrücken – etwa in sehr definierten Tripeln oder in allgemeineren Tripeln, bei denen man mit Qualifikatoren Kontexte näher bestimmt. Verschiedene Formulierungen von parallelen Aussagen finden sich in der Folge. Zu ihrer Vielzahl kam es offenbar vor allem, weil die Quellenlage mal die eine und mal die andere Variante einer Formulierung nahelegte und von hier aus dann als Muster auf weitere Bearbeiter wirkte.

Dadurch, dass es keine einheitlichen Standards bei der Erstellung von Statements gibt, kam es häufiger zu uneindeutigen oder inhaltlich identischen Aussagen oder Redundanzen, deren Erfassung eine gewisse Zeit im Arbeitsprozess beansprucht. Auch gibt es keine klaren Vorgaben, welche Informationen aus Texten in welcher Form in Triples verwandelt und an anderer Stelle rezipiert werden sollen. Diese freie Gestaltungsmöglichkeit kann gleichzeitig als Vor- und Nachteil betrachtet werden, da die Software der eigenen Arbeit und Weiterentwicklung schon bestehender Arbeit in ihrer sehr offenen Komplexität kaum Grenzen setzt, jedoch im Vergleich zu sehr standardisierter Arbeit deutlich voraussetzungsreicher ist und laufende Seitenblicke auf bestehende Objekte einfordert, um einen passenden Umgang zu finden. Man lernt hier eher eine Sprache möglicher Aussagen, die jederzeit erweitert und präzisiert werden kann, als dass Eingabeschablonen abgearbeitet werden. Das Desiderat könnte an dieser Stelle ein Sowohl-als-auch sein, eine Plattform, die für erste Objekterschließungen Eingabeschablonen gibt, die grundlegend konsistente Datenobjekte in den Basisdaten herstellen, während man bei weiterer Erforschung jederzeit dazu übergehen könnte, Aussagen nach eigenem Interesse und Nutzen bei der Materialdurchdringung frei zu formulieren.

Alle Dokumente, Transkripte und Ereignis-Datensätze dieses Projektes chronologisch sortiert

Datum Dokument Transkript Ereignis
1 1781-02-01 Johann Georg Wendelstadt, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Neuwied, 1781-02. Transkript
2 1781-02-20 Amand Philipp Ernst von Ebersberg, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Mainz, 1781-02-20 Transkript
3 1781-07-01 Christian Carl Kröber, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Neuwied, 1781-07 Transkript
4 1781-07-11 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Frankfurt am Main, 1781-07-11. Transkript
5 1781-09-10 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Frankfurt am Main, 1781-09-10. Transkript
6 1781-10-01 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Frankfurt am Main, 1781-10-01. Transkript
7 1781-12-31 Johann Ludwig Carl Graf von Cobenzl, Bericht für die Provinz Franken und Schwaben des Illuminatenordens, Eichstädt, 1781-12-31. Transkript
8 1782-01-01 Johann Leopold Bleibtreu, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Neuwied, 1782 Transkript
9 1782-02-01 Otto von Gemmingen, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Wien, 1782-02. Transkript
10 1782-02-02 Costanzo Marchese di Costanzo, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, München, 1782-02-02. Transkript
11 1782-07-05 Friedrich Joseph Roth von Schreckenstein, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Immendingen, 1782-07-05. Transkript
12 1782-08-01 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Frankfurt am Main, 1782-08. Transkript
13 1782-08-01 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Neuwied, 1782-08 Transkript
14 1782-08-07 Franz Dietrich Freiherr von Ditfurth, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Wetzlar 1782-08-07. Transkript
15 1782-08-10 Franz Dietrich Freiherr von Ditfurth, Anhang zu Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Wetzlar, 1782-08-10. Transkript
16 1782-09-26 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Heidelberg 1782-09-26. Transkript
17 1782-09-30 Christian Gottlob Neefe, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Frankfurt am Main, 1782-09-30 Transkript
18 1782-10-01 Johann Joachim Christoph Bode, Autobiographisches für den Illuminatenorden. Transkript
19 1782-11-24 Georg Ernst von Rüling, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Hannover, 1782-11-24. Transkript
20 1782-12-11 Johann Benjamin Koppe, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Göttingen, 1782-12-11. Transkript
21 1782-12-31 Christian Carl Kröber, Provinzialbericht Thessalien (Westfalen) für den Illuminatenorden, Neuwied, 1782-12-31. Transkript
22 1782-12-31 Johann Georg Wendelstadt, Inspektionsbericht für den Illuminatenorden, Neuwied, 1782-12-31. Transkript
23 1783-01-04 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Illuminaten-Inspektionsbericht für den Monat Abenmeh 1152 [November 1782], Neuwied, 1783-01-04. Transkript
24 1783-01-29 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Illuminaten-Inspektionsbericht für den Monat Adarmeh [Dezember 1782] , Neuwied, 1783-01-29. Transkript
25 1783-02-01 Adolph von Knigge, Ordensbefehl, 1783-02. Transkript
26 1783-02-05 Adolph von Knigge, Inspektionsbericht über die Provinz Ionien für den Monat Dimeh 1152 [Januar 1783], Heidelberg, 1783-02-05 Transkript
27 1783-03-07 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Illuminaten-Inspektionsbericht für den Monat Dimeh 1152 [Januar 1783], Neuwied, 1783-03-07. Transkript
28 1783-03-25 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Illuminaten-Inspektionsbericht für den Monat Benmeh [Februar 1783], Neuwied, 1783-03-25. Transkript
29 1783-04-18 Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla, Illuminaten-Inspektionsbericht für den Monat Asphandar [März 1783], Neuwied, 1783-04-18. Transkript
30 1783-06-15 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-06-15. Transkript Ereignis
31 1783-06-23 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-06-23. Transkript Ereignis
32 1783-06-26 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-06-26. Transkript Ereignis
33 1783-06-27 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-06-27. Transkript Ereignis
34 1783-07-03 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-07-03. Transkript Ereignis
35 1783-07-24 Christian Heinrich Wehmeyer, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Gotha, 1783-07-24 Transkript
36 1783-07-27 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-07-27. Transkript Ereignis
37 1783-07-30 Johann Peter Clemens Müller, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-07-30. Transkript Ereignis
38 1783-07-30 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-07-30. Transkript Ereignis
39 1783-08-01 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-08-01. Transkript Ereignis
40 1783-08-06 Christian Georg von Helmolt, Curriculum vitae, 1783-08-06 Transkript
41 1783-08-25 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-08-25. Transkript Ereignis
42 1783-08-28 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-08-28. Transkript Ereignis
43 1783-09-07 Friedrich Christian Rudorf, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Gotha, Magistratsversammlung, 1783-09-07 Transkript Ereignis
44 1783-09-25 August Gottlob Dörrien, Autobiographisches für den Illuminatenorden. Transkript
45 1783-09-30 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-09-30. Transkript Ereignis
46 1783-10-25 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-10-25. Transkript Ereignis
47 1783-11-10 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-11-10. Transkript Ereignis
48 1783-11-12 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-11-12. Transkript Ereignis
49 1783-11-17 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-11-17. Transkript Ereignis
50 1783-12-02 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1783-12-02. Transkript Ereignis
51 1783-12-06 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1783-12-06. Transkript Ereignis
52 1784-01-06 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-01-06. Transkript Ereignis
53 1784-01-07 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1784-01-07. Transkript Ereignis
54 1784-01-30 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-01-30. Transkript Ereignis
55 1784-02-02 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1784-02-02. Transkript Ereignis
56 1784-02-23 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-02-23. Transkript Ereignis
57 1784-03-23 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-03-23. Transkript Ereignis
58 1784-03-23 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1784-03-23. Transkript Ereignis
59 1784-04-03 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, Magistratsversammlung, 1784-04-03. Transkript Ereignis
60 1784-04-30 Friedrich Christian Rudorf, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Gotha, Magistratsversammlung, 1784-04-30 Transkript Ereignis
61 1784-05-07 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-05-07. Transkript Ereignis
62 1784-06-04 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-06-04. Transkript Ereignis
63 1784-06-25 Simon Friedrich Küstner, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-06-25. Transkript Ereignis
64 1784-08-13 Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1784-08-13. Transkript Ereignis
65 1784-10-01 Friedrich Christian Rudorf, Mein Leben und Charakter, Gotha, 1784-10 Transkript
66 1784-12-21 Friedrich Christian Rudorf, Bericht: Versammlung der Minervalkirche Gotha, 1784-12-21. Transkript Ereignis
67 1785-03-01 Bericht: Versammlung der Minervalkirche Frankfurt am Main, 1785-03-01. Transkript Ereignis
68 1785-03-17 J.J.C. Bode, Bericht Illuminatenversammlung, Weimar 1785-03-17. Transkript Ereignis
69 1785-11-01 Heinrich August Ottokar Reichard, Autobiographisches für den Illuminatenorden, Gotha, 1785-11 Transkript
70 1785-12-24 Schack Hermann Ewald, “Schilderung meines Charakters” und “Mein Lebenslauf” Informationen für den Illuminatenorden, Gotha, 1785-12-24 Transkript
71 1799-03-06 Susanna Maria Neefe, Neefes Lebensgeschichte von seiner hinterlassenen Wittwe fortgesetzt, 1799-03-06. Transkript

Die Illuminaten-Akten online: Die Obduktion der Schwedenkiste

Unser Wissen über den Illuminatenorden hat sich in den letzten 20 Jahren im kleinen Expertenkreis grundlegend verändert. Die Zäsur bilden die 1990er Jahre, mit denen nach dem Fall der Mauer die Schwedenkiste größtenteils zugänglich wurde. Der Bestand gehörte ursprünglich Gothas Freimaurerloge. Die NS-Behörden hatten ihn im Dritten Reich beschlagnahmt, die sowjetischen Besatzer nach dem Krieg nach Moskau verbracht und am Ende bis auf den zehnten der 20 Bände der DDR zurückerstattet. Mit deren Ende gelangte dieser Bestand von Merseburg in das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Wer ihn erforschen will, muss sich heute mit dem Besitzer, der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“, verständigen – das Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz macht diese Bände als Depositum zugänglich.

Vor dem Wiederauftauchen der Schwedenkiste in den 1990er Jahren basierte die Forschung im Wesentlichen auf den Materialien, die der Bayerische Staat Mitte der 1780er Jahre beschlagnahmt und publiziert hatte, sowie auf den Publikationen Adam Weishaupts und seiner ersten Mitstreiter, die auf die Entdeckung unmittelbar mit weiteren, nun verteidigenden Einblicken reagierten.

Das Bild, das man damit bis in die 1990er Jahre vom Illuminatenorden hatte, blieb auf den bayerischen Geheimbund fokussiert, den der bayerische Staat in Etappen nach 1784 verboten und verfolgt hatte. Die Dokumente, die Bayerns Regierung publizierte, zeigten eine Organisation, die höchste Kreise erfasst hatte, und die sich ansonsten als freimaurerisches Hochgradsystem verbreitete – die idealistischen und idealisierenden Gradtexte waren zentral. Klar war wohl, dass der Orden ausgriff, und dass Männer wie Goethe und Herder ihm außerhalb Bayerns angehörten, doch ließ sich in dieses Geflecht nicht sehr viel tiefer eindringen.

Die Phasen des Illuminatenordens 1778 bis 1788

Die Schwedenkiste ist im Wesentlichen der illuminatische und in Randaspekten freimaurerische Aktenbestand Johann Joachim Christoph Bodes und Ernsts II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Bode war 1783 vom jungen Freiherrn Knigge für den Orden gewonnen worden. Dieser hatte von Hessen aus seit Beginn der 1780er Jahre den Ausbau des Ordens maßgeblich vorangetrieben, indem er ihn konsequent zu einem freimaurerischen Reformprojekt, wenn nicht zu einer neuen Alternative jenseits der Freimaurerei umgestaltete. Knigge rekrutierte unter hochrangigen und unzufriedenen Freimaurern und schuf Loge um Loge, dort, wo er Mitglieder generierte, eine freimaurerische Binnenelite, die sich fortan unter dem neuen Dach der Illuminaten traf. Allein 500 der am Ende 1340 Illuminaten will er aufgenommen haben.

Bode war die prestigeträchtige und umstrittene Erwerbung, über die Knigge zu Fall kam. Mit Bode sollte die größte deutsche Vereinigung der „Hochgradmaurerei“, die „Strikte Observanz“, gekapert werden, und Bode sollte deutsche Fürsten in den Orden bringen. Weishaupt und seine ursprünglichen Mitstreiter waren weitgehend gegen die Aufnahme von Regenten wie gegen die Aufnahme höherer kirchlicher Würdenträger. Bode blieb im Orden, ebenso die drei Fürsten, die er im Eklat aufnahm, doch musste Knigge gehen und Bode ein Innehalten versprechen.

Im Spätsommer 1783 begann Bode die Arbeit am Aufbau der ihm zugewiesenen Provinz. Von Weimar, „Hieropolis“, aus würde er die Illuminaten in „Ionien“, Thüringen organisieren. Seinerseits sicherte sich Bode durch einen strategischen Schachzug im Orden ab, indem er Gothas Ernst II. 1785 in die Position des deutschen „Nationals“ brachte – ihm und nicht Weishaupt unterstand er damit.

Grob können wir damit heute mindestens drei Orden vorsichtig voneinander trennen: den bayerischen Orden, den Weishaupt und seine Mitstreiter ab 1778 aufbauten (1776 hatte man nur einen losen Studentenbund unter dem Namen Perfectibilisten gegründet) – seine Ära geht bis in die bayerischen Verbote und „Verfolgungen“ 1785/86. Ein maßgeblich von Knigge außerhalb Bayerns vorangetriebener Orden steht dem mit den frühen 1780er Jahren zur Seite – unter komplexen persönlichen Spannungen zwischen allen, die über sein weiteres Schicksal (vor allem über eine Demokratisierung der Ordensführung) diskutieren. Mit Bode entfaltet sich zwischen dem Frühjahr 1784 und dem Sommer 1787 Thüringen als neue führende Provinz mit einem Orden, in dem nun Regenten hinter den Kulissen Positionen einnehmen.

Über diese letzte bedeutende Provinz sind wir mit der „Schwedenkiste“ seit den 1990er Jahren eingehender informiert – keine nebensächliche Akzentverschiebung: Adam Weishaupt wurde 1786 von Gothas Regent in Schutz genommen. Eine Position als Gothaer Rat gestattete ihm das Unterkommen in Regensburg und dann ab 1787 und für den Rest seines Lebens in Gotha.

Die Schwedenkiste: Einblicke in ein bürokratisches Monster

Im puren Volumen stellt die Schwedenkiste den Aktenbestand, der in den 1780er Jahren in München verlässlich publiziert wurde (und der später verloren ging), vollendet in den Schatten. In 20 Foliobänden sind hier über 6354 Dokumente – fast 22.000 Dokumentenseiten – geordnet. Wir wissen nicht, was die originäre Ordnung dieses Bestandes war. 1794 gelangte er, nach dem Tod Bodes, von Weimar nach Gotha. Dort wurde er mit Akten Ernsts II. und der Gothaer Minervalkirche (das illuminatische Äquivalent zu den Logen) aufgestockt. Nach dem Tod Ernst II. ging dieser Bestand, wie testamentarisch 1804 verfügt, an das Archiv verbrüderter Freimaurer nach Stockholm. Aus Schweden kehrte er 1881 nach Gotha zurück – in der „Schwedenkiste“. Von da an dauerte es nochmal mehrere Jahrzehnte, bis man den Bestand ordnete: 1908 brachte ihn der Üllebener Pfarrer Carl Lerp in seine gegenwärtige Ordnung, indem er in einer durchaus rabiaten Aktion die Dokumente zum Teil sehr willkürlich sortierte und mit Leim auf Pappseiten klebte, die dann von einer Gothaer Buchbinderei zu den bis heute so gefügten 20 Bänden zusammengebunden wurden.

Lerps Eingriff von 1908 macht es heute schwer, die originalen Zusammenhänge besser zu erfassen; andererseits verdanken wir seiner Klebearbeit die Gewissheit, dass seitdem zumindest nichts mehr abhanden kam – nicht unter den nationalsozialistischen und nicht unter den sowjetischen Behörden. Lerp fixierte seine Dokumente, nummerierte sie konsequent durch und listete sie grob.

Jedem, der sich diesem Bestand nähert, ist eine massive Einarbeitung abverlangt. Alle Namen von Sendern, Empfängern und Beteiligten sind verschlüsselt, alle Ortsnamen, wenn Ordensdinge berührt sind. Die Datierungen erfolgen in einem pseudo-persischen Kalender, in dem die Illuminaten sich selbst laufend verheddern. (Das Jahr, exakt 600 Jahre zurück, darf nicht am 1. Januar schon eins hochgezählt werden, erst am 21. März – da werden laufend Daten der ersten drei Monate um ein Jahr verfehlt abgelegt).

Die Verschleierungen mit Ordensnamen, -orten und -kalender sind oberflächlich. Komplex ist im Orden organisiert, wie transparent – genauer semitransparent – die Kommunikationen stattfinden. Jedes Mitglied schreibt monatlich zumindest ein „Quibus Licet“, einen Bericht, den jeder „Unbekannte Obere“ im Orden lesen darf in den Orden hinein. Zwei Monate später erhält es in seiner Minervalkirche die Antwort eines gewissen „Basilius“ zurück, eine „Reproche“. Die zwei Monate Verzug müssen verschleiern, wie weit Basilus entfernt ist, und erfordern eine laufende künstliche Informationsbevorratung hinter den Kulissen.

Zu den Quibus Licet und Reprochen von und an die 81 Thüringer Mitglieder der Minervalkirchen in Syracus (Gotha), Lycopolis (Erfurt), Butus (Jena), Aquinum (Rudolstadt) und Piacentia (Buttstädt) kommen die Aufsätze, die die Mitglieder zu den lokalen Sitzungen schrieben, die Sitzungsprotokolle der Minervalkirchen und Magistrate, die an Bode gingen, und Bodes Berichte an Ernst II. Bode verfügte zudem über eine weit nach Deutschland ausgreifende Mitgliederdatei, heute der in Moskau liegende doch im Digitalisat bekannte zehnte Band; er korrespondierte wie Ernst II. auf höheren Ebenen; beide sammelte Debattenniederschläge aus der internen Reformdiskussion und Informationen aus Streitfällen.

All dies schafft heute ein äußerst dichtes Informationsgefecht – jenes Geflecht, aus dem der Orden seinerzeit seine Macht gegenüber den Betreuten bezog: Wer in ihn eintrat, war gezwungen, sich laufend zu allen Themen und höchst persönlich schriftlich zu äußern. Der Orden stand ihm dunkel gegenüber; doch betreuten ihn „Unbekannte Obere“ laufend mit dem Bekunden, an seiner intellektuellen Fortenwicklung teilhaben zu wollen – und sie waren bestens über jeden zu Betreuenden informiert.

Verschwörungstheoretiker vermuten in der Regel, dass Geheimorganisationen keine Spuren hinterlassen. Das Gegenteil ist der Fall: Eine geheime Organisation muss kommunikativ sein, wenn sie den Mitglieder glaubhaft versichern will, dass sie existiert. Sie sollte bürokratisch Daten sammeln – der Illuminatenorden tut das bis in die Charaktertabellen hinein, die jeder über sich zu Beginn einreichen muss – um sicherzustellen, dass sie die Mitglieder kennt, denen höhere Ebenen ja nur im Ausnahmefall auch einmal persönlich begegnen.

Die Schwedenkiste erschließen: Ein in mehrfacher Hinsicht komplexes Projekt

Die Schwedenkiste zu erschließen, ist ein Forschungsdesiderat, dem man sich ohne eine Datenbank nur höchst unbeholfen annähert.

Nahezu alle Dokumente sind handschriftlich fixiert. Jedes Dokument muss erschlossen werden: Wer schreibt hier tatsächlich, von wo, wann genau (wenn man die hunderte Datierungsfehler einkalkuliert)? Wer las? Die Absender wissen regelmäßig nicht, an wen sie genau schreiben. Wir wissen aber, dass der lokale Superior zumeist der Erstleser ist, dass Basilius der zentrale Leser ist – in der Provinz Ionien (Thüringen) ist das Aemilius (Bode), der aber eben nicht den Ordensnamen Aemilius je zusammen mit dem Funktionsnamen Basilius verwenden darf. Wir wissen, dass Bode Schriftstücke weitergibt – nach oben, aber auch an Mitarbeiter, die ihm eine Vorauswertung vorlegen oder gar seinen Posten bei Abwesenheiten übernehmen. Schreiber arbeiten für Bode, auf dass seine Handschrift ihn nicht verrät. Diese laufende Semitransparenz von Kommunikation lässt sich nur in einer Datenbank klarer erfassen.

Seiten aus dem 10. Band der Schwedenkiste. Deutlich sichtbar, wie hier Dokumente lagenweise (und darum oft schwer entzifferbar) eingeklebt sind.

Kaum ein Forschungsprojekt kann sich in den regulären drei Jahren Förderdauer in das Gewirr einarbeiten und einen Forschungsband aus dem Gewirr heraus vorlegen. Klug wäre es, Eingearbeitete würden eine Crowd-Erschließung betreuen. Mit ihr würde es vor allem darum gehen, die internen Bezüge dieser Akten wiederherzustellen, zu erfassen, was da auf was jeweils die Antwort ist – die Ordensbürokratie überliefert laufend intern bewahrte Vorschriebe, mit denen wir wissen, wie eingehende Briefe beantwortet wurden.

Was wir benötigen, ist eine Datenbank, die alle 21.723 Digitalisate verwaltet und die sich für deren beliebige interne Vernetzung offen erweist, eine Software, die daneben die kollektive Transkription von Bilddateien erlaubt. Die Wikisource-Software ist hier wie keine andere geeignet.

Zu den Voraussetzungen eines solchen Projektes gehört im selben Moment eine größere Übereinkunft unter großem wechselseitigen Vertrauen: Eine Kooperation zwischen

  1. der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“ als Eigentümerin des Materials,
  2. dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, das dieses Material zugänglich macht,
  3. einer Forscher-Gruppe, die die breitere Erschließung mit ausgewiesener Expertise verantwortungsvoll betreute, und
  4. einem Partner, der in der Lage ist, eine international agierende Community auf ein solches Projekt anzusetzen und die genutzte Software an Problemfällen wachsen zu lassen (Wikimedia Deutschland bietet sich hier an).

Über den Tellerrand gesehen

Spannend wird die Erschließung des illuminatischen Aktenbestandes in der Sekunde, in der die benutzte Ressource neue Recherche-Angebote macht. Bei der Durchleuchtung des Illuminatenordens wird man von Visualisierungen der Beziehungsgeflechte und Kommunikationsgefüge profitieren. Von wo nach wo flossen in diesem Orden die Informationen? Wie wurde unterschiedliche Transparenz des Informationsflusses eingesetzt? Welche Beziehungsnetze ergaben sich mit der Hierarchie? Welche Beziehungsnetze unterliefen die Hierarchieebenen? Wie weit wussten einzelne Mitglieder Seilschaften im Orden zu handhaben?

Statistische Auswertungen werden interessant sein: In welchen Schüben erweiterte sich der Orden geographisch? Wie veränderte sich im Verlauf die Mitgliederstruktur? Inwieweit hob der Orden Konfessionsschranken auf, inwieweit zeichnen sie sich in ihm ab? All dies sind Fragen, die die Arbeit mit einer Datenbank einfordern, und diese wiederum wird unmittelbar weitere Projekte in ihren Bann ziehen: Der Illuminatenorden infiltrierte die kontinentaleuropäische Freimaurerei. Sie wiederum ist nur die Spitze des Eisbergs in einem sehr komplexen Sozietätenwesen, das im Lauf des 18. Jahrhunderts die alten politischen und territorialen Strukturen neu vernetzte – unter Maßgabe neuer bürgerlicher Interessen mit einem erheblichen Bildungsanspruch, der am Ende ins 19. Jahrhundert weist.

Das Spannende am Illuminatenorden liegt im selben Moment laufend außerhalb dieses Bestandes: Ein enormes öffentliches Interesse gilt den Illuminaten: das Interesse von Verschwörungstheoretikern und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit, die nicht versteht, wovon diese Verschwörungstheoretiker hier träumen.

Der Orden erweist sich dabei als sehr modernes Konstrukt einer Informationen akkumulierenden Institution, jedoch auch als ein Konstrukt, das klar macht, wo die Verschwörungstheorien haken: Einen solchen Orden zu betreiben, ist hochgradig ineffizient; die Struktur, die dabei entsteht, kann sich selbst im Verlauf nicht mehr reformieren. Die Basis kennt nur lokale Strukturen und bleibt desorientiert zurück, wenn die höheren Ebenen das Projekt aufgeben.

Die heutigen Verschwörungstheorien sind in ihrer ersten Phase den Jahren zwischen 1786 und 1800, der Nachhall dieser Desorientierung.

Links etc.

  • The Gotha Illuminati Research Base. Link
  • Metadaten zu den knapp über 6000 Dokumenten der “Schwedenkiste”, des zentralen Aktenbestands im Nachlass des Illuminatenordens. Link
  • Renate Endler, „Zum Schicksal der Papiere von Johann Joachim Christoph Bode“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 27 (1990), S. 9–35.
  • Renate Endler, „Band X der Schwedenkiste aufgefunden“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 31 (1994), S. 189–97.
  • Olaf Simons/ Markus Meumann, „‚Mein Amt ist geheime gewissens Correspondenz‘. Bode als ‚Unbekannter Oberer‘ des Illuminatenordens“, in: Cord-Friedrich Berghahn/ Gerd Biegel/ Till Kinzel (eds.), Johann Joachim Christoph Bode. Studien zu Leben und Werk [= Germanisch-Romanische Monatsschrift, Beiheft 83] (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017), S. 435–504.