Die Absolventen des Gothaer Gymnasiums Illustre/ Ernestinum 1524 – 1882

Nach den Pfarrern des Gothaer Territoriums (und ihren Ehefrauen, beidseitigen Eltern, Kindern und deren Ehepartnern – insgesamt gut 15.000 Datenbankobjekten) legt Heino Richard hiermit einen zweiten, quer durch diese Gruppe reichenden Datensatz vor: Die Absolventen des Gymnasiums Illustre Gotha/ Ernestinum.

Primär erfasst sind dabei nach den Listen, die Max Scheider und im Nachtrag Ulrich Lutzkat vorlegten: 4215 Schüler von der Frühphase des am 21. Dezember 1524 gegründeten Gymnasiums bis in den Abschlussjahrgang des Septembers 1882. Von diesen waren uns 872 Schüler bereits bekannt, davon (die Zahlen werden sich ändern, wo immer wir mit den neuen Daten bislang unklare Identitäten auflösen können):

  • 7 aus der Gothaer Illuminatenforschung
  • 21 aus den Gothaer Adressbüchern der Jahre 1828, 1843 und 1846
  • 17 aus dem Gothaer Wählervereichnis von 1849
  • 810 aus dem erwähnten Projekt der Sachsen-Gothaischen Pfarrer

…wobei die Adressbücher uns nach wie vor vor das Problem stellen, dass wir aus ihnen Personen zwar mit Adress- und Berufsangaben aber weitgehend ohne Vornamen bezogen. Die Identifikation kommt hier nur zäh voran.

3343 Personen kamen neu hinzu und zogen dabei 279 neue Väter mit sich, macht unter dem Strich 3622 neue Personen (zwei besonders prominente Neuankömmlinge sind der Absolvent Christian Gryphius mit seinem Vater, dem noch berühmteren Dichter, Andreas).

Die Überlappungen waren ein attraktives Moment des Projektes. Mit jeder von ihnen stabilisierten sich Identifikationen und kamen Hintergrunddaten hinzu, oft zu bislang nur spärlich beleuchteten Personen.

Mit den folgenden beiden Datenbankabfragen werden alle uns bekannten Schüler aufgelistet (es sind derzeit zwei Handvoll mehr, dank einiger bekannter Schüler, die früher abgingen):

Geburtsdaten, Herkunftsorte, Familienbeziehungen, besuchte Universitäten, Berufe…

Wie schon im Fall des Pfarrerbuchs so sind die Daten der Schülerschaft des Gymnasiums Illustre/ Ernestinum, vor alle ein offenes Angebot an die Forschung. Alle erfassten Personen stattete Heino Richard mit Geburtsdaten aus – entweder aus den vorliegenden Quellen oder über eine Rückrechnung (die, wo wir sie vornahmen, durchweg im qualifizierenden Statement zur Genauigkeit der Angabe vermerkt ist; wir gingen dabei von einer 20-Jahres-Differenz als Regelfall aus, das legten die notierten Daten nahe).

Der Artikel der deutschen Wikipedia zum Gymnasium notiert:

Im 17. Jahrhundert wurde das Gymnasium durch Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg weiterhin gefördert. Er bot Söhnen verfolgter Lutheraner aus Ungarn, Schlesien, Polen, Russland und Skandinavien Asyl, die am hiesigen Gymnasium lernten. [abgerufen 2021-04-21]

Das lässt sich nun präzisieren. Skandinavien (sieht man von einigen Dänen ab) erscheint hier nicht, Schlesien und die ehemaligen deutschen Ostgebiete im heutigen Polen sowie, als Randlage, Ungarn jedoch schon (zudem im 19. Jahrhundert auch ein Schüler aus der Karibik). Näher hinein-gezoomt zeichnet sich dann aber das Sachsen-Gotha-Altenburgisch und Coburgischen Territorium ab. Allein 1462 der 4215 Absolventen kamen unmittelbar aus Gotha, die meisten waren „Landeskinder“, Söhne von Amtsleuten und Pfarrern der Dörfer des Territoriums.

https://tinyurl.com/yezpgqds

Ausgiebig sind Informationen zu Studiengängen, besuchten Universitäten sowie späteren Berufen notiert. Die folgenden Suchen geben die Daten.

Universitäre Fächerwahl, Bubble Chart

Zum großen Reiz von Wikibase-Instanzen gehört, dass man sie gewissermaßen über Ecken durchsuchen kann. Die Frage nach der sozialen Herkunft der Schüler lässt sich damit überraschend zielgerichtet angehen. Unmittelbar sind die Berufe, Bildungswege und Arbeitsverhältnisse der Väter ein Indikator für das jeweilige Elternhaus. Die Mütter sind in der Regel Hausfrauen. Ihr Stand entscheidet sich über den Beruf und die Ausbildung ihrer Väter. Die Fragen lassen sic präzise in die Vernetzung der Information hinein stellen:

  • Familiäre Hintergründe: Berufe der Väter und der Väter der Mütter, Kurzlink

Konsequent erfasst sind die genealogischen Hintergrundinformationen; sie ermöglichten die Suche über Eck. Langzeitvisualisierungen der familiären Netzwerke wären eine Herausforderung. Hier ist vor allem unklar, wie man Datenvisualisierungen im historischen Verlauf gestalten sollte – eine Herausforderung für SPARQL-Könner und Tool-Programmierer.

Einladung an die Bildungsgeschichte sich dieses Zettelkastens zu bedienen

Projekte der Bildungsgeschichte, auf der Suche nach einem ergiebigen Untersuchungsgegenstand sollten hier eine extrem praktische Vorarbeit entdecken. Gothas Gymnasium Illustre/ Ernestinum bietet eine noch weitgehend unerschlossene archivalische Überlieferung von 8,3 laufenden Regalmetern im Thüringischen Staatsarchiv Gotha mit extremer Datendichte – darin finden sich:

  • Dokumente zum Unterricht in den verschiedenen Fachgebieten von Griechisch bis Turnen ab der Frühphase
  • Schulordnungen ab 1641
  • Akten der Lehrer mit Gehaltsinformationen ab 1837 ff.
  • Zeugnislisten der Jahrgänge 1641 bis 1946
  • Informationen über „spezielle Verhältnisse der Schüler“ ab 1837
  • Akten zur Finanzierung des Gymnasiums ab 1772

(Hier das elektronische Findbuch zu diesen Beständen.) Spektakulär sind in diesem Bestand die Zeugnislisten mit ihren Beurteilungen der Leistungen im Wandel der Beurteilungskriterien und Fächer. Aus ihnen wird nebenbei ersichtlich, wie die Schule Unterricht organisierte. Man kann mit diesen Listen im Detail Schülerkarrieren – auch die der Schüler, die nicht bis zum Abschluss kamen und uns bislang fehlen – Schuljahr für Schuljahr nachvollziehen.

Zeugnisliste des Gymnasiums Illustre aus dem Thüringischen Staatsarchiv Gotha

Das FactGrid sollte in seinen Datenstrukturen so angenehm frei modellierbar sein, dass es Projekte, die diesen Aktenbestand angehen, anziehen sollte, mit dem Geschenk des fertigen Rasters, von dem aus sich beliebig viel tiefer in die archivalische Datenerhebung einsteigen lässt.


  • Basissuche: einfache Schülerliste: Familienname, Listen-Nummer, GND-ID, Kurzlink
  • Landkartenrepräsentation Geburtsorte der Gothaer Schüler, Kurzlink
  • Besuchte Ausbildungseinrichtungen, Kurzlink
  • Besuchte Ausbildungseinrichtungen, Balkendiagramm
  • Universitäre Fächerwahl, Kurzlink
  • Universitäre Fächerwahl, Bubble Chart
  • Karrieren, Kurzlink
  • Berufliche Positionen, Kurzlink
  • Familiäre Hintergründe: Berufe der Väter und der Väter der Mütter, Kurzlink

Der erste Band des Thüringer Pfarrerbuchs (1500–1920) als Wikibase-Datensatz

English Version

In einer gewaltigen Arbeitsleistung überführte Heino Richard von der Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e.V., Gothaer und Eisenacher Land, im letzten Jahr den ersten Band des Thüringischen Pfarrerbuchs, den Band für das ehemalige Herzogtum Gotha, in eine Version von über 13,300 Datenbankobjekten, die nun ganz neue Auswertungen erlaubt und die vielleicht damit interessante Kooperationen nahelegt. Dass das Datenbankangebot die weitere Arbeit an den Pfarrerbüchern erübrigen wird, steht nicht zu befürchten. Vielleicht aber wird sich das FactGrid den Bearbeitern der Bände als unerwartetes Hilfsmittel anbieten.

Die bisher erstellten acht Bände erfassen von der Reformation bis ins 20. Jahrhundert alle Pfarreien der ehemaligen Thüringer Territorien.

In einem ersten Part sind jeweils die Amtsinhaber nach Pfarreien chronologisch aufgelistet. Ihnen folgen im Hauptteil alphabetisch sortiert die eingehenden Biographien mit extensiven genealogischen Vernetzungen. Notiert werden jeweils die Eltern, die Ehefrauen mit Eltern und die Kinder, nochmals mit Hintergrundinformationen über Berufe, Ehepartner und deren Elternhäuser.

“Things, not Strings!” – Datenbankobjekte statt Namen in Buchstaben

Was in den acht Bänden nicht so schnell sichtbar wird, wurde in der Bearbeitung für das FactGrid zur harten Herausforderung: Wikibase will mit Datenbankobjekten, nicht mit schlichten Namen befüttert sein. Das Thüringer Pfarrerbuch liefert die Namen mit wechselnden Hintergründen (und immer wieder auch variierenden Schreibweisen), doch an keiner Stelle mit stabilen Identifikatoren; und so tauchen dieselben Person jederzeit für sich genommen und in verschiedensten Biogrammen als Väter, Söhne, Schwiegersöhne oder Schwiegerväter auf, ohne dass sogleich klar wird, wer da wer ist. Mit der Datenbankerfassung musste entschieden werden, wann jemand derselbe war – keine einfache Entscheidung, da Namen keine Eindeutigkeit schufen, familiär weitergegeben von Väter an Söhne wie zu Ehren näherer und fernerer Verwandter.

Das Datenvolumen lässt das Dickicht erahnen. Auf die 142 Pfarreien, die zwischen 1500 und 1920 im ehemaligen Territorium bestanden, kamen 1953 Personen als zeitweilige Amtsträger. Mit deren genealogischen Geflechten summiert sich der Personenbestand aktuell auf 13.344 Datensätze, die mit Eckdaten zu Geburt, Tod, Eheschluss und Kindergeburten, Amtszeiten und Berufen auszustatten waren.

Der gesamte Datenkomplex ist noch nicht vollständig konsolidiert. Ein Schlaglicht darauf werfen die Abfragen von Kindern und Eltern: Gut 200 Personendatensätze verfügen derzeit noch über mehr als einen Vater und eine Mutter – Doppelungen zu denen es kam, wenn wir versehentlich unter den Vätern oder Müttern Dubletten anlegten, Datensätze zur selben Person, da erst einmal nicht klar war, dass es sich um dieselbe Person handelte. In anderen Fällen haben Datensätze zwei Mütter oder Väter, da wir bislang verkannten, dass wir hier Biographien hätten trennen müssen – in sie flossen Eltern zweier gleichnamiger, nun zu trennender Personen ein.

Sowohl das Vereinen von Datensätzen wie das Auseinandernehmen sind Arbeiten, bei denen man schnell den Überblick verliert, da die Software nicht erfasst, wo ganze Äste gedoppelter oder zu trennende Information vorliegen und wie mit ihnen am besten zu verfahren ist.

Softwaredesiderate

Für die Eingabe genealogischer Daten wünschte man sich ein Modul, das versteht, was Verwandtschaftsbeziehungen ausmacht, und wie sie in der vorliegenden Datenbank notiert werden. Das Modul sollte Stammbäume generieren und noch im Eingabeprozess warnen, wenn sich familiäre Fingerabdrücke gleichen; es ist unwahrscheinlich, dass Kinder zweier Familien die Geburtstage oder Ehepartner miteinander teilen. Noch bei der Eingabe sollte die Software deckungsgleiche Strukturen aufscheinen lassen und aufzeigen, wie Äste von Information aufeinander zu legen sind.

Unbefriedigend ist bei alledem, dass wir in einer Software ohne stand-alone-Interface arbeiten. Magnus Mankes „Reasonator“ und Markus Krötzschs „SQID“ zeigten, was Wikidata und Wikibase bislang vor allem fehlt: die allein auf die Datennutzung ausgerichtete Oberfläche. Die weiterführende Technologie wird an selber Stelle viel mehr leisten müssen, als Daten aus einem jeweiligen Item besser geordnet wiederzugeben. Interessant werden konfigurierbare Oberflächen, die die Datenbank befragen, und die es erübrigen, Information in ihr gedoppelt abzulegen. Es ist prekär, im Datensatz zu einer Person, sagen wir, 800 Briefe und Publikationen der Person zu listen, wenn man bereits zu diesen 800 Objekten eigene Datensätze anlegte, die weitaus komplexer über Autoren, Beiträger, Adressaten, Verleger, Aufführungsorte, Aufbewahrungsorte, Werkausgaben, Digitalisierte, Transkripte, Übersetzungen und genannten Personen informieren. Im Moment legen wir Informationen doppelt und dreifach ab, allein um im Blick zu behalten, dass sie in der Datenbank vorliegen – mit allen Risiken dabei auseinander laufender Informationsstände.

In der misslichen Lage ist die hiermit vorgelegte Arbeit erst einmal fast nur für Datenfachleute klarer lesbar.

Erste Überblicke und Suchen

Die vielleicht praktischste erste Suche ist die aller protestantischen Pfarrämter des Herzogtums mit der Darstellung auf der Karte:

Jeder einzelne Punkt lässt sich anklicken und birgt den Zugriff auf die Datensätze der Pfarrämter und über diese auf die Amtsinhaber in ihrer jeweiligen Folge.

Die Tabellenversion erlaubt, es die Daten als JSON, TSV und CSV Datensätze herunterzulanden. “Table Separated Values” lassen sich in Datenblättern, ob Excel oder Google Sheets, weiterverarbeiten. Die Suche muss jeweils aktuell mit der blauen Pfeiltaste aktiviert werden:

Es empfiehlt sich, vor jeder weiteren Erkundung einen exemplarischen Personendatensatz zu studieren, um zu erfassen, welche Informationen von uns wie abgelegt wurden – es ist dies das Wissen, das bei jeder SPARQL-Abfrage zum Einsatz kommt:

Die folgende Anfrage generiert eine Tabelle aller Pfarrer mit deren Geburtsdaten, Sterbedaten und Eltern. Mit der Eingabehilfe (das i-Icon aktiviert sie) lassen sich beliebige weitere Tabellenspalten zu Kindern, Ehefrauen, Ämtern, Mitgliedschaften hinzusetzen:

Alle 13.484 Objekte, die den ersten Band des Pfarrerbuchs als Ressource nutzen, lassen jederzeit sich mit der Eingrenzung auf der Literaturangabe bündeln.

Inspiration

Der genealogische Schwerpunkt des Pfarrerbuchs eröffnet eine erste interessanteste Perspektive: Religion ist im protestantischen Raum, mehr als im katholischen, Familiensache. Die territoriale Organisation der religiösen Betreuung findet Pfarrfamilien als organisatorischen Partner. Mit der Datenbankerfassung sollten sich die die härteren Fragen stellen lassen:

  • Wie groß war der spezifische Einfluss von Familienpositionen: Vätern, Müttern, Großvätern, Onkeln?
  • Wie veränderte sich dieser Einfluss? Inwieweit schwand er im Prozess, in dem Bildung klarer eine Angelegenheit der Schulsysteme wurde, die Berufswege unabhängig vom Elternhaus zu ebnen suchen?
  • Inwiefern war die Einheirat in einen Pfarrhaushalt ein Vorteil – für die eigene Kariere, wie die der Kinder?
  • Waren räumlich nahe Vernetzungen gleich viel wert wie Beziehungen über räumliche Distanz hinweg?
  • In welchem Umfang öffnete sich die kirchliche Ämterbesetzung im Verlauf? Wo kamen die Pfarrer her, wie verlagerten sich Herkunftsschwerpunkte?

Projekt auf Partnersuche

Vor allem wird nun die Frage interessant, welche Benutzergruppen wir in Austausch miteinander bringen können.

(1) Ein immenser Gewinn wäre es, könnten wir Geschichtsinteressierte des Wikidata-Projektes und der Histropedia auf den für uns noch durchaus unhandlichen Datenschatz lenken. In beiden Bereichen halten sich die Nutzer auf, die die Technik erst einmal weit besser verstehen als die FactGrid-Community der derzeit etwas über 100 Historiker und Historikerinnen.

(2) Interessant wäre es, das nach wie vor am Thüringer Pfarrerbuchs arbeitende Team für das FactGrid zu gewinnen. Unsere Datenbank sollte sich vor allem als immenser Zettelkasten eignen, in dem sich Informationen ablegen und mit den jeweils aktuellen Quellenbelegen ausstatten lassen.

(3) Freuen würden wir uns, gelänge es uns, das Landeskirchenarchiv Eisenach näher an das Projekt zu binden. Seit gut zwei Jahren arbeiten wir mit dem Kirchenarchiv der Stadt Gotha zusammen, das seinen Aktenbestand im FactGrid verwaltet. Spannend wäre es, zu erfassen, welche Datenbestände aus allen 142 Pfarrämtern heute noch wo liegen. Es ist dies ein im Kirchenarchiv Eisenach soeben koordiniertes Projekt.

(4) Die breite Datenvernetzung wird die bis hierhin getane Arbeit mit Vielschichtigkeit ausstatten: Die von uns erfassten Personen schrieben Bücher und Briefe. Die Forschungsbibliothek Gotha wird von den Publikationen ihres Territoriums mehr als jede andere Institution aufbewahren. Wir sollten hier den wechselseitigen Informationsabgleich zu Wege bringen. Der Abgleich mit dem VD16, VD17 und VD18 und der Kalliope-Datenbestand würde es erlauben, die Datensammlung an die laufende Erschließung von Texten und Dokumenten anzuschließen. Zur genealogischen Vernetzung der Biogramme käme im selben Moment die Vernetzung der jeweiligen öffentlichen Interaktion und persönlichen Korrespondenz. Für die Forschung dürfte es attraktiv sein, mit den Datensätzen Zugriff auf die Digitalisate zu gewinnen, und zu den Personen Texte und Austausch unmittelbar verfügbar vorliegen zu haben.

Wir sind neugierig darauf, wie sich das vorgelegte Datenangebot entfalten wird, und laden dazu ein, Erkundungen der Datensätze noch hier im Blog mit uns zu teilen.

Der Gotha Zettelkasten – Wir vergeben Accounts

In den letzten Wochen gaben wir am Forschungszentrum Gotha mehrere – einander überlappende – Datensätze ins FactGrid ein. Unser Ziel ist es, die Grundlage für einen kollektiven großen Zettelkasten zu schaffen. Sein Gegenstand: das historische Gotha.

Gotha 1850, nach Abtragung der Stadtmauern

Der Gotha Zettelkasten soll

  • Informationen zu allen möglichen Objekten der Stadt erfassen: zu Häusern, Denkmälern, ja noch zu Bäumen
  • Informationen zu allen uns bekannt werdenden Personen bieten – ob berühmte Bürger oder Kinder, die noch kurz nach der Geburt unter der hohen Kindersterblichkeit der Frühen Neuzeit starben
  • Informationen zu Archivalien mit Datenbankobjekten verknüpfen – ob öffentlich verfügbaren Dokumenten oder privaten, die bei uns in Reproduktionen zugänglich gemacht werden können
  • Informationen zu Ereignissen anbieten, die hier als eigene Gegenstände des Interesses mit Wissen über die Orte, die beteiligten Personen und die vorliegenden Dokumente verknüpft werden

Was bieten wir im Moment?

Manches ist bereits ziemlich unüberschaubar. Das folgende Link bietet (blauen Knopf drücken) alle Personen, die in Gotha (zeitweilig) ortsansässig waren:

Vieles andere ist im Moment noch sehr gewöhnungsbedürftig: Die Datenbank kennt alle Adressen Gothas vor 1859. Viele von ihnen tauchen jetzt in der Suche auf der aktuellen Landkarte auf (wir wollen im Verlauf historische Landkarten verfügbar machen, auf denen man recherchieren kann). Mit dem folgenden Link kann man sich die gegenwärtig georeferenzierten Adressen auf der Landkarte anzeigen lassen:

 
…ist der Stadtplan auch noch unvollständig, weil die heutige Karte schlecht mit den alten Adressen zusammengeht, so bekommt man mit der tabellarischen Suche die gesamte Liste der Adressen vor 1859. Zu Beginn steht jeweils das Link in den Datensatz, unter dem man die früheren Namen der Adresse findet:

(um die Suchanfrage zu bearbeiten, Link links unten anklicken)

Für das Jahr 1848 können wir zudem alle männlichen, damals als Wahlmänner ausgeschriebenen, Erwachsenen nennen und den Häusern zuordnen. Wir wissen damit grob, welche Familien in welchen Häusern beieinander wohnten, wir kennen zudem die Berufe der Hausväter. Leider kennen wir damit noch lange nicht die Familien selbst: die Frauen und Kinder, die Eltern und Großeltern und mit diesen die Verwandtschaftsbeziehungen in der Stadt.

Hier vier Blicke in einzelne Häuser:

Dürftig ist zur Zeit unser Dokumentenvorrat – das Illuminatenprojekt (dessen Bestände in derselben Datenbank liegen) führt in die 1780er Jahre und berührt Gothas Stadtgeschichte und Bevölkerung nur hier und da.

Was wollen wir möglich machen?

Das FactGrid ist eine Wikibase-Datenbank. In gewisser Hinsicht kann sie alles, was Wikipedia kann: Man kann mit ihr beliebige Informationen auf Seiten zusammenstellen und die Informationen verlinken. Anders als in Wikipedia werden hier jedoch keine Artikel geschrieben, sondern Aussagen gesammelt: Wer war der Vater, wer die Mutter, wer die Ehefrau, wer die Kinder. Wann, wo geboren? Wann wo gestorben? Welchen Beruf? Welche Dokumente? Wann wo gewohnt? Wann wechselte dieses Haus den Besitzer? Wann wurde es abgerissen und neugebaut? Welche Namen trug es? Wo genau stand es auf der Landkarte?

Man kann ebenso gut Aussagen zu Dokumenten machen: In welcher Akte liegt das Dokument? Von wann ist es? Welche Personen sind genannt?

Anders als in Wikipedia wird es bei uns keine Debatte darüber geben, ob eine Person oder ein Dokument einen Wikipedia-Artikel „wert“ ist. Das Kind, das im Jahr 1784 zweijährig verstarb und von dem wir nur wissen, wer die Eltern waren, wie es hieß, wann es geboren wurde – ist mit all diesen Informationen einen Datenbankeintrag wert. Wir können im selben Moment sagen, wie viele Kinder Frauen im 18. Jahrhundert gebaren und wie viele davon nur überlebten. Uns interessieren Familienbilder, private Briefe, Tagebücher von Ur-Ur-Urgroßeltern, sollten sie noch irgendwo auf einem Dachboden liegen.

Wie kann man mitmachen?

Die Datenbank ist offen sichtbar – was drin ist, kann sich jeder Besucher im Internet zeigen lassen. Im Moment ist das noch etwas holprig, da uns eine bessere Benutzeroberfläche fehlt. Man kann bereits jetzt wie in Wikipedia suchen (über das Suchfeld oben rechts).

Link in die FactGrid Datenbank

 
Daneben gibt es für Suchende mit besseren Computerkenntnissen die SPARQL Suche und eine Seite mit ersten Muster-Suchanfragen – eine reguläre Suchmaske ersetzt das nicht; sie muss kommen.

Wer sich von uns einen Account eröffnen lässt, kann sofort sehr viel mehr tun: Mit dem Account lässt sich die Benutzersprache auf Deutsch umstellen und, eingeloggt, kann man nun Änderungen an den Datensätzen vornehmen oder neue Datenblätter zu Personen der eigenen Familie anlegen wie zu Dokumenten aus dem eigenen Familienarchiv. Freuen würden wir uns, wenn sich hier eine Community bilden würde, die beim großen Puzzlespiel zusammenarbeitet und die sich mit unterschiedlichen Fähigkeiten ergänzt: Wer kann deutsche Handschrift lesen? Wer kann aus der Datenbank mit kleinen Programmierkenntnissen sehr viel mehr herausholen? – denn manches wird hier erst einmal ungewohnt sein: Man möchte bei einer Person einfach hinschreiben, wer der Vater war, doch will die Datenbank erst einmal, dass dieser Vater seine eigenen Q-Nummer hat, mit der sie dann gerne alle Verbindungen herstellen will. Wir helfen bei allen technischen Hürden online weiter.

Um den Start einfacher zu machen, gaben wir für die Mitte des 19. Jahrhunderts alle gut 1300 damals notierten Häuser ein und verteilten auf diese die gut 2400 bekannte Familienväter aus der Wahlliste des Jahres 1848. An diese ersten Datensätzen kann man nun leichter Steine anfügen im großen Puzzlespiel der historischen Stadt-Daten.

Für wen ist das spannend und warum soll man hier mitmachen?

Spannend ist die Datenbank für jeden, der zu Gotha privat oder beruflich forscht. Spannend ist sie aber auch für jeden, der seine Familiengeschichte oder die Geschichte seines Hauses hier zurückverfolgen will. Spannend sollte die Datenbank für Schulprojekte werden, die sich mit der Geschichte der Stadt oder des Territoriums auseinandersetzen – wir geben gerne ganze Recherchethemen, bei denen man in Projektarbeit über Akten und Geschichte und Informatik schlauer wird.

Der “Gotha Zettelkasten” sollte im Verlauf eine Ressource werden, um kollektiv Wissen sammeln und gemeinsam zu sortieren. Er sollte im selben Moment Menschen einander näherbringen, die hier ihr persönliches Wissen zu Gotha und seinen Bewohnern zusammenbringen.

Kontakt:

Via Facebook: Öffentliche Facebook Gruppe “Der Gotha Zettelkasten”

Am Ort und per E-mail:

Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
— Dr. Olaf Simons
Schloss Friedenstein
99867 Gotha


Präsentation auf der Gothaer Stadtgeschichte Tagung 2022