Datensätze im Überblick
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Dass mit seinem 250jährigen Jubiläum zwei neue Mitgliederlisten aus dem Illuminatenorden auftauchen würden (genauer: eine Liste in zwei Versionen), war nicht abzusehen. Tatsächlich zirkulierten ausgewählte Scans bereits etwas früher. Grundlegend neue Erkenntnisse, so die Einschätzung Reinhard Markners, der die Scans früher sah als ich, schienen hier nicht zu erhoffen.
Ich ließ mich auf den eingehenderen Blick ein, schon allein, da ich lange mit dem Gedanken einer Online-Edition aller Illuminaten-Dokumente spielte – aber auch, weil FactGrid es einfach macht, Listen sehr präzise zu verorten.
Jakob Bader, der uns die Seiten zusandte, zeigte sich extrem aufgeschlossen, uns hochauflösende Scans zukommen zu lassen und sah keinen Grund, warum wir sie nicht unter der offenen CC0-Lizenz auf Wikimedia Commons hochladen sollten, was es nun sehr viel einfacher macht, im wissenschaftlichen Austausch über sie nachzudenken. Hier die Digitalisate:
- Vierseitige “Lista Illuminatorum” aus dem Besitz Sebastian Knorrs, Seiten 4+1/ Seiten 2+3
- Zweiseitige “Lista Illuminatorum” aus dem Besitz Sebastian Knorrs, Seite 1/ Seite 2
Die interessante Liste ist die vierseitige – eine planvoll und repräsentativ angelegte, unerwartet strukturierte.

München, 1784/85
Die beiden Listen sind offensichtlich authentisch, in München für die Orientierung im Gefüge der umliegenden Minervalkirchen verfasst. Man wird sie beide auf 1784/85 datieren können. Auf beiden ist der Name Sebastian Knorrs hervorgehoben; Jakob Bader erklärte nebenbei, über welchen familiären Umweg die Listen zu ihm gelangten.
Beide Listen stammen von verschiedenen Schreibern. Die zweiseitige Liste, ist offenbar eine im Fragment – bei Nummer 121 – endende Kopie der vierseitigen, die im Bogenformat beschrieben ist. Einmal gefaltet lässt sie sich von Seite 1 (vorne rechtsseitig) bis Seite 4 (im ausgebreiteten Zustand vorne links) durchblättern. Aufgeschlagen liegen auf der Innenseite die Seiten 2 und 3 einander gegenüber.
Die vierseitige Liste wurde über eine ganze Zeit hinweg benutzt, das zeigt sich vor allem am Ende, wo sieben Namen von anderer Hand nach und nach hinzugefügt wurden. In Bleistift notierte zudem jemand bei einigen der Überschriften die Klarnamen der Minervalkirchen. Eintrag 111, der Name Knorrs, ist in beiden Listen unterstrichen – mit blauem Buntstift, nachträglich, in der vierseitigen. In der zweiseitigen unterstrich der Schreiber den Namen dagegen noch beim Schreiben sofort mit Tinte.
Dass die zweite Liste eine Kopie ist, wird im Eintrag 17 zu Thomas Walpole besonders deutlich: Der Schreiber der vierseitigen Liste hatte noch halbwegs korrekt „Wallpolls“ notiert, sein großes W kam dabei wie überall in seiner Aufstellung einem großen K nahe. Der Schreiber der zweiseitigen Liste las hier, den echten Namen nicht kennend, in der Folge „Kallpolls“.
Für die Datierung auf 1784/85 sprechen inhaltliche Aspekte: In der vierseitigen Liste sind im Verlauf mehrere Mitglieder als im Dezember 1783 ausgetretene notiert; der Austritt ist da schon vollzogen, er ist nicht im Nachhinein notiert. Den terminus post quem bietet jedoch der Eintrag 100:
Xaver v. Pettenkofer Hofr. Orestes †
Der Eintrag ist in sich unstimmig: Franz Xaver von Pettenkofer (1754–1826) firmierte im Orden als „Pylades“; es war sein Bruder Joseph Carl von Pettenkofer (1754–1784) alias „Orestes“, der am 13 April 1784 starb. Offenbar konnte der Schreiber die Zwillings(?)brüder nicht auseinanderhalten.
Die am Ende hinzugesetzten sieben Namen stammen nicht von später noch eingetretenen Mitgliedern; es sind, soweit wir die respektiven Eintrittsdaten ermitteln können, Namen von Personen, die dem Anschein nach bei der ersten Aufstellung vergessen wurden.
Die Ordensverfolgung begann am 2. März 1785. Wann genau es für die Münchner Mitglieder ratsam wurde, sich selbst nicht mehr dem Orden zuzuordnen, ist nicht klar zu sagen; hier dürfte der terminus ante quem liegen. Die vierseitige Liste spricht immer noch vom Selbstbewusstsein der oberbayerischen Organisation und offenbar auch vom Stolz ihres Besitzers, sich in dieser Gesellschaft wiederzufinden.
Keine bloße Namensliste
Auch die vierseitige Liste mit ihren 248 Einträgen und sieben Nachträgen ist weit von einer Gesamtliste des Ordens entfernt. Es ist unwahrscheinlich, dass es eine solche je gab. Der Orden gliederte sich in Provinzen (mehrfach veränderter Aufteilung), deren Leiter einzelne Listen generierten. Von 2000 bis 2500 Mitgliedern soll Adam Weishaupt ausgegangen sein, so spätere Aussagen. Die neuen Listen erfassen die Situation von München aus mit punktueller Offenheit. So sind mit den Nummern 61 und 62 Göttinger Professoren München zugeordnet. Deren Namen Meiners und Feder waren dem Schreiber offenbar nicht geläufig. „Feiner“ und „Ayder“ notierte er dem Anschein nach von einer ihm vorliegenden unleserlichen Notiz (gefürchtet war aus Göttingen die Handschrift Benjamin Koppes).
Münchens Minervalkirche (das illuminatische Pendant zur regulären freimaurerischen Loge) erscheint unter zwei Rubriken zwischen den umliegenden. Die regionale Strukturierung wird dabei von einer funktionalen Sortierung überlagert. Im eröffnenden Logenzeichen ▭ finden sich in beiden Handschriften drei Punkte, offenbar für „die Mitglieder der Loge“. „▭ Soli“ wird man als „Loge allein“ lesen. Um dem einen Hintergrund zu geben, muss man verstehen, was der Orden machte: In Nachbarschaft einer bestehenden Freimaurerloge oder neben einer aus dem Orden heraus aufzubauenden, wurde eine Minervalkirche eingerichtet, deren Treffen privat und geheim stattfanden. In die Minervalkirche wurden Kandidaten aufgenommen, um an intellektuellen Debatten teilzunehmen, bevor sie nach drei internen Illuminatengraden von hier aus Freimaurer wurden, die nun in der Loge auftauchten – wo sie einige Logenmitglieder bereits aus der Minervalkirche wiedererkannten, zwischen anderen jedoch incognito als Illuminaten agierten. Die Minervalkirche wurde von hochrangigen Maurern geleitet, die im “Minervalmagistrat” eigene administrative Treffen abhielten. Hier das Schema, wie der Orden damit reguläre Logen wie ein Sandwich umschloss, sie von unten mit eigenen Mitgliedern versorgte, und über ihnen eine geheime Dachstruktur etablierte:
Die Liste Sebastian Knorrs ist, was München anbetrifft, primär an der Identifikation von Illuminaten interessiert, die in der Freimaurer-Loge auftauchten, aber nie in den Minervalkirchen. Ein höherer Kreis des Ordens wird damit greifbar und in zwei Gruppen nach Status in der Freimaurerei differenziert, so die letzte Rubrik, die noch einmal ausschließlich Logenmeister umfasst:
- Status Ecclesiae Aul[icae] Athen[arum] ▭ Soli
- Ordens Großmeisteramt
- Status Ecclesiae Ephes. [Ingolstadt]
- Status Eccles. Thebanae [Freysing]
- Status Ecclesiae Megarensis [Landsberg]
- Status Eccles. Atheniens. [München]
- Status Eccles. Neuphj [!] [Straubing]
- Status Ecclesiae Corinthiae [Regensburg]
- Status Ecclesiae in Menea. [Burghausen]
- Lista der Log. Meister so nur die Loge besuchen.
Das genannte „Großmeisteramt“ ist offenkundig nicht der „Areopag“, das Leitungsgremium des Ordens, auf das dessen höchste Ränge drangen, um Weishaupts drohendem „Despotismus“ etwas entgegenzustellen. Über das im Aufbau befindliche in manchen Illuminatenakten genannte „Geheime Kapitel“ ist im Moment nicht genügend bekannt, um einen Abgleich vornehmen zu können.
Forschungsrückblick
Wenn es heute vergleichsweise leicht ist, Listen wie die vorliegenden mit dem Forschungsstand abzugleichen, dann ist das vor allem Hermann Schüttlers bahnbrechender Arbeit zu verdanken. Seine Aufstellung Die Mitglieder des Illuminatenordens, 1776-1787/93 (Munich: ars una, 1991) reformierte die Forschung binnen eines Jahrzehnts. Bis zu ihr standen die „bayerischen Illuminaten“ im Zentrum: 1785/86 wurden sie von den Landesbehörden zur Staatsbedrohung erklärt. Weishaupt und der Staat publizierten wenig später im Ringen um die Deutungshoheit, und Provinziale wie Bode in Weimar notierten, dass erst das den Orden so richtig zugrunde richtete. W. Daniel Wilsons Geheimräte gegen Geheimbünde. Ein unbekanntes Kapitel der klassisch-romantischen Geschichte Weimars (Stuttgart, 1991) ergänzte das sich abzeichnende Bild im selben Jahr mit einem problematischen Blick in die Herzkammer der deutschen Klassik: Goethe war am 11. Februar 1783 Illuminat geworden. Das ist zwar korrekt, doch kam in Weimar keine Minervalkirche zustande. Bode wurde in Weimar aktiv, der Provinzial Ionies/Obersachsens, der von hier aus fünf Minervalkirchen in Gotha, Erfurt, Rudolstadt, Jena und Buttstädt betreute. Von einem Kampf der Geheimräte gegen den Orden wird man nicht sprechen können. Bode lud den Weimarer Herzog und seine ranghohen Regierunghsmitglieder ein, wohl um nicht im Geheimen agieren zu müssen. In Gotha war Ernst II. ranghöchstes Mitglied – seinen Bruder in Weimar außen vor zu lassen, wäre politisch unklug gewesen. Erst 1789 und mit den Ereignissen der Französischen Revolution begann eine Ära, in der Logen und die Illuminaten als ein geheimer Logen-Verband, heikel wurden – Der Orden existierte da bereits nicht mehr, das wissen wir, da wir mit der Schwedenkiste den Zusammenbruch des Ordens bei wachsender interner Ratlosigkeit nachvollziehen können.
Schüttlers Liste bot 1991 neuartig ausgewogen die weitesete Perspektive: Hier waren auf einen Schlag 1255 Mitglieder namentlich erfasst und Orten der Ordensgeographie von Altona bis Wien zugeordnet. Zu allen Personen lieferte Schüttler Quellen – neuartig: auch aus der „Schwedenkiste“, deren der DDR von der Sowjetunion restituierte Bände (der 10. Band mit den Mitgliederlisten blieb in Moskau) er als erster nach dem Fall der Mauer durchgesehen hatte. Schüttlers Buch ging auf seinen ersten 170 Seiten die 1255 Biogramme durch; weitere 92 Seiten Anhänge folgten, die die Gelisteten nun nach Ordensnamen aufschlüsselten und den Standorten der Organisation zuordneten.
Hatte Schüttler sich lange Zeit mit dem Gedanken einer revidierten Neuauflage der Publikation von 1991 getragen, so entschied er sich 2015, diesen Plan weit einfacher im „Illuminaten-Wiki“ des Forschungszentrum Gotha umzusetzen, aus dem 2018 die Wikibase-Installation FactGrid hervorging. Die Items Q25 bis Q1379 wurden in der Folge mit den Biogrammen seiner Liste bestückt. Julia Mös legte 2018/19 die Fließtext-Biogramme aus dem aufgelösten Wiki auf die Diskussionsseiten der Items (vergleiche das Datenbankobjekt und das Biogramm Schüttlers im Fall Johann Joachim Christoph Bodes). Aus der Fließtextinformation der Biogramme machte sie im nächsten Schritt strukturierte Information der Datenbank. Es ist dies die Vorarbeit, dank derer wir heute einer neuen Mitgliederliste relativ zügig bereits bekannte Personen zuordnen können.
Nicht einfach zu bewerten
Der erste Arbeitsschritt war unkritisch: Zwei Datenbankobjekte für die zwei Listen aufzumachen und zur ersten die Einträge wie die tentativen Identifikationen zu notieren: Q1895676 und Q1896166. Die Datenbank macht die Zuordnungen bequem: noch beim Eintippen unterbreitet sie laufend Vorschläge, wen man meinen könnte, und reagiert dabei auch auf die Ordensnamen. Eine andere Frage ist, ob man der Liste nach einem solchen Durchgang Quellenwert beimessen will. Es ist in diesem Fall ein Leichtes, die Aussagen zu extrahieren und nun personenseitig mit einem P91-Statement als Mitglieder auszuweisen. Das Dokument wird dabei zur laufende Quelle. Ich ging diesen Schritt am Ende, da ich die Liste zunehmend als aufschlussreiche Quelle einstufte. Hier die Liste in einer Datenbankabfrage:
Von der Liste lässt sich ein beliebiges Kurzlink (https://t1p.de/dnhdx) generieren, das sich danach im Kollegenkreis verbreiten lässt. Wir gehen im Austausch angenehm direkt miteinander um, und Reinhard Markner kommentierte umgehend kritisch. Er hatte die Liste schon vorher gesehen und nicht minder nüchtern eingeschätzt:
Ihren Quellenwert schätze ich aus den Gründen, die Du ja selbst nennst, nicht allzu hoch ein. Zu Vacchiery z. B. siehe hier.
Der Bezug gilt dem Brief, den Ferdinand Maria Baader am 27. Januar 1782 Weishaupt schickte mit Verdruss über einen der Männer, die in dieser Liste nun auftauchten – Carl Albert von Vacchiery (1746–1807) gehörte ins Feindeslager:
Die R× werden alle Tage grösser – vacchiery ist Hofrathsvicedirector geworden. Morawitzky hat alle Hoffnung Minister zu werden – zu seiner bekannten Unthätigkeit kömmt nun auch noch die Bibellesung – die er neulich wirklich aufgeschlagen hatte, als er Besuche bekam. Die R× in Berlin, wie mir Nicolai schreibt halten den Rosen×. in seiner Blösse 10 für ein Produkt von München.
Schüttler hatte Vacchiery und den genannten Morawitzky 1991 unter die Mitglieder gerechnet, Vacchiery 2015 entfernt, und jetzt rutschte der wieder in das Gefüge – Markner dazu weit grundsätzlicher:
…natürlich bin ich nicht dagegen, diese Liste auszuwerten, aber sie sagt leider wenig Belastbares über die Zustände (vor allem) in München aus, Vacchiery ist da nur ein Beispiel. In Hermanns gedrucktem Verzeichnis waren noch nahezu alle Mitglieder der Behutsamkeit aufgeführt, aber es spricht wenig dafür, sie für Illuminaten zu halten, wenngleich es ja Weishaupts Loge war. […] Das Problem mit der ‘Behutsamkeit’ ist, daß es von dieser Loge in München eine Liste gibt, in der die Mitglieder Tarnnamen tragen. Aber soweit ich mich erinnere, sind diese nirgends sonst bezeugt und insbesondere auch noch kein Indiz für Illuminatentum.
Die konstruktive Antwort auf den Einwand wird komplex sein: An den Listen vorbeizugehen ist, wie Markner selbst notiert, keine Option. Sie liegen vor und sie machen Aussagen, die einzustufen sind. Wir sollten alle Listen erfassen und zumindest auf Seiten der Listen notieren, wer da genannt ist, wie auch immer wir dazu stehen. Eine ganz andere Frage ist, wo genau mittlerweile das Projekt der monolithischen Liste angelangt ist, die Hermann Schüttler 1991 vorlegte – und das ist auch eine Frage nach dem „Illuminatentum“, das in Markners Replik sowohl einfach für Mitgliedschaft wie für eine kollektive Geisteshaltung stehen kann, die die Illuminaten miteinander teilten. Ein solches „Illuminatentum“ wird heute niemand mehr zu rekonstruieren versuchen.
Die vorliegende Liste ist offensichtlich das Werk eines Insiders, der mehr festhalten wollte, als den einfachen Mitgliedern in den Logen und Minervalkirchen sichtbar wurde. Auch er wird gewusst haben, dass man in der Loge zur Behutsamkeit eigene Code-Namen trug. Nehmen wir die Liste ernst, dann ist nicht die Frage, ob Vacchieri Mitglied war, sondern, was im Orden geschehen war, dass selbst ein Rosenkreuzer hier 1784/85 auftauchen konnte. Hatten Vacchieri sich bewegt? Die Alternative ist, dass der Orden Menschen wie ihn aufnahm, um sie im Gruppendruck, auf den sie sich einließen, zu bewegen.
Mit den Mitteln der Graph-Datenbank
Unter der Auswertung ließ ich die folgende (durch Anklicken vergrößerbare) Netzwerk-Visualisierung mitlaufen – ich halte sie hier als Bilddatei fest, da sich die Datenlage in rapidem Fluss befindet; wir haben gerade begonnen, die Listen jede für sich auszuwerten und kritisch zu vergleichen – das vorliegende Bild ändert sich (hier das Link für den jeweils aktuellen Stand https://t1p.de/tuckw):

Ich verfolgte die Veränderungen des Bilds unter der Eingabe, da die Visualisierung mir den Vergleich mit bisherigem Wissen bot. Die Aufstellung aus dem Besitz Sebastian Knorrs fügt sich in bestehende ein, das spricht für sie. Die höchste Schnittmenge weist sie dabei mit der Liste auf, die 1787 die Originalschriften für die Jahre 1777 bis 1779 abdruckten. Nahe liegt der neuen Liste daneben die handschriftliche Liste von Mitgliedern, die sich im Lyoner Exemplar des Nachtrags von weitern Originalschriften (1787) findet, und die von Google Books reproduziert wurde – eine Liste von ganz anderer Funktionalität freilich, gemacht primär, um Ordensnamen zu dechiffrieren. Andere Listen, und das ist das Spannende an der Visualisierung, weisen dagegen gar keine Schnittmengen auf, weil sie in anderen Provinzen ohne Informationsabgleich entstanden.
Was uns im Moment fehlt, ist eine Auswertung aller zeitgenössischen Listen, insbesondere derjenigen die 1908 im zehnten Band der Schwedenkiste zusammengezogen wurden. Vielleicht beschleunigt dieser Blogpost die Arbeit an diesen Listen – wir verfügen über die Digitalisate auch des Moskauer Bandes. Meines Erachtens sind dabei gerade die Listen faszinierend, die zum Projekt einer autoritativen Gesamtliste das Wenigste beitragen. Dies (Schwedenkiste Band 10, Dokument 212) ist eine solche Liste – lokalisierbar auf Gotha, identifizierbar die Handschrift des Kammerherrn Joachim Friedrich Ernst von der Lühe, datierbar auf den Januar 1783:
Bode hatte im Spätsommer 1782 vom Wilhelmsbader Konvent zurückreisend in Gotha haltgemacht, um Ernst II. Bericht zu erstatten – auch vom Geheimsystem, mit dem Knigge ihn in Hanau bekannt gemacht hatte. Am 29. Januar 1783 trat der Herzog diesem Orden bei; von der Lühe und der Hofgärtner Wehmeyer folgten anderntags, am 31. zog der Meister der Gothaer Loge von Helmolt nach. Diese Namen sind unter G. wie Gotha notiert. N.W. steht für Neuwied. Beide Ortsnennungen zeugen davon, dass von der Lühe noch nicht über den geographischen Namensschlüssel verfügte, in dem Claudiopolis und Syracus die angemessenen Bezugspunkte gewesen wären. Die Verbindung beider Orte lässt aufmerken: Der letzte für Neuwied genannte Name ist der Stolberg-Roßlas, ab 1784 deutscher National des Ordens. Ernst II. wird diese Position ab 1785 einnehmen. Bode (aus Weimar) und Knigge (aus Nentershausen) werden stillschweigend unter G. notiert, da sie in der neuen Filiale die unmittelbaren Ansprechpartner sind. Als Quelle für die autoritative Mitgliederliste ist das Papier wertlos – bei den Neuwieder Namen scheitert von der Lühe in der korrekten Zuordnung. Als Momentaufnahme aus der Orientierung suchenden kommenden Filiale ist das Dokument dagegen unmittelbar aufschlussreich.
Eine weitere Liste von der Lühes (SK10-213) schließt an: Sie enthält eine Sammlung von Namen der vorwiegend griechischen Antike, Ordensnamen auf Vorrat, samt einer Idee dazu, welchen Funktionsgruppen welche Namen zugewiesen werden könnten. Tatsächlich erhielten schon die ersten Gothaer Mitglieder ganz andere Ordensnamen – solche aus der gesamten Geistesgeschichte. Dass sich zu ihnen interessante erste Aufsätze der Mitglieder in Auseinandersetzungen mit ihren Namenspatronen verfassen ließen, dürfte für die breitere historische Aufstellung gesprochen haben.
Die uns vorliegenden Listen weisen, darum ging es mir mit den Seiteblicken, unterschiedlichste Gestaltungen auf. Manche von ihnen scheinen Planungen Rechnung zu tragen: Wie könnte man den Orden neu strukturieren? Andere dieser Listen, wie die dem Lyoner Exemplar des Nachtrags zu den Originalschriften 1787 beigebundene, scheinen für die persönliche Orientierung verfasst gewesen zu sein – wer ist wer in den Korrespondenzen? Wieder andere sind, wie die Listen Knorrs, stolze Überblicke über eine Provinz und ihre hohe Mitgliedschaft. Gemeinsam zeugen sie von der akuten Problemstelle, an der die Geheimorganisation ihr ganzes Jahrzehnt hindurch krankte: Nichts war in ihr als offenes Wissen greifbar. Der Orden erzeugte im ganzen Berichts- und Betreuungswesen, ohne das weder Mitglieder noch Führung sich seiner Existenz lange gewiss sein konnten, eine kaum zu beherrschende Bürokratie. Spätestens wer in die höheren Ränge und damit in das Berichtswesen eintrat, brauchte Listen unterschiedlichster Funktionalität, von Orts- und Geographielisten über Listen der Ordensnamen bis hin zu den Kalenderschlüsseln für die Datumschiffrierung – und diese bilden im Gegenzug den Orden in seinen Funktionalitäten ab.
Die verschiedenartigen überlieferten Listen – wir sollten sie in ihren spezifischen Eigenarten auszuwerten. Unhandlich bleibt für den Moment, dass unsere tentative Gesamtliste nun auf 1311 Mitglieder angewachsen ist. 32 neue Namen sind darunter, über die wir erst einmal nicht viel wissen. Für sachdienliche Hinweise sind wir besonders bei dieser Auswahlliste dankbar:
PS. Mein besonderer Dank an Reinhard Markner für einige Korrekturen im Email-Austausch, die ich ohne Zögern einarbeitete.


