2017-12-1/2: Erster FactGrid Workshop in Berlin: Ergebnisse

Das Treffen begann mit wechselseitigen Vorstellungen von Wikidata und dem Illuminatenprojekt (mehr zu Wikidata hier, mehr zum Projekt die Illuminatenakten online zu bringen: hier), eine Etherpad Seite dokumentiert, was an Links in der Runde durchgegangen wurde.

Hier die wichtigsten Überlegungen und Ergebnisse:

1| Das FactGrid muss vorbefüllt werden, insbesondere mit bibliographischer Information

In einer Demonstration korrigierten wir das Todesdatum zu August Bohse (Q760965). Die Korrektur selbst war einfach, die Quellenangabe jedoch umständlich und unbefriedigend: Das Bearbeitungsfeld akzeptiert entweder eine URL (hier hätte man das Google Books-Link angeben können) oder ein bereits bestehendes Wikidata Objekt mit seiner Q-Nummer. Das Datenbank-Objekt zu generieren, war mühselig. Das Ergebnis war zudem ohne viel weiteren Nutzen: Man wird das zitierte Buch so nicht in zukünftigen Buchrecherchen wiederfinden. Bibliothekskataloge nehmen Titel weit komplexer auf, ohne dass man Benutzern diese komplexen Eingaben indes zumuten will.

Das Fazit aus dieser Demonstration war: Wir benötigen im FactGrid eine Vorabfüllung, so dass Forschende hier bereits bestehende Objekte in Beziehung miteinander setzen. Das FactGrid sollte bereits eine breite Basis an

  1. Wikidata-Objekten
  2. GND-Objekten
  3. Bibliographischer Information (namentlich der Nationalkatalogen für die frühe Neuzeit: VD16-VD18, ESTC, STCN aufweisen

Man wird erstens nachdenken müssen, wie man für die historische Datenbank auswählt (das menschliche Genom, das in Wikidata vollständig sequenziert erfasst ist, ist uninteressant, auch will man eher unglückliche Informationsangebote aus der neuen Datenbank heraushalten – man benötigt jedoch etwa zu Personen Grunddaten, um sie eindeutig identifizieren zu können). Man wird zweitens nachdenken müssen, wie man bei der Zusammenführung von Wikidata und GND-Informationen mit Doubletten umgeht.

2| Benötigt: Schicke (spielerische) Werkzeuge zur Ausmerzung von Doubletten

Das Problem taucht beim Anlegen bruchstückhafter Datensätze wieder auf – etwa wenn man aus einem Besucherbuch Namen abschreibt, von denen man nur weiß, dass sie zu einem genannten Zeitpunkt am genannten Ort sich so auswiesen.

Die Lösung wird ein Tool sein, dass Wahrscheinlichkeiten misst. Wie wahrscheinlich ist es, dass zwei Personen selben Namens am selben Tag und in der selben Stadt geboren wurden – und dann etwa auch noch das Sterbedatum und den Sterbeort teilen. Vermutlich kann man bei einer Zusammenführung von Daten automatische von Doubletten riskieren, wenn man dabei die statistische Wahrscheinlichkeit der Identität greifbar macht.

Attraktiv wäre ein Tool, das erwägt, wer wer sein könnte: Bei wem liegt die tentative Information im Bereich der Lebensspanne? Wer ist dagegen auszuschließen, da er an diesem Tag ein Alibi hat? Man kann dann massenweise aus Kirchenbüchern Namen und Daten notieren, Objekte anlegen und später das System nach Vorschlägen der Identifikation befragen.

3| Forschungsprojekten in der Ressource Raum bieten, die eigene Arbeit zu präsentieren

Demonstrationen verschiedener Tools machten klar, dass es bereits wunderbare Anwendungen gibt, die den Rang ganzer wissenschaftlicher Projekte haben könnten. Daniel Mietchen zeigte die Genealogie seiner Doktorväter bis um 1500 zurück:

Screenshot from https://tools.wmflabs.org/scholia/author/Q20895785 / enlarge

Die Entwicklungsrichtung, für die wir uns nach den Demonstrationen entschieden, ist es, vorwiegend mit der Datenbank zu arbeiten und Projekten dabei die Chance selektiver Präsentationen zu geben. Wir werden dafür eine Art Tagging einführen, mit dem Projekte Dokumente und Personen oder (Zeit–)räume ihres Interesses ausmachen können, um dann spezifische Suchangebote innerhalb eines abgesteckten Geländes machen zu können.

4| SQID und Reasonator

Die Entscheidung das „Illuminatenwiki“ langfristig aufzulösen, fiel insbesondere im Blick auf den Reasonator und SQID: Hier die Vergleichsseiten zu Johann Sebastian Bach in den Wikidata-Präsentationen durch beide beide Tools.

Beide Tools lassen sich parallel anbieten und werden einen ähnlichen Entwicklungsbedarf aufwerfen. Beim Umgang mit Dokumenten hätten wir gerne die Scans, Transkripte und Übersetzungen auf denselben Seiten. Eine typische Seite zu einer Quelle ist aus der Gotha Illuminati Research Base diese zu Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-070.

Elegant wäre, es zweispaltig Digitalisate neben Transkriptionen setzen zu können (und die Software für das Editieren zu öffnen). Elegant wäre es, wenn Benutzer zudem hier Übersetzungen anfertigen könnten.

5| Der FactGrid Quellen-Nachweis

Ausgiebig diskutierten wir das Schema des FactGrid Quellennachweises, wie es sich hier als Diskussionsvorschlag findet: Faktenbelege, die “Original Research” zulassen.

Prinzipiell sollte dieses Schema es Forschern erlauben, Befunde erstmals im FactGrid zu präsentieren und dabei selbst Arbeitshypothesen als solche handhaben zu können. Das Ziel ist nicht die Ressource, die ausschließlich mit solider Information bestückt wird, sondern ein Forschungshilfsmittel, das man etwa mit Personenlisten aus Dokumenten befüllen kann, um später zu sehen, welche Aussagen sich dazu machen lassen.

5| CC0 oder CC BY 4.0

Die Lizenz für das Factgrid sollte bislang CC BY 4.0 sein – jeder darf Informationen beliebig verwenden, muss sie aber wie verlangt zitieren. Das ist die wissenschaftliche Praxis, und das Zitat kann in diesem Fall nicht einfach „FactGrid“ lauten, es muss die Forscher nennen, die im FactGrid auf den Befund verwiesen.

Gegen die CC BY 4.0 spricht, dass sie bei einer Föderation mit Wikidata und dortiger CCo Lizenz ein Lizenzgefälle erzeugt, auch dass sich bei vielen Tools am Ende nicht das erwünschte Zitat mitliefern lassen wird: Wo sollen bei einer Visualisierung die Angaben zu den Forschern erscheinen? Fordert man sie ein, verhindert man die Visualisierungen.

Die pragmatische Alternative könnte lauten, dass wir uns auf CC0 einlassen, aber

  • eine best practice Information geben: Dort, wo einzelne Informationen etwa zu einem Todesdatum von uns zitiert werden, stellt ein eigenes Zitierlink zusammen, wie wir das Datum wissenschaftlich zitieren würden. Das ist gerade für uns selbst attraktiv: Wir können dann von hier aus in eigenen Artikeln Fußnoten beziehen.
  • mit Wikidata eine Vereinbarung treffen, wie wir dort Informationen unserer Arbeit zitiert sehen wollen
  • auf eine technische Lösung hinarbeiten, die es Benutzern in Wikipedia leicht macht, ganze Fußnoten zu Informationen von uns zu beziehen – bislang werden Todesdaten etwa regulär ohne Quellenangaben gehandhabt.

6| Die Daten der Schwedenkiste-Excel-Liste in Triple verwandeln

Wir gingen diese Liste spaltenweise durch. Es sollte kein Problem sein, die Tripel zu den gelisteten Dokumenten zu formulieren. Etwas Anpassungsarbeit wird nötig, um etwa nicht mehr vorhandene Dokumente zudem einzeln führen zu können. Die Schwedenkiste enthält Seiten jeweils mehreren Entwürfen von Briefen, die selbst nicht mehr überliefert, aber von hier aus einzeln rekonstruierbar sind.

Matti Blume und Olaf Simons wollen sich am 11.12. in Berlin für das Datenmodell und die Anpassung der Excel-Liste treffen.

7| Zeitschnitte

Spannend wäre es, wenn man im FactGrid historische Situationen darstellbar machen könnte. Der Artikel zu Gotha wird in diesem Fall nach gewünschtem Zeitraum zusammengestellt mit Informationen, die Zeitraum-gerecht arrangiert werden. Gotha hat um 1800 etwa 12.000 Einwohner, es gehört nicht zur BRD sondern ist Residenzstadt im Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg und so fort.

Eine Website, die Zeitschnitte recherchierbar macht, wäre ein denkbares Objekt für einen coding Wettbewerb.

8| Barcamp Open Science, Coding Da Vinci, Hackathon

Vom Berliner Workshop ging die Anregung aus, einen nächsten Workshop im Frühjahr – vielleicht Anfang März zu veranstalten und dabei absolvierte Arbeitsschritte zu besprechen. Unser Ziel sollte es im selben Moment sein, von hier aus Projekte für coding-events zu formulieren:

9| Koordination

Kopfzerbrechen Nr. 3: Genealogien

Genealogien durchdringen alle Arbeitsgebiete. Wer Bibliothekskataloge durchsucht, erhält Verlagsangaben und bleibt im Dunkeln darüber, wie diese Angaben zusammenhängen.

Genealogien der Geschäftsführung

Dem Buchhandelshistoriker ist klar, dass er hier genealogisch denken muss: Die städtischen Behörden vergaben Lizenzen für den Druck, Verlag und/oder Verkauf von Büchern. Die Lizenzen wurden innerfamiliär weitergegeben vom Vater auf den Sohn oder, bei ausbleibenden Erben, auf die Witwe und die Kinder, bis jemand in das Geschäft einheiratete oder es von auswärts kommend erwarb.

Neue Lizenzen wurden selten eröffnet. Das Interesse des Hofes konnte hier innserstädtische Interessen an der Vermeidung von Konkurrenz außer Kraft setzen. Eine Geschäftsteilung konnte eine Differenzierung in verschiedene Lizenzen mit sich bringen – fortan bestand ein Unternehmen als reine Druckerei, und eines als reines Verlagsgeschäft mit Buchhandlung.

Dutzende von Namen über drei Jahrhunderte ordnen sich, sobald man die Genealogie der weitergegebenen Rechte erfasst, zu wenigen Strängen pro Stadt – das kann wie folgt für München oder Gotha aussehen:

Vergleichbare Darstellungen der Geschäftsbeziehungen sind bereits Teil des ungeborgenen Katalogwissens. Die Kataloge könnten theoretisch auf die Nahtstellen hinweisen, an denen vermutlich ein Wechsel stattfand, ein Name ausläuft, ein anderer anhebt. Letztlich erfordert die Rekonstruktion der Zusammenhänge jedoch eigenes Wissen über Familienbeziehungen und die Zusammenhänge der städtischen Gewerbeakten.

Auf der Ebene der Software benötigte man die passenden Darstellungsoptionen. Vor allem aber braucht man Schnittstellen, an denen Benutzer die Verbindungen herstellen und die Genealogie ordnen können.

Genetische Verhältnisse: Stemmata

Viel komplizierter liegen die Verhältnisse bei den genetischen Zusammenhängen zwischen Buchausgaben. Manche Kataloge scheitern hier schon im Ansatz wie der hinter Google Books. Man versuche etwa, die Nummern eines Journals aus dem 18. Jahrhundert, dessen Digitalisate irgendwie im System stecken, sich der Reihenfolge nach anzeigen zu lassen. Google hilft einem hier mit einem vagen Angebot weiter nach dem Motto „Leser, die dies lasen, könnten auch diese Links interessant finden“.

Doch auch ausgefeilte Kataloge wie der ESTC, das Verzeichnis aller englischen Titel der Jahre 1473 bis 1800, weisen hier rasch unüberschaubar werdende Gebiete auf – dann etwa, wenn minimale Varianten von einer Ausgabe, verschiedene Auflagen und zudem einzelne Teilbände auf ein Jahr fallen wie im Fall der Katalogangabe für Delarivier Manleys Atalantis:

ESTC Suche: “Atalantis”. Auch nach der chronologischen Sortierung bleibt unklar, hinter welchem Link der erste Text liegt.

Man wünschte sich hier nicht minder eine Option der genealogischen Strukturierung: Der erste Band erschien im Mai 1709; im Juli musste er nachgedruckt werden. Band zwei folgte im Oktober. 1710 brachte die Autorin ein Werk heraus, das erst einmal einen eigenen Titel trug: die Memoirs of Europe. Ein halbes Jahr später folgte davon Band zwei. Ab 1715/16 wurden diese Bände in Neuausgaben der Atalantis als deren Folgen III und IV notiert.

Dem Markterfolg wurden ab 1711 auch noch ganz andere Bücher untergeschoben: 1705 war erstmals eine Queen Zarah mit ähnlicher Skandalgeschichte erschienen. Deren zweite Ausgabe kommt 1711 „by way of appendix to the New Atalantis“ heraus. Ein weiterer älterer Titel macht denselben Sprung in den Komplex und vier neue wollen unverzüglich in ihn hinein. Siehe hier die geschlossenere genetische Darstellung: http://pierre-marteau.com/library/e-1709-0004.html.

Der ESTC ist im Kern ein Nationalkatalog. Das wird deutlicher, sobald man die weiteren Titel auf dem europäischen Markt nachweisen will – dem versagt sich der ESTC. In den Niederlanden erfolgte 1713 die Übersetzung der ersten zwei Bände ins Französische. Eine nachweisbare, kondensierte deutsche Fassung datiert vermutlich von 1714 und übersetzt nach der französischen Ausgabe.

Für die beschriebenen genetischen Beziehungen bräuchte man Stemmata, wie sie in der Handschriftenkunde verbreitet sind. Das Komplizierte ist hier, dass die Beziehungen zwischen Titeln immer über das ganze Schema hinweg verlaufen können. Ein Verlag mag bei einer Neuausgabe nach der letzten ihm greifbare Ausgabe setzen. Er könnte jedoch auch auf die Erstausgabe zurückgreifen, oder eine von der Autorin korrigierte spätere. Die moderne „kritische“ Ausgabe wird sich für eine Leitausgabe entscheiden, und Varianten (wenn vorhanden) mit dem Manuskript der Autorin und den ersten und letzten Ausgaben, die sie selbst beeinflusste, erfassen.

Stemma für die Manuskripte des ‘Pseudo-Apuleius Herbarius’ aus Ernst Howald and Henry E. Sigerist. Antonii Musa De herba vettonica (Leipzig 1927). https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Howald-sigerist.png

Wieder wäre einem mit einer Schnittstelle geholfen, die es erlaubte, verschiedene genetische Beziehungen zwischen Ausgaben herzustellen, die dann in einer Visualisierung zum Zuge kämen.

Entwicklungen

Natürlich hofft man auf die Software, die selbst rekonstruiert, wie sich die Dinge ordnen – darum geht es im Umgang mit „Big Data“. Das Spannende an der Wikidata-Software ist jedoch im selben Moment, dass der Benutzer mit ihr sein Wissen viel schneller und härter einbringen und damit die großen Schneisen der Diskussion gezielt und diskutierbar schlagen könnte.



oder:

..von hier: https://www.edwardtufte.com/bboard/q-and-a-fetch-msg?msg_id=0000yO

Siehe auch