Die Illuminaten-Akten online: Die Obduktion der Schwedenkiste

Unser Wissen über den Illuminatenorden hat sich in den letzten 20 Jahren im kleinen Expertenkreis grundlegend verändert. Die Zäsur bilden die 1990er Jahre, mit denen nach dem Fall der Mauer die Schwedenkiste größtenteils zugänglich wurde. Der Bestand gehörte ursprünglich Gothas Freimaurerloge. Die NS-Behörden hatten ihn im Dritten Reich beschlagnahmt, die sowjetischen Besatzer nach dem Krieg nach Moskau verbracht und am Ende bis auf den zehnten der 20 Bände der DDR zurückerstattet. Mit deren Ende gelangte dieser Bestand von Merseburg in das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Wer ihn erforschen will, muss sich heute mit dem Besitzer, der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“, verständigen – das Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz macht diese Bände als Depositum zugänglich.

Vor dem Wiederauftauchen der Schwedenkiste in den 1990er Jahren basierte die Forschung im Wesentlichen auf den Materialien, die der Bayerische Staat Mitte der 1780er Jahre beschlagnahmt und publiziert hatte, sowie auf den Publikationen Adam Weishaupts und seiner ersten Mitstreiter, die auf die Entdeckung unmittelbar mit weiteren, nun verteidigenden Einblicken reagierten.

Das Bild, das man damit bis in die 1990er Jahre vom Illuminatenorden hatte, blieb auf den bayerischen Geheimbund fokussiert, den der bayerische Staat in Etappen nach 1784 verboten und verfolgt hatte. Die Dokumente, die Bayerns Regierung publizierte, zeigten eine Organisation, die höchste Kreise erfasst hatte, und die sich ansonsten als freimaurerisches Hochgradsystem verbreitete – die idealistischen und idealisierenden Gradtexte waren zentral. Klar war wohl, dass der Orden ausgriff, und dass Männer wie Goethe und Herder ihm außerhalb Bayerns angehörten, doch ließ sich in dieses Geflecht nicht sehr viel tiefer eindringen.

Die Phasen des Illuminatenordens 1778 bis 1788

Die Schwedenkiste ist im Wesentlichen der illuminatische und in Randaspekten freimaurerische Aktenbestand Johann Joachim Christoph Bodes und Ernsts II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Bode war 1783 vom jungen Freiherrn Knigge für den Orden gewonnen worden. Dieser hatte von Hessen aus seit Beginn der 1780er Jahre den Ausbau des Ordens maßgeblich vorangetrieben, indem er ihn konsequent zu einem freimaurerischen Reformprojekt, wenn nicht zu einer neuen Alternative jenseits der Freimaurerei umgestaltete. Knigge rekrutierte unter hochrangigen und unzufriedenen Freimaurern und schuf Loge um Loge, dort, wo er Mitglieder generierte, eine freimaurerische Binnenelite, die sich fortan unter dem neuen Dach der Illuminaten traf. Allein 500 der am Ende 1340 Illuminaten will er aufgenommen haben.

Bode war die prestigeträchtige und umstrittene Erwerbung, über die Knigge zu Fall kam. Mit Bode sollte die größte deutsche Vereinigung der „Hochgradmaurerei“, die „Strikte Observanz“, gekapert werden, und Bode sollte deutsche Fürsten in den Orden bringen. Weishaupt und seine ursprünglichen Mitstreiter waren weitgehend gegen die Aufnahme von Regenten wie gegen die Aufnahme höherer kirchlicher Würdenträger. Bode blieb im Orden, ebenso die drei Fürsten, die er im Eklat aufnahm, doch musste Knigge gehen und Bode ein Innehalten versprechen.

Im Spätsommer 1783 begann Bode die Arbeit am Aufbau der ihm zugewiesenen Provinz. Von Weimar, „Hieropolis“, aus würde er die Illuminaten in „Ionien“, Thüringen organisieren. Seinerseits sicherte sich Bode durch einen strategischen Schachzug im Orden ab, indem er Gothas Ernst II. 1785 in die Position des deutschen „Nationals“ brachte – ihm und nicht Weishaupt unterstand er damit.

Grob können wir damit heute mindestens drei Orden vorsichtig voneinander trennen: den bayerischen Orden, den Weishaupt und seine Mitstreiter ab 1778 aufbauten (1776 hatte man nur einen losen Studentenbund unter dem Namen Perfectibilisten gegründet) – seine Ära geht bis in die bayerischen Verbote und „Verfolgungen“ 1785/86. Ein maßgeblich von Knigge außerhalb Bayerns vorangetriebener Orden steht dem mit den frühen 1780er Jahren zur Seite – unter komplexen persönlichen Spannungen zwischen allen, die über sein weiteres Schicksal (vor allem über eine Demokratisierung der Ordensführung) diskutieren. Mit Bode entfaltet sich zwischen dem Frühjahr 1784 und dem Sommer 1787 Thüringen als neue führende Provinz mit einem Orden, in dem nun Regenten hinter den Kulissen Positionen einnehmen.

Über diese letzte bedeutende Provinz sind wir mit der „Schwedenkiste“ seit den 1990er Jahren eingehender informiert – keine nebensächliche Akzentverschiebung: Adam Weishaupt wurde 1786 von Gothas Regent in Schutz genommen. Eine Position als Gothaer Rat gestattete ihm das Unterkommen in Regensburg und dann ab 1787 und für den Rest seines Lebens in Gotha.

Die Schwedenkiste: Einblicke in ein bürokratisches Monster

Im puren Volumen stellt die Schwedenkiste den Aktenbestand, der in den 1780er Jahren in München verlässlich publiziert wurde (und der später verloren ging), vollendet in den Schatten. In 20 Foliobänden sind hier über 6354 Dokumente – fast 22.000 Dokumentenseiten – geordnet. Wir wissen nicht, was die originäre Ordnung dieses Bestandes war. 1794 gelangte er, nach dem Tod Bodes, von Weimar nach Gotha. Dort wurde er mit Akten Ernsts II. und der Gothaer Minervalkirche (das illuminatische Äquivalent zu den Logen) aufgestockt. Nach dem Tod Ernst II. ging dieser Bestand, wie testamentarisch 1804 verfügt, an das Archiv verbrüderter Freimaurer nach Stockholm. Aus Schweden kehrte er 1881 nach Gotha zurück – in der „Schwedenkiste“. Von da an dauerte es nochmal mehrere Jahrzehnte, bis man den Bestand ordnete: 1908 brachte ihn der Üllebener Pfarrer Carl Lerp in seine gegenwärtige Ordnung, indem er in einer durchaus rabiaten Aktion die Dokumente zum Teil sehr willkürlich sortierte und mit Leim auf Pappseiten klebte, die dann von einer Gothaer Buchbinderei zu den bis heute so gefügten 20 Bänden zusammengebunden wurden.

Lerps Eingriff von 1908 macht es heute schwer, die originalen Zusammenhänge besser zu erfassen; andererseits verdanken wir seiner Klebearbeit die Gewissheit, dass seitdem zumindest nichts mehr abhanden kam – nicht unter den nationalsozialistischen und nicht unter den sowjetischen Behörden. Lerp fixierte seine Dokumente, nummerierte sie konsequent durch und listete sie grob.

Jedem, der sich diesem Bestand nähert, ist eine massive Einarbeitung abverlangt. Alle Namen von Sendern, Empfängern und Beteiligten sind verschlüsselt, alle Ortsnamen, wenn Ordensdinge berührt sind. Die Datierungen erfolgen in einem pseudo-persischen Kalender, in dem die Illuminaten sich selbst laufend verheddern. (Das Jahr, exakt 600 Jahre zurück, darf nicht am 1. Januar schon eins hochgezählt werden, erst am 21. März – da werden laufend Daten der ersten drei Monate um ein Jahr verfehlt abgelegt).

Die Verschleierungen mit Ordensnamen, -orten und -kalender sind oberflächlich. Komplex ist im Orden organisiert, wie transparent – genauer semitransparent – die Kommunikationen stattfinden. Jedes Mitglied schreibt monatlich zumindest ein „Quibus Licet“, einen Bericht, den jeder „Unbekannte Obere“ im Orden lesen darf in den Orden hinein. Zwei Monate später erhält es in seiner Minervalkirche die Antwort eines gewissen „Basilius“ zurück, eine „Reproche“. Die zwei Monate Verzug müssen verschleiern, wie weit Basilus entfernt ist, und erfordern eine laufende künstliche Informationsbevorratung hinter den Kulissen.

Zu den Quibus Licet und Reprochen von und an die 81 Thüringer Mitglieder der Minervalkirchen in Syracus (Gotha), Lycopolis (Erfurt), Butus (Jena), Aquinum (Rudolstadt) und Piacentia (Buttstädt) kommen die Aufsätze, die die Mitglieder zu den lokalen Sitzungen schrieben, die Sitzungsprotokolle der Minervalkirchen und Magistrate, die an Bode gingen, und Bodes Berichte an Ernst II. Bode verfügte zudem über eine weit nach Deutschland ausgreifende Mitgliederdatei, heute der in Moskau liegende doch im Digitalisat bekannte zehnte Band; er korrespondierte wie Ernst II. auf höheren Ebenen; beide sammelte Debattenniederschläge aus der internen Reformdiskussion und Informationen aus Streitfällen.

All dies schafft heute ein äußerst dichtes Informationsgefecht – jenes Geflecht, aus dem der Orden seinerzeit seine Macht gegenüber den Betreuten bezog: Wer in ihn eintrat, war gezwungen, sich laufend zu allen Themen und höchst persönlich schriftlich zu äußern. Der Orden stand ihm dunkel gegenüber; doch betreuten ihn „Unbekannte Obere“ laufend mit dem Bekunden, an seiner intellektuellen Fortenwicklung teilhaben zu wollen – und sie waren bestens über jeden zu Betreuenden informiert.

Verschwörungstheoretiker vermuten in der Regel, dass Geheimorganisationen keine Spuren hinterlassen. Das Gegenteil ist der Fall: Eine geheime Organisation muss kommunikativ sein, wenn sie den Mitglieder glaubhaft versichern will, dass sie existiert. Sie sollte bürokratisch Daten sammeln – der Illuminatenorden tut das bis in die Charaktertabellen hinein, die jeder über sich zu Beginn einreichen muss – um sicherzustellen, dass sie die Mitglieder kennt, denen höhere Ebenen ja nur im Ausnahmefall auch einmal persönlich begegnen.

Die Schwedenkiste erschließen: Ein in mehrfacher Hinsicht komplexes Projekt

Die Schwedenkiste zu erschließen, ist ein Forschungsdesiderat, dem man sich ohne eine Datenbank nur höchst unbeholfen annähert.

Nahezu alle Dokumente sind handschriftlich fixiert. Jedes Dokument muss erschlossen werden: Wer schreibt hier tatsächlich, von wo, wann genau (wenn man die hunderte Datierungsfehler einkalkuliert)? Wer las? Die Absender wissen regelmäßig nicht, an wen sie genau schreiben. Wir wissen aber, dass der lokale Superior zumeist der Erstleser ist, dass Basilius der zentrale Leser ist – in der Provinz Ionien (Thüringen) ist das Aemilius (Bode), der aber eben nicht den Ordensnamen Aemilius je zusammen mit dem Funktionsnamen Basilius verwenden darf. Wir wissen, dass Bode Schriftstücke weitergibt – nach oben, aber auch an Mitarbeiter, die ihm eine Vorauswertung vorlegen oder gar seinen Posten bei Abwesenheiten übernehmen. Schreiber arbeiten für Bode, auf dass seine Handschrift ihn nicht verrät. Diese laufende Semitransparenz von Kommunikation lässt sich nur in einer Datenbank klarer erfassen.

Seiten aus dem 10. Band der Schwedenkiste. Deutlich sichtbar, wie hier Dokumente lagenweise (und darum oft schwer entzifferbar) eingeklebt sind.

Kaum ein Forschungsprojekt kann sich in den regulären drei Jahren Förderdauer in das Gewirr einarbeiten und einen Forschungsband aus dem Gewirr heraus vorlegen. Klug wäre es, Eingearbeitete würden eine Crowd-Erschließung betreuen. Mit ihr würde es vor allem darum gehen, die internen Bezüge dieser Akten wiederherzustellen, zu erfassen, was da auf was jeweils die Antwort ist – die Ordensbürokratie überliefert laufend intern bewahrte Vorschriebe, mit denen wir wissen, wie eingehende Briefe beantwortet wurden.

Was wir benötigen, ist eine Datenbank, die alle 21.723 Digitalisate verwaltet und die sich für deren beliebige interne Vernetzung offen erweist, eine Software, die daneben die kollektive Transkription von Bilddateien erlaubt. Die Wikisource-Software ist hier wie keine andere geeignet.

Zu den Voraussetzungen eines solchen Projektes gehört im selben Moment eine größere Übereinkunft unter großem wechselseitigen Vertrauen: Eine Kooperation zwischen

  1. der Großloge „Zu den drei Weltkugeln“ als Eigentümerin des Materials,
  2. dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, das dieses Material zugänglich macht,
  3. einer Forscher-Gruppe, die die breitere Erschließung mit ausgewiesener Expertise verantwortungsvoll betreute, und
  4. einem Partner, der in der Lage ist, eine international agierende Community auf ein solches Projekt anzusetzen und die genutzte Software an Problemfällen wachsen zu lassen (Wikimedia Deutschland bietet sich hier an).

Über den Tellerrand gesehen

Spannend wird die Erschließung des illuminatischen Aktenbestandes in der Sekunde, in der die benutzte Ressource neue Recherche-Angebote macht. Bei der Durchleuchtung des Illuminatenordens wird man von Visualisierungen der Beziehungsgeflechte und Kommunikationsgefüge profitieren. Von wo nach wo flossen in diesem Orden die Informationen? Wie wurde unterschiedliche Transparenz des Informationsflusses eingesetzt? Welche Beziehungsnetze ergaben sich mit der Hierarchie? Welche Beziehungsnetze unterliefen die Hierarchieebenen? Wie weit wussten einzelne Mitglieder Seilschaften im Orden zu handhaben?

Statistische Auswertungen werden interessant sein: In welchen Schüben erweiterte sich der Orden geographisch? Wie veränderte sich im Verlauf die Mitgliederstruktur? Inwieweit hob der Orden Konfessionsschranken auf, inwieweit zeichnen sie sich in ihm ab? All dies sind Fragen, die die Arbeit mit einer Datenbank einfordern, und diese wiederum wird unmittelbar weitere Projekte in ihren Bann ziehen: Der Illuminatenorden infiltrierte die kontinentaleuropäische Freimaurerei. Sie wiederum ist nur die Spitze des Eisbergs in einem sehr komplexen Sozietätenwesen, das im Lauf des 18. Jahrhunderts die alten politischen und territorialen Strukturen neu vernetzte – unter Maßgabe neuer bürgerlicher Interessen mit einem erheblichen Bildungsanspruch, der am Ende ins 19. Jahrhundert weist.

Das Spannende am Illuminatenorden liegt im selben Moment laufend außerhalb dieses Bestandes: Ein enormes öffentliches Interesse gilt den Illuminaten: das Interesse von Verschwörungstheoretikern und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit, die nicht versteht, wovon diese Verschwörungstheoretiker hier träumen.

Der Orden erweist sich dabei als sehr modernes Konstrukt einer Informationen akkumulierenden Institution, jedoch auch als ein Konstrukt, das klar macht, wo die Verschwörungstheorien haken: Einen solchen Orden zu betreiben, ist hochgradig ineffizient; die Struktur, die dabei entsteht, kann sich selbst im Verlauf nicht mehr reformieren. Die Basis kennt nur lokale Strukturen und bleibt desorientiert zurück, wenn die höheren Ebenen das Projekt aufgeben.

Die heutigen Verschwörungstheorien sind in ihrer ersten Phase den Jahren zwischen 1786 und 1800, der Nachhall dieser Desorientierung.

Links etc.

  • The Gotha Illuminati Research Base. Link
  • Metadaten zu den knapp über 6000 Dokumenten der “Schwedenkiste”, des zentralen Aktenbestands im Nachlass des Illuminatenordens. Link
  • Renate Endler, „Zum Schicksal der Papiere von Johann Joachim Christoph Bode“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 27 (1990), S. 9–35.
  • Renate Endler, „Band X der Schwedenkiste aufgefunden“, in: Quatuor Coronati, Jahrbuch 31 (1994), S. 189–97.
  • Olaf Simons/ Markus Meumann, „‚Mein Amt ist geheime gewissens Correspondenz‘. Bode als ‚Unbekannter Oberer‘ des Illuminatenordens“, in: Cord-Friedrich Berghahn/ Gerd Biegel/ Till Kinzel (eds.), Johann Joachim Christoph Bode. Studien zu Leben und Werk [= Germanisch-Romanische Monatsschrift, Beiheft 83] (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2017), S. 435–504.

Ausgangsüberlegungen

1| Ausgangslage

Für die Arbeit an der Gotha Illuminati Research Base benutzten wir in den letzten Jahren mit Erfolg ein ganz konventionelles Wiki. Das war besonders beim Materialmix von Vorteil, den wir zu verwalten haben:

Das Wiki bewährte sich, da es ohne Vorplanung entlang unserer Befunde wachsen konnte. Unsere Forschungsarbeit griff dank der praktischen Ressource auf die breite Materialbasis aus.

2| Unser Projekt geriet an technische Grenzen —

Metadaten zu einer typischen Archivalie wie sie gleichlautend parallel in mehreren Tabellen verwaltet werden müssen. Link in die Seite
  • da die Anzahl von Listen in ihm wuchs, die letztlich auf dieselben Fakten zugreifen. Ändert sich ein einzelner Befund, muss sichergestellt werden, dass alle Listen die neue Datenlage zeigen.
  • da uns bei den Biographien besser mit automatisch generierten CVs gedient wäre – mit gerne auch langen tabellarischen Listungen etwa aller Wohnsitze, aller Ausbildungsetappen, aller Arbeitsverhältnisse, aller Korrespondenzen und so fort. Die biographischen Seiten des Wikidata Reasonators sind hier weitgehend mustergültig. (Man würde sich eine klarere Strukturierung wünschen und bei mehr Einträgen eine Option der vollen Anzeige auf Wunsch – siehe die eigenen Gedanken zu Biographien und Eingabeschablonen in diesem Blog.)
  • da wir mit der bisherigen Verwaltung einzelner Seiten nicht in die Lage kommen, Informationen automatisch zu generieren und etwa zu Netzwerk-Analysen und Bewegungsprofilen auf Landkarten zusammenzuführen.
  • da wir gerne andere Projekte in dieselbe Ressource hineinarbeiten lassen würden, was vor allem im Feld der reinen Datenlage interessant wird.
  • da das Interesse an unserer Arbeit vor allem im anglophonen Ausland liegt, den wir aber nur mit einem erheblichen Arbeitsaufwand ansprechen könnten. Hier beeindruckte erneut der Reasonator bei Vorführungen in seiner Fähigkeit, die Sprachen zu wechseln.
Die automatisch generierte Seite zu Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg aus dem Wikidata Reasonator
https://tools.wmflabs.org/reasonator/?&q=213698

3| Wie die Wikidata Software einsetzen?

Die Wikidata Software dürfte die perfekte Problemlösung sein, da sie sich in derselben Problemstellung unter einem sehr viel breiteren Interesse entwickelte und verspricht, in Entwicklung zu bleiben.

Es schien uns nach der ersten Sondierung im Januar 2016 nicht ratsam, Wissenschaftler direkt in den von Wikimedia betreuten Wikidata-Pool hineinarbeiten zu lassen. Die Forschungsressource wird als Ort von “original research” manches anders handhaben, und gerade dass sie manches anders handhabt, wäre für Wikidata als Nutznießer einer Kooperation von Vorteil. Die Lösung wäre hier eine eigene, die Wikidata-Software benutzende Ressource – im Folgenden das FactGrid – die mit Wikidata eine Datenpartnerschaft einginge.

Zentrale technische Fragen sind dabei von Seiten des wissenschaftlichen Projektes:

  • Sollen wir unser bisheriges Wiki in dieser Datenbank aufgehen lassen, indem wir dessen ganze Materialvielfalt (siehe oben Punkt 1) in die Verwaltung der Datenbank überführen, oder würden wir das FactGrid besser ähnlich wie die verschiedensprachigen Wikipedia-Projekte nutzen, die gemeinsam aus Wikimedia Commons etwa Mediendateien beziehen – nun um Fakten zu verwalten?
  • Wie würden verschiedene Projekte in dieselbe Ressource hineinarbeiten und im jeweils eigenen Forschungsinteresse von ihr profitieren?
  • Wie gestaltet sich die Befüllung mit Daten in größeren Mengen (etwa aus Excel-Tabellen wie dieser zu den Akten der “Schwedenkiste“)? Wie generiert man Eingabeschablonen, um Fragekataloge abzuarbeiten? (Dies sind etwa die Optionen einer Mitgliedschaft im Illuminatenorden). Wie stimmen sich Projekte bei der Nutzung der gemeinsame Ressource ab?
  • Wie beziehen unabhängig voneinander arbeitende Projekte Daten in komplexeren Anwendungen aus der gemeinsamen Ressource (etwa um Netzwerke oder Bewegungsprofile einzelner Personen zu erstellen)?
  • Wie lassen sich komplexere Authentifizierungen von Forschungsbefunden bewerkstelligen? Diese müssen Aktenquellen zulassen und als Forschungsbefunde zitierbar werden. Wir brauchen dabei zudem Bewertung von Befunden durch die Forscher, um etwa “hypothetische” Aussagen zur weiteren Verifikation aussetzen zu können.
  • Wie würde sich ein kontrollierter Datenfluss aus dem FactGrid zu Wikidata organisieren lassen? (Sicherzustellen ist hierbei, dass Daten wie bei uns authentifiziert und bewertet bleiben.)

4| Eine Wikimedia Kooperation: Organisatorische Aspekte

Ein konstantes Ärgernis von Projekten der Digital Humanities ist bislang die Produktion von Insellösungen. Eine Software wird auf das einzelne Projekt zugeschnitten. Dessen Befunde enden mit der zunehmend antiquierten Plattform außerhalb einer weiteren Benutzung.

Das Ziel sollte die Investition in Tools sein (z.B. zur Visualiserung von Netzwerken oder Bewegungsprofilen auf Landkarten), die danach mit der breit verwendeten Software verfügbar werden. Forschungsgelder sollten in die Fortentwicklung bestehender Lösungen fließen, in neue Features, wo bislang immer neue Projekte dasselbe Rad für ihre Software neu erfinden.

Für eine Kooperation zwischen Projekten der Digital Humanities und Wikimedia kann Gotha derzeit günstige Ausgangsbedingungen anbieten: Wir verfügen mit der Gotha Illuminati Research Base über ein Startprojekt immensen öffentlichen Sex-Appeals, und das nun nicht mehr nach einer Struktur suchen muss. Im Kern liegen die Datensätze vor, mit denen Folgeprojekte an eine Feinerschließung aller Illuminatenakten gehen können.

Gleichzeitig können wir auf die nächsten fünf Jahre eine koordinierte weit größere integrative Arbeit mit dem Projekt „Gotha um 1800: Natur-Wissenschaft-Geschichte“ anbieten. Dieses Projekt wird unterschiedliche Institutionen zusammenbringen und sehr unterschiedliche Materialien in neue Zusammenhänge setzen: Informationen zu Wissenschaften um 1800, ortsbezogene Informationen zu einem deutschen Fürstentum, Informationen zu zahllosen Artefakten, Informationen zu Büchern und Zeitschriften aus dem Untersuchungszeitraum 1750 bis 1850, Informationen zu Personen und Personengeflechten, öffentlichen und geheimen Gesellschaften, ortsansässigen und korrespondierenden.

Mehrere Projekte am Forschungszentrum meldeten ihr Interesse an einer gemeinsamen Datenbanklösung an, falls wir eine solche angingen. Wir sind hier in der Lage, langfristig eine Community aufzubauen, die das nötige Know How intern verwalten kann, das regulär mit einzelnen Projekten nach deren Förderung verloren geht.

Eine Kooperationsvereinbarung mit Wikimedia sollte:

  • den Rahmen einer Betreuung abstecken, die die Wissenschaftler vor allem in der Anlaufphase benötigen, bevor sie sich in der Lage sehen, Problemlösungen intern mit hinzukommenden Projekten zu teilen.
  • erfassen, wie Software-Entwicklungen angestoßen werden und gegebenfalls aus eigenen Mitteln der Forschungsprojekte finanziert werden können.
  • sicherstellen, dass Entwicklungen neuer Wikidata-Features als Tools in das Angebot der freien Software gelangen, so dass sie von dort aus die breitere Nutzung der Software in Wissenschaftskreisen interessant machen.
  • Ideen entwickeln, wie die Community, die Wikidata betreut, mit den Forschern, die das FactGrid-aufbauen, in einen für beide Seiten interessanten Austausch gelangen. Dabei wird es vor allem um den Datenfluss zu Wikidata und um praktische Erfahrungen bei der Benutzung der gemeinsamen Software gehen.

Entscheidend wird es sein, in den Vorüberlegungen die gemeinsamen Interessen zu erfassen. Die Wikidata Software ist eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre. Sie löst auf spannende Weise Probleme, die viele wissenschaftliche Projekte derzeit mit Datenbank-Softwareangeboten haben. Sie ist auf vielfältige Objekte zugeschnitten, kann große Datenvolumina verwalten, notiert Veränderungen und Bearbeitungen nachvollziehbar und ihre Ressource agiert erfolgreich in allen möglichen Sprachen der Welt – doch ist sie gleichzeitig derzeit hermetisch abgeschlossen.

Die wissenschaftliche Arbeit mit dieser Software verspricht einen Erfahrungsaustausch, von dem die Software profitieren kann. Das Wikidata-Projekt hat dabei langfristig das Potential, Limitationen des Wikipedia-Projektes negieren zu können, jene Limitationen, die Forschenden die Arbeit in Wikipedia schwer machen. Der Schritt in die wissenschaftliche Ressource wird indes auch von Software-Anpassungen abhängen, die gemeinsam mit Wissenschaftlern gefunden und ausgetestet werden müssen. Dies vor allem sollte es auf Wikimedia-Seite interessant machen, Pilotprojekte mit der in den letzten Jahren aufgebauten Software betreut arbeiten zu lassen.

Der Aufbau einer Ressource, die “original research” betreiben und autorisieren kann und der Datenfluss von der wissenschaftlichen Ressource zu Wikidata sollten das Interessenspektrum erweitern.

Links etc.

  • The Gotha Illuminati Research Base. Link
  • Hier im Blog: Die Schwedenkiste digital: die ausstehende Durchleuchtung des Illuminatenordens
  • Metadaten zu den knapp über 6000 Dokumenten der “Schwedenkiste”, des zentralen Aktenbestands im Nachlass des Illuminatenordens. Link
  • Bislang ungenützt: der FactGrid Prototyp mit der Wikidata Software. Noch weiß keiner unserer Wissenschaftler, wo er Daten einfüllen soll und wie er sie dann wieder zu Anwendungen herauszieht.