{"id":3764,"date":"2024-07-22T11:43:29","date_gmt":"2024-07-22T09:43:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.factgrid.de\/?p=3764"},"modified":"2024-07-22T11:43:29","modified_gmt":"2024-07-22T09:43:29","slug":"von-sozialisten-shoah-uberlebenden-und-dem-american-dream-das-potential-von-social-philately-fur-die-geschichtswissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/archives\/3764","title":{"rendered":"Von Sozialisten, Shoah-\u00dcberlebenden und dem American Dream. Das Potential von Social Philately f\u00fcr die Geschichtswissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Social Philately ist eine philatelistische Bewegung, die in den 1980er Jahren in Australien und Neuseeland entstand und Anfang der 2000er Jahre Europa erreichte. Diese Bewegung zielt darauf ab, traditionelle philatelistische Fragestellungen zur Analyse postalischer Belege mit einer breiteren kulturellen und sozialgeschichtlichen Kontextualisierung zu verbinden. Dabei werden nicht nur die reinen Postbelege untersucht, sondern auch die Absender und Empf\u00e4nger der Briefe, der Text der Briefe oder Postkarten sowie der historische Kontext, in dem diese entstanden sind, ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Philatelie ist dieser Blick \u00fcber den eigenen Tellerrand \u00e4u\u00dferst bereichernd. Aber auch umgekehrt bietet der Blick auf scheinbar einfache und oft irrelevant erscheinende Quellen wie Briefumschl\u00e4ge oder Postkarten ein enormes Potenzial f\u00fcr die Geschichtswissenschaft. Diese Quellen bieten einen leichten Zugang zu einer riesigen und unersch\u00f6pflichen Menge an Daten zur Alltagsgeschichte von Menschen aller Gesellschaftsschichten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im privaten Raum entstanden sind. Das Potenzial f\u00fcr Fragestellungen in diesem Bereich ist nahezu unbegrenzt. Es bieten sich Ans\u00e4tze f\u00fcr die post- und kommunikationsgeschichtliche Forschung, Forschung zu Propaganda und Werbung (bspw. zur Verwendung und Verbreitung von Werbeklischees oder Ganzsachen), biographische Fragestellungen oder Hinweise auf pers\u00f6nliche Netzwerke, die sonst \u00fcber keine andere Quelle greifbar w\u00e4ren, um nur einige M\u00f6glichkeiten zu nennen. Dadurch k\u00f6nnten Zug\u00e4nge und Methoden genutzt werden, wie sie auch f\u00fcr archivisch \u00fcberlieferte Korpora \u00fcblich sind, wie das folgende Beispiel des Korrespondenznetzwerks der Illuminaten in FactGrid zeigt, welches m\u00f6gliche Potenziale f\u00fcr Analysen er\u00f6ffnet:<\/p>\n<p><iframe style=\"width: 80vw; height: 50vh; border: none;\" src=\"https:\/\/database.factgrid.de\/query\/embed.html#%23defaultView%3AMap%7B%22hide%22%3A%5B%22%3Fline%22%5D%7D%0ASELECT%20%2a%20WHERE%20%7B%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP2%20wd%3AQ10671%20.%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP97%20wd%3AQ10677%20.%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP95%20%3Forigin%20.%0A%20%20%3Forigin%20wdt%3AP48%20%3FcoordO%20.%0A%20%20%3Forigin%20p%3AP48%2Fpsv%3AP48%20%3Fvaluenode1.%20%3Fvaluenode1%20wikibase%3AgeoLatitude%20%3Flat1%20.%20%3Fvaluenode1%20wikibase%3AgeoLongitude%20%3Flon1.%0A%20%20%3Fq%20p%3AP28%2Fpq%3AP29%20%3Fdest%20.%0A%20%20%3Fdest%20wdt%3AP48%20%3FcoordD%20.%0A%20%20%3Fdest%20p%3AP48%2Fpsv%3AP48%20%3Fvaluenode2.%20%3Fvaluenode2%20wikibase%3AgeoLatitude%20%3Flat2%20.%20%3Fvaluenode2%20wikibase%3AgeoLongitude%20%3Flon2.%0A%20%20BIND%28geof%3Adistance%28%3FcoordO%2C%20%3FcoordD%29%20AS%20%3Fdist%29.%0A%20%20BIND%28floor%28%3Fdist%2F100%29%20AS%20%3Flayer%29.%0A%20%20BIND%28CONCAT%28%27LINESTRING%20%28%27%2C%20STR%28%3Flon1%29%2C%20%27%20%27%2C%20STR%28%3Flat1%29%2C%20%27%2C%27%2C%20STR%28%3Flon2%29%2C%20%27%20%27%2C%20STR%28%3Flat2%29%2C%20%27%29%27%29%20AS%20%3Fstr%29%20.%0A%20%20BIND%28STRDT%28%3Fstr%2C%20geo%3AwktLiteral%29%20AS%20%3Fline%29%0A%7D\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups\"><\/iframe><br \/>\n<a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/query\/index.html?fbclid=IwAR29yqUCMsZsCD4caHaH475VCbMICGUUb8zdjrvQ_jDT87Nj5TQEycLDGqU&amp;fbclid=IwAR1dIHXj94VuVG3w0RAps1QbjwFDoZ2ELfXdK61X1gptkyuR7WUZkkRWHkQ#%23defaultView%3AMap%7B%22hide%22%3A%5B%22%3Fline%22%5D%7D%0ASELECT%20%2a%20WHERE%20%7B%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP2%20wd%3AQ10671%20.%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP97%20wd%3AQ10677%20.%0A%20%20%3Fq%20wdt%3AP95%20%3Forigin%20.%0A%20%20%3Forigin%20wdt%3AP48%20%3FcoordO%20.%0A%20%20%3Forigin%20p%3AP48%2Fpsv%3AP48%20%3Fvaluenode1.%20%3Fvaluenode1%20wikibase%3AgeoLatitude%20%3Flat1%20.%20%3Fvaluenode1%20wikibase%3AgeoLongitude%20%3Flon1.%0A%20%20%3Fq%20p%3AP28%2Fpq%3AP29%20%3Fdest%20.%0A%20%20%3Fdest%20wdt%3AP48%20%3FcoordD%20.%0A%20%20%3Fdest%20p%3AP48%2Fpsv%3AP48%20%3Fvaluenode2.%20%3Fvaluenode2%20wikibase%3AgeoLatitude%20%3Flat2%20.%20%3Fvaluenode2%20wikibase%3AgeoLongitude%20%3Flon2.%0A%20%20BIND%28geof%3Adistance%28%3FcoordO%2C%20%3FcoordD%29%20AS%20%3Fdist%29.%0A%20%20BIND%28floor%28%3Fdist%2F100%29%20AS%20%3Flayer%29.%0A%20%20BIND%28CONCAT%28%27LINESTRING%20%28%27%2C%20STR%28%3Flon1%29%2C%20%27%20%27%2C%20STR%28%3Flat1%29%2C%20%27%2C%27%2C%20STR%28%3Flon2%29%2C%20%27%20%27%2C%20STR%28%3Flat2%29%2C%20%27%29%27%29%20AS%20%3Fstr%29%20.%0A%20%20BIND%28STRDT%28%3Fstr%2C%20geo%3AwktLiteral%29%20AS%20%3Fline%29%0A%7D\">Korrespondenznetzwerk des Illuminatenordens: Wer schreibt wem, von wo nach wo.<\/a><\/p>\n<p>Neben der schieren Masse an zug\u00e4nglichen Quellen besteht das Problem oder Potenzial der fehlenden Systematisierung und Erschlie\u00dfung solcher Quellen. Die Suche nach bestimmten Briefen oder Themen ist nahezu unm\u00f6glich, und Wissenschaftler m\u00fcssen sich auf den Zufall einlassen, da man beispielsweise vor einem Flohmarktbesuch nie wissen kann, welche Art von Material man finden wird. Einzelne, zuf\u00e4llig entdeckte Dokumente m\u00f6gen ohne Kontext keine gro\u00dfe Relevanz besitzen. Wenn man jedoch diese Daten in gro\u00dfer Menge sammelt, kontextualisiert und miteinander verbindet, er\u00f6ffnen sich spannende M\u00f6glichkeiten zur Erforschung der oben genannten Fragestellungen. Plattformen wie FactGrid bieten f\u00fcr ein solches Unterfangen gro\u00dfes Vernetzungspotenzial. Die Offenheit der Datenbank erm\u00f6glicht es, einzelne Belege zu dokumentieren, mit vorhandenen Datens\u00e4tzen zu verbinden und so pers\u00f6nliche Netzwerke, Biographien etc. nach und nach zu rekonstruieren. Auf diese Weise k\u00f6nnen aus der zuf\u00e4lligen Erwerbung eines alten Briefes oder einer alten Postkarte wissenschaftlich nutzbare Daten gewonnen werden. Dies soll im Folgenden an zwei Beispielen veranschaulicht werden:<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958803\">erste Beleg<\/a> stammt aus dem Jahr 1950 und wurde per Luftpost von Montevideo nach Deutschland geschickt. Der Absender des Briefes, <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958791\">Ernesto Schoenthal<\/a> wurde 1907 in Marienhafe im Landkreis Aurich als Ernst Sch\u00f6nthal in eine j\u00fcdische Familie geboren. Er hatte zwei Schwestern und war in Deutschland als Kaufmann t\u00e4tig. Nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten 1933 war er das einzige Mitglied seiner Familie, das rechtzeitig das Land verlassen und 1936 nach Montevideo fliehen konnte. Seine Mutter Bertha Sch\u00f6nthal (geb. Steinberg) war bereits 1937 verstorben und sowohl sein Vater als auch beide Schwestern, die 1940 noch zusammen nach Rinteln gezogen waren, wurden im M\u00e4rz 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren. Ernst Schoenthal hingegen scheint es gelungen zu sein, in Uruguay erneut ein Handelsgesch\u00e4ft aufzubauen und ebenso eine Familie zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3768\" src=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58.jpeg\" alt=\"\" width=\"1758\" height=\"813\" srcset=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58.jpeg 1758w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58-300x139.jpeg 300w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58-1024x474.jpeg 1024w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58-768x355.jpeg 768w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.58-1536x710.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p>Nach dem Krieg ist er nie wieder dauerhaft nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt (er verstarb 1987 in Montevideo); scheint sich aber dennoch um das Schicksal seiner Familie und deren Wiedergutmachungsanspr\u00fcche gek\u00fcmmert zu haben. In diesem Kontext ist oben abgebildeter Brief aller Wahrscheinlichkeit nach auch zu erkl\u00e4ren. Adressat des Briefes war der Rechtsanwalt und Notar <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958800\">Gerhard Obuch<\/a>. Dieser war 1884 als Sohn eines Richters in Lauenburg\/Pommern geboren und hatte in Leipzig, Berlin und K\u00f6nigsberg Rechtswissenschaften studiert. Vor 1933 war er als Anwalt in D\u00fcsseldorf und Berlin t\u00e4tig, seit 1906 Mitglied der SPD, seit 1917 der USPD und seit 1922 der KPD. Er war im Vorstand der Roten Hilfe Deutschlands, vertrat bei Gerichtsprozessen Angeklagte aus dem Kontext des Spartakusaufstandes und war bis 1933 Abgeordneter im preu\u00dfischen Landtag f\u00fcr die KPD. Auch er wurde Opfer des NS-Regimes, wurde 1933 verhaftet und ins KZ Sonnenburg verbracht und arbeitete nach seiner Freilassung zun\u00e4chst nur noch im Stra\u00dfenbau und ab 1935 als Buchhalter. Nach 1945 war er nicht mehr politisch t\u00e4tig und dar\u00fcber hinaus gibt es keine gesicherten Informationen zu seinem Leben nach 1945 bis auf seinen Tod 1960 in Rauenthal.<\/p>\n<p>\u00dcber die Verbindung zwischen Schoenthal und Obuch k\u00f6nnen hier nur Vermutungen angestellt werden, da der genaue Inhalt des Briefes unbekannt ist. Nahe liegt, das Obuch nach dem Krieg wieder als Anwalt t\u00e4tig war und sich in der Region in der er lebte (wie der Brief zeigt, muss er 1950 von Norderney nach Norden verzogen sein; die Information hatte Schoenthal nicht und muss nachtr\u00e4glich im Prozess der Zustellung durch einen Postbeamten erg\u00e4nzt worden sein), f\u00fcr Wiedergutmachungsanspr\u00fcche von Opfern der NS-Herrschaft einsetzte und so zum Ansprechpartner f\u00fcr Schoenthal wurde, der sich um R\u00fcckerstattung von enteignetem Verm\u00f6gen seiner Schwestern und seines Vaters bem\u00fchte. Dadurch bietet dieser philatelistische Beleg einen Nachweis \u00fcber diese m\u00f6gliche Verbindung der beiden Personen und einen Ausgangspunkt f\u00fcr weitere m\u00f6gliche Recherchen, beispielsweise in evtl. noch vorhandenen Wiedergutmachungsakten, um oben beschriebene These m\u00f6glicherweise erh\u00e4rten oder widerlegen zu k\u00f6nnen. Dabei bildet dieser Brief einen interessanten Hinweis auf eine Verbindung zwischen unterschiedliche Opfergruppen des NS in ihrer hier m\u00f6glicherweise gemeinsamen Bem\u00fchung um Wiedergutmachung.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958880\">zweite Beleg<\/a>, seine Geschichte k\u00f6nnte nicht unterschiedlicher sein, \u00fcberquerte etwa 25 Jahre fr\u00fcher im Dezember 1925 den Atlantik von Indianapolis nach Esslingen am Neckar. Die Ganzsache wurde im Dezember 1925 von Chris Bernloehr in Indianapolis als R-Brief (Einschreiben) aufgegeben, durchquerte am 10. Dezember die Registry Division der Post in Indianapolis, erreichte zwei Tage sp\u00e4ter das Auslandspostamt in New York und ein dritter Stempel auf der Briefr\u00fcckseite best\u00e4tigt eine Zustellung mit der w\u00fcrttembergischen Bahnpost bereits am 23. Dezember 1925. Der Brief ben\u00f6tigte demzufolge etwa zwei Wochen von Indianapolis bis nach Esslingen in W\u00fcrttemberg:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3775\" src=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59.jpeg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1175\" srcset=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59.jpeg 2048w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-300x172.jpeg 300w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-1024x588.jpeg 1024w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-768x441.jpeg 768w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-1536x881.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3776\" src=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1419\" srcset=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2.jpeg 2048w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2-300x208.jpeg 300w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2-1024x710.jpeg 1024w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2-768x532.jpeg 768w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/WhatsApp-Image-2024-07-21-at-14.50.59-2-1536x1064.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p>Neben diesen direkt ablesbaren Informationen zu Briefart und Reiseweg stellt sich nun die Frage nach dem Kontext und der m\u00f6glichen Geschichte hinter diesem Brief. <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958870\">Christian Bernloehr<\/a> wurde am 6. Januar 1866 in Adelmannsfelden in W\u00fcrttemberg als eines mehrerer Kinder eines Tagel\u00f6hners geboren. Er besuchte in Deutschland keine Schule und vermutlich der Armut geschuldet wanderte die Familie bereits 1876 nach Amerika aus. Dies vermerkte der zust\u00e4ndige Pfarrer nachtr\u00e4glich selbst in Christian Bernloehrs Taufregistereintrag:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3780\" src=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/bernloehrtaufe.png\" alt=\"\" width=\"870\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/bernloehrtaufe.png 870w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/bernloehrtaufe-300x155.png 300w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/bernloehrtaufe-768x396.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p>Dort hei\u00dft es in der Spalte unter seinem Vornamen: &#8220;ist mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert&#8221;. \u00dcber Bernloehr selbst erf\u00e4hrt man aus Zensus-Unterlagen und einem Reisepassantrag, das er recht schnell die englische Sprache gelernt haben muss, seine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe wird mit 5 Fu\u00df und 7 Inches angegeben (etwa 1,70m), sowie das er schwarze Haare und braune Augen hatte. Die Volksz\u00e4hlungen ab 1900 belegen, das Bernloehr zeitlebens immer in Indianapolis verblieb und sich \u00fcber die Jahre nach seinem Schulbesuch vom einfachen Zeitungsjungen zu einem angesehenen Juwelier und Uhrmacher hochgearbeitet hatte. Ihm war es also in Amerika (seit 1901 amerikanischer Staatsb\u00fcrger) gelungen der Armut seiner Heimat zu entkommen. \u00dcber sein Leben in Indianapolis erf\u00e4hrt man dar\u00fcber hinaus mehr in zahlreichen anekdotischen Beitr\u00e4gen, die der Journalist <a href=\"https:\/\/database.factgrid.de\/wiki\/Item:Q958873\">Anton Scherrer<\/a> 1938 in einer Rubrik mit dem Titel &#8220;Our Town&#8221;, nur ein Jahr bevor Bernloehr im September 1939 starb, in der Indianapolis Times ver\u00f6ffentlichte. Aus dem letzten dieser Artikel, <a href=\"https:\/\/newspapers.library.in.gov\/?a=d&amp;d=IPT19390923.1.12&amp;srpos=13&amp;e=-------en-20--1--txt-txIN-Bernloehr------\">seiner Todesanzeige<\/a>, ist auch zu erfahren, dass Bernloehr trotz seiner Auswanderung zeitlebens seiner Heimat verbunden geblieben sein muss. So wird beispielsweise von seiner Mitgliedschaft in der Schwaben Society in Indianapolis, einem der seinerzeit weit verbreiteten Heimatvereine in den USA, berichtet. Auch der Brief, der den Ausgangspunkt dieser Betrachtungen darstellt, kann vermutlich in diesem Kontext interpretiert werden: Knapp 50 Jahre nach seiner Auswanderung schreibt er einen Brief an einen Kinderhilfsverein in Esslingen am Neckar in seiner alten Heimat. Dies geschah m\u00f6glicherweise in Erinnerung an seine eigene Kindheit in Armut und dem Bed\u00fcrfnis Kinder vor Ort, die sich in \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen befanden, zu unterst\u00fctzen. Aber auch bei diesem Beispiel kann der Inhalt des Briefes, der nicht \u00fcberliefert ist, nur durch oben beschriebene Indizien ansatzweise n\u00e4her rekonstruiert werden.<\/p>\n<p>Ein besonderer Fund f\u00fcr die Zusammenf\u00fchrung von Brief und archivalisch \u00fcberlieferten Quellen bildete jedoch der 1905 eingereichte <a href=\"https:\/\/www.ancestry.de\/discoveryui-content\/view\/1270027:1174\">Antrag auf einen Reisepass<\/a>, da Bernloehr f\u00fcr einige Zeit aus gesch\u00e4ftlichen Gr\u00fcnden nach Europa zu reisen plante. Die dort \u00fcberlieferte Unterschrift Bernloehrs (folgend abgebildet) ist mit der handschriftlichen Notiz des Absenders im dazu vorgefertigten Feld auf dem hier betrachteten Brief nahezu identisch obwohl etwa 20 Jahre zwischen ihnen liegen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3783\" src=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/passportapplbernl.png\" alt=\"\" width=\"828\" height=\"452\" srcset=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/passportapplbernl.png 828w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/passportapplbernl-300x164.png 300w, https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/passportapplbernl-768x419.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p>Somit kann, obwohl der genaue Inhalt des Briefes weiterhin unklar bleibt, zweifelsohne best\u00e4tigt werden, das Briefschreiber und Person der archivalischen \u00dcberlieferung identisch sind.<\/p>\n<p>Diese beiden Beispiele zeigen letztlich, wie gro\u00df das Potenzial ist, das in dieser Quellengattung (selbst wenn nur ein Briefumschlag erhalten und der Inhalt l\u00e4ngst verloren ist) und der Social Philately-Bewegung auch f\u00fcr die Geschichtswissenschaft, insbesondere f\u00fcr mikrohistorische Fragestellungen, steckt. Bisher (Stand 22.07.2024) gibt es in FactGrid einen Bestand von 3790 Dokumenten, denen der Werktyp &#8220;Brief&#8221; zugeordnet ist, dazu kommen weniger als 10 Postkarten. Der Gro\u00dfteil dieser Dokumente stammt aus archivalischen \u00dcberlieferungen und Projekten, wie dem oben genannten Beispiel zu den Korrespondenznetzwerken der Illuminaten. Mit der Erfassung auch &#8220;einfacher Alltagskorrespondenz&#8221; jenseits dessen, was von Archivaren f\u00fcr \u00fcberlieferungsw\u00fcrdig erkl\u00e4rt und gesammelt wird, k\u00f6nnte dieser Bereich ungemein wachsen, L\u00fccken schlie\u00dfen und neue Verbindungen schaffen, insbesondere mit Blick auf die zahlreichen mittlerweile existierenden Projekte, die ganze Stadtbev\u00f6lkerungen erfassen (beispielsweise Gotha, Leipzig oder Aschersleben).<\/p>\n<p>Dementsprechend ist dieser Beitrag ein Pl\u00e4doyer, die Alltagskorrespondenz des 19. und 20. Jahrhunderts, wie man sie zu Tausenden in philatelistischen Sammlungen \u00fcberliefert findet, nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Gleichzeitig sollten diese Daten gezielt gesammelt sowie zentral erfasst und dokumentiert werden. Dazu bietet FactGrid eine ideale Plattform.<\/p>\n<p>Ihr Potenzial liegt auch in der Zuf\u00e4lligkeit des Zugangs oder der Entdeckung entsprechenden Materials. Hier kann Gro\u00dfes gehoben werden und aus kleinen, zun\u00e4chst unbedeutend erscheinenden Bausteinen ein neuer und erg\u00e4nzender Blick auf die Geschichte im Gro\u00dfen gelingen. Dies k\u00f6nnte sich auf die kommunistische Bewegung der 1920er Jahre, die Biographien von Schoah-\u00dcberlebenden oder die transatlantische Migration im 19. Jahrhundert beziehen, um nur einige der oben beschriebenen Beispiele zusammenzufassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Social Philately ist eine philatelistische Bewegung, die in den 1980er Jahren in Australien und Neuseeland entstand und Anfang der 2000er Jahre Europa erreichte. Diese Bewegung zielt darauf ab, traditionelle philatelistische Fragestellungen zur Analyse postalischer Belege mit einer breiteren kulturellen und sozialgeschichtlichen Kontextualisierung zu verbinden. Dabei werden nicht nur die reinen Postbelege untersucht, sondern auch die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/archives\/3764\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;Von Sozialisten, Shoah-\u00dcberlebenden und dem American Dream. Das Potential von Social Philately f\u00fcr die Geschichtswissenschaft&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":3768,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,12,2],"tags":[95,329,375,378],"ppma_author":[470],"class_list":["post-3764","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-19th-century","category-20th-century","category-general","tag-david-loblich","tag-philatelie","tag-social-philately","tag-sozialgeschichte"],"authors":[{"term_id":470,"user_id":10,"is_guest":0,"slug":"david-loeblich","display_name":"David L\u00f6blich","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/f2d465f138b4245cc96d3f0da4af8dbe7b400c861220100a059884ed45313a60?s=96&d=mm&r=g","author_category":"","first_name":"David","last_name":"L\u00f6blich","user_url":"","job_title":"","description":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3764"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3764\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3764"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/factgrid-tools.geschichte.uni-halle.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=3764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}